Volkswagens Softwaretochter Cariad eröffnet in Berlin ihren neuen Automotive Software Campus. Nach Jahren der Verzögerungen und Kritik soll der Standort zeigen, wie der Konzern Software, KI und eigene Technologiekompetenz neu organisieren will.
Ronja SchmiedchenRonjaSchmiedchenRedaktion, Social Media & Moderation
6 min
Oliver Blume sieht Cariad nach Jahren der Kritik bei der Eröffnung des neuen Automotive Software Campus in Berlin wieder in der Spur: Die Konzerntochter sei stabilisiert, neu ausgerichtet und gestrafft worden. Nun müsse Volkswagen „vom Anspruch ins Liefern“ kommen, sagt der VW-Boss.
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„Wir hatten die Komplexität unterschätzt und das Scheitern war notwendig.“ Ein ungewöhnlicher Auftakt für eine Standorteröffnung. Dennoch hallt genau dieser Satz bei der offiziellen Einweihung des neuen Automotive Software Campus von Cariad in Berlin aus den Lautsprechern, noch bevor Cariad-CEO Peter Bosch überhaupt die Bühne betritt. Kein Triumph, kein reines Zukunftsversprechen, sondern zunächst ein Eingeständnis. Cariad, die lange kritisierte Softwaresparte des Volkswagen-Konzerns, eröffnet ihren neuen Standort nicht wirklich aus einer Position unbändiger Stärke heraus. Der neue Standort steht vielmehr für einen Neustart nach Jahren, in denen Volkswagens Softwareambitionen immer wieder an der Realität industrieller Komplexität gescheitert sind.
In Berlin will Cariad nun zeigen, was aus diesen Fehlern gelernt wurde. Im Mittelpunkt stehen dabei künstliche Intelligenz, automatisiertes Fahren, Infotainment, Cloud, Daten und Fahrdynamik. Damit bündelt der Konzern in der Hauptstadt zentrale Kompetenzen, die künftig über Marken, Märkte und Fahrzeugarchitekturen hinweg skaliert werden sollen.
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Vom Problemfall zum Technologiepartner
Cariad-CEO Peter Bosch sprach die schwierige Vergangenheit bei der Eröffnung offen an: „Wir kommen da schon von relativ weit unten, ehrlich gesagt“. Vor wenigen Jahren stand das Unternehmen vor enormen Herausforderungen. Doch die Software für neue Fahrzeuge hat sich stark verzögert, Erwartungen an die Wettbewerbsfähigkeit konnten nicht erfüllt werden, die Qualität habe nicht den Ansprüchen der Kunden entsprochen und zugleich sind die Kosten immer weiter gestiegen, wie Bosch erinnert. Diese Bilanz fällt deshalb ins Gewicht, weil Cariad zunächst als zentrale Antwort des Volkswagen-Konzerns auf Tesla, chinesische Wettbewerber und die zunehmende Digitalisierung des Autos gedacht war. Die Softwaretochter sollte Kompetenzen bündeln, einheitliche Architekturen entwickeln und die Marken des Konzerns in Richtung Software Defined Vehicle führen. In der Praxis wurde der Name Cariad jedoch über Jahre mit Verzögerungen, komplexen Zuständigkeiten und hohen Erwartungen verbunden, die das Unternehmen nicht in der geplanten Geschwindigkeit erfüllen konnte.
Besonders sichtbar wurde das bei wichtigen Fahrzeugprojekten. Schon bei Audi Q6 E-Tron und Porsche Macan kam es im Zusammenhang mit der Software für die Premium Platform Electric zu Verzögerungen. Auch rund um die Scalable Systems Platform standen wiederholt Fragen im Raum, ob Softwareprobleme Modellanläufe bremsen könnten. Volkswagen widersprach entsprechenden Berichten zwar und verwies auf Anpassungen des Produktzyklus. Dennoch blieb Cariad in der öffentlichen Wahrnehmung lange ein Symbol dafür, wie schwer sich ein traditioneller Mehrmarkenkonzern mit der Umstellung auf softwaregetriebene Entwicklungslogiken tut.
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Der Neustart beginnt bei der Organisation
Bosch stellte die Eröffnung des Berliner Campus deshalb nicht als isoliertes Immobilienprojekt dar. Er beschreibt sie als Ergebnis einer tiefgreifenden Transformation. Cariad habe Strukturen verändert, Verantwortung neu verteilt und Arbeitsbedingungen geschaffen, die stärker an einer globalen Techfirma orientiert seien. Gleichzeitig habe das Unternehmen die finanziellen Mittelabflüsse halbiert und die Zahl der Patente verdreifacht.
Nach Darstellung des Cariad-Chefs ist die Softwaretochter heute wieder ein verlässlicher Technologiepartner für die Marken des Konzerns. Die Zahl der Fahrzeugmodelle, für die Cariad Software ausliefere, habe sich mehr als verdoppelt und soll in den kommenden Jahren ähnliche Entwicklungssprünge schaffen.
