Infotainment & KI

Der neue EX60 erweckt Volvos Software-Pläne zum Leben

Mit dem EX60 bringt Volvo seine Idee vom softwaredefinierten Fahren erstmals auf die Straße. Das vollelektrische SUV bündelt zentrale Rechenarchitektur, KI-Integration und Over-The-Air-Funktionen in einem Serienfahrzeug. Die Details.

Volvo EX90 Blick in den Innenraum von der Rückbank aus nachh vorne gerichtet.
Im Rahmen einer erweiterten Partnerschaft zwischen Volvo und Google hält im neuen EX60 das erste Mal die KI-Software Gemini Einzug in ein Fahrzeugmodell des schwedischen OEMs.

Mit dem EX60 erweitert Volvo seine Elektro-Offensive um ein technologisch besonders ambitioniertes Modell. Das vollelektrische SUV feiert am 21. Januar 2026 Weltpremiere und ist das erste Fahrzeug der Marke, das mit dem KI-Assistenten Gemini von Google ausgestattet ist.  Das kündigten beide Unternehmen bereits 2025 im Rahmen der Entwicklungskonferenz „Google I/" an. Google Gemini soll künftig in alle Fahrzeuge mit integriertem Google-Infotainmentsystem kommen. Darüber hinaus soll Volvo künftig als Referenzplattform für die Weiterentwicklung von Android Automotive OS dienen. Der OEM setzt mit dieser Zudsammenarbeit stärker auf sprachbasierte Bedienung und eine tiefere Software-Integration und unterstreicht zugleich den strategischen Anspruch, Fahrzeuge zunehmend als softwaredefinierte Systeme zu entwickeln.

„Der neue Volvo EX60 steckt voller menschenzentrierter Technik, die das Leben hinter dem Steuer verbessern soll“, erklärt Anders Bell, Chief Engineering and Technology Officer bei Volvo Cars. „Unser hochmodernes Hardware- und Softwaresystem HuginCore kombiniert unsere selbst entwickelte Technik mit den besten Produkten und Dienstleistungen von technischen Innovationsführern wie Google, NVIDIA und Qualcomm Technologies. Die Technik ist hochmodern, aber diskret: Sie arbeitet still im Hintergrund, um den Fahrer zu unterstützen.“

Volvo als Entwicklungsplattform für Google

Die Einführung von Gemini bedeute einen Technologiesprung für die In-Car-Sprachassistenz, heißt es von den Schweden. Der auf multimodaler KI basierende Dienst verstehe natürliche Sprache deutlich besser als bisherige Systeme. In einer Demonstration auf der Entwicklerkonferenz wurde die Funktionalität anhand eines Volvo EX90 vorgestellt. Fahrer sollen künftig Nachrichten während der Fahrt diktieren, Übersetzungen in Echtzeit abrufen, Fahrzeugfunktionen via Handbuch abfragen oder ortsbezogene Informationen erhalten können – alles per natürlicher Sprache. Gemini löst im Laufe des Jahres den bisherigen Google Assistant in Volvo-Fahrzeugen ab. Ziel sei es, die kognitive Belastung während der Fahrt zu verringern und dadurch die Sicherheit im Straßenverkehr zu erhöhen, so die Unternehmen.

Ein zusätzlicher Aspekt der erweiterten Kooperation betrifft die Rolle von Volvo als Referenzpartner für Android Automotive OS. Künftig testet Google neue Funktionen und Updates zunächst auf Volvo-Fahrzeugen, bevor sie in die Android-Codebasis einfließen. Damit wird Volvo zur zentralen Hardware- und Softwareplattform für Googles Automotive-Entwicklung. Laut Patrick Brady, Vice President „Android for Cars“ bei Google, soll die intensivierte Partnerschaft nicht nur das Kundenerlebnis bei Volvo verbessern, sondern auch „neue Maßstäbe für die gesamte Automobilindustrie setzen.  

