Seiferth Dirk

Seiferth: „Eine agile Kultur bedarf Offenheit gegenüber neuen Themen und Technologien.“ Bild: Kienbaum

| von Pascal Nagel

Branchenfremde Player aus der IT-Industrie  in den Automotive-Sektor. Um im Automobilbau auch in Zukunft den Ton anzugeben, müssen die OEMs selbst ein Stück weit zu IT-Unternehmen werden. Im Drei-Fragen-Interview mit automotiveIT spricht Dirk Seiferth, Partner und Mitglied der Geschäftsleitung der Kienbaum Management Consultants, über Data Labs, Time-to-Market und die Mentalität des Silicon Valley.

automotiveIT: Viele Autohersteller gründen derzeit Data Labs im eigenen Unternehmen aus. Trauen die Autobauer der eigenen IT beziehungsweise der technischen Entwicklung nicht zu, Innovationen in den Betrieb und in das Produkt zu bringen?

Seiferth: Komplexe Fragestellungen bedürfen einer eigenständigen Organisationsform. Aus diesem Grund macht es durchaus Sinn Data Labs auszugründen. Die zukünftigen Herausforderungen werfen Fragestellungen auf, die kreative Antworten benötigen. Dafür werden Kapazitäten benötigt, die über das operative Tagesgeschäft hinausgehen. Dazu werden auch Mitarbeitertypologien eingesetzt, die unterschiedlich sein können zu Mitarbeitern der herkömmlichen IT. Hier gilt es, außerhalb der etablierten Rahmenbedingungen zukunftsorientierte Lösungen zu finden. Darüber hinaus werden die eigenständigen Organisationen auch betriebswirtschaftlich anders behandelt. Sie werden häufig als R&D-Einheit geführt und sind somit Zukunftsinvestitionen. Ähnlich ist man seinerzeit mit dem Thema Kommunikation und Entertainment umgegangen. Kleine kreative Einheiten hatten die Aufgabe vorzudenken, auszuprobieren und zu konzipieren – oft in unkonventionellen Organisationsformen und Mitarbeitertypologien.

Unternehmen der Consumer-Elektronik, die in bestimmten Bereichen als Konkurrenz der OEMs in Erscheinung treten, leben kurze Entwicklungszyklen vor. Welche organisatorischen und strategischen Weichenstellungen sind in Autounternehmen nötig, damit IT-Innovationen mit geringer Time-to-Market verfügbar werden?

Wir führen derzeit eine Studie zum Thema „Connected Car“ durch. Dabei zeigt sich: Organisationsstrukturen und Prozesse der Fahrzeugentwicklung müssen dynamischer werden. Die meisten Automotive-Unternehmen sagen: In Zukunft muss sich die Unternehmensstruktur in der Automobilindustrie substanziell verändern, um den Herausforderungen durch Digitalisierung zu begegnen. Außerdem zeigt sich, dass in Zukunft aufgrund kürzer werdender Entwicklungszyklen dynamische und agile Prozesse in der Fahrzeugentwicklung wichtig sein werden. Notwendig ist es, die bereichsorientierter Denkweise der Automobilentwicklung zu überwinden, den Fokus weg von rein traditioneller Fahrzeugentwicklung hin zu agiler Softwareentwicklung als zusätzlichen Kernbereich zu gestalten und die Integration und Vernetzung der Softwareentwicklung in Produkte und Entwicklung sicher zu stellen.

Den Elan, den etwa das Silicon Valley oder US-amerikanische Startups versprühen, sucht man in Deutschland oft vergebens. Was wäre nötig, um eine solche Mentalität auch hierzulande zu verankern?

Der Schlüssel liegt in der Unternehmenskultur. Offene, angstfreie und wenig hierarchische Organisationsformen sind der Garant für Kreativität und Agilität. Die notwendige Kreativität wird durch einen kooperativen Führungsstil gefördert, der den inhaltlichen Diskurs über Hierarchien sicherstellt. Eine Fehlerkultur, in der der Fehler als Teil des Lernprozesses angesehen wird, wiederspricht dem aktuellen Prinzip der Null-Fehler-Toleranz der traditionellen Automobilindustrie. Ebenso ist die adaptive Organisationsstruktur des Silicon-Valley-Ansatz, die nach den Anforderungen des jeweiligen Bereichs erfolgt, grundlegend anders als die herkömmliche Matrixstruktur der Automobilindustrie, die nach Fahrzeugmodellen und technischen Gewerken gegliedert ist. Eine agile Kultur bedarf Offenheit gegenüber neuen Themen und Technologien. Darüber hinaus bedingt die Verkürzung von Produktlebenszyklen das schnelle Erkennen und Bewerten von Trends. Dazu sind die Kenntnis und Erfahrung von agilen Methoden wie zum Beispiel Scrum erfolgskritisch. Für eine erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen Softwareentwicklern und Automobilindustrie ist demnach ein Kulturwandel in der Automobilindustrie notwendig.

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