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Der Kern des neuen Ansatzes liegt in der Plattformfähigkeit. Volkswagen will Schlüsseltechnologien wieder stärker selbst entwickeln und anschließend über Marken und Märkte hinweg nutzen. Bosch nannte vier große Technologieplattformen. Dazu zählen automatisiertes Fahren, Infotainment, globale Cloud und Fahrdynamik. Berlin ist dabei Teil eines globalen Entwicklungsnetzwerks, zu dem auch Kalifornien und China gehören.
Berlin soll Software wieder näher ans Fahrzeug bringen
Was dieser Neustart im Alltag bedeuten soll, zeigte das Softwareunternehmen am Campus auch abseits der Bühne. Berlin ist nun Teil eines globalen Entwicklungsnetzwerks, das Standorte nahe an den Marken mit internationalen Softwarehubs verbindet. In Deutschland arbeiten Teams unter anderem in Stuttgart, Ingolstadt, Wolfsburg und Kassel. Hinzu kommen Entwicklungszentren in den USA sowie in China, darunter Peking, Shanghai und Hefei.
Der Berliner Standort übernimmt in diesem Netzwerk eine klare Rolle. Auf dem Campus arbeiten etwas mehr als 1.000 Beschäftigte, ein Großteil davon in technischen Funktionen. Cariad beschreibt das Umfeld bewusst als Schnittstelle zwischen Automobilindustrie und Technologie. Entsprechend arbeiten dort nicht nur Softwareentwicklerinnen und Softwareentwickler, sondern auch Ingenieurinnen und Ingenieure anderer Fachrichtungen.
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Damit soll der Campus mehr sein als eine Bürofläche für Softwareteams. In dem Gebäude gibt es rund 1.000 Quadratmeter Integrationsfläche, auf der Software in Fahrzeuge gebracht, getestet und weiterentwickelt wird. Hinzu kommen Labore in den oberen Etagen. Gerade dieser praktische Bezug sei für die Volkswagentochter entscheidend, weil die Probleme der Vergangenheit auch gezeigt haben, dass Fahrzeugsoftware nicht losgelöst von Hardware, Architekturen, Markenanforderungen und regionalen Märkten entwickelt werden kann.
Technologisch arbeitet man nun über mehrere Architekturen hinweg. Cariad entwickelt skalierbare Technologien für automatisiertes Fahren, Infotainment, Cloud und Fahrdynamik. Diese sollen unter anderem in der Volumenarchitektur des Konzerns, in der Premium-Software für Audi, Porsche und künftig Bentley sowie in der China Electronic Architecture zum Einsatz kommen. Zugleich sollen einzelne Technologien perspektivisch auch in Partnerarchitekturen einfließen, etwa im Umfeld der Rivian-Kooperation.
Blume verordnet Volkswagen einen Softwareblick
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Volkswagen-Konzernchef und Aufsichtsratsvorsitzender der Softwaretochter Oliver Blume ordnete den Campus in eine größere strategische Verschiebung ein. Das Auto werde zum softwaredefinierten Produkt und perspektivisch zum KI-definierten Produkt. „Software entscheidet über den Erfolg unserer Produkte“, betont Blume. Das digitale Erlebnis werde am Ende maßgeblich darüber entscheiden, ob ein Produkt gekauft werde. Cariad sei deshalb ein wichtiger Baustein der Transformation. Auch Blume räumte ein, dass Volkswagen bei Funktionalität, Lieferfähigkeit, Kosten und Qualität deutlich in der Kritik gestanden habe. In den vergangenen drei Jahren sei Cariad stabilisiert, neu ausgerichtet und gestrafft worden.
Der Konzernchef beschrieb die Softwaretochter inzwischen als modernes, professionelles Tech-Unternehmen für Querschnittstechnologien. Dazu zählt Volkswagen Fahrsysteme, Infotainment, autonomes Fahren, Cloud, Daten und Backend. Gemeinsame Architekturen sollen künftig Tempo ermöglichen. Die Idee dahinter lautet, Software einmal zu entwickeln und vielfach über Marken, Segmente und Regionen zu nutzen.
Triple AI: KI wird zum neuen Ordnungsprinzip
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Noch stärker als frühere Cariad-Auftritte stand die Eröffnung in Berlin unter dem Vorzeichen künstlicher Intelligenz. Bosch bezeichnete Cariad als „Triple AI Company“. Gemeint ist ein Dreiklang aus KI in Produkten, KI in Arbeitsprozessen und KI als Werkzeug für jede Person im Unternehmen. „Wir bringen KI in jedes Produkt nahtlos, sicher und integriert. Wir bringen KI in jeden Arbeitsprozess und wir befähigen und qualifizieren jede Person mit KI“, erläutert der Geschäftsführer. Im Fahrzeug soll künstliche Intelligenz vor allem Fahrerassistenz, automatisiertes Fahren und die Interaktion zwischen Mensch und Auto prägen. Schon im Auftakt der Veranstaltung wird das künftige Fahrzeug von Bosch als System beschrieben, das wahrnehmen, sprechen und selbst fahren könne.
