Siemens-CIO Hanna Hennig

Hanna Hennig: „Der offene Ansatz von Catena-X kann die Branche wirklich weiterbringen. Jeder proprietäre Ansatz kostet nur Geld." (Bild: Claus Dick)

Frau Hennig, Sie sind seit fast zwei Jahren CIO bei Siemens – und haben sich Ihren Start sicherlich anders vorgestellt. Sie hatten sich noch nicht ganz einleben können, da mussten Sie den reibungslosen Mobile-Work-Betrieb von hunderttausenden Mitarbeitern sicherstellen. Wie haben Sie das geschafft?

Wie Sie schon richtig sagen: Wir haben rund 300.000 Mitarbeiter ins Homeoffice geschickt. Das schafft man nur im Team. Da haben wirklich alle im Hintergrund mitgearbeitet, bis in die einzelnen Fachbereiche hinein. Eine Krise verbindet unheimlich schnell. Letztendlich haben wir in wenigen Wochen das geschafft, wofür wir sonst Monate gebraucht hätten. Ein Beispiel ist unser VPN-Zugang, den wir von einer hardwareorientierten Technologie auf eine cloudbasierte Lösung umgestellt haben. Aber neben den technischen Fragen war es natürlich unglaublich wichtig, dem Vorstand deutlich zu machen, dass es am Anfang rütteln wird, wenn die Zeit für die Einführung und das Testen fehlt. Da haben wir von vornherein proaktiv die Kommunikation gesucht. Die IT hat aber längst nicht nur im Bereich Remote Work unterstützt. Auf der Basis unserer Low- Code-Plattform Mendix und unseres Data Lakes haben wir zum Beispiel frühzeitig ein Dashboard aufgebaut, das unseren Krisenstab – zu dem ich selbst auch gehöre – bei wichtigen Entscheidungen unterstützt. Damit haben wir es geschafft, dass wir effektiv keine Produktionsausfälle zu verzeichnen hatten. Und noch ein schönes Beispiel, wie Technologien in Zeiten von Corona unterstützen können: Wir haben unsere Techniker im Kundeneinsatz mit VR- und AR-Tools ausgestattet, damit sie Anlagen beim Kunden remote warten oder auch in Betrieb nehmen können. Kurz gesagt: In solch einer Phase geht es um die richtige Kombination aus Menschen, Prozessen und Technologien – und das Vertrauen in all diese Dinge.

Vertrauen ist das richtige Stichwort: Sie merken durch das Erreichte doch sicherlich eine höhere Wertschätzung Ihrer Arbeit und der des IT-Teams …

Absolut. Ich denke, es hat sich in solch einer Krise gezeigt, dass die IT eigentlich das Rückgrat des Unternehmens ist. Wenn die Systeme ausfallen, dann steht alles still. So abhängig sind wir mittlerweile von der IT. Und in solch schwierigen Phasen wird offensichtlich, wie wichtig ein gut funktionierendes IT-Team und die Landschaft dahinter sind. Diesen Rückhalt bekommen wir jetzt klar zu spüren. Der Vorstand hat uns etwa mit der Aufgabe betraut, unsere New-Normal-Guidance „Mobile Work“ aufzubauen, die unseren Mitarbeitern grundsätzlich die Arbeit außerhalb des Büros ermöglichen soll. An der Stelle gilt es, viele analoge Prozesse ins Digitale zu übersetzen. Nehmen wir etwa digitale Unterschriften oder das Onboarding neuer Mitarbeiter. Ebenso starten wir weitere Projekte im Bereich Smart Factory. Das sind alles Digitalisierungsprogramme, die wir nun dank Vertrauensvorschuss angehen können.

Sie haben viele Themen bereits angesprochen. Welches Projekt steht denn ganz oben auf Ihrer Agenda?

Es ist immer schwer, eine glasklare Priorisierung zu nennen. Natürlich läuft vieles parallel. Unser Mobile-Work-Projekt steckt derzeit in der Endphase und wird im Laufe dieses Kalenderjahres abgeschlossen sein. Ganz oben steht sicherlich die Smart Factory. Dort wollen wir durch die stärkere Vernetzung einen ganz anderen Produktivitätshebel ansetzen. Ebenfalls ganz klar im Fokus steht die Customer Journey unserer Kunden. Durch den Digitalisierungsboost durch Corona treten die immer stärker auf digitalem Wege mit uns in Kontakt, sei es über unsere Eventportale und unsere Websites. Eine nahtlose Customer Experience ist das Ziel, um jegliche Prozessbrüche zu vermeiden. Das geht schon fast in eine B2C-Erfahrung, die wir für unsere Kundschaft anstreben.

