Elektrobit-CEO Maria Anhalt

Maria Anhalt: "Die rasante technologische Entwicklung zwingt uns, viel mehr darauf zu schauen, wo unser Vorsprung im Wettbewerb liegt – aber auch wo wir Partnerschaften eingehen können." Bild: Elektrobit

| von Christoph Hammerschmidt

Die Software, speziell die Automobilsoftware, durchläuft aktuell eine außerordentlich dynamische Phase – hinsichtlich der Technik ebenso wie hinsichtlich der Marktentwicklung. Wie wird sich das auf Ihre Partnerschaften und Kundenbeziehungen auswirken?

Was sich verändern wird: Die rasante technologische Entwicklung zwingt uns, viel mehr darauf zu schauen, wo unser Vorsprung im Wettbewerb liegt – aber auch wo wir Partnerschaften eingehen können, zum Beispiel mit Unternehmen aus der IT-Branche, wo ich herkomme. Ein Beispiel: Statt ein eigenes Linux-Derivat zu entwickeln, haben wir vergangenes Jahr eine Partnerschaft mit Suse, einem der großen Linux-Distributoren, etabliert. Dadurch konnten wir deutlich schneller als unsere Wettbewerber eine ausgereifte Lösung anbieten.

Eine andere Entwicklung besteht darin, dass wir auch mit den Hightech-Giganten zusammenarbeiten, also mit Unternehmen wie Microsoft oder Amazon. So können wir eine Cloud-Connectivity Out of the Box anbieten, statt sie selbst zu entwickeln. Wir verfügen über sehr tiefgreifende Expertise, deshalb wollen wir nicht nur mit der Hightech-Industrie kooperieren, sondern mit ihr zusammen Lösungen entwickeln und auf den Markt bringen.

Zahlreiche OEMs wie Daimler, BMW oder Volkswagen sind dabei, nicht nur ihre eigene Softwarekompetenz massiv auszubauen, sondern sogar eigene Betriebssysteme zu entwickeln. Was bleibt da für Unternehmen wie Elektrobit noch übrig? Engt das Ihre Spielräume ein – oder ergeben sich dadurch womöglich sogar neue Geschäftsmöglichkeiten?

Das ist sehr gut für uns, weil es zeigt, wie groß das Interesse dieser Unternehmen an Software ist. Wir arbeiten seit Jahren mit diesen OEMs im Bereich der Betriebssysteme zusammen. Zum Beispiel haben wir mit BMW zusammen vor etwa 20 Jahren das erste Standard-Core entwickelt, das war ein OSEK-basiertes Betriebssystem. Diese Software lief – und läuft – in etlichen Millionen Autos. Wir sind einer der größten Anbieter von AUTOSAR-Software, einem sehr wichtigen Layer in der Betriebssystemsoftware für Autos: Jedes dritte Auto weltweit fährt mit AUTOSAR, in Europa sogar mittlerweile jedes zweite. Damit sind es bereits Millionen von Autos, die diese essenzielle Systemsoftware installiert haben.

Automotive-Software ist nicht monolithisch, sondern in Schichten aufgebaut. Die Analyse zeigt, dass etwa 60 Prozent der Software in einem Auto nicht differenzierend ist, nur rund 40 Prozent machen aus der Sicht der Endbenutzer und der OEMs einen wettbewerbsrelevanten Unterschied. Die OEMs konzentrieren sich bei ihrer Entwicklung auf die differenzierenden Anteile. Sie suchen verlässliche Partner, die die nicht-differenzierende Software schnell, sicher und effizient bereitstellen. So können sie die Kosten in den Griff bekommen.

Mit Over-the-Air-Updates werden die Softwarestände in Autos zum „Moving Target“, sie werden dynamisch. In diesem Kontext wird Cybersecurity zu einem sehr wichtigen Element. Die OEMs werden dann verpflichtet sein, über die gesamte Lebensdauer der Fahrzeuge für die Cybersecurity zu sorgen. Eröffnet das neue Geschäftsgelegenheiten für Sie?

Ja, und zwar sowohl auf der Produktseite als auch für Services und Consulting. Das ist aber nicht per se neu. Wir führen schon lange zusammen mit einem der größten Autohersteller Funktionsupdates durch – bisher secure und safe in der Werkstatt. Die nächste Stufe wird dann OTA sein. Wir sehen durch die Richtlinie der ECE WP29 einfach eine Weiterführung unseres Servicegeschäfts.

Zudem haben wir vor drei Jahren ein israelisches Startup akquiriert, Argus. Die Firma hat eine sehr innovative Technik zur Intrusion Detection entwickelt. Das bietet für uns die Möglichkeit, diese Technologie in unsere Produktpalette zu integrieren. Zudem haben wir Zugriff auf Spezialisten in Tel Aviv, die auf einem Technikgebiet ausgebildet sind, auf dem es wirklich schwer ist, Fachkräfte anzuheuern. Das gibt uns einen Wettbewerbsvorteil.

Zur Person

Maria Anhalt ist seit Anfang des Jahres CEO bei Elektrobit Automotive GmbH. Zuvor leitete sie im Rang eines Senior Vice President Continentals Abteilung Cross Divisional Systems and Technology. Frühere Stationen ihrer Laufbahn umfassen Hewlett Packard Enterprise und Micro Focus; Tätigkeitsschwerpunkte umfassten unter anderem Business Development und F&E-Management in den Bereichen Hybrid Cloud und Automationssoftware.

Anhalt stammt aus Bulgarien und hat an der Universität Sofia Elektrotechnik studiert – wo es, wie Anhalt sagt, „ganz normal ist, dass Frauen E-Technik nicht nur studieren, sondern dafür auch als Professorinnen tätig sind.“ Ihre akademische Laufbahn vervollkommnete sie in Harvard und Stanford.

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