Auch in der Entwicklung selbst soll KI helfen, Komplexität zu beherrschen. Cariad arbeite bereits mit neuen Daten- und Integrationsplattformen, um Varianten, Funktionen, Märkte und Softwarestände besser zu planen und zu testen. Das intern als Common Data Model bezeichnete System soll Transparenz schaffen und Feedbackzyklen verkürzen.
Partnerschaften bleiben Teil der Strategie
Der Neustart in Berlin bedeutet nicht, dass Volkswagen wieder vollständig zum alten Anspruch der kompletten Eigenentwicklung zurückkehrt. Im Gegenteil zeigt die jüngere Strategie, dass der Konzern stärker zwischen eigener Technologiehoheit und externen Partnerschaften unterscheidet. In der westlichen Welt arbeitet Volkswagen mit Rivian zusammen, in China mit Xpeng . Beide Kooperationen stehen für ein Umdenken im SDV.
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Softwaredefinierte Fahrzeuge entstehen nicht im Alleingang. Ob Cariad, Rivian, Xpeng oder interne Plattformteams: Entscheidend wird, wie Automobilhersteller, Zulieferer, IT-Organisationen und Technologiepartner ihr Knowhow verbinden.
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Dieser Strategiewechsel hatte in der Branche auch Fragen zur künftigen Rolle von Cariad ausgelöst. Wenn wichtige Fahrzeugarchitekturen künftig von Partnern kommen, stellt sich die Frage, welche Teile des Software-Stacks Volkswagen selbst beherrschen muss und welche sinnvollerweise gemeinsam entwickelt oder übernommen werden. Genau an dieser Stelle versucht der Konzern nun eine neue Balance zu finden.
Blume formulierte den Anspruch entsprechend vorsichtig. Schlüsseltechnologien wolle Volkswagen selbst beherrschen, sagte er. Gleichzeitig setze der Automobilhersteller dort auf Partnerschaften, wo sie sinnvoll seien. Entscheidend sei, dass die Kernkompetenzen im Unternehmen blieben.
Volkswagen fordert bessere politische Rahmenbedingungen
Auch an die Politik richtete Blume klare Erwartungen. Im globalen Wettbewerb um Technologie und digitale Souveränität dürfe Europa keine Zeit verlieren. Der Volkswagen-Chef forderte modernere Leitplanken, flexiblere Typgenehmigungen für schnelle Softwareupdates, mehr Förderung von Open Source, eine innovationsfreundliche Cloudregulierung und praxistaugliche Datenschutzvorgaben. Wirtschaft und Politik müssten Innovation ermöglichen, ohne Sicherheit und Souveränität aus dem Blick zu verlieren.
Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (CDU), die den neuen Campus im Rahmen der Eröffnung ebenfalls besuchte, griff diesen Punkt in ihrer Rede auf: „Um überhaupt Veränderungen anstoßen zu können, brauchen wir eine offene Gesellschaft und eine innovationsfreudige Gesellschaft und auch eine Politik, die nicht hinderlich ist, sondern die Ihnen die Rahmenbedingungen auch gibt.“ Zugleich richtete sie diesen Appell an die Beschäftigten auf dem Campus. Die „Caridians“, wie sie sich selbst intern nennen, müssten aus ihrer Sicht selbst sichtbar machen, dass sie an den Wandel glaubten, Technikbegeisterung ausstrahlten und gute Ideen in Anwendungen übersetzten, die Menschen im Alltag erreichten.
Der neue Automotive Software Campus in Berlin ist insgesamt weniger Schlusspunkt als Prüfstein. Die „Caridians“ müssen nun beweisen, dass der angekündigte Neustart nicht nur organisatorisch, sondern auch produktseitig trägt. Die Softwaretochter muss schneller liefern, Komplexität reduzieren und zugleich jene technologische Eigenständigkeit sichern, die Volkswagen für seine Zukunft beansprucht.
Bosch stellte die Eröffnung deshalb vor allem die Belegschaft in den Fokus. Die Mitarbeitenden hätten bereits Strukturen verändert, Verantwortung übernommen und neue Wege beschritten. „Alle von euch haben neue Wege beschritten. Hier ist kein Jobprofil wie vor drei Jahren und ihr sorgt jeden Tag gemeinsam dafür, dass wir immer besser werden“, lobt der Cariad-Chef.
Entscheidend wird sein, ob Cariad aus den Fehlern der Vergangenheit tatsächlich eine neue Entwicklungslogik ableiten kann. Der Satz vom unterschätzten Aufwand und vom notwendigen Scheitern war dafür ein bemerkenswert klarer Anfang. Jetzt muss die Softwaretochter zeigen, dass aus dieser Einsicht auch belastbare Produkte entstehen können.