So will Volkswagen Business und IT in Einklang bringen
Wie gelingt die stringente Ausrichtung der IT an den Business-Zielen über mehrere Marken hinweg? Ein zentraler Baustein dabei ist Enterprise Architecture Management (EAM). Ein Blick auf das Beispiel Volkswagen.
Daniela HoffmannDanielaHoffmann
4 min
Volkswagen setzt auf konzernweites Enterprise Achitecture Management in Zusammenarbeit mit dem CBA Lab. Der Blick in die Praxis zeigt, wie Architekturarbeit bei VW transparenter, verbindlicher und messbarer werden soll.Volkswagen Group Services
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Mittlerweile ist
der Services-Katalog für die Dienste der Architektur zum Herzstück dafür
geworden, wie Architekturarbeit im Konzern verstanden wird. Auf dieser Basis
werden die Ressourcen gesteuert, Gespräche mit (internen) Kunden der IT
strukturiert, der Erfolg von Services gemessen und strategische Ziele
definiert. „Enterprise Architecture Management“ (EAM) ist ein bewährter Ansatz,
um die IT konsequent am Business auszurichten und dynamische Veränderung zu
ermöglichen. Aber auch Transparenz über die IT-Landschaft und Vermeidung von
Doppelbebauung sind Kernaufgaben, denn einzelne Domänen sehen oft architekturweite
Cross-Abhängigkeiten im Gesamtkontext nicht.
Zwischen strategischem
Anspruch und operativer Wirksamkeit liegt ein weites Feld, in dem EAM vermitteln
soll. „Der Grundgedanke von EAM besteht darin, Architektur ganzheitlich im
Unternehmen über alle Marken und Gesellschaften hinweg zu steuern: Besonders
wichtig sind gemeinsame strategische Zielbilder, Leitplanken und Standards, um
die einzelnen IT-Aktivitäten zu harmonisieren, zu bündeln und zu bewerten“,
fasst es Patrick Filla zusammen, Enterprise Architect bei Volkswagen Group IT. Die
Mission: Eine zukunftssichere IT-Landschaft zu gewährleisten, indem in einem
Zusammenarbeitsmodell über alle Bereiche hinweg Business und IT verknüpft
werden.
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Hürden für die Architekturarbeit
Das ist bei
weitem kein Selbstläufer. Zu den klassischen Herausforderungen zählen die in
der Praxis oft fehlende Transparenz, mangelnde Dokumentation und nicht
hinterlegte verantwortliche Ansprechpartner. Hinzu kommt in vielen Unternehmen
ein Verbindungsproblem zwischen Fachbereich und IT. Eine EAM-Strategie lebt
davon, dass sie breit im Unternehmen verankert wird, um die Menschen
mitzunehmen – anstatt als knochentrockene Governance-Funktion wahrgenommen zu
werden. Deshalb ist es so wichtig, wie die Architekturarbeit vermittelt wird.
EAM-Experten sorgen
dabei einerseits für das Enablement mit der Bereitstellung von Methoden und
Tools für das Architekturmanagement. Andererseits entwickeln sie Guidelines,
sind für die Governance verantwortlich, aber auch für Realisierung und
Operationalisierung. „Wir nehmen auch zentral Vorgaben für die konkrete
Architekturausgestaltung vor und treffen Plattformentscheidungen, mit welchen
großen Partnern in den jeweiligen Lösungsbereichen zusammengearbeitet wird. Das
ist dann als Konzernstandard für alle Marken bindend. Darüber hinaus hat jede
Marke und Gesellschaft auch einen individuellen Gestaltungsrahmen, um regional
geprägte Prozesse abzubilden“, sagt Filla.
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Hochkomplexe IT-Landschaft bei VW
Patrick Filla ist Enterprise Architect bei Volkswagen.CBA Lab e. V.
