Datenanalyse_Porsche
| von Ralf Bretting

Fast jede Aufgabenstellung in der IT hat heute etwas mit Daten zu tun – mit ihrer Speicherung und Verarbeitung, ihrer Analyse und Visualisierung sowie den Maßnahmen, die auf Basis einer aggregierten Wissensgrundlage ergriffen werden. Egal ob es darum geht, mit datenbasierten Reifegradmodellen die Verfügbarkeit der verschiedenen Systeme zu erhöhen oder mit maßgeschneiderten Services Fachbereiche zu unterstützen: „Daten sind das neue Öl“, wie Daimler-CIO Jan Brecht auf dem automotiveIT-Kongress 2019 in Berlin betont hat. Viele IT-Kollegen in der Branche teilen diese strategische Einschätzung.

Transparenz in der datengetriebenen Wertschöpfung

Zum Beispiel bei Porsche: Der Sportwagenbauer will die Transparenz in den einzelnen Zonen seines Firmennetzes erhöhen und wertet dazu zielgerichtet Logfiles aus. „Wir wollen mit einer schichtübergreifenden Transparenz von Infrastruktur und Applikationen die Qualität unserer Dienste sichern und weiter erhöhen. Die Kosten für die Bereitstellung eines Services sollen ebenso sinken wie die Bearbeitungszeit pro Ticket, wenn es einmal zu Störungen kommen sollte“, erklärt Stefan Arnold, der seit Anfang Oktober bei Porsche den Bereich Technology, Acceleration & Management leitet. Gerade im Support sind bei der Problemlösung nicht heuristische Methoden wie Trial-and-Error gefragt, sondern schnelle, zielführende Analysen und kompetent durchgeführte Gegenmaßnahmen. Besser noch: „Wir wollen unsere zentral indizierten Performancedaten kontinuierlich auswerten und potenzielle Fehler beseitigen, bevor es zu Einschränkungen und Ausfällen kommt“, so Arnold.

Noch ist es nicht so weit. Ende September 2019 sind bei Porsche mehr als 200 Server mit SAP-Systemen ausgefallen, woraufhin die Produktion am Stammsitz Zuffenhausen und im Werk Leipzig stundenlang stillstand. Auch Ersatzteillager und einige Kundenprozesse waren betroffen. Ursache: ein Hardwaredefekt, der eine Kettenreaktion ausgelöst hat. „Ein solches Ereignis – das haben unsere Analysen gezeigt – ist extrem unwahrscheinlich und wir hätten es auch mithilfe von Datensammeln und Predictive Maintenance nicht verhindern können“, räumt Stefan Arnold ein. Trotzdem: Der Sportwagenbauer will an seinem datengetriebenen Wertschöpfungsmodell festhalten, Daten weiterhin erfassen, speichern und indizieren und mit einer Spezialsoftware des US-Herstellers Splunk durchsuchen, korrelieren, analysieren und visualisieren. Dafür hat Porsche seine Infrastruktur letztes Jahr ausgebaut. Wurden früher alle Apps, Logfiles oder Universal Forwarder noch mit einem speziellen Config-Tool ausgerollt und upgedatet, ist heute ein dedizierter Deployment-Server für Splunk im Einsatz.

Die Analysetools sollen in jeder Netzwerkzone zum Einsatz kommen, auch in der Produktion. Dort steigt der Datenverkehr durch die Vernetzung von Maschinen, Anlagen und Fertigungsstationen besonders rasant an. „Verteilt über Lackierung, Sattlerei bis hin zur Montage gibt es allein am Standort Zuffenhausen mehr als 4000 Windows-Clients, die einzelne Arbeitsschritte dokumentieren. Diese Daten wollen wir aggregiert auf einer Zeitachse visualisieren und analysieren“, erläutert Tim Klapper im Gespräch mit automotiveIT. Er ist seit 2017 der für Splunk-Lösungen zuständige Service Manager bei Porsche und erhofft sich valide Aussagen beispielsweise darüber, wie gut einzelne Stationen in den letzten Wochen performt haben, ob es Probleme beim Umrüsten von Werkzeugen gegeben hat oder ob signifikante Unterschiede zwischen einzelnen Baureihen erkennbar sind. „Erst müssen wir die Daten verstehen, dann werden wir in Abstimmung mit den Kollegen in der Produktion Dashboards entwickeln, die eine individuelle Auswertung und Darstellung der Ereignisse möglich machen.“

Das alles zahlt auf die Vision einer vernetzten und flexiblen Produktion 4.0 ein, die der Hersteller erstmals mit der Fabrik für das neue Modell Taycan umgesetzt hat. Die räumlich enge Stadtlage des Stammwerks Stuttgart-Zuffenhausen machte es erforderlich, die einzelnen Gewerke über das gesamte Gelände zu verteilen und in unterschiedlichen Gebäuden auf mehreren Stockwerken unterzubringen. Qualität am Montageband ist wichtig, weil jeder Fehler unnötige Fahrzeugbewegungen zur Nacharbeit nach sich zieht und wertvolle Produktionszeit kostet. Kapazitätsengpässe will Porsche unter allen Umständen vermeiden. Deshalb sollen künftig auch Daten durchsuchbar sein, die in Cloudumgebungen abgelegt sind. Ein wichtiger Schritt, nicht nur für Porsche.

Cloud-Dienste auf dem Vormarsch

Einer aktuellen Studie des Marktforschungsunternehmens Lünendonk und Hossenfelder zufolge werden heute bereits 46 Prozent der benötigten IT-Ressourcen aus der Cloud bezogen. Tendenz: weiter steigend. Perspektivisch planen 72 Prozent der in Deutschland befragten IT-Entscheider, Teile ihrer IT-Landschaft in eine Hybrid-Cloud zu verlagern. Damit werden sich auch die Aufgaben der IT-Abteilung und die Anforderungen an die IT-Organisation stark verändern. „Die IT ist nicht mehr nur für stabile Prozesse und die IT-Arbeitsplatzumgebung verantwortlich, sondern vielmehr zentraler Bestandteil der Unternehmensstrategie sowie von Produkten und Services“, kommentiert Mario Zillmann von Lünendonk und Hossenfelder.

Tatsächlich digitalisieren und modernisieren in der Automobilindustrie immer mehr Fachbereiche ihre Prozesse mit­hilfe von innovativen Softwarelösungen und Automatisierungs-Tools und indem sie Prozesse in die Cloud verlagern. Es entstehen immer mehr softwarebasierte Geschäftsmodelle, beispielsweise rund um das industrielle Internet der Dinge. Mario Zillmann: „Hier wird die zunehmende Bedeutung von Software und der IT als Umsetzungspartner von Businessstrategien im Zuge der digitalen Transformation deutlich.“

Das sieht man auch bei Porsche so: „Wenn wir in allen Geschäftsbereichen Daten in Verbindung mit künstlicher Intelligenz intensiv einsetzen, werden wir bei der digitalen Transformation des Unternehmens enorme Fortschritte machen. Im Mittelpunkt steht der Anspruch, alle Ressourcen flexibel und intelligent einzusetzen“, betont Stefan Arnold. Einfache Entscheidungen sollen zunehmend Computer, Maschinen und Anlagen übernehmen und Mitarbeiter so von repetitiven Aufgaben entlasten. Sie erhalten mehr Freiraum und können sich auf kreative, wertschöpfende Tätigkeiten konzentrieren.