Eines Ihrer zentralen Themen ist die Verschmelzung von IT und OT. Wie weit sind Sie damit schon gekommen und wie sehen die nächsten Schritte aus?

Wichtig ist zunächst, für sich als Unternehmen herauszufinden, wo eigentlich IT/OT-Konvergenz stattfindet. Ein Bereich liegt auf der Hand: die Produktion. Wir verbinden derzeit bereits Maschinen untereinander, generieren Informationen und vermischen diese mit Produkt- und Unternehmensdaten. Auf dieser Basis können wir dann einen digitalen Zwilling aufbauen. Das zweite Thema wird meiner Meinung nach nicht so populär diskutiert, ist aber unglaublich spannend: Smart Buildings. Dort verbinden wir die Gebäudemanagementsysteme zum Beispiel mit dem Energiemanagement oder schlicht dem Gebäudezutritt. Dadurch haben wir auch direkt einen Überblick über die Büronutzung und -auslastung. Gerade in Zeiten der Rückführung von Mitarbeitern nach Corona ist das ein wichtiges Thema. In Verbindung mit unserer App Comfy können wir so das komplette Workspace-Management abbilden. Ich gebe Ihnen ein kleines Beispiel: Ein Mitarbeiter darf das Gebäude derzeit nur betreten, wenn er einen Arbeitsplatz gebucht hat. Dadurch wissen wir also zu jeder Zeit sehr genau, wie die Auslastung ist, wie die Arbeitsplätze und Gebäudeteile benutzt werden oder wie viel Energie verbraucht wird. Eine Ende-zu-Ende-Nutzererfahrung für unsere Mitarbeiter ist das Ziel.

Wird es die Trennung von IT und OT in Zukunft denn überhaupt noch geben?

Nein, technologisch wird es die nicht mehr geben. Allerdings muss man sich bewusst machen, dass IT und OT sehr unterschiedliche Innovationszyklen haben. Ich denke schon – und ich hoffe, da stimmen mir die OT-Kollegen zu –, dass die IT mit ihren schnellen Zyklen dort ein wenig Tempo reinbringen kann. Schauen Sie: Wir haben in der IT alle zwei bis drei Jahre einen Erneuerungszyklus. Im Hardwarebereich sprechen wir aber über Maschinen, die zum Teil Jahrzehnte alt sind – inklusive der Embedded Software. Da prallen Welten aufeinander. Und diese IT/OT-Konvergenz hat noch weitere Folgen: Wenn wir nun geschlossene Produktionswelten öffnen, haben wir ganz andere Anforderungen an die Cybersecurity.

Sie haben den Begriff Low Code bereits fallen lassen. Welche Rolle spielt bei Siemens die Befähigung der Mitarbeiter in der Softwareentwicklung?

Im „War for talents“ können Sie gar nicht so viele Mitarbeiter bekommen, wie Sie brauchen, um Prozesse zu digitalisieren. Unsere sogenannten Citizen Developers – so nennen wir technikaffine Kolleginnen und Kollegen, die sich an unserem Softwareentwicklungsprogramm beteiligen – haben bereits rund 200 Apps über unsere Plattform Mendix entwickelt, die von über 100.000 Mitarbeitern genutzt werden. Das sind also keine Minianwendungen, von denen nur eine Handvoll Mitarbeiter zehrt. Um das Thema weiter zu pushen, haben wir einige Kompetenzzentren aufgebaut, auch außerhalb der IT. Es geht uns darum, das Potenzial unserer Mitarbeiter auszuschöpfen und so Geschwindigkeit in die Digitalisierung zu bekommen.

Siemens-CIO Hanna Hennig im Gespräch
„Im Job gilt es, weibliche Talente ganz klar zu fördern und vor allem zu ermutigen. Ich weiß, dass es sehr viele Frauen gibt, die sich nicht trauen, gegen männliche, technisch orientiertere Kollegen anzutreten und sich auf offene Führungspositionen zu bewerben", sagt Siemens-CIO Hanna Hennig. (Bild: Claus Dick)

Sie setzen auf eine ausgeprägte Cloudstrategie. Umgekehrt gefragt: Welche Umfänge werden auch in Zukunft in jedem Fall On-Premises bleiben?