Bei VW ergibt
sich die extrem hohe Komplexität einer IT-Gesamtstrategie auch daraus, dass
sich die einzelnen Gesellschaften und Bereiche von Financial Services bis
Produktion stark unterscheiden. Neben der zentralen EA sind vor Ort jeweils
weitere IT- und Enterprise-Architects im Einsatz, die näher an den lokalen
Lösungen dran sind. „Um ein gemeinsames Verständnis und eine gemeinsame Sprache
zwischen IT und Fachabteilungen zu entwickeln, ist ein Service-Katalog
entscheidend, in dem die Rolle und die Aufgaben einer Architektur klar
beschrieben sind – und wie diese Services allen dienen“, erklärt Patrick Filla.
Ein weiterer
positiver Aspekt sei eine ganz klare Zuordnung von Rollen und
Verantwortlichkeiten auf Basis des Katalogs. Ein Fokus liegt auf Qualifikation:
Beispielsweise organisiert ein Service Trainings und Communities, in denen
Menschen im Unternehmen Know-how erhalten und sich als Architects qualifizieren
lassen können.
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Zu den typischen
Services gehören beispielsweise ein Health-Check der bestehenden
IT-Applikationslandschaft oder die Dokumentation der Ist-Bebauung (Architectural
Landscape Documentation). Gerade beim Thema Dokumentation gibt es demnach typischerweise
viel Handlungsbedarf. Was erst einmal simpel klinge, sei jedoch mit erheblichem
Aufwand, den richtigen Tools und Einhaltung von Guidelines sowie Standards
verbunden. Man gehe stark in Richtung Transparency Reporting und biete im
Rahmen von Governance zudem ein EA Decision Backlog und ein komplettes
Reporting an.
Technologietrends vor den Fachbereichen ausloten
Auch Technologiebewertung
ist eine wesentliche Aufgabe. „Die Enterprise-Architektur beleuchtet
Technologietrends und evaluiert, wie sie in die Gesamtbebauung einfließen
können, einschließlich der Chancen und Risiken. Mit dem Technologie-Radar sind
wir sehr schnell, denn nur indem nicht einzelne Bereiche eigene Wege gehen,
gelingen hier Standards“, resümiert EA-Experte Filla.
Beim Thema KI
beispielsweise findet ein regelmäßiger Austausch mit Technologielieferanten und
Teilnahme an Verhandlungen statt: „Wie entwickelt sich KI weiter? Welche neuen
Ausrichtungen oder Produkte sind geplant, wie wollen die Hersteller ihre
Plattformen verändern, wo liegen zukünftig potenzielle Risiken und was bedeuten
diese Entwicklungen für Volkswagen?“, nennt Filla einige Themen. Insbesondere KI-Technologie
betrifft heute nahezu alle Bereiche. Mit dem Service Target Architecture
Deployment werden konkrete Anwendungsfälle in der gesamten Bebauung ermittelt
und die Technologie in den einzelnen Portfolien und Zielbildern verankert, um
Wildwuchs zu verhindern. „Die Services zu Reporting und Governance stellen bei
der Realisierung von KI-Solutions sicher, dass diese sich nicht gegenseitig
ausschließen, sondern sich bereichern oder sich mindestens nicht tangieren“, erläutert
Filla.
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Außenperspektive als Bereicherung
Zunächst hatte
der OEM auf seinen selbst entwickelten Service-Katalog „Kompass“ gesetzt, der „bottom
up“ aus dem operativen Tagesgeschäft heraus entstanden war und die Richtschnur
vorgab. Doch dann setzte sich der EA-Experte mit den Ergebnissen des Projekts „EAM
Service Catalog“ des Cross Business Architecture Lab (CBA Lab) und dem darin
von Mitgliederunternehmen unterschiedlicher Branchen entwickelten Rahmenwerk auseinander.
Filla präsentierte den Ansatz und schlug vor, den eigenen Kompass auf dieser
Basis weiterzuentwickeln.
„Für uns war im Projekt des CBA Lab spannend
zu sehen: Wie machen es andere Unternehmen? Gerade mit Blick in Richtung
Maturity Level ist eine neutrale Sicht von außen besonders hilfreich und der
dort erarbeitete Katalog sehr ganzheitlich über alle Ebenen hinweg“, erinnert
sich Filla, der bei VW seit Ende 2024 Hauptvertreter für die Mitarbeit im
Anwenderverband ist. Besonders gut gefiel den Wolfsburgern die klare und vor
allem redundanzfreie Struktur, die der Katalog vorgab. Hier war man beim
eigenen Ansatz häufiger an Grenzen gestoßen, denn neue Aufgaben passten
teilweise in mehrere Felder hinein. In sechs Clustern sind alle
Aufgaben in 33 Services abgedeckt: „Analyze & Strategize“, „Communication
& Training“, „Transparency & Reporting“, „Plan &
Consult“, „Guidance & Governance“
sowie EA-Tools.
