Teilautonomes Fahren auf Level 2++

BMW gibt Autobahnassistenten ein Upgrade

BMW hat wie Mercedes dem automatiserten Fahren auf Level 3 bis auf weiteres den Rücken gekehrt. Dafür soll der technisch darunterliegende Autobahnassistent durch neue Funktionen und eine bessere Verfügbarkeit aufgewertet werden.

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Durch ein symbiotisches Zusammenspiel zwischen Mensch und Maschine soll der BMW-Kunde gar nicht merken, dass er nur mit Level 2++-Autonomie unterwegs ist.

Für die deutschen Premium-OEMs standen die Zeichen beim teilautonomen Fahren lange Zeit auf Zeit auf „3“. Sowohl Mercedes-Benz als auch BMW schafften den technologischen Durchbruch von Level 2 auf Level 3 und auch regulatorisch stand dem hochautomatisierten Fahren auf Autobahnen nichts mehr im Weg.

Mercedes und BMW erteilen Level-3-System Absage

Doch in diesem Jahr dann die strategische Wende: Erst verabschiedete sich Mercedes im Zuge der S-Klassen-Modellpflege von seinem Drive Pilot, dann folgte BMW mit einem entsprechenden Rückzieher beim Update des 7ers: Das 2024 eingeführte Level-3-System „Personal Pilot L3“,  bei dem der Fahrer bis zu einer Geschwindigkeit von 60 km/h die Hände dauerhaft vom Lenkrad nehmen und sich anderen Dingen widmen durfte, wurde mit dem neuen BMW-Flaggschiff nicht mehr angeboten. Für die Münchner hätte autonomes Fahren auf Level 3 und 4 zwar weiterhin hohe Relevanz, heißt es auf Nachfrage von automotiveIT.  „Wir wissen genau, wie es geht – sowohl technisch als auch regulatorisch.“ 

Allerdings bestünde ein enormer Aufwand im Sicherheitsnachweis für erweiterte Einsatzbereiche. Die ersten 99 Prozent eines automatisierten Systems seien vergleichsweise schnell erreicht – entscheidend und technisch anspruchsvoll, so BMW, seien die letzten ein Prozent, in denen sich die reale Verkehrskomplexität und Safety‑Anforderungen für ein System entscheiden, bei dem der Hersteller die vollständige Verantwortung für die Fahraufgabe übernimmt. „Kosten und Kundennachfrage stehen hier aktuell nicht im Verhältnis“, lautet die klare Einschätzung aus München. 

Während also bei Robotoaxis Tech Player wie Waymo oder Uber um die Skalierung von Level-4-Autonomie wetteifern, schaltetet man in Stuttgart und München einen Gang zurück und konzentriert sich nun auf technologische Tiefe beim assistierten Fahren auf Level 2 – mittlerweile gerne annotiert mit einem oder zwei Pluszeichen.

BMW erweitert Autobahnassistent

Bei BMW gilt die volle Aufmerksamkeit jetzt dem Autobahnassistenten, der freihändiges Fahren auf der Autobahn bis 130 km/h zulässt. Das System übernimmt die Längs- und Querführung, sodass der Fahrer nur durch Blickbestätigung einen automatisierten Spurwechsel vornehmen kann. Das System feierte seine Deutschlandpremiere im Sommer 2023 im BMW 5er und ist mittlerweile auch in den Modellen 7er, iX, X5, X6, X7, XM sowie im ersten Ableger der Neuen Klasse, dem iX3 verfügbar. Nach eigenen Angaben haben Kunden bis dato 200 Millionen Kilometer mit aktiviertem Autobahnassistenten absolviert. Für Mihiar Ayoubi, Leiter Entwicklung Fahrerlebnis bei BMW ein Beweis, „wie zuverlässig und relevant dieses System im Alltag ist“.

Nun soll das Assistenzsystem in Sachen Verfügbarkeit und Leistungsumfang ein weiteres Upgrade erhalten. Während bislang nur Kunden in Deutschland, Kanada und den USA den Assistenten nutzen konnten, kommen nun weitere 20 europäische Länder schrittweise hinzu. Möglich macht dies die sogenannte DCAS-Zulassung (Driver Control Assistance Systems) der UN, die einen internationalen Rechtsrahmen für Fahrerassistenzsysteme für Level 2 und höher setzt. BMWs Modelle der Neuen Klasse verfügen seit Ende 2025 über diese Zulassung.

Auch technologisch gibt es eine Erweiterung: So soll der das Level-2-System nicht nur auf Autobahnen selbst, sondern neuerdings auch auf Auf- und Abfahrten (Entry-2-Exit) bei aktivierter Navigation mit „BMW Maps“.

Symbiose zwischen Mensch und Maschine

Damit sich das teilautonome Fahren für den BMW-Kunden nicht zwangsweise wie ein technologischer Rückschritt anfühlt, wurde der Level-2-Assistent mit der Funktion „BMW Symbiotic Drive“ entwickelt. Die Idee dahinter: Die Nutzung des ADAS soll sich möglichst nahtlos in das menschliche Fahrverhalten einfügen. Laut BMW kann der Fahrer bei aktivierter Fahrerassistenz bei Bedarf beschleunigen, lenken und bremsen, ohne damit sofort eine Abschaltung der Längs- und Querführung auszulösen. „Das macht die Nutzung von L2+ Systemen natürlicher, weil Mensch und Technik weniger hart zwischen „ich fahre“ und „das System fährt“ wechseln“, erklärt ein Unternehmenssprecher.

Laut BMW ist das Ziel dabei nicht höchstmögliche Automatisierung in jeder Situation, sondern ein sicheres Fahrerassistenz-Erlebnis, das immer kontrollierbar bleibt, indem es den Fahrer aktiv im Loop hält. Der bayerische OEM habe sich hier bewusst gegen eine End-to-End-KI-Lösung entschieden und setze stattdessen auf eine Kombination regelbasierter Algorithmen und KI für Umfeldwahrnehmung und Fahrwegplanung. Die entsprechende Hardware sei immer an Board, Kunden könnten die Funktion flexibel hinzubuchen, erklärt BMW.

Grundsätzlich geht man bei BMW das Thema autonomes Fahren deutlich behutsamer an als noch vor einigen Jahren. Geplant ist, schrittweise weitere ubrane Funktionen wie Kreisverkehr-Durchfahrten, assistierten Spurwechsel, Abbiegevorgänge auszurollen und dabei nach und nach aus dem Kundenverhalten zu lernen.  „Wir müssen auch die Realität anerkennen, dass viele Kunden nach wie vor Berührungsängste mit automatisierten Fahrfunktionen haben und wir Schritt für Schritt Vertrauen aufbauen müssen“, betont BMW. „Wir bringen nur Funktionen, die kundenrelevant und sicher industrialisiert sind.“ Entscheidend, so BMW, werde sein, wer skalierbare und profitable Serienfunktionen liefere, die Kunden im Alltag wirklich entlasten.

Sollte es BMW gelingen, diese sanfte Symbiose zwischen Mensch und Maschine in der Realität reibungslos umzusetzen, könnte die etwaige Wehmut der BMW-Kundschaft ob des vorerst eingestampften Level-3-Piloten deutlich geringer ausfallen.