Traumauto im Wohnzimmer

Immer mehr Autohersteller bringen ihre eigenen Augmented-Reality-Apps auf den Markt, mit denen potenzielle Kunden einen ersten Blick auf das Modellportfolio werfen können. Bild: Daimler

| von Pascal Nagel

Für den einen ist es ein Fluch, für den anderen ein Segen, dass sich im Zuge der digitalen Transformation bestimmte Prozesse aus der physischen in die virtuelle Realität verlagern. Dazu gehört sicherlich auch der Automobilvertrieb. Was dereinst nur durch den Gang ins Autohaus erledigt werden konnte, lässt sich mittlerweile bequem mit dem Smartphone auf dem Sofa erledigen: die Visualisierung des künftigen Traum­autos. Mit den Mitteln der Mixed Reality lassen sich Wunschfahrzeuge auf dem heimischen Küchentisch in den verschiedensten Varianten und in allen Dimensionen darstellen.

Immer mehr Autohersteller bringen ihre eigenen Augmented-Reality-Apps auf den Markt, mit denen potenzielle Kunden einen ersten, durchaus detailreichen Blick auf das Modellportfolio werfen können. Mithilfe der Anwendung kann das entsprechende Fahrzeug in einer 3D-Ansicht in den Raum projiziert und nach Belieben konfiguriert und erlebt werden. Was wie eine Spielerei anmutet, könnte für die Autobauer künftig zu einem wichtigen ersten digitalen Touchpoint in der Customer Journey werden. automotiveIT hat sich daher die Apps von Mercedes-Benz, Volkswagen und BMW vorgenommen und auf Performance, Funktionsweise und Handhabung geprüft.

Mercedes cAR

Erst vor einigen Wochen hat Mercedes-Benz eine eigene AR-Anwendung in die App Stores gebracht. Zum Start steht die neue A-Klasse virtuell zur Verfügung, weitere Modelle sollen folgen. Zunächst begrüßt „Mercedes cAR“ den Nutzer allerdings nicht mit dem schicken Kompaktmodell, sondern mit einem 15-sekündigen Ladebildschirm. Danach geht es aber flott: Das Fahrzeug wird automatisch geladen, braucht also nicht explizit einen passenden Untergrund, und wird per Tipp auf den Screen abgesetzt.

Skalierung und Positionierung funktionieren hervorragend. Das digitale Modell präsentiert sich grafisch detailliert, vor allem das Interieur überzeugt optisch – besser geht es nicht. Ebenfalls ein Pluspunkt: Das Fahrzeug lässt sich in der App bereits konfigurieren. Der Nutzer kann frei durch Lackierungen, Sitzpolster, Felgen und Ausstattungslinien klicken. Das geht so zügig, dass sich einige Online-Fahrzeugkonfiguratoren – die grafisch meist weniger aufwendig daherkommen – eine Scheibe abschneiden könnten. Im Innenraum markieren Pfeile weitere Interaktions- und Informationsmöglichkeiten.

Allerdings sind diese erst nach einem Klick auf das Armaturenbrett sichtbar und drohen so übersehen zu werden. Auch verlinken diese Markierungen lediglich auf unbeschriftete YouTube-Videos zur A-Klasse. Hier wäre etwas mehr Übersicht besser gewesen. Ein cooles Feature ist der Fahrmodus: Schwenkt der Nutzer ins Interieur, lässt sich per Klick auf einen Extrabutton der Motor starten. In der rechten Bildecke erscheinen Gas- und Bremspedal, links ein Lenkrad. Damit kann der User den Kompaktwagen durch das eigene Wohnzimmer manövrieren, was durchaus so spaßig funktioniert, wie es klingt.

Die Mercedes cAR-App präsentiert das Ex- und Interieur der A-Klasse detailliert und grafisch ansprechend.

Wieso Mercedes die Verlinkungen zu Händlersuche, Probefahrten oder Hersteller-Homepage allerdings in der App versteckt, wird wohl das Geheimnis der Stuttgarter bleiben – sie werden erst dann vorgeschlagen, wenn man die genannten YouTube-Infovideos wegklickt. Zumindest der Link zum Konfigurator ist dauerhaft präsent und bezieht die Vorkonfiguration im Ex- und Interieur bereits mit ein. So ist die App, trotz leichter Abzüge bei der Bedienung, als gelungener Spagat zwischen Marketing- und Vertriebstool zu betrachten.

VW Touareg AR

Zum Start des neuen SUV-Flaggschiffs von Volkswagen spendieren die Wolfsburger dem neuen Touareg ein virtuelles Abbild: Mit der App „Touareg AR“ können Smartphone-Nutzer den Geländewagen in die eigene Garage oder auf den Schreibtisch im Büro stellen und detailgetreu erleben. Apropos Erlebnis: Die Anwendung startet zunächst mit einem rund 30-sekündigen Video, nachdem man sich für einen von zwei Touareg in unterschiedlicher Farbe und Ausstattungslinie entschieden hat.

Natürlich lässt sich bereits hier das Fahrzeug mit einem Schwenk des Smartphones umrunden. Dann startet das eigentliche Augmented-Reality-Tool: Der Nutzer wird aufgefordert, sich eine ebene Fläche zu suchen, ein passender Untergrund wird mit blauen Punkten gekennzeichnet. Daraufhin lässt sich das SUV mit zwei Fingern skalieren, ausrichten und letztlich absetzen. Nun kann sich der Nutzer frei mit dem Smartphone um das Fahrzeug bewegen sowie ins Interieur eintauchen.

