Tesla Model X Lenkrad

Teslas Autopilot gehört zu den fortschrittlichsten Assistenzsystemen am Markt - doch die Verheißung vom autonomen Fahren hat ihre Schattenseiten. Bild: Tesla

Im Juli 2021 konnten Tesla-Fahrer in den USA plötzlich drei verschiedene Videospiele auf der Mittelkonsole spielen – während der Fahrt. Einzige Hürde: sie mussten das Dialogfeld „Ich bin ein Beifahrer“ anklicken. Empfohlen wurde das freilich nicht. Auch nicht von CEO Elon Musk, der auf Twitter gerne große Töne spuckt. Trotzdem rasieren und schminken sich US-Fahrzeuglenker hinterm Steuer – und das auch in Autos ohne Fahrerassistenzsysteme. Entsprechend hoch ist Zahl der Verkehrstoten wegen Ablenkung am Steuer: 2019, das letzte Jahr aus dem Zahlen verfügbar sind, waren es 3142.

Die Behörde für Straßen- und Fahrzeugsicherheit, die National Highway Traffic Safety Administration (NHTSA), wurde auf Teslas neue Gaming-Optionen im August aufmerksam. Die Lösung des Problems zog sich bis kurz vor Weihnachten hin, als Tesla ein Update ankündigte, das Spiele auf der Mittelkonsole auf den Parkmodus beschränken sollte.

Autopilot - ein System mit Wenn und Aber

Der Vorwurf, dass es Tesla zu reizvoll macht, die Hände vom Steuer zu nehmen, ist nicht neu. Sicherheitsexperten forderten vom E-Autobauer seit langem eine bessere Lenkerüberwachung, etwa über hybride Lösungen, die nicht nur Kameras einsetzten. Doch Musk wies sogar die Bedenken seiner eigenen Ingenieure zurück. Andere Hersteller sollten vorgehen wie sie wollten, Tesla würde die Überwachung beim Benutzen von Fahrerassistenzsystemen auf Kameras und Software beschränken.

Ebenfalls herrscht Verwirrung rund um den Funktionsumfang der Assistenten. So kann der in neuen Teslas standardmäßig verfügbare Autopilot zwar lenken, bremsen und beschleunigen, jedoch nur unterstützend und auf Autobahnen. Das zusätzliche Funktionspaket Full Self-Driving (FSD) kostet derzeit 12.000 Dollar, für die der Käufer einen deutlich „aktiveren“ Assistenten bekommt: Im Funktionsumfang enthalten sind unter anderem das vollautonome Einparken und das Halten an Stoppschildern. Der automatische Spurenwechsel und das Auf- und Abfahren von der Autobahn läuft erst im Beta-Betrieb, und fit für den Stadtverkehr ist FSD auch noch nicht.

Anfang März beantwortete Rohan Patel, Senior Director für Public Policy & Business Development bei Tesla einen Brief der Senatoren Richard Blumenthal und Edward Markey, die „erhebliche Bedenken“ rund um das Fahrerassistenzsystem geäußert hatten. Er weist darauf hin, dass sowohl Autopilot als auch FSD Level-2-Systeme seien – erst bei Level 5 könne man von vollautonomem Fahren sprechen. Beide Systeme würden „die ständige Überwachung und Aufmerksamkeit des Lenkers“ verlangen, so Patel. Musk formuliert da schon großzügiger. Bei einer Telefonkonferenz zum Q4-Ergebnis erklärte er Ende Januar: „Ich wäre schockiert, wenn es uns in diesem Jahr nicht gelingen würde, FSD sicherer zu machen als menschliche Fahrer.“

Tesla-Fahrer bemängeln Assistenten

Tom Kirkham, CEO von Iron Tech Security, ist Tesla-Fahrer und leistete sich das FSD-Upgrade. Die Option sei teuer, würde auf langen Autobahnfahrten aber den Stress reduzieren. Perfekt sei die Lösung noch nicht – man müsse jederzeit bereit sein, das Lenkrad zu übernehmen. „Manchmal, wenn das System verwirrt ist, klinkt sich die Software aus. Aber das kommt nicht oft vor und hat sich in den letzten Monaten dramatisch verbessert.“

Deutlicher in seiner Kritik ist Unternehmer Michael Puldy, der einen Tesla Model 3 Long Range mit serienmäßigem Autopiloten fährt: „Die Lenkfunktion grenzt mitunter ans Gruselige.“ Bei gerader Straße funktioniere alles toll, doch wehe, wenn es an Kurven oder Autobahnabzweigungen ginge. „Tesla könnte das besser hinbekommen“, so Puldy.

Sicherheitsexperten fordern längst schon mehr Forschung von Seiten des Verkehrsministeriums, zudem nationale Standards und bessere Informationen für Konsumenten. Dabei scheint es sogar den Behörden schwerzufallen, den Überblick zu behalten. Ein Dorn im Auge der NHTSA ist, dass Tesla Probleme aus der Welt schafft, ohne dabei einen offiziellen Rückruf anzukündigen. Was einst teure und nachverfolgbare Reparaturen in Werkstätten waren, sind heute schnelle Software-Updates.

Dies gibt Tesla gewissermaßen einen Freifahrtschein, neue Funktionen im offenen Straßenverkehr zu testen – zu Lasten der Sicherheit. Ein Beispiel ist die Einführung von Full Self-Driving: Obwohl erst als Beta-Version betrieben wurde das System auf 60.000 Benutzer ohne Spezialausbildung ausgedehnt.

Tesla betreibt Katz-und-Maus-Spiel

Doch der Wind gegenüber Tesla scheint in den USA rauer zu werden. Zuletzt gab es etwas häufiger Druck von Seiten der Behörden. So untersucht die NHTSA das plötzliche Bremsen in den Modellen 3 und Y der Jahrgänge 2021 und 2022. Die Fahrzeuge würden vermeintliche Hindernisse auf der Autobahn ausmachen und ohne weitere Warnung bremsen.

Davor musste Tesla erst im Januar eine Funktion zurücknehmen, durch die Modelle mit FSD-Upgrade und dem Fahrprofil „Assertive“ (dt. energisch) bei Stoppschildern nicht zum vollständigen Stillstand kamen. Der „Rolling Stop“ wurde nur ausgelöst, wenn alle vier Seiten der Kreuzung ein Stoppschild aufwiesen und das Fahrzeug sehr langsam unterwegs war. Dem Gesetzgeber gefiel dies ebenso wenig wie ein fehlendes akustisches Signal bei der Gurterinnerung, von dem über 800.000 Fahrzeuge betroffen waren. Beiden Problemen wurde ein Pflaster mittels Software-Update verpasst.

Geht es nach den Blumenthal und Markey, beide Mitglieder des US-Senatsausschusses für Handel, Wissenschaft und Verkehrswesen, dann soll der nonchalante Zugang zum Thema Sicherheit bald ein Ende haben: „Es ist längst überfällig, dass Tesla die Botschaft versteht: haltet euch ans Gesetz und priorisiert Sicherheit“, so die Senatoren in einem Statement. Über mögliche Konsequenzen bei Nicht-Einhalten ist allerdings nichts bekannt. Wenig geändert hat sich an Musks mitunter anmaßendem Tonfall. Zuletzt forderte er auf Twitter den russischen Präsidenten Wladimir Putin zum Einzelkampf auf.

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