Wenn aus Ideen Werkzeuge werden

Wie Audi KI im IPAI Heilbronn in die Produktion bringt

Im IPAI in Heilbronn bringt Audi KI aus dem Innovationsraum in die Fabrik. Aus Austausch mit Forschung, Start-ups und Partnern entstehen Anwendungen, die in Produktion und Organisation messbar finanziellen Nutzen stiften.

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Sebastian Bach (l.) und Sebastian Reinisch erklären, wie Audi KI-Projekte vom konkreten Bedarf in den Fachbereichen bis zur Umsetzung strukturiert. Entscheidend ist dabei das Zusammenspiel aus internem Prozesswissen, IT-Kompetenz und externem Know-how aus dem Heilbronner Ökosystem.
Sebastian Bach (l.) und Sebastian Reinisch erklären, wie Audi KI-Projekte vom konkreten Bedarf in den Fachbereichen bis zur Umsetzung strukturiert. Entscheidend ist dabei das Zusammenspiel aus internem Prozesswissen, IT-Kompetenz und externem Know-how aus dem Heilbronner Ökosystem.

Aufbruch liegt in der Luft, wenn man den Innovationspark Künstliche Intelligenz (IPAI) in Heilbronn betritt. Hier, im Innovationsökosystem rund um KI, arbeitet Audi derzeit an etwas, das in der Industrie oft gefordert und ebenso oft schwer umzusetzen ist: Forschung, Start-ups, Fachbereiche, IT und Produktion so zusammenzubringen, dass aus guten Ideen Anwendungen werden, die im Werk echten Nutzen stiften. Die Arbeitsumgebung im IPAI ist dabei auf Austausch ausgelegt: flexible Plätze, kurze Wege und Räume, in denen Menschen aus Unternehmen, Forschung und Start-up-Szene unkompliziert zusammenkommen.

Sebastian Reinisch, bei Audi verantwortlich für Data Analytics, AI und IT Security am Standort Neckarsulm, kommt selbst aus dem Produktionsumfeld und sieht KI vor allem dort, wo Daten, Prozesse und konkrete Probleme zusammenkommen. „Alles, was wir hier im Umfeld von Data Analytics und AI tun, hatte anfänglich einen sehr starken Bezug zum Geschäftsbereich Produktion und Logistik, mittlerweile aber eine Relevanz für den gesamten Audi Konzern“, erklärt Reinisch.

Damit sich die richtigen Partner für die Zusammenarbeit im Ökosystem finden, braucht es Übersetzer zwischen Werk, IT und dem Heilbronner Netzwerk. Neben Reinisch ist das Sebastian Bach, Delivery Manager bei der Audi IT und verantwortlich für die operative Steuerung der Audi Initiative Plus (AI+). Er beschreibt seine Rolle pragmatisch: Er verstehe sich als „Türöffner“ und „Netzwerker“. So kämen Lösungen zustande, „auf die man allein nicht gekommen wäre“.

Was steckt hinter Audis KI-Initiative AI+?

Sebastian Bach (Mitte) und Sebastian Reinisch (rechts) treiben mit der Audi-Initiative AI+ die Vernetzung von Werk, IT, Forschung und Startups im Heilbronner KI-Ökosystem voran
Sebastian Bach (Mitte) und Sebastian Reinisch (rechts) treiben mit der Audi-Initiative AI+ die Vernetzung von Werk, IT, Forschung und Startups im Heilbronner KI-Ökosystem voran

Das Ökosystem ist ein Ort, an dem das Unternehmen gezielt nach Fähigkeiten sucht, die intern nicht ohne Weiteres verfügbar sind. Sebastian Reinisch beschreibt die Grundfrage so: „Welche Puzzlestücke bringen die Partner mit, die wir intern gar nicht abbilden können, die aber für uns extrem wertvoll werden?“ Aus dieser Überlegung entstand im Jahr 2020 AI25, die Automotive Initiative 2025.„AI25 ist gestartet in der Kooperation zwischen Produktion, IT, Fraunhofer und TUM“, führt Reinisch aus. „Da war das Ziel: die digitale Fabriktransformation gestalten.“ Mit dem Wachstum des Heilbronner Ökosystems, etwa durch die Programmierschule 42 Heilbronn oder dem Gründer- und Innovationszentrum Campus Founders sowie der stärkeren Beteiligung weiterer Audi-Bereiche wurde aus AI25 nun AI+. „Dadurch, dass sich das Ökosystem sehr stark weiterentwickelt hat und auch wir intern nicht mehr nur aus Produktion und IT bestehen, ergibt es Sinn, diese Kooperation auf neue Beine zu stellen“, ordnet Bach ein. AI+ ist damit mehr als ein neuer Name. „Das Plus steht eben für diese Offenheit“ – nach außen für neue Impulse und nach innen für Geschäftsbereiche, die KI in nutzbare Lösungen überführen wollen.