Da fallen mir gleich mehrere Umfänge ein. Wir haben zum Beispiel einige Kunden aus dem öffentlichen Sektor, mit Themen, die Geheimhaltungspflichten unterliegen. Solche Informationen bleiben natürlich bei uns. Auch im Produktionsumfeld gibt es solche Bereiche. Ohnehin würde ich sagen, die Zukunft liegt in der Verbindung von Cloud und Edge Computing. An der Edge kommen Sie bei Anwendungsfällen, in denen eine geringe Latenz entscheidend ist, nicht vorbei. Wir sprechen da von sogenannten Closed-Loop-IoT-Anwendungen, bei denen in Echtzeit gerechnet wird. Bei solchen Use Cases kann man sich den Weg durch das Rechenzentrum gar nicht leisten.

Die unternehmensübergreifende Automotive-Cloud Catena-X ist derzeit in aller Munde. Was ist Ihr Eindruck vom Projekt?

Wir haben bereits Fortschritte gemacht, etwa was erste Architekturen oder die Definition von Geschäftsprozessen angeht. Aber ein sehr großer Teil des Weges liegt noch vor uns. Sicherlich könnte man noch etwas schneller unterwegs sein. Aber man darf auch nicht vergessen, dass Catena-X ein sehr großes Projekt ist, an dem im Grunde die wichtigsten Automobilunternehmen der Welt beteiligt sind. Das ist nicht trivial. Aber ich bin sehr zufrieden, dass wir bereits die ersten Geschäftsvorfälle definieren konnten. Das vermisse ich ehrlich gesagt noch etwas bei Gaia-X. Der offene Ansatz von Catena-X dagegen kann die Branche wirklich weiterbringen. Jeder proprietäre Ansatz kostet nur Geld.

In der Autoindustrie wird derzeit das Sourcing groß diskutiert. Welche Eigenleistungsquote streben Sie an?

Wir haben keine definierte Quote, die wir erfüllen müssen oder wollen. Man muss sich immer die Frage stellen: Was ist differenzierende IT und was ist Commodity? Bei Letzterem sprechen wir viel über Office-IT oder Infrastrukturbetrieb. Innovation, Architekturen, strategisches Projektmanagement – das sind Rollen und Profile, die ich persönlich nie rausgeben würde.

Ein Bereich, der sicherlich nicht ausgelagert wird, ist die IT-Sicherheit. Wie herausfordernd ist die Cybersecurity in einem Technologiekonzern mit ganz unterschiedlichen Divisionen und Anforderungen?

IT-Sicherheit ist natürlich eine große Aufgabe für jeden Industriekonzern. Wir unterstützen unsere Cybersecurity-Verantwortliche Natalia Oropeza, wo wir nur können. Sie haben es schon angesprochen: Siemens ist ein Unternehmen mit ganz unterschiedlichen Entwicklungsabteilungen, mit verschiedenen Geschwindigkeiten, Innovationszyklen und Bedürfnissen. Wir unterscheiden bei uns primär zwischen drei Security-Themen. Das erste wäre die IT-Sicherheit rund um das Office. Dann wären noch die Sicherheitsanforderungen der Produktion, ganz klar. Und drittens haben wir die angesprochenen Entwicklungsabteilungen. Und diese drei Bereiche müssen wir ganz individuell schützen. Da können wir nicht mit einer standardisierten Lösung daherkommen und sagen: Das funktioniert jetzt für euch alle. Einen „One size fits all“-Ansatz darf es bei der Security nicht geben. Ansonsten bin ich eine große Verfechterin des Zero-Trust-Konzeptes. Bei dem Ansatz geht es darum, dass wir jede Ressource, jedes Gerät und den Menschen dahinter immer abprüfen. Damit gehen wir weg vom klassischen hardwaregetriebenen Firewall-Ansatz hin zu einem flexibilisierten softwaregetriebenen Konzept. Das ist zunächst ein großer Umbruch für uns, aber wir erreichen letztlich eine viel höhere Sicherheit und Flexibilität. Das Problem mit Firewalls ist, dass ein Hacker, sobald er einmal an der Firewall vorbei ist, die gesamte Umgebung infizieren kann. Beim softwaregetriebenen Authentifizierungsansatz könnte ein Hacker nur auf dieses eine Asset zugreifen und nicht auf alles. Das ist wie gesagt ein großes Vorhaben. Aber ich bin zuversichtlich, dass wir im Laufe des kommenden Jahres unsere Office-Umgebung und auch die ersten Werke umgestellt haben werden.

