automotiveIT Kongress 2020

Die Chefredaktion von automotiveIT und carIT, Ralf Bretting und Pascal Nagel, führen durch den virtuellen automotiveIT + carIT Kongress 2020.

| von Werner Beutnagel

Henrik Green, CTO, Volvo

Nach einer kurzen Begrüßung durch die Chefredaktion von automotiveIT und carIT betritt mit Henrik Green, CTO von Volvo Cars, der erste Referent die virtuelle Bühne des automotiveIT + carIT-Kongresses 2020. Die Coronakrise habe beim schwedischen Hersteller zentrale Fragen nach der Zukunft des eigenen Unternehmens aufgeworfen, so Green. Dies habe zu der Entscheidung geführt, die wichtigen Zukunftsthemen Elektrifizierung und Connectivity noch stärker zu forcieren als bisher. „Wir werden zu einem elektrischen Fahrzeugbauer“, erklärt Green. Nach dem Volvo XC40 Recharge soll jedes Jahr ein neues E-Modell auf den Markt kommen, bis die gesamte Modellpalette elektrifiziert ist. Gleichzeitig sei es nicht ausreichend, das Fahrzeug an sich unter Strom zu setzen, es sei auch ein Umdenken in der Art der Energieerzeugung notwendig, um die Nachhaltigkeitspotentiale entsprechender Fahrzeuge vollständig auszunutzen.

Gleichzeitig wolle man die Benutzererfahrung im Fahrzeug verbessern und die Flexibilität eines Smartphones erreichen. Unter anderem setze man daher auf Google-Dienste im Infotainment-System sowie auf Over-the-Air-Updates, um das Fahrzeug auf dem aktuellsten Stand zu halten. Dies sei nicht nur optimal, um Software-Fehler zu beheben, sondern auch, um Verbesserungen und neue Funktionen nicht nur mit neuen Fahrzeugen auszurollen, sondern über den gesamten Lebenszyklus bereitzustellen.

Mit dem “Highway Pilot” möchte Volvo ab dem Jahr 2022 autonome Fahrfunktionen auf Schnellstraßen bereitstellen. Dabei stehe vor allem das Thema Sicherheit auf der Agenda, weshalb Volvo eine sukzessive Erweiterung der Funktion plant, sofern sie sich als sicher erweisen.

Doch nicht nur das Fahrzeug an sich sei derzeit in einer Transformation inbegriffen, so Green, auch die Art, Mobilität zu nutzen, verändere sich aktuell rapide. Digitale Dienste wie Netflix hätten vorgemacht, dass Nutzer zunehmend flexiblere Abo-Modelle fordern. Auch vor der Autobranche mache diese Entwicklung nicht Halt, weshalb Volvo unter anderem Fahrzeuge im Abo-Modell anbietet.

Jan Wehinger, Partner Head of Cluster Intelligent Mobility, MHP

Die großen Trends innerhalb der aktuellen Mobilitätswende thematisiert Jan Wehinger, Partner Head of Cluster Intelligent Mobility bei der Management- und IT-Beratung MHP. Im Fokus stehen dabei unter anderem die CASE-Themen rund um elektrische, vernetzte, geteilte, multimodale und autonome Mobilität. Zudem stellt Wehinger die zentralen Ergebnisse einer Studie der Forschungskooperation WeTalkData vor, an der MHP und die Motor Presse Stuttgart beteiligt sind. Ein zentrales Ergebnis: Das Auto genießt bei den Studienteilnehmern weiter hohen Stellenwert, während alternative Mobilitätsangebote zwar bekannt sind, aber nur selten genutzt werden. Für die Mobilitätswende sei es zudem für Unternehmen nötig, sich neu aufzustellen, um mehr Agilität aufzubauen und dem Kunden passende Angebote zu liefern, so Wehinger.

