Enterprise Architecture Management

So will Volkswagen Business und IT in Einklang bringen

Wie gelingt die stringente Ausrichtung der IT an den Business-Zielen über mehrere Marken hinweg? Ein zentraler Baustein dabei ist Enterprise Architecture Management (EAM). Ein Blick auf das Beispiel Volkswagen.

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Volkswagen setzt auf konzernweites Enterprise Achitecture Management in Zusammenarbeit mit dem CBA Lab. Der Blick in die Praxis zeigt, wie Architekturarbeit bei VW transparenter, verbindlicher und messbarer werden soll.

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Mittlerweile ist der Services-Katalog für die Dienste der Architektur zum Herzstück dafür geworden, wie Architekturarbeit im Konzern verstanden wird. Auf dieser Basis werden die Ressourcen gesteuert, Gespräche mit (internen) Kunden der IT strukturiert, der Erfolg von Services gemessen und strategische Ziele definiert. „Enterprise Architecture Management“ (EAM) ist ein bewährter Ansatz, um die IT konsequent am Business auszurichten und dynamische Veränderung zu ermöglichen. Aber auch Transparenz über die IT-Landschaft und Vermeidung von Doppelbebauung sind Kernaufgaben, denn einzelne Domänen sehen oft architekturweite Cross-Abhängigkeiten im Gesamtkontext nicht.

Zwischen strategischem Anspruch und operativer Wirksamkeit liegt ein weites Feld, in dem EAM vermitteln soll. „Der Grundgedanke von EAM besteht darin, Architektur ganzheitlich im Unternehmen über alle Marken und Gesellschaften hinweg zu steuern: Besonders wichtig sind gemeinsame strategische Zielbilder, Leitplanken und Standards, um die einzelnen IT-Aktivitäten zu harmonisieren, zu bündeln und zu bewerten“, fasst es Patrick Filla zusammen, Enterprise Architect bei Volkswagen Group IT. Die Mission: Eine zukunftssichere IT-Landschaft zu gewährleisten, indem in einem Zusammenarbeitsmodell über alle Bereiche hinweg Business und IT verknüpft werden.

Hürden für die Architekturarbeit

Das ist bei weitem kein Selbstläufer. Zu den klassischen Herausforderungen zählen die in der Praxis oft fehlende Transparenz, mangelnde Dokumentation und nicht hinterlegte verantwortliche Ansprechpartner. Hinzu kommt in vielen Unternehmen ein Verbindungsproblem zwischen Fachbereich und IT. Eine EAM-Strategie lebt davon, dass sie breit im Unternehmen verankert wird, um die Menschen mitzunehmen – anstatt als knochentrockene Governance-Funktion wahrgenommen zu werden. Deshalb ist es so wichtig, wie die Architekturarbeit vermittelt wird.

EAM-Experten sorgen dabei einerseits für das Enablement mit der Bereitstellung von Methoden und Tools für das Architekturmanagement. Andererseits entwickeln sie Guidelines, sind für die Governance verantwortlich, aber auch für Realisierung und Operationalisierung. „Wir nehmen auch zentral Vorgaben für die konkrete Architekturausgestaltung vor und treffen Plattformentscheidungen, mit welchen großen Partnern in den jeweiligen Lösungsbereichen zusammengearbeitet wird. Das ist dann als Konzernstandard für alle Marken bindend. Darüber hinaus hat jede Marke und Gesellschaft auch einen individuellen Gestaltungsrahmen, um regional geprägte Prozesse abzubilden“, sagt Filla.

Hochkomplexe IT-Landschaft bei VW

Patrick Filla ist Enterprise Architect bei Volkswagen.

Bei VW ergibt sich die extrem hohe Komplexität einer IT-Gesamtstrategie auch daraus, dass sich die einzelnen Gesellschaften und Bereiche von Financial Services bis Produktion stark unterscheiden. Neben der zentralen EA sind vor Ort jeweils weitere IT- und Enterprise-Architects im Einsatz, die näher an den lokalen Lösungen dran sind. „Um ein gemeinsames Verständnis und eine gemeinsame Sprache zwischen IT und Fachabteilungen zu entwickeln, ist ein Service-Katalog entscheidend, in dem die Rolle und die Aufgaben einer Architektur klar beschrieben sind – und wie diese Services allen dienen“, erklärt Patrick Filla.

