Automotive Engineering

Cariad-Tochter Vaiva beendet Ende 2026 ihren Geschäftsbetrieb

Die Cariad-Tochter Vaiva beendet Ende 2026 ihren Geschäftsbetrieb. 164 Beschäftigte sind betroffen. Noch vor kurzem hatte das Unternehmen neue Märkte und Technologien rund um KI, Simulation und autonome Systeme erschlossen.

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Ein Fahrzeug verarbeitet Daten aus Kamera, Radar und Lidar parallel. Die eigentliche Rechenleistung wird nicht mehr von einem einzelnen KI-Modell angefordert, sondern die Herausforderung liegt in der Orchestrierung mehrerer komplexer Verarbeitungspipelines.
Vaiva entwickelt Software und Systeme für automatisiertes Fahren, Simulation und Sensorfusion. Trotz der Erschließung neuer Geschäftsfelder und Partnerschaften beendet die Cariad-Tochter ihren Geschäftsbetrieb zum Jahresende 2026.

Die Vaiva GmbH mit Sitz in Gaimersheim stellt ihren Geschäftsbetrieb zum Jahresende 2026 ein. Das bestätigte Geschäftsführer Ole Harms am 30. September 2026 in einem Beitrag auf LinkedIn. Nach Informationen des Donaukuriers sind 164 Beschäftigte betroffen. Die Entscheidung wurde den Beschäftigten am 29. September in einem Townhall-Meeting mitgeteilt.  Vaiva gehört vollständig zur Volkswagen-Softwaretochter Cariad. Der Geschäftsbetrieb soll in drei Stufen heruntergefahren werden, für die Beschäftigten sind ein Sozialplan und Abfindungen vorgesehen.

Das Unternehmen werde den Geschäftsbetrieb „geordnet beenden“, schrieb Harms. In den kommenden Monaten sollen laufende Kundenprojekte abgeschlossen und Übergaben organisiert werden. Wo dies möglich sei, wolle das Unternehmen zudem Technologien und Kompetenzen in andere Strukturen überführen. Als wesentlichen Hintergrund nennt Harms die Entwicklung des deutschen Markts für Automotive Engineering. Dieser habe sich strukturell und mit hoher Geschwindigkeit verändert. Vaiva habe darauf bereits über mehrere Jahre reagiert, Kosten und Strukturen angepasst, die Organisation umgebaut und zusätzliche Technologiefelder erschlossen. Zuletzt konzentrierte sich das Unternehmen unter anderem auf Simulation, KI, virtuelle Validierung und autonome Systeme.

Neue Märkte sollten das Automotive-Geschäft ergänzen

Die wirtschaftlichen Probleme bei VAIVA waren bereits vor der angekündigten Schließung öffentlich geworden. Anfang September berichtete der Donaukurier, dass bei der Cariad-Tochter in Gaimersheim Aufträge weggebrochen seien. Arbeitgeber- und Arbeitnehmerseite hatten zu diesem Zeitpunkt Verhandlungen über die Zukunft der Arbeitsplätze aufgenommen. Beschäftigte demonstrierten vor dem Werkstor für den Erhalt des Unternehmens und ihrer Stellen. Der Donaukurier stellte die Entwicklung dabei in den Zusammenhang mit den Sparplänen bei Volkswagen.

Gleichzeitig hatte VAIVA noch wenige Monate zuvor versucht, sein Geschäft breiter aufzustellen. Noch im Mai 2026 hatte das Unternehmen gemeinsam mit dem Entwicklungsdienstleister Evomotiv eine strategische Partnerschaft angekündigt. Ziel war ausdrücklich, neben bestehenden Automotive-Kunden neue Kundengruppen und Branchen zu erschließen. Geplant waren gemeinsame Vertriebsaktivitäten außerhalb der Automobilindustrie sowie die Entwicklung und Vermarktung gemeinsamer Produkte. Die Zusammenarbeit wurde damals als langfristig und strategisch angelegt bezeichnet.

Auch das eigene Portfolio wurde verbreitert. Neben Automotive-Anwendungen positionierte sich Vaiva zuletzt verstärkt im Defence-Bereich. Das Unternehmen übertrug dafür Kompetenzen aus sicherheitskritischen Automotive-Projekten auf militärische Plattformen und arbeitete unter anderem an Wahrnehmung, Autonomie, Simulation und sicherer Softwareentwicklung. Für die Agrartechnik bot Vaiva ebenfalls Lösungen auf Basis von ADAS, virtueller Entwicklung und softwarezentrierten Plattformen an.

Noch wenige Tage vor Bekanntwerden der Schließung veröffentlichte Vaiva Beiträge zu seinem modularen „Autonomy Kit“. Dabei ging es unter anderem um autonome Offroad-Fahrzeuge beziehungsweise unbemannte Bodenfahrzeuge, Trajektorienplanung, LiDAR, SLAM und die automatische Navigation zwischen vorgegebenen Wegpunkten. Anfang September hatte das Unternehmen die Defence-Lösung zudem im Umfeld der Rüstungsmesse MSPO in Kielce präsentiert.

Schließung fällt in umfassenden Umbau bei Volkswagen

Die Einstellung des Vaiva-Geschäftsbetriebs erfolgt zugleich in einer Phase, in der der Volkswagen-Konzern seine Kosten, Entwicklungsstrukturen und Beteiligungen umfassend überprüft. Der Aufsichtsrat stimmte 2026 dem neuen „Zukunftsplan 2030“ zu. Volkswagen will damit die Kosten gegenüber der bisherigen Planung bis 2030 um rund 20 Milliarden Euro verbessern. Unter anderem sollen Entwicklungsprozesse verschlankt, Gemeinkosten reduziert und Strukturen vereinfacht werden.

Zusätzlich zu bereits beschlossenen Programmen aus den Jahren 2024 und 2025 sieht der Konzern in rund 170 Gesellschaften ein Potenzial zum Abbau von etwa 50.000 Stellen im indirekten Bereich, ungefähr je zur Hälfte in Deutschland und im Ausland. Außerdem soll das Portfolio der mehr als 2.000 Konzernbeteiligungen um rund ein Drittel gestrafft werden. Volkswagen will dabei prüfen, welche Beteiligungen das Kerngeschäft stärken und einen Beitrag zum Konzernerfolg leisten.

Auch Cariad selbst befindet sich seit mehreren Jahren im Umbau. Im März 2025 wurde bekannt, dass die Softwaretochter im Rahmen ihres Transformationsplans rund 1.600 Stellen abbauen will. Gleichzeitig ordnet Volkswagen die Rolle von Cariad innerhalb seiner Softwarestrategie neu. Wie automotiveIT im August 2026 berichtete, soll der neue Automotive Software Campus in Berlin für diesen Neustart stehen. Cariad hat nach Angaben von CEO Peter Bosch Strukturen verändert und Verantwortlichkeiten neu verteilt. Künftig will die Softwaretochter vor allem Schlüsseltechnologien für automatisiertes Fahren, Infotainment, Cloud und Fahrdynamik entwickeln und über Marken und Märkte hinweg skalieren. Parallel setzt Volkswagen bei Softwarearchitekturen verstärkt auf Partner wie Rivian im Westen und Xpeng in China. Damit verschiebt sich auch die Rolle von Cariad hin zu ausgewählten konzernweiten Technologieplattformen.