Was bei BMW die Neue Klasse, ist bei Volvo der neue EX60. Kann der elektrische Bruder des erfolgreichsten Volvo-Modells aller Zeiten in dessen Fußstapfen treten?
Der Volvo EX60 in der Hamburger Speicherstadt.Volvo
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Ein überdimensionales Stadtkartenposter im Stile eines Kinderspielteppichs gibt erste Anregungen für sehenswerte Orte in der Hansestadt. Am Vorabend der Testfahrten hängt es in einem der Konferenzräume des Hamburger Nobelhotels The Fontenay, vor dessen Eingangstüren diverse Modelle für die neugierige Presseschar aufgereiht sind. Diese kindlich anmutende Untermalung wirkt bewusst und typisch für Volvo gewählt. Mit dem EX60 wollen die Schweden nicht zuletzt Familien ansprechen und ihnen ein E-Auto bieten, welches Verbrennern in jeglicher Form endgültig ebenbürtig, wenn nicht überlegen ist. Über mehrere Stunden können wir das elektrische Mittelklasse-SUV rund um die Hansestadt testen. Dabei wirkt der EX60 wie ein ausgereiftes Premiumfahrzeug, bei dem Software, Bedienung und Fahrverhalten stärker zusammengedacht sind als bisher. Das elektrische Pedant zu Volvos Verkaufsschlager, dem XC60, steht als erstes Modell auf der neuen SPA3-Architektur, die ausschließlich für batterieelektrische Fahrzeuge entwickelt wurde. Sie sei erstmals „ohne Berücksichtigung von konventionellen Antrieben“ entstanden, erklärt Lutz Stiegler, Head of Architecture Strategy bei Volvo, am Rande der Premiere in Hamburg. Auf ihr könnten „wirklich nur und absolut nur noch E-Autos“ gebaut werden.
Ausschnitt des Motivs.Volvo
Das schafft neue Freiheiten bei Vorderwagen, Batterie, Fahrwerk und Innenraum. Gleichzeitig erkennt man beim Einsteigen sofort einen Volvo. Die ruhige Gestaltung, die hochwertigen Materialien und die klare Architektur setzen die Linie von EX90 und ES90 fort. Größter sicht- und fühlbarer Unterschied ist das deutlich kleinere Lenkrad. Es liegt hervorragend in der Hand, lässt den EX60 leichter wirken und macht besonders auf kurvigen Straßen viel Spaß.
Mehr Software aus dem eigenen Haus
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Die technische Basis für das digitale Erlebnis bildet HuginCore, Volvos zentralisierte Rechnerarchitektur. Dabei verteilt der Hersteller die Aufgaben auf zwei leistungsfähige Systeme. Der Nvidia Drive AGX Orin übernimmt als zentraler Core Computer vor allem die sicherheits- und fahrrelevante Datenverarbeitung. Er führt Informationen aus Kameras, Radar, weiteren Sensoren und Google HD Maps zusammen und schafft damit die Rechenbasis für Umfelderkennung, Pilot Assist und weitere Fahrerassistenzfunktionen. Volvo beziffert seine Leistung auf 254 TOPS. Der Chip arbeitet mit dem sicherheitszertifizierten Betriebssystem NVIDIA DriveOS.
Für die unmittelbar wahrnehmbare User Experience ist dagegen Qualcomms Snapdragon 8255 zuständig. Der Cockpit-Chip bildet das Herz des neuen User Experience Computers und verarbeitet die Inhalte der Displays, das Infotainment, die Grafik- und Audiofunktionen sowie die Interaktion mit Android Automotive und Google Gemini. Die zusätzliche Snapdragon Auto Connectivity Platform stellt unter anderem die 5G-, WLAN- und Bluetooth-Verbindungen bereit. Die flüssigen Animationen, schnell geladenen Karten und unmittelbaren Reaktionen des zentralen OLED-Displays sind damit vor allem dem Qualcomm-System zuzuordnen, während der NVIDIA-Rechner im Hintergrund die Umgebung erfasst und fahrrelevante Entscheidungen vorbereitet.