Ein weiterer positiver Aspekt sei eine ganz klare Zuordnung von Rollen und Verantwortlichkeiten auf Basis des Katalogs. Ein Fokus liegt auf Qualifikation: Beispielsweise organisiert ein Service Trainings und Communities, in denen Menschen im Unternehmen Know-how erhalten und sich als Architects qualifizieren lassen können.

Zu den typischen Services gehören beispielsweise ein Health-Check der bestehenden IT-Applikationslandschaft oder die Dokumentation der Ist-Bebauung (Architectural Landscape Documentation). Gerade beim Thema Dokumentation gibt es demnach typischerweise viel Handlungsbedarf. Was erst einmal simpel klinge, sei jedoch mit erheblichem Aufwand, den richtigen Tools und Einhaltung von Guidelines sowie Standards verbunden. Man gehe stark in Richtung Transparency Reporting und biete im Rahmen von Governance zudem ein EA Decision Backlog und ein komplettes Reporting an.

Technologietrends vor den Fachbereichen ausloten

Auch Technologiebewertung ist eine wesentliche Aufgabe. „Die Enterprise-Architektur beleuchtet Technologietrends und evaluiert, wie sie in die Gesamtbebauung einfließen können, einschließlich der Chancen und Risiken. Mit dem Technologie-Radar sind wir sehr schnell, denn nur indem nicht einzelne Bereiche eigene Wege gehen, gelingen hier Standards“, resümiert EA-Experte Filla.

Beim Thema KI beispielsweise findet ein regelmäßiger Austausch mit Technologielieferanten und Teilnahme an Verhandlungen statt: „Wie entwickelt sich KI weiter? Welche neuen Ausrichtungen oder Produkte sind geplant, wie wollen die Hersteller ihre Plattformen verändern, wo liegen zukünftig potenzielle Risiken und was bedeuten diese Entwicklungen für Volkswagen?“, nennt Filla einige Themen. Insbesondere KI-Technologie betrifft heute nahezu alle Bereiche. Mit dem Service Target Architecture Deployment werden konkrete Anwendungsfälle in der gesamten Bebauung ermittelt und die Technologie in den einzelnen Portfolien und Zielbildern verankert, um Wildwuchs zu verhindern. „Die Services zu Reporting und Governance stellen bei der Realisierung von KI-Solutions sicher, dass diese sich nicht gegenseitig ausschließen, sondern sich bereichern oder sich mindestens nicht tangieren“, erläutert Filla.

Außenperspektive als Bereicherung

Zunächst hatte der OEM auf seinen selbst entwickelten Service-Katalog „Kompass“ gesetzt, der „bottom up“ aus dem operativen Tagesgeschäft heraus entstanden war und die Richtschnur vorgab. Doch dann setzte sich der EA-Experte mit den Ergebnissen des Projekts „EAM Service Catalog“ des Cross Business Architecture Lab (CBA Lab) und dem darin von Mitgliederunternehmen unterschiedlicher Branchen entwickelten Rahmenwerk auseinander. Filla präsentierte den Ansatz und schlug vor, den eigenen Kompass auf dieser Basis weiterzuentwickeln.

„Für uns war im Projekt des CBA Lab spannend zu sehen: Wie machen es andere Unternehmen? Gerade mit Blick in Richtung Maturity Level ist eine neutrale Sicht von außen besonders hilfreich und der dort erarbeitete Katalog sehr ganzheitlich über alle Ebenen hinweg“, erinnert sich Filla, der bei VW seit Ende 2024 Hauptvertreter für die Mitarbeit im Anwenderverband ist. Besonders gut gefiel den Wolfsburgern die klare und vor allem redundanzfreie Struktur, die der Katalog vorgab. Hier war man beim eigenen Ansatz häufiger an Grenzen gestoßen, denn neue Aufgaben passten teilweise in mehrere Felder hinein. In sechs Clustern sind alle Aufgaben in 33 Services abgedeckt: „Analyze & Strategize“, „Communication & Training“, „Transparency & Reporting“, „Plan & Consult“, „Guidance & Governance“ sowie EA-Tools.

