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„Wir werden in der Automobilindustrie einen disruptiven Veränderungsprozess erleben, den nur die agilsten Anbieter überleben“, sagt Martin Eigner. Bild: Martin Eigner

| von Pascal Nagel

Die Komplexität von Fahrzeugen steigt stetig an. Daneben weiten Autobauer ihr Angebot laufend auf Produkte und Services außerhalb des Autos aus. Die Anforderungen an ein zeitgemäßes Product Lifecycle Management wachsen in diesem Zusammenhang unaufhörlich. Erst kürzlich hat General Motors aus diesen Gründen auf Aras-PLM umgestellt. Im Gespräch mit automotiveIT spricht PLM-Experte Professor Martin Eigner von der TU Kaiserslautern über aktuelle und zukünftige Entwicklungen.

Die Entscheidung von Daimler war eher politisch motiviert als technisch. Der bloße Umstieg von Catia V5 auf NX bringt keine Vorteile für die CAD-Anwender. Der tatsächliche Grund war die Tendenz des Anbieters Dassault, bisher offene Schnittstellen zur Anbindung von Catia V5 beim Umstieg auf Catia V6 nicht mehr anzubieten und eine eigene – mit dem CAD-System fest verbundene – Team-Data-Management-(TDM-)Lösung bereitzustellen. Das aber schränkt die Flexibilität drastisch ein und erschwert es, eigene IT-Architekturen umzusetzen. Die Entscheidung von GM dagegen basiert auf vollkommen anderen Voraussetzungen, die aber für viele PDM-/PLM-Anwender typisch sind.

Und zwar?

Nicht selten herrscht noch immer die Meinung vor, es würde für Unternehmen auch im digitalen Zeitalter noch ausreichen, nur über mechanische Kompetenzen zu verfügen. Den Anforderungen moderner, interdisziplinärer Fahrzeugstrukturen genügt das jedoch nicht. Im Engineering existieren nun allerdings Hunderte von fragmentierten und teilweise redundanten IT-Anwendungen, die nur bedingt hilfreich sind. Häufig fehlt solchen Systemen ein übergreifendes Engineering-Backbone, das die interdisziplinären Produktdaten zusammenfasst, die Engineering-Prozesse bei Freigabe-, Änderungs-, Varianten- und Konfigurationsmanagement unterstützt und die Basis für eine Rückverfolgbarkeit des Produktes darstellt. In der Vergangenheit haben Firmen häufig versucht, eine herkömmliche PDM-Lösung aus dem Bereich der M-CAD-Verwaltung als Engineering-Backbone auszurollen – erfolglos. Ihnen fehlen Architekturkonzepte aus einem Guss, die Intelligenz eines digitalen Produkt- und Prozessmodells auf den Vier-Ebenen des VDA-Architekturkonzeptes abbilden – Autorensysteme, Team-Data-Management (TDM), Engineering-Backbone (PLM) und schließlich ERP. GM wird nun mit der modernen und bimodalen Architektur von Aras mittelfristig einen solchen Engineering-Backbone über den fragmentierten IT-Lösungen implementieren.

Carsharing, Apps oder sogar Stromspeicher – das Produktportfolio eines Autobauers wird sich in den kommenden Jahren weit über das Auto hinaus vergrößern. Wie muss sich das PLM anpassen?

Wir werden in der Automobilindustrie einen disruptiven Veränderungsprozess erleben, den nur die agilsten Anbieter überleben. Geschäfts- und Kooperationsmodelle verändern sich, mechanisch und cybertronisch hochgradig vernetzte Systemarchitekturen werden die gesamte Fahrzeugstruktur dominieren. Um diesen neuen Produktanforderungen zu genügen, muss ein OEM solche interdisziplinären Systemarchitekturen und die darauf aufbauenden Dienstleistungen in ihrer Gesamtheit orchestrieren können. Für die Umsetzung spielen dann auch die Zulieferer mit neuen intelligenten Formen der Zusammenarbeit mit. PLM-Systeme haben diese Produkt- und Prozessveränderungen zu unterstützen. Das beginnt schon in der frühen Entwicklungsphase mit Anforderungsmanagement und Systemarchitekturen und setzt sich in der mechatronischen Produkt- und Prozessstruktur fort. Man denke etwa an die Integration von Mechanik, Elektrik beziehungsweise Elektronik und Software. Nicht zuletzt müssen PLM-Systeme ein durchgängiges digitales Modell mit darauf aufbauenden Engineering-Prozessen unterstützen. Dies umfasst die Ableitung von Digital Twins aus dem Modell, um Serviceprozesse beim Betrieb des Produktes zu optimieren. Ganz generell müssen PLM-Systeme auf moderne IT-Technologien zurückgreifen, um die extrem hohen TCOs herkömmlicher Systeme zu senken und um eine agile, flexible und föderierte Einführung von PLM zu ermöglichen.

Ein Blick in die Zukunft: Wie sieht aus Ihrer Sicht das Product Lifecycle Management von morgen aus?

Die Komplexität heutiger PLM-Architekturen und Einführungsstrategien ist bereits sehr hoch. Es ist zu erwarten, dass sich dieser Trend durch mechatronische und cybertronische Produkte noch verstärken wird. Der gesamte Produktlebenszyklus, die Disziplinen und die Supply Chain müssen künftig jederzeit nachverfolgbar sein, um den Engineering-Prozess zu beherrschen und zu dokumentieren. Als nächsten Schritt in der Evolution des PLM sehe ich das System Lifecycle Management (SysLM). SysLM ist das Engineering-Backbone-Konzept für Produktentwicklung und Lifecycle-Management im Rahmen des Industrial Internet. Zudem werden künftig föderierte, leichtgewichtige Lösungen Anwendungs- und Metadaten auf Basis eines objektorientierten Repositories trennen und auf referenzierte beziehungsweise verknüpfte Daten zugreifen können. Cloud-Lösungen stehen auf unterschiedlichen Leveln bereit – Infrastructure (IaaS), Platform (PaaS) und Software as a Service (SaaS) sind hier die entscheidenden Schlagworte.