Programmierer vor Bildschirmen

Unter anderem beim Thema Softwareentwicklung lassen sich noch einige Einsparpotenziale heben.

Aus Sicht von Mehmet Kürümlüoğlu, Abteilungsleiter Advanced Systems Engineering und Leiter PDM/PLM-Beratungszentrum am Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) können gerade im Engineering einige Kosten reduziert werden: „Der durchgängige Datenaustausch und das Zusammenspiel zwischen den Bereichen Mechanik, Elektronik oder Software funktioniert immer noch nicht reibungslos, jeder hat seine Insel: Das ist ein wichtiges Thema für Einsparungen, denn derzeit ist man trotz Nutzung von M-CAD-, E-CAD-, CAE-, PLM- und ERP-Systemen beispielsweise von redundanzfreier Datenhaltung noch weit entfernt“. So fehlten oft noch Schnittstellen zu und Standards für den Datenaustausch zwischen den domainspezifischen Systemen, in den Bereichen werden ganz unterschiedliche „Sprachen“ gesprochen.

Die Verknüpfung von PLM-, ERP- und MES-Systemen und durchgängiges Datenmanagement bleibt auch Harald Proff zufolge problematisch: „Selbst die Unternehmen, die hier als gut aufgestellt gelten, haben das bestenfalls in einzelnen Werken umgesetzt, aber nicht im Verbund“, berichtet der Sector Lead Automotive bei Deloitte. Dem Nutzen stehen erhebliche Aufwände entgegen. Die Daten zu Produkt und Produktion im Griff zu haben, sei jedoch entscheidend – auch um von KI-Algorithmen profitieren zu können, sagt Stephan Melzer, Executive Vice President Industry bei msg. So werde zwar viel über den Digital Twin gesprochen, für viele Unternehmen sei es jedoch erst einmal wichtig, den „Digitalen Schatten“ hinzubekommen. „Der Digitale Zwilling ist die Grundlage dafür, überhaupt durch Prozessautomatisierung Einsparungen ermöglichen zu können“, so Melzer.

Neues Denken, neue Architekturen

Neue datengetriebene Geschäftsmodelle erfordern ein Umdenken auch in der Entwicklungsabteilung, teilweise gilt es, neue Fähigkeiten zu erwerben. „OEMs und Zulieferer sehen sich zunehmend mit der zentralen Herausforderung konfrontiert, die aus der steigenden Komplexität von Produkten und Services sowie deren Kombination resultiert“, sagt Kürümlüoğlu. Man müsse ganz anders agieren, um so komplexe Systeme wie autonome Fahrzeuge managen zu können. Dieses Thema werde zumindest von den OEM und Tier-1-Zulieferern auch schon angegangen. „Für den Erfolg von autonomen Fahrzeugen braucht es die richtige IT und Steuergerätearchitektur. Noch immer werden allerdings in jeder Baugruppe eigene Software und Steuergeräte entwickelt“, meint Harald Proff. Es sei eine Gesamtarchitektur nötig, die sich auf wenige oder ein Steuergerät konzentriert. Wer hier nicht weiterkomme, bleibe sehr ineffizient.

Erfahrungen aus der Forschung zum Thema Advanced Systems Engineering zeigen laut Kürümlüoğlu, dass im Thema Cross Domain Integration, auch in der Integration von PLM und ALM (das Lifecycle-Management der Software-Entwicklung mit ihren kürzeren Zyklen) noch viel Arbeit steckt. Noch setzen die Unternehmen zudem praktisch keine KI-Lösungen in der Entwicklung ein. Aus Sicht von Stephan Melzer liegt ein wesentliches Einsparungspotenzial in der Entwicklung im Umgang mit Software. „Mit dem Absichern, Testen, Anlauf und Versionsmanagement von Software kann sehr effizient umgegangen werden – hier lässt sich jedoch auch viel Geld verlieren“, meint Melzer. Der ingenieurhafte Umgang mit Software unterscheide sich stark von der Informatiksicht. Ein Hebel zur Kosteneinsparung seien die Konzepte von Baukästen und Templates.

Den Fokus auf die Softwareentwicklung sieht auch Deloitte-Experte Proff als wichtigen Trend für 2021, speziell die zunehmende Strukturierung von Software-Produkten und bessere Abstimmung von Hardware- und Software-Entwicklungszyklen. „Bei der Sollkosten-Ermittlung tun sich sowohl OEMs als auch Zulieferer im Software-Umfeld schwer“, so Proff. Viele arbeiten demnach an der Optimierung der Softwareentwicklung, weil der Anteil der Softwarekosten im Produkt weiter steigt. „Wir sehen bei manchen Zulieferern immer noch den Effekt, dass Software für nahezu jedes Produkt neu entwickelt wird. Die Baukästen, die es bei der Hardware bereits gibt, müssen aber auch bei der Software entwickelt werden – hier lässt sich viel Geld im R&D-Prozess einsparen“, stellt Proff fest. Hier sei die Branche dabei, Lines-of-Code-Bibliotheken zu entwickeln.

Klimaziele beeinflussen Engineering

Doch die Ingenieure und Entwickler werden in diesem Jahr noch von weiteren Entwicklungen bewegt, deren Dynamik sich in 2020 weiter beschleunigt hat. Eine aktuelle Deloitte-Studie zeigt, dass die Zulieferer weniger Entwicklungsaufwand in Verbrennerkomponenten investieren und stattdessen versuchen, Budgets in neue Entwicklungen umzuleiten. Hier wurde in Zukäufe und Kooperationen investiert, um neue Themen wie Elektromobilität oder Connected Car anzugehen – oft Bereiche, in denen noch kein Knowhow vorhanden war. „Diese Zulieferer müssen es schaffen, die neuen Bereiche erfolgreich zu integrieren und die eigene Entwicklung voran zu treiben – das wird für einige eine große Herausforderung werden“, meint Harald Proff: Ein sehr sensibles Thema, das mit Covid-19 und den damit verbundenen Kosten nicht einfacher geworden sei.

msg-Experte Melzer ist sich sicher: In diesem Jahr werde insbesondere den Mittelstand das Thema CO2 beschäftigen. Was Basel II vor Jahren für den Finanzbereich gewesen sei, könne sich jetzt mit dem CO2-Footprint wiederholen – der Vorstand müsse seine Hand dafür ins Feuer legen können, dass die Zahlen stimmen. „Im IT-Bereich ist man noch nicht darauf vorbereitet, nachweisbar zu messen und darzustellen, welcher Ausstoß wo produziert wird und die Zahlen auf das Produkt umzulegen. Das wird jedoch wettbewerbsentscheidend sein“, weiß Melzer. Prozesse und Systeme seien dafür nicht ausgelegt, gleichzeitig wachse der Druck aus Markt und Politik.

Auch bei der Zusammenarbeit ist noch einiges zu tun. „Gerade im Mittelstand wird das Thema Collaboration noch wichtiger. Die Frage ist hier vor allem:  Wie lassen sich engere Entwicklungszusammenarbeit und der Schutz des geistigen Eigentums ins Gleichgewicht bringen?“, berichtet Stephan Melzer. Immerhin bemühe sich die Politik jetzt mit Gaia-X, auch mittelständische Unternehmen mit einer Datenplattform zu unterstützen.

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