Sonderheft Konzern-IT Audi

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So arbeitet Audi mit Forschung und Start-ups im IPAI

Der wohl wichtigste Begriff in diesem Zusammenhang lautet Augenhöhe. Audi versteht sich im Ökosystem keinesfalls als Seniorpartner, der kleineren Akteuren vorgibt, was zu tun ist. „So eine Denke existiert nicht“, betont Reinisch. Kollaboration funktioniere dann am besten, wenn sich alle eben auf Augenhöhe bewegen. So entstehe das Vertrauen, auf dem gemeinsame Projekte aufbauen.

Bach fasst den Nutzen der Zusammenarbeit aus der Netzwerkarbeit heraus folgendermaßen zusammen: „Wir geben etwas hinein, aber man bekommt oft noch mehr heraus – auch mehr als das, was jeder Einzelne einbringen kann.“ Audi bringt beispielsweise reale Produktionsprobleme, umfassendes Prozesswissen, industrielle Komplexität und den Zugang zu Fertigungsumgebungen ein. Die Partner bringen neue Methoden, wissenschaftliche Exzellenz, frische Perspektiven, Tempo und technologische Speziallösungen.

Die Lacktrocknung als Beleg für messbaren Nutzen

Die KI-gestützte automatische Lacktrocknung ist nur eines von mehreren erfolgreichen KI-Projekten, die ihren Anfang im IPAI genommen haben
Die KI-gestützte automatische Lacktrocknung ist nur eines von mehreren erfolgreichen KI-Projekten, die ihren Anfang im IPAI genommen haben

Wie produktiv diese ungewöhnlich anmutende Mischung sein kann, zeigt das Beispiel der KI-gestützten Lacktrocknersteuerung. Ein Unternehmen aus dem Ökosystem hatte eine Lösung entwickelt, die zunächst aus einem gänzlich anderen Anwendungskontext kam. „Dann sind wir hier in der Kaffeeküche in den Austausch gekommen und haben überlegt, ob das auch bei Audi funktionieren könnte“, so Sebastian Bach. Man habe es ausprobiert, es habe „tatsächlich Nutzen gebracht“ und werde nun erfolgreich implementiert.

Und die Lösung ist mehr als nur ein schönes Aushängeschild. Konkrete Einsparbeträge durch einen reduzierten Energiebedarf nennt Audi zwar nicht. Doch bereits kleine Einsparungen machen einen sehr großen Unterschied: Denn die Hälfte des gesamten Energiebedarfs des Werkes entfällt auf die Lackiererei. Rund zwei Drittel der dort eingesetzten Energie verbrauchen die drei Trocknerstraßen. Dieses Projekt zeigt, dass sich das Engagement in Heilbronn auch wirtschaftlich auszahlt. Damit liefert die Lacktrocknung die Geschichte, um die es bei AI+ geht: ein Kontakt im Ökosystem, ein reales Problem im Werk, ein Pilot und der Schritt in die wirtschaftlich erfolgreiche Umsetzung.

Diese Rolle spielen Start-ups bei Audis KI-Projekten?

Dass solche Beispiele entstehen, hängt stark davon ab, wie Audi das Netzwerk nutzt. Ideen werden nicht einfach an eine zentrale Stelle abgegeben und verlaufen dort im Sand. Vielmehr sollen Mitarbeitende selbst andocken, Themen einbringen und Projekte mitgestalten. Die Idee komme in der Regel von denen, „die den Handlungsbedarf im Prozess unmittelbar erleben“, so Reinisch.

