Mensch tippt am Laptop

Mit Hilfe von neuen Low-Code-Systemen können auch Mitarbeiter außerhalb der IT eigene Softwarelösungen entwickeln.

| von Harald Weiss

Software-Entwicklung mit Hilfe von Low-Code-Plattformen ist in der Fertigungs- und Automobilindustrie bereits weit verbreitet. Appian, ein auf diese Methoden spezialisierter Anbieter nennt unter anderen Daimler als Referenzkunden und auch BMW, Audi, Honda, Kawasaki und GM berichten alle über erfolgreiche Low-Code-Anwendungen. Bislang wird diese einfache Art der Software-Erstellung vorwiegend bei den administrativen IT-Bereichen eingesetzt, wo sich inzwischen sogenannte Citizen-Developer etabliert haben. Dabei handelt es sich nicht um professionelle Software-Entwickler, sondern um Anwender, die aufgrund ihres technischen Verständnisses in der Lage sind, auf einer vorgegebenen Low-Code-Plattform neue Programme zu erstellen und zu pflegen. Das bedeutet zum einen, dass zusätzlich zu den professionellen Entwicklern weitere Mitarbeiter für die Programmierung und Systempflege bereitstehen, zum anderen aber ergibt sich dadurch auch eine deutliche Effizienzsteigerung, weil die Kommunikation zwischen den Fachbereichen und IT vereinfacht wird. Salopp gesagt: Citizen-Developer müssen sich nur mit sich selbst abstimmen.

Low-Code erobert die Fertigung

Basierend auf den positiven Erfahrungen bei den Business-Anwendungen erobert Low-Code jetzt auch die Fertigung. Ziel ist es, auch hier den Entwicklungsrückstand abzubauen. So hat der ebenfalls auf Low-Code spezialisierte Anbieter OutSystems herausgefunden, dass 64 Prozent der Fertigungsbetriebe Rückstände bei der Applikations-Entwicklung haben – und nur bei 31 Prozent ist dieser Backlog im vergangenen Jahr zurückgegangen. Dass der Bedarf nach mehr Software in den Produktionsprozessen ansteigt, liegt auch daran, dass IT und OT immer stärker zusammenwachsen – und folglich die IT-Methoden immer tiefer in die Industrieautomatisierung vordringen. Ein deutlicher Hinweis darauf war die Akquisition des Low-Code-Anbieters Mendix durch Siemens vor zwei Jahren. „Wir werden differenzierte Softwareangebote einschließlich neuer IoT-Dienste auf den Markt bringen, indem wir das tiefgreifende Branchen-Know-how von Siemens mit der Mendix-Plattform kombinieren“, sagte Mendix-CEO Derek Roos damals über die Pläne beider Unternehmen.

Auf der jüngsten Mendix-Veranstaltung konnte er dann gemeinsam mit Rainer Brehm, CEO von Siemens Factory Automation, die Früchte der Integrationsarbeit präsentieren. Kernstück ist eine Industrial-Edge-Plattform, die in Kombination mit den Simatic-Systemen genutzt werden kann. „Mit Industrial Edge kann die Produktivität von OT und IT deutlich gesteigert werden“, meint Brehm. So soll es jetzt möglich sein, Low-Code-basiertes industrielles Edge-Computing und containerisierte Anwendungen direkt im industriellen Umfeld und in Embedded Devices ablaufen zu lassen.

„Ein Fertigungsingenieur kann somit seine Anwendungen selber schreiben, modifizieren und deployen – und zwar ohne die IT-Abteilung in Anspruch zu nehmen“, glaubt Brehm. Ähnlich ist die Einschätzung bei Mendix. „Für OT-Ingenieure ist der Einstieg und die Nutzung von Low Code recht einfach, denn sie sind es gewohnt zu abstrahieren und mit Modellen zu arbeiten, und genau das ist die Basis von Low-Code“, sagte Mendix‘ CTO Johan den Haan. Der Vorstoß in Richtung OT hat seiner Ansicht noch andere Vorteile. „Über unseren neuen Data Hub kann die Mendix-Plattform auch mit vielen ERP-Systemen integriert werden. Das bedeutet, dass wir als eine Art Interface zwischen den Maschinen-Systemen und der Business-IT fungieren können“, erläutert den Haan die neuen Möglichkeiten. Dazu gehören unter anderen Azure IoT, MindSphere, SAP oder IBM Maximo.

Industrieplattformen unterstützen Techniker

Eine weitere Ankündigung für die Industrie ist die neue Low-Code-Plattform Mendix Industry Solution. Diese soll mit der Zeit mit vorgefertigten Industrie-spezifischen Lösungen, App-Services und App-Templates gefüllt werden, die sich an alle Arten von Industrie-Einrichtungen richten. Ziel sind eine Reihe an vertikalen Industrie-Lösungen. Die erste davon ist Mendix Field Management Solution, die sich an den Einsatz von Service-Technikern richtet.

Trotz der engen Verzahnung mit der Muttergesellschaft will Mendix keine de facto Siemens-Abteilung werden. So betont man immer wieder, dass sich deren Plattform-Verbindungen nicht exklusiv auf Siemens beziehen. „Die Anbindung der Mendix-Plattform mit OT ist nicht auf Siemens und MindSphere begrenzt. Es gibt ähnliche Möglichkeiten mit allen gängigen Plattformen, beispielsweise auch mit PTC“, lautet der klare Hinweis von den Haan.

Außer Mendix haben auch Appian und OutSystems die Industrie ins Visier genommen. Die Appian-Plattform verfügt über einen umfangreichen App-Store mit verschiedenen Industrie-spezifischen Apps, beispielsweise für das Tracking von Werkzeugen, Halbprodukten und Fertigteilen. OutSystems legt größten Wert auf ein offenes System und geht deshalb keine engere Kooperation mit den Automatisierungsanbietern ein. „Wir arbeiten mit vorkonfigurierten Konnektoren, wie wir sie beispielsweise auch zu den CRM- und ERP-Systemen bereitstellen. Damit können die Kunden ihre Applikationen so erstellen, dass sie sich nahtlos in deren Systeme integrieren lassen und diese vollständig ergänzen“, sagt Martin Otten, Regional Vice President Central Europe bei OutSystems.

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