KI entwickelt sich vom Assistenzsystem zum aktiven Mitspieler. Autonome Agenten übernehmen Aufgaben, steuern Prozesse und treffen Entscheidungen. Damit verändert Agentic AI nicht nur die Arbeit, sondern die Organisation der Automobilindustrie selbst.
Chris LöwerChrisLöwer
3 min
Während Prozesse bislang an oft organisatorischen Schnittstellen endeten, sollen KI-Agenten künftig in der Lage sein, Zusammenhänge übergreifend zu verstehen, zu steuern und eigenständig umzusetzen.Adobe Stock / Антон Сальников
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Bisher
galt KI als bloßes Werkzeug: als Copilot, der unterstützt, analysiert oder
Vorschläge macht. Doch diese Phase neigt sich dem Ende zu. „KI-Agenten sind
kein neues IT-Tool. Sie verhalten sich zunehmend wie digitale Kollegen“, sagt
Christian Kellermann, Professor am Educational Technology Lab des Deutschen
Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz, DFKI Labor Berlin. Der Übergang
vom unterstützenden System zum autonomen „Digital Worker“ markiert für die
Autoindustrie eine tiefgreifende Veränderung: Nicht nur für einzelne
Tätigkeiten, sondern für das gesamte Organisationsmodell.
Vom
Shopfloor bis in die Chefetage
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Tatsächlich
lässt sich beobachten, dass Agentic AI zunehmend entlang der gesamten
Wertschöpfungskette zum Einsatz kommt. Für Marie-Fleur Revel, Managing Director
Insights & Data bei Capgemini in Deutschland, liegen die zentralen
Einsatzfelder und Benefits in der Verbesserung operativer Abläufe, in Maßnahmen
zum Umsatzwachstum und in der Entwicklung neuer Geschäftsmodelle. „Bereits
heute erhöhen KI-Agenten die Kosteneffizienz – etwa in IT, Supply Chain oder
Qualitätssicherung“, sagt sie. Im Bereich der Softwareentwicklung bestehe die
Aufgabe der Entwickler zunehmend darin, das Zielbild vorzugeben: „Die KI
entwickelt dann Systeme, die diesem Ziel entsprechen und die sich selbst
fortlaufend weiterentwickeln.“
Im digitalen Thementalk zu Agentic AI diskutieren Experten reale Use Cases, technische und organisatorische Hürden sowie Anforderungen an Architektur, Daten und Governance.Ultima Media
Doch
der eigentliche Wandel geht tiefer. Revel sieht
„den größten Hebel in autonomen KI-Agenten, die End-to-End-Prozesse über
Abteilungsgrenzen hinweg orchestrieren“. Während Prozesse bislang an
organisatorischen Schnittstellen endeten, werden Agenten künftig in der Lage
sein, Zusammenhänge übergreifend zu verstehen, zu steuern und eigenständig
umzusetzen – von der Entwicklung über die Produktion bis in Sales und After
Sales. „Sie werden zur neuen Benutzerschnittstelle über bestehenden ERP, CRM
oder PLM Systemen und verändern grundlegend, wie Fahrzeuge und sogar
Produktionslinien entstehen“, erklärt Revel, „Daher wird KI künftig nicht nur
in einzelnen Teilbereichen der Automobilindustrie eingesetzt werden, sondern
über die gesamte Wertschöpfungskette hinweg.“
Neue
Rollen entstehen
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In
einzelnen Bereichen arbeiten Agenten bereits heute autonom. So werden Leasing-
und Restwertberechnungen automatisiert durchgeführt: Fahrzeuge werden digital
erfasst, Zustände bewertet und Marktpreise einbezogen. Belastbare Bewertungen
entstehen ohne menschliches Eingreifen. „Ebenfalls etabliert ist der Einsatz im
Qualitätsmanagement, wo Agenten in Sekunden hunderte Defekt-Meldungen oder
große Logfiles analysieren, Muster erkennen und Ursachen identifizieren –
Aufgaben, die für Menschen zeitlich und kapazitativ kaum leistbar wären“,
berichtet Revel.