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Was ist das Cross-Business-Architecture Lab?
Das CBA Lab ist
ein Anwenderverband von Unternehmen aus allen Wirtschaftszweigen, die gemeinsam
neue Best Practices erschließen, erarbeiten und trainieren. Es erarbeitet mit
und für seine Mitglieder innovative „Bausteine“ für die digitale
Transformation, die die Architektur prägen und organisieren. Am
Cross-Business-Architecture Lab beteiligen sich CIOs, CDOs und Chefarchitekten
aus Unternehmen und Organisationen im deutschsprachigen Raum. Die Mitglieder
profitieren vom gemeinsamen Netzwerk und dem Vertrauensraum des Verbandes, der
sie sehr offen Know-how und Ideen teilen lässt.
EAM Services-Katalog schnell implementiert
„Der Katalog war nah
an unseren Themen und damit sehr schnell implementierbar. Zudem wurde er in der
Praxis validiert und viele Designfehler bereits ausgemerzt, die man sich so
sparen konnte“, bringt es Patrick Filla auf den Punkt. Seit rund einem Jahr
dient der Katalog jetzt der Kommunikation, damit alle, die im Unternehmen von
Architekturarbeit profitieren, klar die Services und Vorteile nachvollziehen
können – und wissen, wann sie sich an die Architekturabteilung wenden sollten. Planung
und Beratung gehören zu den Kernaufgaben. In Großprojekten kommen einzelne IT-Architekten
schnell an Grenzen. Dafür bietet die zentrale EA-Abteilung Beratung zum
Gesamtbild. Das gilt beispielsweise, wenn ein neues Werk gebaut werden soll
oder für den Einstieg in die Kreislaufwirtschaft, wo sehr viele Experten aus IT
und Fachbereichen zusammenkommen, um einen Überblick über alle Prozesse und
Bebauungen zu bekommen und Möglichkeiten und Grenzen zu klären.
Innerhalb von
knapp vier Monaten wurden zunächst grob die eigenen Aktivitäten aus dem Kompass
in den CBA-Service-Katalog übertragen und dann schrittweise immer mehr eigene
Aufgaben und Tätigkeiten „hinein gemappt“, bis man bereit war, das alte Konzept
abzulösen. „Wir nutzen den Katalog mittlerweile auch dafür, einzelne
Themenfelder regelmäßig zu beleuchten und zu ermitteln, wie viel Ressourcen angesichts
der strategischen Gewichtung in einen Service gesteckt werden“, berichtet
Filla.
Auf Sicht will
man die gewachsenen Architekturprozesse noch einmal straffen und den
Methodikkoffer nach dem Motto „back to simple“ oder „more with less“ auf den
Prüfstand stellen. Weniger Architekturprozesse führen zu besseren Ergebnissen
und besserer Vergleichbarkeit im Konzern, ist sich das EA-Team sicher. Ein
anderes strategisches Ziel ist die bessere Messbarkeit von Architekturarbeit
mit einer Kennzahlensteuerung. Hier tun sich die meisten Unternehmen noch sehr
schwer. Derzeit wird auch im Rahmen der CBA-Lab-Zusammenarbeit daran gearbeitet,
für die Services quantifizierbare Kennzahlen zu identifizieren. VW hat bereits
ein eigenes Modell mit fünf Reifegraden für seine EA-Services erarbeitet: „Out
of Scope“, „Startup“, „Helpful“, „Trusted“ (belastbar für Management-taugliche
Entscheidungen) und „Influential“ (so in IT-Prozesse eingewoben, dass aktiv
über die Architektur Einfluss genommen werden kann). Perspektivisch streben die
Enterprise Architekten zudem eine noch stärkere Anbindung an Daten und KI an.