InnovationManagement

In der Automobilindustrie verändern sich die Innovations- und Wertschöpfungsprozesse durch die Automatisierung und Vernetzung der Fahrzeuge. Es geht weg von der traditionellen Lieferkette hin zu offenen Ökosystemen. „Erfolgsentscheidend für Innovation wird die Generierung, die Nutzung und der Austausch von Wissen – nicht nur in den eigenen Forschungs- und Entwicklungsabteilungen, sondern vielmehr akteur- und domänenübergreifend“, meint Florian Herrmann, Leiter des Forschungsbereichs Mobilitäts- und Innovationssysteme am Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO).

Megatrends wie beispielsweise Urbanisierung, Individualisierung, Nachhaltigkeit und zunehmende Ressourcenorientierung übersteigen die Möglichkeiten vieler F&E-Abteilungen, weshalb die Unternehmen neue Wege und Partnerschaften beim Innovieren entwickeln müssen. „Innovation entsteht besonders gut in heterogenen, gemischten Gruppen von Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen und Wissen. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass neue Ideen und Lösungen gefunden werden“, stellt Florian Rustler fest, Innovationscoach und Gründer des Beratungsunternehmens Creaffective in München.

Ambidextrie oder Beidhändigkeit beschreibt für Peter Gutzmer, Technologievorstand der Schaeffler AG, die neue Herausforderung an die Innovationskultur am besten. „Dabei müssen wir zwei Dinge verfolgen, die durchaus widersprüchlich sind: Wir werden weiterhin strukturelle, kontinuierliche Innovationsthemen wie heute haben, aber wir werden gleichzeitig Durchbruchsinnovationen brauchen“, erklärt er. Gerade für solche disruptiven Innovationen setzt der Autozulieferer auf Co-Creation.

„Es wird immer deutlicher, dass Innovation nicht mehr nur technisch verstanden werden kann“, sagt Florian Rustler. Klassische F&E sei technikgetrieben und fokussiere Produktaspekte. „Das wird weiter eine Rolle spielen, aber Innovation muss jetzt breiter aufgestellt werden. Sie umfasst auch Prozesse, Dienstleistungen und Geschäftsmodelle – meist sogar eine Mischung dieser Aspekte“, so der Berater, der auch Autor der Bücher „Denkwerkzeuge der Kreativität und Innovation“ und „Innovationskultur der Zukunft“ ist. Fraunhofer-Experte Herrmann ergänzt: „Wer diese Öffnung nicht vorantreibt, dem bleiben viele Geschäftsmodelle verwehrt. Für eine traditionsreiche und eher konservative Branche wie die Autoindustrie ist das jedoch per se schwierig und nicht von heute auf morgen zu leisten.“ Die Unternehmen in der Autobranche sieht er höchst unterschiedlich aufgestellt: In der Industrie treffe man auf Vorreiter, aber auch auf Unternehmen, die noch gar nicht wüssten, wo der Mehrwert von Co-Creation und Open Innovation liege.

Ängste und Vorbehalte sind im Spiel, wenn es um die Öffnung der eigenen Innovationsprozesse geht. Innovationsberater Rustler glaubt, dass in der Autoindustrie Co-Creation-Projekte mit Wettbewerbern die Ausnahme bleiben werden. Wichtiger sei es, Zulieferer und Entwicklungspartner früher in den Innovationsprozess einzubinden. „Da gibt es auf beiden Seiten Ängste, wie viel Blöße man sich geben kann. Oft geht es um finanzielle Erwägungen.“ Um eine offene Atmosphäre zu schaffen und den Kooperationswillen in der Organisation zu verankern, brauche es ein klares Bekenntnis der Führungsmannschaft. Es muss Mitarbeitenden kommuniziert und vorgelebt werden. „Co-Creation ist vor allem eine kulturelle Her­ausforderung, die für viele noch ungewohnt ist“, bestätigt Rustler.

Traditionelle Innovationsstrategien gleichen in der Regel einem sehr festgelegten Modell, das vorschreibt, wer eingebunden ist und wer Entscheidungen trifft. Das ist nicht mehr zeitgemäß, glaubt der Innovationscoach: „Unternehmen, die bereits einen Innovationsprozess implementiert haben, müssen diesen Prozess neu definieren.“ Das Innovationsmanagement sollte flexibler werden und die Einbindung anderer, interner und externer Stakeholder an verschiedensten Stellen zulassen. In Workshops werde immer wieder sichtbar, dass Innovationsprozesse in den Unternehmen oft sehr sequenziell gedacht werden. Bei Co-Creation hingegen gehe es darum, interdisziplinäre Teams zu bilden. „Dabei kann man nicht mehr ein Ergebnis über den Zaun werfen und hoffen, dass die nächste Abteilung damit weitermacht“, weiß Rustler.

Zu Beginn einer Co-Creation ist selten klar, wohin die Reise geht und was am Ende herauskommt. Deshalb braucht es ein Kooperationsmanagement. Damit alle Parteien offen und voll einsteigen können, muss im Vorfeld geklärt werden, was mit den Ergebnissen geschehen soll. Das lässt sich rechtlich zumindest teilweise absichern. Peter Gutzmer meint, dass zudem noch weitere Hürden zu nehmen seien, zum Beispiel bei gemeinsamen Patentanmeldungen, die es bei Schaeffler immer häufiger gibt. „Ich bin überzeugt: Angesichts des Anspruchs an die Geschwindigkeit von Innovation müssen wir das Thema Patentrecht und Anmeldung anpassen“, so der Schaeffler-CTO.

Den ersten Teil des Spezials zum Thema Innovation Management finden Sie an dieser Stelle.

Bilder: BMW, Daimler, Fotolia/olly; Illustration: Sabina Vogel

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