Was ist das Cross-Business-Architecture Lab?

Das CBA Lab ist ein Anwenderverband von Unternehmen aus allen Wirtschaftszweigen, die gemeinsam neue Best Practices erschließen, erarbeiten und trainieren. Es erarbeitet mit und für seine Mitglieder innovative „Bausteine“ für die digitale Transformation, die die Architektur prägen und organisieren. Am Cross-Business-Architecture Lab beteiligen sich CIOs, CDOs und Chefarchitekten aus Unternehmen und Organisationen im deutschsprachigen Raum. Die Mitglieder profitieren vom gemeinsamen Netzwerk und dem Vertrauensraum des Verbandes, der sie sehr offen Know-how und Ideen teilen lässt.

EAM Services-Katalog schnell implementiert

„Der Katalog war nah an unseren Themen und damit sehr schnell implementierbar. Zudem wurde er in der Praxis validiert und viele Designfehler bereits ausgemerzt, die man sich so sparen konnte“, bringt es Patrick Filla auf den Punkt. Seit rund einem Jahr dient der Katalog jetzt der Kommunikation, damit alle, die im Unternehmen von Architekturarbeit profitieren, klar die Services und Vorteile nachvollziehen können – und wissen, wann sie sich an die Architekturabteilung wenden sollten. Planung und Beratung gehören zu den Kernaufgaben. In Großprojekten kommen einzelne IT-Architekten schnell an Grenzen. Dafür bietet die zentrale EA-Abteilung Beratung zum Gesamtbild. Das gilt beispielsweise, wenn ein neues Werk gebaut werden soll oder für den Einstieg in die Kreislaufwirtschaft, wo sehr viele Experten aus IT und Fachbereichen zusammenkommen, um einen Überblick über alle Prozesse und Bebauungen zu bekommen und Möglichkeiten und Grenzen zu klären.

Innerhalb von knapp vier Monaten wurden zunächst grob die eigenen Aktivitäten aus dem Kompass in den CBA-Service-Katalog übertragen und dann schrittweise immer mehr eigene Aufgaben und Tätigkeiten „hinein gemappt“, bis man bereit war, das alte Konzept abzulösen. „Wir nutzen den Katalog mittlerweile auch dafür, einzelne Themenfelder regelmäßig zu beleuchten und zu ermitteln, wie viel Ressourcen angesichts der strategischen Gewichtung in einen Service gesteckt werden“, berichtet Filla.

Die nächsten EAM-Schritte

Auf Sicht will man die gewachsenen Architekturprozesse noch einmal straffen und den Methodikkoffer nach dem Motto „back to simple“ oder „more with less“ auf den Prüfstand stellen. Weniger Architekturprozesse führen zu besseren Ergebnissen und besserer Vergleichbarkeit im Konzern, ist sich das EA-Team sicher. Ein anderes strategisches Ziel ist die bessere Messbarkeit von Architekturarbeit mit einer Kennzahlensteuerung. Hier tun sich die meisten Unternehmen noch sehr schwer. Derzeit wird auch im Rahmen der CBA-Lab-Zusammenarbeit daran gearbeitet, für die Services quantifizierbare Kennzahlen zu identifizieren. VW hat bereits ein eigenes Modell mit fünf Reifegraden für seine EA-Services erarbeitet: „Out of Scope“, „Startup“, „Helpful“, „Trusted“ (belastbar für Management-taugliche Entscheidungen) und „Influential“ (so in IT-Prozesse eingewoben, dass aktiv über die Architektur Einfluss genommen werden kann). Perspektivisch streben die Enterprise Architekten zudem eine noch stärkere Anbindung an Daten und KI an.