Beate Hofer, CIO (komm.), Volkswagen

Beate Hofer, kommissarische CIO von Volkswagen, ist die dritte Referentin des automotiveIT + carIT-Kongress 2020. In Folge von Corona habe es Volkswagen mit einem „digitalen Stresstest“ zu tun gehabt, aus dem man nun die ersten Lehren ziehen könne: Die Pandemiepläne der IT hätten sich ebenso bewährt wie die Verlagerung von Mitarbeitern ins Homeoffice basierend auf Vertrauen. Zudem sei bereits innerhalb der aktuellen Krise ersichtlich, dass sich der Stellenwert der IT exponentiell erhöhen werde.

In der IT selbst arbeite man derzeit an einer Neuausrichtung der Lieferkette, einer stärkeren Bündelung der vorhandenen Kompetenzen in Konzern, sowie der zunehmenden Realisierung einer plattformbasierten IT-Landschaft. Dies verhindere unter anderem Doppelentwicklungen und erhöhe die Synergie zwischen verschiedenen Bereichen. Dabei schöpfe man die Potenziale der Cloud aus, um die Durchgängigkeit von Prozessen und Daten sicherzustellen. Dort, wo Standardprozesse vorhanden seien, so Hofer, setze man auf Standardsoftware. Dort wo Prozesse wettbewerbsdifferenzierend seien, kommen eigens entwickelte Tools zur Anwendung. Zudem stärke man die Kooperation auch mit in- und externen Partnern.

„Letztendlich ist eine Strategie aber nur so gut wie die Kultur in der sie aufgeht“, ergänzt Hofer. Wichtig sei Kundenorientierung, Team-Spirit und eine gemeinsame Sprache – „egal, ob dies nun deutsch, englisch oder Java ist.“

Helmut Matschi, Vorstandsmitglied, Continental

Helmut Matschi, Leiter des Geschäftsfelds Vehicle Networking and Information und Mitglied des Vorstands bei Continental, spricht über das Thema High Performance Computing in der Autobranche. Als Beispiel nutzt Matschi in seinem Vortrag die Systeme im ID.3 von Volkswagen, in dem HPCs die Aufgaben von Steuergeräten bündeln.

Derzeit gelte es in diesem Zusammenhang, die drei Disziplinen Architektur, Integration und Projektmanagement zu meistern. Im Bereich der Architektur entwickele sich derzeit alles in Richtung Software: Vor allem bei traditionellen Steuergeräten seien bei Over-the-Air-Updates aber die Grenzen der Praktikabilität erreicht – vor allem vor dem Hintergrund der Cybersecurity. Daher entwickele sich die Branche zunehmend in Richtung sicherer und updatefähiger HPCs. Neben der Sicherheit seien auch ein höheres Maß an Flexibilität und Skalierbarkeit Argumente für entsprechende Architekturen. Durch die neue Partition der Funktionen benötige man jedoch auch eine neue Herangehensweise an den Bereich Integration. Unter anderem sei durch eine vertikale Durchgängigkeit von der Cloud bis zum Sensor die Updatability der Systeme optimal gegeben.

Christian Mezler-Andelberg, Vice President IT Infrastructure & Engineering, Magna

Christian Mezler-Andelberg übernimmt den ersten Vortrag nach der Mittagspause des automotiveIT + carIT Kongress. „Wir sehen uns inzwischen auch als Mobility Technology Company“, beginnt Magnas IT-Chef seinen Vortrag. Diese und weitere aktuelle Herausforderungen hätten zunehmend zu einem Ausbau der Cloud-Nutzung beim Zulieferer und Auftragsfertiger geführt. Begonnen habe man diese Entwicklung, die sich nun kontinuierlich fortsetzt, bereits vor fünf Jahren mit der Migration zu Office365. Aktuell arbeitet Magna unter anderem bei der Verarbeitung und Analyse von ADAS-Daten aus dem Fahrzeug mit Amazon-Lösungen. Infrastruktur-Lösungen on Premise seien hingegen fast vergleichbar mit PS-starken Verbrennern, so Mezler-Andelberg: Eine romantische Investition in eine überholte Technologie. Gleichzeitig gelte es derzeit längst nicht mehr, das Rechenzentrum zu virtualisieren, sondern vielmehr, „Cloud-native“ zu denken.

