Der Mann, der Autos ins Stromnetz bringt
Philipp Stöckert arbeitet dort, wo Autoindustrie und Energiewirtschaft aufeinandertreffen. Bei Elli entwickelt er Geschäftsmodelle für Vehicle-to-Grid und muss dafür Fahrzeug, Wallbox, Strommarkt, Software und Regulierung zusammenbringen.
Facettenreicher Job: Stöckerts Tätigkeitsfeld reicht von Markt- und Kundenanalysen über Business Cases und Partnergespräche bis zur konkreten Produktentwicklung.
elli / Collage automotiveIT / KI modifiziert
Auf Philipp Stöckerts Visitenkarte steht „Lead Business Design & Partnerships“. Das sagt noch nicht allzu viel. Sein Job bei Elli, dem Energie- und Ladedienstleister des Volkswagen-Konzerns, lässt sich mit „V2G Specialist“ umreißen. Doch es geht präziser: „V2G Specialist beschreibt das Themenfeld, greift für die tatsächliche Aufgabe aber etwas zu kurz“, sagt Stöckert. Denn er entwickelt nicht einzelne technische Komponenten.
Er versucht, aus den Möglichkeiten, die Elektromobilität bietet, Produkte und Geschäftsmodelle zu entwickeln. „Business Development Manager Vehicle-to-Grid beschreibt die Rolle vielleicht genauer“, erklärt der 44-Jährige. Das Grundprinzip von Vehicle-to-Grid, kurz V2G, ist schnell erklärt: Ein Elektroauto lädt nicht nur Strom aus dem Netz. Seine Batterie kann zu definierten Zeiten auch Energie bereitstellen. Werden viele Fahrzeuge gebündelt, entsteht daraus eine weitere Kapazität für das Stromnetz.
Es braucht ein Produkt für den Volumenmarkt
Damit beginnt für Stöckert die eigentliche Herausforderung: „Die Aufgabe besteht heute nicht mehr nur darin zu zeigen, dass Vehicle-to-Grid technisch funktioniert, sondern daraus ein Produkt für den Volumenmarkt zu entwickeln.“ Dafür gibt es im Volkswagen-Konzern bereits eine solide Ausgangsbasis: Rund eine Million Stromer seien in Europa technisch auf bidirektionales Laden vorbereitet. „Nun geht es darum, daraus ein Angebot zu entwickeln, das mit Kundenbedürfnissen, Strommarkt und Regulierung zusammenpasst“, beschreibt Stöckert das Ziel seines Jobs.
Für Kunden kann das die Energiekosten senken. Gleichzeitig kann V2G helfen, erneuerbare Energien besser ins Stromsystem einzubinden. Elli übernimmt als Energie-Experte des Volkswagen-Konzerns die energiewirtschaftliche Steuerung. Dazu gehören die Optimierung, die Aggregation verfügbarer Batteriekapazitäten und die Vermarktung der Flexibilität am Energiemarkt. Stöckert kümmert sich dabei um die Geschäftsmodellseite: Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein? Welche Partner braucht es? Welche regulatorischen Bedingungen gelten? Und wie muss das Produkt für den Kunden aufgebaut sein?
Die Wallbox ist nicht das eigentliche Problem
Wer bei V2G vor allem an Batterie, Wallbox und Ladeleistung denkt, greift nach Stöckerts Erfahrung zu kurz. „Die größten Herausforderungen liegen derzeit weniger bei einer einzelnen technischen Komponente als bei den regulatorischen und energiewirtschaftlichen Prozessen.“ Ein (wenig rühmliches) Beispiel ist der Smart-Meter-Rollout. Auch die Prozesse mit Netzbetreibern spielen für seinen Job eine große Rolle. Vorgaben wie MiSpeL (steht für „Marktintegration von Speichern und Ladepunkten“ und ist eine regulatorische Festlegung der Bundesnetzagentur für die Elektromobilität und Energiewende) zeigten: Neben Fahrzeug und Wallbox müssen eben auch Messung, Marktkommunikation und regulatorische Abläufe funktionieren.
