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| von Hilmar Dunker

Bei den deutschen Automobilzuliefe-rern sieht Rainer Vogt, Business Development Manager beim BI-Spezialanbieter SAS Deutschland, derzeit allgemein eine eher schwache BI-Durchdringung. Vorherrschend seien Einzelplatzsys-teme, die jedoch nicht übergreifend eingebunden sind. „Nach der Optimierung der operativen Systeme ist es Zeit, durch Business Analytics weitere Verbesserungen einzuläuten“, meint Vogt.

hat sich das Interesse an Business Intelligence im Automotive-Umfeld spürbar verstärkt, da BI bei der Identifikation von brachliegenden Potenzialen, also der ‚golden nuggets‘, hilft“, sagt Bernd Huwe, Produktmanager Automotive Entwicklung der SAP AG. „Durch Analyse von Garantiefällen sind Unternehmen beispielsweise sehr viel leichter in der Lage festzustellen, ob ein größeres Problem besteht. Dazu ist Flexibilität notwendig, da vordefinierte Cubes oft nicht so zugeschnitten sind, dass unmittelbar sichtbar wird, in welchem Produktstrang Fehler auftauchen“, so Huwe. Mit den Analyseinformationen könne dann leichter proaktiv reagiert werden, fehlerhafte Teile würden bei betroffenen Kunden umgehend ersetzt. Für Huwe gehören Datenqualität und Vertrauen der Anwender in die Richtigkeit der Informationen zu den wesentlichen Voraussetzungen dafür, dass die User analytische Funktionen nutzen. „Bei der Einführung einer übergreifenden BI-Lösung ist auch ein Change-Management-Prozess notwendig, der die Anwender mitnimmt, ebenso wie eine Strategie für das Datenmanagement“, erklärt der Produktmanager. Für entsprechende Vorbereitungsprojekte seien im Falle von sehr heterogenen Datenstrukturen mindestens zwischen drei und sechs Monaten Zeit einzuplanen, um eine solide, eindeutige und somit belastbare Datengrundlage zu erlangen.

Der ERP-Hersteller arbeitet seit der Übernahme des BI-Spezialisten Business Objects an der Integration der BI-Lösungen mit eigenen Produkten. Business-User sollen durch eingebettete (embedded) Crystal Reports und Xcelsius-Dashboards direkt im ERP-System auf analytische Funktionen zugreifen. Zudem werden über den Business Objects Explorer weitreichende Suchfunktionen zur Verfügung gestellt. Im Laufe des Jahres will SAP Frontend-Tools für Ad-hoc-Anfragen ausliefern, die mit Hilfe so genannter Transient Provider in Echtzeit auf operative Daten zugreifen. Dann muss laut SAP nicht mehr das nächtliche Füllen des Business Warehouse abgewartet werden, um die aktuellsten Daten zur Hand zu haben. Zu einer exakten Terminierung der geplanten Roadmap für die Integration der BO-Anwendungen mit den SAP-Lösungen wollte sich das Walldorfer Unternehmen jedoch nicht äußern. „Der Blick nach hinten ist nicht mehr das Thema, es geht heute um die Intelligenz, zu erkennen, wie die Dinge sich entwickeln werden“, sagt Rainer Vogt. Kurz: Ursachenerkennung und Prognostik statt traditionellem Reporting. Wichtig für den Automotive-Bereich sei dabei vor allem ein intelligentes Qualitäts- und Bedarfsmanagement. „Erkenntnisse aus Garantiefällen im Aftersales- und Servicebereich helfen dabei, die Garantiekosten zu senken und das Image zu schonen, aber auch bei der Bedarfsoptimierung. Die Vorhersage, welche und wie viele Ersatzteile in Zukunft benötigt werden, ist allerdings nicht trivial und verlangt die Zusammenführung relativ vieler Daten.

Gerade im Aftersales-Service liegen jedoch große Umsatzpotenziale“, erläutert Vogt. Auch SAS setzt auf die enge Kopplung von BI und ERP. „Für den User sieht es so aus, als würde er das ERP-System nicht verlassen. Webservices sorgen dafür, dass alles wie aus einem Guss wirkt“, so Rainer Vogt. Datenintegration aus operativen und Legacy-Systemen sei eine Hauptaufgabe analytischer Anwendungen. Ein weiteres BI-Einsatzgebiet im Herstellerumfeld ist das Opinion Mining im Internet, bei dem Foren und Blogs nach Meinungen zu den eigenen Produkten durchsucht werden. Hinzu kommen alle Arten von Bedarfs- und Absatzprognosen. „Für die asiatischen Märkte stellt sich derzeit besonders die Herausforderung, einzuschätzen, welche Fahrzeuge zu welchem Preis künftig im Markt verlangt werden. Hier zu Lande geht es darum, die Variantenvielfalt in den Griff zu bekommen, ohne am Markt vorbei zu agieren“, meint Vogt.