Oliver Bahns, Head of Connected Mobility, Deutsche Telekom AG, T-Systems, Digital Solutions

Im Zentrum des Vortrages von Oliver Bahns steht die künftige Bedeutung von Connected Car Services für die Autohersteller. “Connected Car Services definieren zunehmend das Produkt Fahrzeug“, erklärt der IT-Experte von T-Systems. Für Hersteller erhebe sich aus dieser Entwicklung eine Vielzahl neuer Trends: Einerseits zum Upgrade und zur Monetarisierung im Fahrzeug, andererseits zur direkten Kundenansprache und -bindung. Gleichzeitig seien Connected Car Services zunehmend ein relevantes Differenzierungsmerkmal, wenn Kunden sich für ein neues Fahrzeug entscheiden. Dies erfordere eine schnellere Time-to-Market, damit die Automobilindustrie mit den großen IT-Playern mithalten kann. Technisch seien Over-the-Air-Updates hier ein geeignetes Mittel zur Umsetzung, organisatorisch betrachtet sei dies durch die Zusammenarbeit mit Drittanbietern und deren Integration in eigene Plattformen realisierbar.

Johann Jungwirth, Vice President Mobility-as-a-Service, Mobileye

Nun teilt Johann Jungwirth, Vice President Mobility-as-a-Service bei der Intel-Tochter Mobileye, seine Ansicht zum Thema autonomes Fahren. Derzeit befinde man sich auf dem Weg zum autonomen Fahren auf Level zwei, im Jahr 2022 sei bereits mit Mobility-as-a-Service-Lösungen mit autonomen Fahrfunktionen auf Level vier und fünf zu rechnen, im Jahr 2025 werden nach Ansicht von Jungwirth Passagierfahrzeuge mit Fahrfunktionen der Level drei bis fünf direkt von Kunden bestellbar sein. Dabei verspreche die Technologie eine bessere Platznutzung in Städten, Vorteile in den Bereichen Effizienz und Nachhaltigkeit sowie mehr Sicherheit im Verkehr. Nutzern verspreche das autonome Fahren hingegen einen immensen Zeitgewinn und niedrigere Kosten. Für Anbieter entsprechender Lösungen wie Mobileye eröffne dies eine Reihe neuer Geschäftsfelder: Vom Vertrieb von Self-Driving-Systems über Vehicles-as-a-Service und Rides-as-a-Service reichen die entsprechenden Optionen bis hin zum vollständigen Aufbau eigener Robotaxi-Dienste.

Breakout Sessions: Forcam / NTT Data / Nutanix

Nach dem Vortrag von Johann Jungwirth teilt sich der Kongressprogramm in drei Breakout-Sessions auf. Im Vortrag von Forcam zeigen Dominik Amann und Jürgen Vischer auf, wie sich fertigende Unternehmen strategisch auf Wertschöpfung fokussieren und die Teams zu eigenverantwortlicher Arbeit befähigen können. Parallel dazu erläutert Nutanix-Experte Jens Brauer die aktuellen Umwälzungen in der Autobranche, die eine Konzentration auf das Kerngeschäft erfordern. Ein wesentlicher Erfolgsfaktor hierbei sei die agile Gestaltung der IT-Infrastruktur. In der Session von NTT Data sprechen Matthias Fickler und Frank Schmidt über die Herausforderungen in der Homologation mit Schwerpunkt auf die Themen Software-Updates und Cybersecurity. Im Fokus steht unter anderem der neue Standard UN ECE WP-29.