In
den kommenden Jahren dürfte sich dieser Autonomiegrad weiter erhöhen,
insbesondere im Engineering. KI-Agenten werden parametrisierte CAD-Modelle
eigenständig entwickeln und optimieren. Der Mensch definiert Zielgrößen und
Rahmenbedingungen, während die Agenten Varianten berechnen und vergleichen. „Innerhalb
eines Agentennetzwerks können Agenten bereits heute vollautonom agieren und
Aufgaben selbstständig ausführen“, unterstreicht Kevin Eversmann, Leiter des
Geschäftsbereichs Data & AI bei Accenture in Deutschland, „Bei wichtigen
Entscheidungen wird im Enterprise-Umfeld jedoch weiterhin der Mensch die finale
Entscheidung treffen.“
Mit
dieser Entwicklung verschiebt sich die Rolle der Beschäftigten. „Sobald KI
Entscheidungen vorbereitet oder auslöst, verschiebt sich die menschliche Rolle
vom Ausführer zum Steuernden“, so Kellermann, „Agenten funktionieren
hervorragend, solange nichts Unvorhergesehenes passiert. In der Krise braucht
es weiterhin menschliches Urteilsvermögen.“ Die Zukunft sei daher keine
Vollautomatisierung, sondern eine neue Arbeitsteilung zwischen Mensch und KI. Führungskräfte
steuern künftig hybride Teams aus Menschen und Agenten. Mitarbeitende wiederum
bewegen sich, wie Revel sagt, „weg von Detailarbeit hin zu strategischer
Steuerung und fachlicher Bewertung“.
Diese
neue Zusammenarbeit bringt neue Rollen hervor. Mitarbeitende müssen zunehmend
in der Lage sein, Agenten zu steuern, zu begrenzen und über Ziele zu führen.
Führung verschiebt sich damit von Aufgabenverteilung hin zu Ziel-, Risiko- und
Eskalationsmanagement. Revel beobachtet, dass sich in der Praxis neue
Funktionen herausbilden: etwa AI Governance als Querschnittsdisziplin oder AI
Agent Orchestrators, die gewissermaßen als „CTO der digitalen Workforce“
agieren.
Auch
Kellermann sieht neue Schlüsselrollen entstehen. Unternehmen bräuchten künftig
„mehrere KI-Dirigenten“, die technisches Verständnis mit Prozesswissen
verbinden und die Zusammenarbeit von Mensch und Maschine orchestrieren.
Parallel gewännen Data Stewards an Bedeutung: „Denn Datenqualität wird zentral
für neue Produktionsinfrastrukturen“, sagt der Wissenschaftler.
Für
OEMs bedeutet all das einen tiefgreifenden Umbau ihrer Workforce-Strategien.
Klassische Kompetenzen bleiben wichtig, doch ohne daten- und KI-getriebene
Arbeitsweisen verlieren Unternehmen an Geschwindigkeit und
Wettbewerbsfähigkeit. „Unternehmen müssen Teams künftig stärker wie
Softwareprojekte organisieren: agil, interdisziplinär und temporär“, sagt
Kellermann. Revel betont, dass die Transformation vor allem kulturell und
organisatorisch gedacht werden muss. Strategisch führe kein Weg an hybriden
Mensch-Agent-Modellen vorbei.
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Wie
müssen OEMs Workforce-Strategien umbauen?
„Sie
müssen neue Trainings und Trainingsmethoden etablieren, alte Fähigkeiten
abbauen und Beschäftigte umschulen, um neue Kompetenzen aufzubauen“, sagt Philipp
Kupferschmidt, Leiter des Geschäftsbereichs Mobilität bei Accenture in
Deutschland, „Die Gewichtung zwischen IT und Fachbereichen wird sich dabei
zunehmend zugunsten der Fachbereiche verschieben.“
Alle
Berufsfelder müssten sich stärker mit Services oder Plattformen
auseinandersetzen: „Dabei wird allerdings immer weniger tiefes IT-technisches
Verständnis notwendig sein – ein Wandel, der sich mit der Einführung von
Smartphones und ihren Apps vergleichen lässt.“ Zudem würden sich die
Arbeitsweisen dahingehend verändern, dass Mitarbeitende sich stärker auf
Aufgaben konzentrieren können, die nicht oder nur schwer von Automatisierungen
übernommen werden können, wie etwa die zwischenmenschliche Kundenbetreuung. „OEMs
sollten den Einsatz entsprechender Technologien unbedingt auch als Chance
verstehen, dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken“, appelliert Kupferschmidt.
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Der
zentrale Punkt bleibt jedoch: Technologie allein schafft keinen
Wettbewerbsvorteil. „Agentic AI ist in erster Linie ein Organisationsprojekt“, betont
Kellermann. Entscheidend sei, Mensch und KI systematisch zusammenzubringen. Die
Workforce der Zukunft besteht daher nicht nur aus Menschen, sondern aus Teams,
in denen auch Software mitarbeitet.