Die Performance der App überzeugt: keine Wartezeiten, kein Ruckeln, kein Wackeln. Auch die Details des digitalen Touareg stimmen, ebenso die Bedienung der Anwendung. Am rechten Bildschirmrand befinden sich Buttons für die Neupositionierung des Fahrzeugs, für weitere Informationen – etwa Verlinkungen zur VW-Homepage, Händlersuche oder zum Konfigurator – oder zum Knipsen von Screenshots. Der Funktionsumfang der App kennt allerdings noch Luft nach oben.

Der Touareg von VW macht auch im kleinen Maßstab eine gute Figur – die Volkswagen Touareg AR-App macht’s möglich.

Zwar lassen sich an einigen Stellen am Fahrzeug zusätzliche Infos und Animationen laden, etwa zum Matrixlicht oder dem Infotainmentsystem. Das ist durchaus übersichtlich und ansprechend gestaltet. Soll die App aber mehr sein als ein reines Marketingtool für ein neues Modell, wären noch einige Features zur besseren Einbindung in die Customer Journey wünschenswert gewesen. So lässt sich das Auto selbst nicht weiter bearbeiten, eine Auswahl der Farbe oder Felgen ist nicht möglich.

Letztlich bleibt es bei der Verlinkung zum Konfigurator auf der VW-Homepage. Eine verpasste Chance, denn für den Nutzer mit Kaufinteresse wäre es ein attraktives Feature, sich „seinen“ Touareg bereits in der eigenen Garage in Lebensgröße anschauen zu können. Dennoch weiß die Touareg AR-App in puncto Performance, Bedienung und Spielspaß zu überzeugen.

BMW i Visualiser

Die älteste der hier gecheckten Anwendungen ist der BMW i Visualiser, der aus einem Pilotprojekt mit dem IT-Dienstleister Accenture zu Beginn des Jahres 2017 hervorgegangen ist. Mit der App wollen die Münchner ihre Elektrobaureihe um den i3 und i8 für Kunden erfahrbar machen. Sie basiert in ihrer Urversion auf Googles AR-Technologie Tango. Der Nutzer kann in der App zwischen i3, i3s und i8 auswählen. Nach einer kurzen Ladezeit muss nun eine geeignete Projektionsfläche gefunden werden, auf der das i-Modell positioniert werden kann.

Nutzt man die AR-App im Büro oder Wohnzimmer, könnte es an dieser Stelle etwas verwirrend werden. Denn im Gegensatz zu anderen Visualisierern wird bei BMW das Fahrzeug fast im Maßstab 1:1 in den Raum geworfen. Projiziert man es beispielsweise auf den Tisch, baut sich das Auto um den Nutzer herum auf, der dann zunächst sozusagen aus dem Fahrzeug heraustreten muss, um es in seiner Gänze begutachten zu können. Bei einigen Versuchen im Innern hing das i-Modell gar irgendwo in der Luft. Ein klares Manko, zumal sich die Projektion nur kontraintuitiv verkleinern lässt.

Ist das Auto erst einmal korrekt positioniert, kann sich der Nutzer über eine hohe Detailtiefe und hervorragende grafische Darstellung freuen. Das Fahrzeug lässt sich im 360-Grad-Modus drehen, Türen und Kofferraum können geöffnet werden. In der AR-App integriert ist ein rudimentärer Konfigurator, mit dem sich Farben im Exterieur und Interieur sowie die Felgen bestimmen lassen. Ein paar mehr Funktionen wie interaktive Elemente im Innenraum oder einen Fahrmodus hätten es gerne schon sein dürfen.

Mit dem i Visualiser kann der Nutzer die Elektro- und Hybridmodelle der BMW-Submarke hautnah erleben.

Positiv: die Screenshot-Funktion mit Möglichkeiten zum Beschriften, Speichern und Teilen sowie ein virtueller Modus, der das Fahrzeug ohne Umgebungsbild darstellt. Zudem lässt sich das in der AR kreierte Wunschauto relativ reibungslos im Onlinekonfigurator auf der BMW-Seite weiter anpassen. Eine integrierte Händlersuche auf Basis von GPS-Standortdaten ist ein weiterer Pluspunkt in Sachen Einbindung in die Customer Journey. Fazit: Der BMW i Visualiser ist eine technisch und grafisch gut umgesetzte AR-App mit begrenztem Funktionsumfang und einer eingeschränkten Visualisierung, die nicht durch besonders intuitive Handhabung glänzt.

Fazit: Insgesamt liefern sich die zwei neueren AR-Apps von Mercedes-Benz und Volkswagen ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Dabei lässt sich festhalten: Was die eine App gut macht, daran mangelt es bei der anderen, und umgekehrt. So ist die A-Klasse zwar optisch und funktionell hervorragend in Szene gesetzt, bleibt jedoch an vielen Stellen zweite Infoebenen schuldig. Die Mercedes-App ist im Gegensatz zu VW nicht nur Spielerei, sondern dank gutem Konfigurator und integrierter Anbindung an den Handel ein echtes Vertriebstool.

Der Touareg-Anwendung hingegen mangelt es an einer reibungslosen Einbindung in die Customer Journey, sie überzeugt jedoch durch eine Vielzahl informativer interaktiver Elemente. Eine Kombination aus beiden Anwendungen wäre wohl die perfekte AR-App. Nicht ganz mithalten kann der BMW i Visualiser, der zwar den Vergleich mit Mercedes und VW optisch und bei der Anbindung an den Vertrieb nicht scheuen muss, in Sachen Handhabung und Funktionsumfang doch deutlich hinterherhinkt. Mankos, die mit dem Alter der App erklärt, aber nicht unbedingt entschuldigt werden können.