Volvo unterstreicht mit diesem Schritt seinen Anspruch, nicht nur Fahrzeuge zu bauen, sondern ein digitales Ökosystem mitzugestalten. „Wir sind bestrebt, Technik anzubieten, die den Menschen in den Mittelpunkt stellt“, betont auch Alwin Bakkenes, Head of Global Software Engineering bei Volvo . Die Google-Partnerschaft ermögliche es, Innovationen frühzeitig in die Serienmodelle zu bringen. Diese Entwicklung fügt sich in Volvos radikale Neuausrichtung auf softwarezentrierte Fahrzeugarchitekturen ein, wie sie bereits mit der „Core Compute Platform“ eingeleitet wurde. Die technische Verschlankung der E-Fahrzeuge, etwa beim zentralisierten Steuergerätedesign oder der Trennung von Infotainment und sicherheitskritischen Systemen, soll die Grundlage für eine agile Softwareentwicklung und häufigere Over-the-Air-Updates schaffen.  Die neue Partnerschaft wird sich daran messen lassen müssen, wie gut die KI tatsächlich im Alltag funktioniert.

Architekturwechsel im Volvo EX60

Technische Grundlage für diese Softwarestrategie ist die neue Core-Computing-Architektur „HuginCore", die im EX60 erstmals in einer weiterentwickelten Version zum Einsatz kommt. Volvo fasst darunter die intern entwickelte elektrische Architektur, den zentralen Core Computer sowie die zugehörigen Steuergeräte- und Softwareebenen zusammen. Ziel sei es, Rechenleistung, Datenverarbeitung und Funktionslogik stärker zu bündeln und damit die Voraussetzungen für ein softwaredefiniertes Fahrzeug zu schaffen. Over-the-Air-Updates sollen so nicht nur Infotainment-Funktionen betreffen, sondern schrittweise auch sicherheitsrelevante und fahrdynamische Systeme aktualisieren und erweitern.

Die dafür notwendige Rechenleistung stellt Volvo über eine Kombination aus Plattformen mehrerer Technologiepartner bereit. Für Cockpit- und Infotainment-Funktionen setzt der OEM auf die „Snapdragon Cockpit Plattform" der nächsten Generation von Qualcomm. Sie übernimmt unter anderem die Verarbeitung von Grafik, Sprachinteraktion und Nutzeroberflächen. Ergänzt wird sie durch die „ Snapdragon Auto Connectivity Plattform", die eine stabile Datenanbindung für Cloud-Dienste und Fahrzeugkommunikation sicherstellen soll.

Nvidia Drive als Rechenkern für Assistenzsysteme

Für Assistenz- und Sicherheitsfunktionen bildet die „Nvidia Drive-Plattform" das rechnerische Rückgrat. Zum Einsatz kommt das System-on-a-Chip „Drive AGX Orin", das unter dem sicherheitszertifizierten Betriebssystem DriveOS läuft. Volvo beziffert die Gesamtleistung des Systems auf mehr als 250 Billionen Rechenoperationen pro Sekunde. Diese Kapazität wird benötigt, um Sensordaten aus Kameras, Radar- und weiteren Umfeldsensoren in Echtzeit auszuwerten und Assistenzfunktionen entsprechend zu steuern. Ein zentrales Element ist dabei die kontinuierliche Weiterentwicklung der Systeme im Feld. Der EX60 greift auf Daten und Erkenntnisse aus der globalen Volvo-Flotte zurück, etwa aus Unfällen oder Beinaheunfällen, um Assistenzfunktionen schrittweise zu verbessern. Perspektivisch soll auch der KI-Assistent Gemini tiefer in die Fahrzeugsysteme eingebunden werden und künftig Sensordaten wie Kamerabilder in seine Antworten einbeziehen. Parallel dazu bleibt die klassische Fahrzeugtechnik Teil des Gesamtansatzes: Mit bis zu 810 Kilometern Reichweite und hoher Ladeleistung adressiert Volvo auch die energetischen Anforderungen an ein modernes Elektrofahrzeug.