Siemens ist Experte auf dem Gebiet des digitalen Zwillings. Sind die Produktionsstätten von Siemens selbst bereits zu einhundert Prozent virtuell abgebildet?

Ich hoffe, ich enttäusche Sie jetzt nicht (lacht). Auch wir sind noch nicht bei 100 Prozent. Aber wir sprechen auch von über 170 Jahren Unternehmensgeschichte, in denen zahlreiche Werke im Laufe der Zeit hinzugekauft wurden. Dort haben wir eine starke Legacy. Da lassen sich die neuesten Technologien nicht einfach einbauen. In diesen Fällen erarbeiten wir Alternativen zum volldigitalen Zwilling. Alles in allem denke ich, dass wir in den nächsten fünf Jahren den digitalen Zwilling flächendeckend unseren Werken anbieten können.

Stichwort Legacy: Ein erklärtes Ziel von Ihnen ist es, die historisch gewachsenen Datensilos bei Siemens aufzubrechen. Viele Ihrer Kollegen in der Autobranche können von dieser Herausforderung ein Lied singen. Haben Sie das richtige Rezept bereits gefunden?

Ein allgemeingültiges Rezept gibt es sicherlich nicht. Wichtig ist zunächst, jedem Mitarbeiter bewusst zu machen, welchen Wert Daten haben. Das muss der erste Schritt sein. Dann versuchen wir, die Profile der Mitarbeiter in Richtung Data Analytics zu schärfen. Wir sind, was Data Scientists angeht, gut aufgestellt, sehen im Bereich der Datenanalyse aber noch Nachholbedarf. Und dann geht es auch darum, ein Ownership-Modell mit den jeweiligen Fachbereichen zu etablieren. Es muss klar sein: Wer ist für welche Daten verantwortlich? Erst dann kann man entscheiden, wie Daten abgesichert, gemanagt und kuriert werden. Mit diesen Fragestellungen ist überhaupt erst die Grundlage dafür geschaffen, dass wir die Daten in einem Data Lake zusammenfassen können. Aber lassen Sie mich noch etwas ergänzen: Viele unterschätzen die Möglichkeit, mithilfe von künstlicher Intelligenz qualitativ hochwertige Daten automatisiert bereitstellen zu können. Ein Beispiel: Wir haben mithilfe von KI identifiziert, welche Materialien wir für den Einsatz von verschiedenen Produkten nutzen können, die ähnlich gelagerte Spezifikationen haben. Damit umgehen wir teilweise die Materialknappheit, der wir derzeit ausgesetzt sind.

Zum Abschluss: Sie sind eine von nur wenigen weiblichen CIOs in der deutschen Industrie und engagieren sich stark für mehr Frauen in MINT-Fächern und technischen Berufen. Was muss sich gesellschaftlich tun?

Für mich sind es vor allem zwei Aspekte. Und vielleicht belächelt das jetzt der eine oder andere Leser, vielleicht rüttelt es aber auch manche auf. Wir haben noch immer wahnsinnig viele Geschlechterklischees in der Gesellschaft. Noch immer spielen Jungs mit Autos und Mädchen mit Puppen. Da gilt es bereits in frühester Kindheit, sowohl Jungs als auch Mädchen an die gesamte Vielfalt der Themen heranzuführen. Diese Stereotypen muss man auflösen und vor allem selbst Vorbild sein. Mein zweiter Punkt ist: Im Job gilt es, weibliche Talente ganz klar zu fördern und vor allem zu ermutigen. Ich weiß, dass es sehr viele Frauen gibt, die sich nicht trauen, gegen männliche, technisch orientiertere Kollegen anzutreten und sich auf offene Führungspositionen zu bewerben. Ich kann an dieser Stelle das Management nur ermuntern, weibliche Talente ganz klar zu ermutigen, solche Chancen wahrzunehmen und nicht verstreichen zu lassen. Das wären für mich zwei Punkte, an denen jeder selbst arbeiten kann und mit denen man direkt einen Unterschied machen kann.

Zur Person

Siemens-CIO Hanna Hennig im Portrait

Hanna Hennig ist seit Januar 2020 Chief Information Officer der Siemens AG und treibt die Digitalisierung des internationalen Technologiekonzerns voran. Die studierte Japanologin und Wirtschaftswissenschaftlerin blickt auf mehr als 25 Jahre in der IT zurück. Während dieser Zeit begleitete sie unterschiedliche Unternehmen auf dem Weg durch Geschäfts- und digitale Transformation, darunter Osram, Telefónica O2, E.ON, Robert Bosch und Cap Gemini.

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