HuginCore baut auf der technischen Grundlage von EX90 und ES90 auf. Volvo verändert jedoch die Prozesse dahinter grundlegend. „Der Tech Stack ist noch ähnlich, aber die Prozesse dahinter sind komplett anders, mit dem Ziel, die Softwarequalität deutlich anzuheben“, sagt Lutz Stiegler, Head of Architecture Strategy bei Volvo. Die Erfahrungen aus EX90, ES90 und Polestar 3 fließen direkt in den EX60 ein.
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Zugleich entwickelt Volvo mehr Software selbst. Dazu zählen unter anderem die Steuerung von Lenkung, Elektromotoren, Invertern, Dämpfern und Fahrerassistenzsystemen. Auch die zentrale Kommunikationsschicht innerhalb der Fahrzeugarchitektur stammt von Volvo. Den Eigenanteil schätzt Stiegler auf rund drei Viertel.
Ein Fahrerdisplay fast wie ein Head-up-Display
Hinter dem Lenkrad sitzt ein 11,4 Zoll großes Fahrerdisplay, das weit vorne und dicht an der Windschutzscheibe positioniert ist. Technisch handelt es sich nicht um ein Head-up-Display, in der Wahrnehmung kommt es einem solchen aber sehr nahe. Der Blick muss nur minimal von der Straße abweichen. Während unserer Testfahrt bleibt die Anzeige auch bei wechselnden Lichtverhältnissen sehr gut lesbar. Selbst mit polarisierter Sonnenbrille sind die Informationen probemlos zu erkennen. Eine spezielle Beschichtung reduziert Reflexionen, die Dual-Cell-Technik sorgt für hohe Kontraste. Zur Wahl stehen Karten-, Surround- und Fokusansicht – drei einfache, sofort verständliche Optionen. Mehr braucht es hier auch nicht.
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Pilot Assist überzeugt
Auf einer schlecht markierten Landstraße hält der Pilot Assist den EX60 über längere Abschnitte zuverlässig in der Spur, teilweise sogar dort, wo sichtbare Fahrbahnmarkierungen fehlen. Kameras, Radar und hochauflösende Kartendaten von Google arbeiten dabei zusammen. Unter schwierigen Bedingungen bleibt die Spurführung allerdings nicht konstant aktiv. Auf engen, kurvigen Passagen wechselt das System mehrfach zwischen verfügbar und vorübergehend nicht verfügbar. Positiv ist, wie klar der EX60 diese Zustände kommuniziert. Hinweise erscheinen direkt im weit vorne positionierten Fahrerdisplay, grüne Streifen am Rande der Fahrbahnmarkierung zeigen eindeutig an, wann die Lenkunterstützung wieder arbeitet.
Auf geraden Strecken stellt sich schnell Vertrauen ein. Bei Gegenverkehr auf schmalen Straßen behält man die Kontrolle jedoch lieber selbst. Pilot Assist funktioniert sehr gut, ersetzt aber nicht die Aufmerksamkeit des Fahrers. Die Hände sollten am Lenkrad bleiben. Dabei protestiert das System erst nach rund 30 Sekunden energisch, widersetzt man sich dieser Richtlinie. Doch schon ein minimales Fingertippen reicht dem EX60 um einen Runde „Handsfree“ einzuläuten.
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Der zentrale Bildschirm funktioniert im Querformat besser
Das visuelle Zentrum des Innenraums ist der 15 Zoll große OLED-Touchscreen. Anders als bei früheren Volvo-Modellen ist er horizontal angeordnet und leicht gekrümmt. Dadurch lässt er sich von Fahrer und Beifahrer gut ablesen, ohne seine klare Ausrichtung auf den Fahrer zu verlieren. Im Standardlayout nimmt Google Maps den größten Teil der Fläche ein, während der Medienplayer sichtbar bleibt. Eine feste Leiste am unteren Rand hält wichtige Funktionen wie die Klimaregelung erreichbar. Kontextabhängige Schaltflächen erscheinen nur dann, wenn sie benötigt werden, etwa für die 360-Grad-Kamera oder die Heckklappe.
Während der Fahrt reagiert das System schnell und flüssig. Karten werden zügig aufgebaut, Menüs sind logisch strukturiert und frei konfigurierbare Schnellzugriffe bringen Funktionen wie One Pedal Drive oder Assistenzsysteme näher an die oberste Ebene.