Alexander Stamm, CIO, Mann+Hummel

Den letzten Block des ersten Kongresstages eröffnet Alexander Stamm, CIO von Mann+Hummel, der die aktuelle Transformation beim Zulieferer skizziert. Man verfolge in diesem Zusammenhang eine duale Strategie: Einerseits verstärke und verbessere man das bestehende Geschäftsmodell, andererseits nutze man digitale Werkzeuge, um Kunden und Märkte besser erreichen zu können. Zum Einsatz zur Messung des Erfolges kommen hierbei Objective Key Results (OKRs) auf Basis erfasster KPIs. „Nach der Phase der Standardisierung kommt die Phase der Automatisierung“, erklärt Stamm im Zusammenhang mit den Shared Services die eigenen Ziele.

Joseph Reger, CTO Central & Eastern Europe, Fujitsu Technology Solutions

Joseph Reger, CTO Central & Eastern Europa bei Fujitsu Technology Solutions, stellt Anwendungsfälle für Quantum Computing in industriellen Anwendungen vor. Fujitsu setzt in diesem Zusammenhang auf den Digital Annealer, eine Vorstufe zum Quantum Annealer und dem Quantum Gate Computing, die Quantum Computing-Systeme mit herkömmlicher Hardware simuliert. Mit einem entsprechenden Rechensystem seien bereits jetzt etwa Auswahl-, Gruppierungs- oder Zuordnungsprobleme zu lösen. Generell sei der Digital Annealer, so Reger, in der Lage, Probleme zu lösen, wenn kein bekannter Algorithmus hierfür vorhanden oder die Berechnung zu schwer für herkömmliche Computer ist. Als Anwendungsfall führt Reger Systeme zur Geräuschunterdrückung im Fahrzeug mit Hilfe des Digital Annealers sowie einen Use Case bei der Optimierung von Abläufen im Robotik-Bereich an. Im Bereich der Routenführung führt Fujitsu zudem ein Projekt am Hamburger Hafen durch.

Engelbert Wimmer, Co-Founder CarFellows, CEO e&Co

Den vorletzten Vortrag des ersten Kongresstages übernimmt Engelbert Wimmer, Co-Founder von CarFellows und CEO von e&Co, der die Digitalisierung des Fahrzeugvertriebs beleuchtet. Die beiden zentralen Treiber in diesem Zusammenhang seien derzeit der Kostendruck und die neuen Anforderungen im Bereich der Customer Experience. Dabei beeinflusse die Digitalisierung bereits jetzt massiv den Vertrieb: Dies zeige sich, so Wimmer, unter anderem an der hohen Nachfrage nach Informationen im Vorfeld eines Kaufes, mit denen Kunden durchschnittlich 14 Stunden vor einem Kauf verbringt. An dieser Stelle setze auch das Unternehmen Carfellows mit einer eigenen Plattform an, das Wimmer im Rahmen seines Vortrags als Case Study präsentiert. Im Gegensatz zu traditionellen Vertriebswegen im digitalen Raum versuche Carfellows nicht, den Kunden wieder in den Showroom zu locken, sondern die gesamte Abwicklung des Fahrzeugkaufs online abzubilden. Mit „Contract as a Service“ möchte das Unternehmen so für Hersteller, Händler und Kunden ungenutzte Potenziale im Handel heben.

Thomas Buck, SVP Information Technology, Vitesco Technologies

Den letzten Vortrag des ersten Kongresstages übernimmt Thomas Buck, SVP Information Technology bei Vitesco Technologies, der die digitale Transformation des Zulieferers vorstellt. Dabei gelte es unter anderem, die eigenen Arbeitsplätze auf den neuesten Stand zu bringen. „Unser zukünftiger Client kommt aus der Cloud“, so Buck. Gleiches gelte für den Bezug der Software im eigenen Unternehmen. „Wir haben uns entschieden, wo immer wir können Richtung Cloud zu gehen“, erklärt Buck auch in Bezug auf das Backend. Durch die verstärkte Nutzung der Cloud schaffe man unter anderem eine flexible, skalierbare Grundlage für die eigene Arbeit, die dazu auch State-of-the-Art-Sicherheit ermögliche.

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