Chinesischer Markt im Zeichen von Corona

Unter der Corona-Krise in China leiden internationale Hersteller derzeit stärker als einheimische Autobauer. Bild: Audi

| von Stefan Grundhoff

Der Februar war schlimm. März wird fast so schlimm. Der April vielleicht etwas besser. Was Automanager in China erwarten, klingt in Zahlen so: Im Februar gingen die Autoverkäufe um 80 Prozent gegenüber dem Vorjahr zurück. Für März prognostizierte der chinesische Pkw-Verband CPCA am Donnerstag ein Minus von 41 Prozent – mit 1,03 Millionen verkauften Personenwagen. Fürs Gesamtjahr steht die CPCA-Prognose bei minus zehn Prozent.

Die Corona-Epidemie bedroht Millionen Unternehmen im ganzen Land. Fabriken standen wochenlang still, ebenso wie das Leben in Chinas Städten. Es ist ein Wunder, dass überhaupt Autos verkauft wurden. Dabei standen die lokalen chinesischen Hersteller im Februar mit minus 77,4 Prozent etwas besser da als die internationale Konkurrenz (-84,8 Prozent). Ihr Marktanteil stieg um zehn Prozentpunkte auf gut 52 Prozent.

Trotz eines gewaltigen Minus von 75,3 Prozent belegte der private Autobauer Geely aus Hangzhou im Februar beim Absatz erstmals Platz Eins – und verdrängte damit Volkswagen zum ersten Mal seit 1991 von der Spitze. Denn VW stürzte um 90Prozent ab.

Anders als Chinas notorisch intransparente Staatskonzerne machte Geely öffentlich, wie die Firma während der Krise vorging. Bereits Anfang Januar hatte die Geely demnach einen Krisenstab eingerichtet, der Pläne zum Schutz der Belegschaft ausarbeitete. Im Februar fuhr Geely den Betrieb schrittweise wieder hoch – unter strengsten Hygiene- und Gesundheitsvorschriften. Jeder Mitarbeiter muss vor der Arbeit durch einen Temperatur-Scanner, Autos der Pendler werden bei der Zufahrt von unten gereinigt, ihre Türgriffe nach dem Aussteigen des Mitarbeiters desinfiziert. Auch im Büro und in den Fabriken müssen sich alle regelmäßig desinfizieren und Abstände einhalten – Regeln, die inzwischen in vielen Firmen gelten. „Am 1. März waren alle Anlagen in ganz China wieder in Aktion: Beim Produzieren, Entwickeln und Designen von Autos“, so Geely

Seit Februar setzt der Autobauer zudem verstärkt auf Online-Verkäufe. Zuvor hatte Geely Autos nur über Plattformanbieter angeboten; nun können Autofahrer die Autos auch über die eigene Website bestellen. Autos werden für Testfahrten oder nach dem Kauf kontaktlos nach Hause geliefert. Schon in der ersten Woche lag der Online-Absatz laut Geely fünfmal so hoch wie in der Vorjahreswoche. Andere, etwa Great Wall Motor, machen es ebenso. Und so wird die Epidemie den Trend zum Autokauf im Netz wohl beschleunigen. Seinen neuen Sportgeländewagen namens Icon launchte Geely Ende Februar nur im Livestream. 

Außerdem wirbt Geely mit einem eigens entwickelten, intelligenten N95-Filtersystem, das in alle neuen Autos eingebaut wird und neben Bakterien auch das Coronavirus abhalten könne. Auch Konkurrenz Chery konnte nicht zuletzt dank einer ähnlichen Marketing-Kampagne für antibakterielle Filter die Verluste auf 37,5 Prozent drücken – und kletterte damit im Februar auf Rang 5.

Auch das Elektro-Segment sieht unsicheren Zeiten entgegen. Schon vor Corona litten die Stromer unter der Senkung von Subventionen. Im Januar und Februar gingen die Verkäufe um 60 Prozent gegenüber 2019 zurück. Auch wenn ein paar Startups wie WM Motor zulegen konnten, bedeutet die Krise eine ernste Gefahr für das junge Segment. Nio etwa lag in den beiden Monaten mit 2.305 ausgelieferten E-SUV unter den Planzahlen, wie Nio-Gründer William Li einräumte. Der Aktienkurs brach ein, die Unabhängigkeit des Startups steht auf der Kippe. Kürzlich nahm NIO Verhandlungen mit der Provinzregierung von Anhui über ein Engagement auf – deren Ausgang noch offen sind.

Angesichts der Misere werden erste Forderungen nach Subventionen oder Lockerungen von Abgas- und Zulassungsregeln laut. Doch die Kaufsteuer wie in früheren Krisen zu halbieren, würde Geld kosten – ebenso wie die erneute Zahlung von Elektro-Subventionen. „Es ist unwahrscheinlich, dass die Regierung so viele Maßnahmen zugleich startet“, sagt Yale Zhang von Automotive Foresight in Shanghai. Einzelne Städte, darunter Guangzhou, zahlen lokal kleinere Kaufsubventionen. Das Industrieministeriums MIIT will nach eigenen Worten Städte ermutigen, ihre Zulassungsquoten angemessen zu erhöhen. Das kostet zwar nichts, steht aber im direkten Zielkonflikt mit der Luftreinhaltung. Es ist klar: Eine einfache Lösung wird es nicht geben.