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Ganz ohne Kritik bleibt das Bedienkonzept nicht. Für Klima, Lenkrad und Außenspiegel wären zusätzliche physische Tasten wünschenswert. Die Einstellung von Lenkrad und Spiegeln erfolgt zunächst über das Menü und anschließend über die Lenkradtasten. Nach einmaligem Erlernen funktioniert das schnell, intuitiv ist es beim ersten Kontakt aber nicht.
Das kleine Lenkrad ist mehr als ein Designdetail
Das neue Lenkrad ist deutlich kleiner als bisher und verändert den Charakter des Fahrerplatzes spürbar. Es vermittelt ein direktes Gefühl und passt gut zum agilen Fahrverhalten des EX60. Dass sich die Lenkung so präzise anfühlt, hängt auch mit der reinen Elektroplattform zusammen. Weil kein Verbrennungsmotor berücksichtigt werden muss, kann das Lenkgetriebe vor die Vorderachse rücken. Das verbessert laut Stiegler die Krafteinleitung und schafft mehr Freiheiten bei der Abstimmung der Vorderachse.
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Besonders erfreulich ist die Rückkehr klassischer Tasten. Lautstärke, Sprachsteuerung, Displayansicht, Tempomat, Abstand und Assistenzsysteme lassen sich bedienen, ohne den Blick von der Straße zu nehmen. Auch die programmierbare Sterntaste ist praktisch, etwa zum schnellen Abschalten des Geschwindigkeitswarners.
Gemini ist stark, kennt das Auto aber noch nicht gut genug
Google Gemini versteht natürliche Sprache deutlich besser als klassische Sprachassistenten. Im Test reagiert das System schnell und erkennt auch frei formulierte Anfragen zuverlässig. Es steuert unter anderem Navigation, Spotify, Klimatisierung und Sitzheizung. Durch die Verbindung mit Navigation und Standort kann Gemini außerdem Fragen zur Umgebung beantworten. Eine Live-Funktion ermöglicht ein fortlaufendes Gespräch.
Schwächen zeigt das System bei fahrzeugspezifischem Wissen. Auf die Frage nach der Lenkradeinstellung liefert Gemini eine allgemeine Internetantwort zu einem mechanischen Hebel, obwohl der EX60 elektrisch über Menü und Lenkradtasten eingestellt wird. Hier sollte der Assistent künftig stärker als digitales Handbuch funktionieren und direkt zur passenden Einstellung führen.
Google Maps ist tief in das Fahrzeug integriert, berücksichtigt Reichweite und Ladestopps und synchronisiert Ziele mit anderen Geräten. Apps wie Spotify lassen sich über den Google Play Store installieren. Wireless Apple CarPlay und Android Auto sind ebenfalls verfügbar. Auch das Smartphone wird Teil des Bedienkonzepts. Es kann per UWB als digitaler Schlüssel dienen und persönliche Einstellungen für Sitz, Lenkrad, Spiegel und Infotainment laden.
Das Bowers-und-Wilkins-System mit 28 Lautsprechern bleibt eines der Highlights. Der Klang ist präzise, räumlich und einmal mehr beeindruckend. Verschiedene Klangräume, darunter die Göteborger Konzerthalle und 3D-Surround, verändern die Wiedergabe deutlich. Wer das System bezahlen kann und Wert auf Musik legt, erhält einen echten Mehrwert.
Zusätzlich bemerkenswert ist, dass Volvo die Mikrofone der Geräuschunterdrückung nutzt, um Gespräche zwischen Vorder- und Rücksitzen über die Kopfstützenlautsprecher zu verstärken.
Der EX60 verbindet Volvos vertrauten Minimalismus mit einem deutlich schnelleren und besser strukturierten digitalen Bedienkonzept. Besonders das Fahrerdisplay, das kleine Lenkrad, die haptischen Tasten und der zentrale OLED-Bildschirm überzeugen. Zusätzliche Klimatasten wären willkommen, die Einstellung von Lenkrad und Spiegeln ist zunächst unnötig versteckt und Gemini muss den Fahrzeugkontext besser verstehen. Insgesamt macht das Infotainment jedoch Spaß, der Innenraum wirkt hochwertig und das Zusammenspiel von Software und Fahrzeug funktioniert bereits sehr überzeugend.