Damit daraus ein Projekt wird, braucht es Struktur. Am Anfang stehen meist konkrete Anforderungen aus den verschiedenen Fachbereichen. Die Fachbereiche schärfen sie, gleichen sie mit anderen Standorten ab und priorisieren, welche Themen sich für eine Umsetzung eignen. Wenn ein Thema über den Einzelfall hinaus relevant ist, kommt die IT stärker ins Spiel. Sie prüft, wie sich eine Lösung in die bestehende Architektur einfügen lässt, wie der Betrieb aussehen kann und ob sich der Ansatz skalieren lässt. Dieses Zusammenspiel ist zentral, damit KI nicht als isolierter Versuch endet.

Start-ups als Innovationsbooster

Ein wichtiges Puzzleteil im Heilbronner KI-Ökosystem sind Start-ups. Sie bringen zusätzlich Tempo und Lösungsfokus ins Ökosystem, müssen sich aber auch mit der Konzernrealität auseinandersetzen. „Da treffen tatsächlich Welten aufeinander“, sagt Reinisch. Für ein junges Unternehmen können vier Wochen bereits lang sein, in einem Konzern gelten drei bis sechs Monate oft noch als schnell. Formate wie Startup Days, interne Innovatoren und Units Audi Startup Connect helfen, diese Welten miteinander zu verbinden. Bei Startups@Audi kommen junge Unternehmen beispielsweise mit ihren Lösungen vor ein breiteres Audi-Publikum; oft zeigt sich erst in der Diskussion mit einem innovativen Unternehmen ein konkreter Anwendungsfall im Fachbereich. Innovatoren im Unternehmen treiben solche Ansätze anschließend weiter, während Audis Startup Connect als Venture Clienting Unit den schnellen Weg vom ersten Kontakt über Pilot-Einkauf und Proof of Concept bis zu einer langfristigen Zusammenarbeit mit Startups strukturiert und begleitet.

Die Audi Initiative Plus ist ein Paradebeispiel dafür, wofür unsere Innovationsplattform steht: Wir als IPAI wollen KI in die konkrete Anwendung bringen. Durch das enge Miteinander von Start-ups, exzellenter Forschung und Audis wertvoller Industrieerfahrung schlagen wir erfolgreich die Brücke von der technologischen Entwicklung direkt in die industrielle Praxis. Dass durch den unkomplizierten Austausch in unserem Netzwerk messbare Lösungen für die Produktion entstehen, zeigt die wahre Kraft partnerschaftlicher Innovation auf Augenhöhe.

Moritz Gräter, CEO IPAI

Nähe zu Audi Böllinger Höfen als Standortvorteil

Auch die Nähe zu den Audi Böllinger Höfen in Heilbronn spielt eine besondere Rolle. Die Kleinserienfertigung liegt in Sichtweite zum neuen IPAI CAMPUS und bietet Audi die Möglichkeit, neue Ansätze nicht nur im Labor oder in einer Präsentation zu bewerten, sondern in einer echten Produktionsumgebung zu erproben. Reinisch bezeichnet die Audi Böllinger Höfe deshalb als „Reallabor“. Dort werden neue Technologien in der realen Produktionsumgebung in der Kleinserie erprobt. Für Start-ups und Forschungspartner ist das wertvoll, weil sie sehen, wie sich eine Lösung unter industriellen Bedingungen verhält. Für Audi entsteht in den Böllinger Höfen zugleich ein Zwischenschritt zwischen Idee und Großserie: Was sich dort bewährt, lässt sich belastbarer für andere Werke und größere Produktionsumfänge einschätzen.

Transformation ist auch eine Kulturfrage

Auch intern verändert das IPAI die Zusammenarbeit. Was mit Produktion und IT begann, zieht inzwischen weitere Geschäftsbereiche an – etwa Technische Entwicklung, Qualitätssicherung und Personal. Das Audi-Büro im IPAI ist ein Ort, an dem Mitarbeitende rotieren, Themen einbringen und sich vernetzen. Damit ist AI+ mehr als ein Technologieprogramm: Es geht auch um Kultur, Befähigung und den Umgang mit neuen Rollen im Arbeitsalltag. Reinisch spricht von der „digital versierten Belegschaft“ – also von Mitarbeitenden, die Digitalisierung und KI verstehen, einordnen und anwenden können, ohne selbstzwingend Entwickler sein zu müssen. Genau diese Mitarbeitenden aus allen Geschäftsbereichen sorgen in Kooperation mit den Heilbronner Partnern dafür, dass die KI-Potentiale aus dem Innovationsraum in die Fabrik kommen.