OEM und Zulieferer gehen getrennte Wege
Bosch und Cariad beenden ADAS-Allianz
Bosch und Cariad haben das Ende ihrer „Automated Driving Alliance“ offiziell bestätigt. Statt die Kooperation fortzuführen, nutzen beide Unternehmen die gemeinsam entwickelte Level-2-Technologie künftig eigenständig weiter und setzen auf unterschiedliche Skalierungsstrategien.
Seit gut vier jahren tüfteln Ingenieure und Entwickler von Cariad und Bosch an neuen ADAS-Technologien. Damit ist nun Schluss.
Bosch
Erst kürzlich berichtete die Bild am Sonntag unter
Berufung auf Insider, die Zukunft der „Automated Driving Alliance“ (ADA)
zwischen Bosch und der VW-Softwaretochter Cariad stehe auf der Kippe. Als
Gründe wurden mangelnde Fortschritte, hoher Kostendruck und ein möglicher
Strategiewechsel bei Fahrerassistenzsystemen genannt. Ein offizielles Dementi
blieb bis dato aus.
Nun herrscht Klarheit: Bosch und Cariad beenden ihre 2022
gestartete Entwicklungsallianz für assistiertes und automatisiertes Fahren, in die insgesamt 1,5 Milliarden Euro geflossen sein sollen. Anders als die Medienberichte vermuten ließen, klingt das Aus der Allianz
weniger nach Scheitern: Nach Angaben der Unternehmen wurde die gemeinsame
Entwicklungsarbeit erfolgreich abgeschlossen und ein serienreifes
Technologiefundament geschaffen.
Gemeinsame Entwicklung abgeschlossen
Wie beide Partner mitteilen, haben sie innerhalb der
Automated Driving Alliance einen KI-basierten Software-Stack für
Fahrerassistenzsysteme entwickelt, der sich in unterschiedlichen
Fahrzeugsegmenten und Antriebsarten einsetzen lässt. Die Lösung unterstützt
Fahrfunktionen bis Level 2 und soll sowohl freihändiges als auch klassisches
assistiertes Fahren in verschiedenen Verkehrssituationen ermöglichen. Die gemeinsam entwickelte Technologie steht künftig beiden
Unternehmen zur Verfügung. Sie kann in Serienfahrzeugen eingesetzt und
unabhängig voneinander weiterentwickelt werden. Als erstes konkretes Beispiel
nennt Cariad den Einstiegsstromer ID.Every1, der 2027 in Serie gehen soll und
auf Technologie aus der Allianz zurückgreift.
Volkswagen-Konzernchef Oliver Blume betont: „Cariad und
Bosch haben gemeinsam eine starke technologische Grundlage geschaffen. Darauf
bauen wir nun auf – mit einem klaren Fokus auf Geschwindigkeit, Skalierbarkeit
und die schnelle Umsetzung für unsere Marken und Kunden.“ Eine Äußerung, die
darauf hinweisen könnte, dass es in der Zusammenarbeit zwischen Bosch und
Cariad bisher deutlich an Tempo gemangelt habe.
Ambitioniertes Gemeinschaftsprojekt
Die Kooperation zwischen Cariad und Bosch war Anfang 2022
mit großen Ambitionen gestartet. Mehr als 1.000 Spezialisten beider Unternehmen
sollten gemeinsam eine skalierbare Softwareplattform für Fahrerassistenz- und
automatisierte Fahrfunktionen entwickeln. Ziel war es, die Technologie
konzernweit einzusetzen und perspektivisch auch anderen Herstellern anzubieten.
Noch im vergangenen Jahr hatten beide Partner die
Zusammenarbeit öffentlich bekräftigt und den verstärkten Einsatz von künstlicher
Intelligenz angekündigt. Der gemeinsame Software-Stack sollte alle zentralen
Funktionen der Umgebungswahrnehmung, Entscheidungsfindung und Fahrzeugsteuerung
abdecken und automatisierte Fahrfunktionen der Level 2 und 3 unterstützen. Ein
Serieneinsatz war ab Mitte 2026 vorgesehen.
Bosch und Cariad verfolgen künftig eigene Wege
Mit dem Abschluss der Entwicklungskooperation beginnt für
beide Unternehmen eine neue Phase. Statt die Allianz fortzuführen, wollen Bosch
und Cariad die Ergebnisse künftig eigenständig in ihre jeweiligen Produkt- und
Geschäftsstrategien integrieren. Dabei erhalten beide Partner Zugriff auf das
gemeinsam geschaffene geistige Eigentum sowie auf die während der Entwicklung
generierten Datenbestände.
Cariad-CEO Peter Bosch bezeichnet die Ergebnisse als
„wichtigen Meilenstein“ und erklärt: „Zusammen haben wir leistungsfähige
Fahrerassistenztechnologien bis Level 2 entwickelt. Diese bilden eine starke
Grundlage für optimale Kundenfunktionen und Wirtschaftlichkeit in unseren
Fahrzeugen. Wir bauen nun mit mehr Eigenverantwortung auf diesem Fundament
auf.“
Auch Bosch sieht sich nach Abschluss des Projekts gut
positioniert. Markus Heyn, Vorsitzender von Bosch Mobility, spricht von
„leistungsfähigen und wettbewerbsfähigen Technologien für assistiertes und
automatisiertes Fahren bis Level 2“. Die gemeinsam entwickelten
ADAS-Technologien würden sowohl bei Volkswagen als auch bei weiteren Kunden zum
Einsatz kommen.
Rückt Mobileye noch stärker in den Fokus?
Trotz der einhellig positiven Äußerungen der Top-Manager
bleibt die Frage, wie die Unternehmen jetzt ihre Bemühungen beim autonomen
Fahren fortführen. Der Volkswagen-Konzern könnte künftig stärker auf zugekaufte
Hard- und Softwarelösungen zu setzen, anstatt entsprechende Systeme selbst zu
entwickeln. Bis Ende September könnte demnach eine neue Partnerschaft
vereinbart werden. Nach Informationen der Automobilwoche könnte Mobileye ein
möglicher Kandidat sein. Mit dem israelischen Unternehmen arbeitet Volkswagen bereits im Rahmen der Robotaxi-Unternehmung mit Moia und dem autonome ID. Buzz
zusammen.
Offen bleibt des Weiteren die Frage, was aus den mehreren
hundert Bosch-Entwicklern wird, die derzeit in Projekten bei Cariad eingesetzt
sind.
Fokus auf skalierbare Level-2-Systeme
Die nun bestätigte Trennung passt zu einem breiteren
Strategiewechsel der Branche. Während Robotaxi-Anbieter wie Waymo weiterhin auf
hochautomatisierte Level-4-Anwendungen setzen, konzentrieren sich viele
etablierte Hersteller derzeit auf die Industrialisierung leistungsfähiger
Level-2- und Level-2+-Systeme.
Auch über die Allianz von Cariad und Bosch hinaus zeichnet
sich eine Kurskorrektur ab. Mercedes-Benz hat den Drive Pilot zuletzt
zurückgenommen, BMW bietet sein 2024 eingeführtes Level-3-System „Personal
Pilot L3“ im überarbeiteten 7er nicht mehr an. Zwar halten die Münchner an den
Technologiezielen fest, verweisen jedoch auf den hohen Aufwand für
Sicherheitsnachweise. Statt Level 3 rücken deshalb bei vielen Herstellern
aktuell leistungsfähige Level-2+-Systeme stärker in den Fokus.