Gerade für mittelständische Zulieferer ohne großes BI-Budget bietet es sich an, schon bei der Auswahl eines neuen ERP-Systems auf die Verdrahtung mit BI zu achten. Das Gros der ERP-Anbieter am Markt bemüht sich zunehmend um Integration analytischer Funktionen. „Bei der ERP-Prozessplanung muss BI konsequent mitgedacht werden – um alle BI-relevanten Daten mit einzubeziehen und so sämtliche geplanten Analysedimensionen versorgen zu können“, sagt Jens Thamer, Geschäftsführer des IT-Dienstleisters Prisma Informatik. Der Microsoft-Partner verzeichnet Interesse vor allem im Ersatzteilmarkt. Teilehändler können mit BI das Bestellverhalten der Kunden bewerten – wer kauft was wann über welches System – und zukünftigen Bedarf bestmöglich einschätzen. Im Fall des ERP-Systems Microsoft Dynamics NAV beispielsweise läuft die analytische Schiene über das unterliegende Datenbanksystem SQL Server und dessen Analysis Services. Die Präsentation der Daten erfolgt je nach Zielgruppe über SharePoint oder Reporting Services. „Für Zulieferer ist vor allem das Thema Produktionscontrolling – Qualitätsmanagement und Prozesseffizienz – ein heißes Eisen“, so Thamer. Zum einen gehe es um die Bewertung der eigenen Supply Chain, zum anderen um die Positionierung im Lieferantenmanagement der Auftraggeber.

Praxiserfahrungen zeigen, dass echte Integration bis dato ein eher mühseliges Geschäft ist. „Wir planen heute vier Jahre im Voraus und wissen, wie unter anderem ROI und Cashflow 2013 aussehen werden“, sagt Gerhard Jahn, Controller und Leiter Informationscenter bei Sonax. 2006 ging der Hersteller von Autopflegeprodukten in den Produktivbetrieb mit dem neuen ERPII-System Semiramis. Sonax hatte sich für den flexiblen Ansatz des komplett Java-basierten Systems entschieden, weil es eine bessere Verzahnbarkeit mit Cognos zu versprechen schien. Der Weg gestaltete sich jedoch schwierig.  „Es ist eine große Herausforderung, ein multidimensionales ERP-Sys-tem mit multidimensionalem BI zu verbinden – bisher sind ERP und BI wie Fisch und Fleisch, schlicht getrennte Welten“, führt Jahn aus. Besonders schwierig sei es gewesen, den Projektbeteiligten die betriebswirtschaftliche Zielsetzung zu verdeutlichen. IT-Spezialisten hätten zwar BI-, Data-Warehouse- oder ERP-Fachwissen, jedoch zu wenig BWL-Knowhow.
Das mittlerweile durchgängige Controlling und die Planung finden komplett in Cognos statt, unter Verwendung von Stammdaten aus Semiramis. Beispielsweise nutzt die Deckungsbeitragsrechnung ERP-Artikeldaten. Die Information, welche Kunden wann welches Produkt gekauft haben, kommt aus den ERP-Rechnungsdaten. Jede Nacht werden sieben Data Marts mit aktuellen Daten befüllt. „Anders als beim zweidimensionalen Excel können wir mit multidimensionalem Planen und BI einen Artikel aus 99 Dimensionen betrachten und diese jeweils 99 Stufen in die Tiefe schieben. Wir planen praktisch alles: von Umsätzen über Kunden bis hin zu Kosten, Artikeln und Finanzen“, erklärt Jahn. Der ERP-Anbieter, der zwischenzeitlich mehrfach gewechselt hat, baut jetzt eine BI-Funktionalität als Standard in Semiramis ein. „Das wird ähnlich lange dauern wie bei uns“, prophezeit Jahn.

Die Verzahnung bleibt indes immer noch Bastelarbeit für Unternehmen und Hersteller. Zugleich gilt der BI-Bereich als gute Möglichkeit für Multi-Vendor-Strategien. Viele Unternehmen setzen auf Best-of-Breed-Lösungen für BI, um die Abhängigkeit von einem einzigen Softwarelieferanten deutlich zu mindern. Ob diese Haltung ins Wanken gerät, wenn Anbieter wie SAP integrierte Funktionalität im Standard einschließen, bleibt momentan noch offen. Auch der Markt für Open-Source-BI boomt. Immer mehr Dienstleister in der Informationstechnologie wie Proratio oder Ancud bieten die nötige Sicherheit für quelloffene Lösungen wie Pentaho, Jaspersoft oder Palo.

Autorin: Daniela Hoffmann für automotiveIT


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