Stöckerts Arbeit reicht von Markt- und Kundenanalysen über Business Cases und Partnergespräche bis zur konkreten Produktentwicklung. Er arbeitet mit Produktteams, Softwareentwicklung, Energieexperten, Regulierung, externen Partnern und den Marken des Volkswagen-Konzerns zusammen. Gerade bei Mehrmarkenprodukten müssen unterschiedliche Modelle und Kundenschnittstellen berücksichtigt werden, gleichzeitig sollen Lösungen auf gemeinsamen Konzernplattformen funktionieren. „Entsprechend wechselt mein Alltag zwischen strategischer Konzeption und sehr konkreten Fragen der Umsetzung“, erläutert Stöckert.
Ein zentraler Schwerpunkt seiner Arbeit ist die Kommerzialisierung von Vehicle-to-Grid und Vehicle-to-Home (V2H). Gemeinsam mit Volkswagen, Volkswagen Nutzfahrzeuge und CUPRA arbeitete er unter anderem an einem V2G-Angebot, bei dem Fahrzeug, Elli BiDi Charger, Stromtarif, Elli BiDi App und energiewirtschaftliche Steuerung zusammenspielen. Was ihn an der Arbeit reizt, ist der ständige Abgleich zwischen Möglichem und Machbarem: „Spannend finde ich, wie viele unterschiedliche Voraussetzungen erfüllt sein müssen, bevor aus einer technologischen Möglichkeit tatsächlich ein Produkt werden kann.“
Gesucht: Wanderer zwischen den Welten
Die Rolle gibt es bei Elli in dieser Form seit ungefähr drei Jahren. Und das Aufgabenprofil entwickelt sich weiter, weil Vehicle-to-Grid als kommerzielles Produkt noch ein eher junges Feld ist. Wer in diesem Umfeld arbeiten will, sollte nach Stöckerts Einschätzung ein paar Skills mitbringen. „Man braucht ein gutes technisches und energiewirtschaftliches Grundverständnis und gleichzeitig Business-Know-how.“ Entscheidend sei, beurteilen zu können, was technisch möglich ist, welchen Nutzen eine Lösung für Kunden hat und ob daraus ein tragfähiges Geschäftsmodell entstehen kann.
Einen klassischen Spezialisten brauche es dabei nicht unbedingt: „Ich sehe die Funktion eher als Generalistenrolle.“ Wenn sich Stöckert jedoch für einen fachlichen Hintergrund entscheiden müsste, wäre ein Background in der Energiewirtschaft besonders hilfreich. Schließlich prägen Strommärkte, Flexibilitätsvermarktung und Regulierung viele V2G-Geschäftsmodelle. Gleichzeitig sei Erfahrung mit der Automobilindustrie wertvoll, um Fahrzeug- und Entwicklungsprozesse eines OEM zu verstehen. Stöckert: „Man muss dabei nicht in jedem Bereich Spezialist sein. Neugier, analytisches Denken und der Umgang mit komplexen Zusammenhängen sind mindestens genauso wichtig.“
Ein Berufsfeld, das erst entsteht
Er selbst bringt diese Kombination mit. Stöckert studierte Wirtschaftsingenieurwesen sowie Technology Entrepreneurship & Innovation Management. Danach arbeitete er zunächst als Innovation Manager im Bereich Windenergie, später als Unternehmensberater mit Schwerpunkt Digital Innovation und Elektromobilität. Anschließend wechselte er zu Elli, zunächst ins Business Development und später in den Bereich Business Design & Partnerships.
An V2G reizt ihn, dass viele Geschäftsmodelle und Prozesse noch entstehen. „Bei Vehicle-to-Grid kommen dabei zwei Dinge zusammen, die ich persönlich spannend finde: Das Produkt kann für den Kunden einen finanziellen Vorteil schaffen und gleichzeitig Flexibilität für das Energiesystem bereitstellen.“
Mit zunehmender Elektromobilität werden Fahrzeuge und Energiesystem stärker miteinander vernetzt, was neue Aufgaben an der Schnittstelle von Automotive, Energiewirtschaft, Software und Regulierung mit sich bringt. Ob die Menschen dahinter künftig V2G Specialist oder Business Development Manager heißen, ist dabei fast nebensächlich. Entscheidend ist, dass sie mehrere Systeme verstehen und aus ihrem Zusammenspiel Produkte machen. So wie Philipp Stöckert.