Träume und Ingenieurskunst
Auf dem Jahrestreffen der Entwicklungs-Community beim prostep ivip Symposium wurde die Zukunft des Engineerings heiß diskutiert. Wer jetzt nicht mit künstlicher Intelligenz transformiert, wird abgehängt – darin sind sich eigentlich alle einig.
Thomas Kamla (r.) und der Vorstand des Vereins prostep ivip sind sich einig: KI stellt die Entwicklungsprozesse auf völlig neue Füße.
MARCUS WERNER
Viele neue
Ansätze müssen ineinandergreifen, um die nötige Beschleunigung in den
Entwicklungsprozess zu bringen. Der Geschwindigkeitsdruck aus China treibt auch
die vielen auf dem Frankfurter Kongress präsenten japanischen OEMs um und an. Die
Stimmung zeigt dennoch: Man will sich nicht ins Bockshorn jagen lassen von den
Newcomern, sondern die starke Ingenieurstradition auch mit Hilfe von KI, dem
Software-Defined Vehicle (SDV) und Modellbasiertem Systems Engineering (MBSE) auf
ein neues Level heben. Dabei bleibt das V-Model dennoch Trumpf, während in der
Zukunftsvision Produktentwickelnde ihre Tools AI-gestützt orchestrieren, um
unterschiedliche Entwürfe auf Basis glaubhafter Simulationen binnen kürzester
Zeit „auszuchecken“.
„80 Prozent der
F&E-Aktivitäten könnten durch KI unterstützt, wenn nicht sogar vollständig
automatisiert werden“, brachte es Wolfgang Puntigam, Vice President Software
bei AVL, auf den Punkt. Das softwaredefinierte Fahrzeug verändere „vollständig
die Art und Weise, wie wir entwickeln“.
In der Community
ist man sich im Klaren darüber, dass mit Blick auf Agentic AI alles von den
Daten abhängt. „Die Qualität der PLM-Daten muss erhöht und Kontextwissen
explizit der KI bereitgestellt werden“, stellt Vorstandsmitglied Philipp
Wibbing von Unity klar. Damit ergebe sich durch KI ein noch mal intensiverer
Bedarf nach Offenheit und Interoperabilität, den der Verein im Rahmen seines Programms
Code of PLM Openness aufgreift. „Wir haben uns als Vorstand entschieden, noch
weiter in Richtung Deep Tech sowie Robotik und Physical AI zu gehen, denn diese
Themen sind die Gamechanger“, sagt Vorstandsmitglied Thomas Kamla von Volkswagen.
Hier könne der Verein aufgrund der breiten Expertise eine Brücke zwischen den
schnellen Innovatoren in diesem Bereich und den führenden Industrieunternehmen
schlagen.
Souveränität gehört auf die Agenda
Mittlerweile sind
auf dem Kongress immer mehr Branchen präsent, die auf die Vorarbeit des
automotiv geprägten Vereins für das Software-Defined Product zurückgreifen
wollen, darunter Defense oder Medizintechnik.
Aus Sicht von Patrick
Müller von Contact Software werden AI-getriebene Plattformen den Wettbewerb
gegen Punkt-Lösungen gewinnen – eine Chance für die europäische Industrie. Müller
fasste die schwierige Ausgangssituation zusammen: Geopolitische Instabilität
mit Supply-Shocks und Zöllen, die zu einer Supply-Chain-Fragmentierung von
„Just in Time“ zu „Just in Case“ führen, unter denen das Qualitätsversprechen
zu leiden beginne. „Wir erleben, dass digitale Technologie ein geopolitischer
Machtfaktor wird. Souveränität beginnt in eurer IT-Architektur!”, so Müller.
Requirements bei BMW nur noch mit KI
Die Vorträge der
großen Branchenplayer zeigen durchweg die Auseinandersetzung mit KI im
Requirements-Management, wofür das nötige semantische Datenverständnis und
Datenqualität als entscheidend gelten. Bei BMW läuft die gesamte Produktpalette
im Anforderungsmanagement-Tool Code Beamer des Startups Raiqon zusammen, das
von rund 10.000 Menschen im Engineering genutzt wird. „Wir erstellen etwa 1.200
Anforderungsspezifikationsdokumente pro Jahr, manche Dokumente haben 1.000
Seiten, was die Handhabung sehr schwierig macht“, berichtet Patrick Grüßenbeck,
Project Manager Cost Down bei BMW.
Zu den
anfänglichen 5,5 Millionen Einträgen im System kamen monatlich rund 120.000
dazu – ohne KI nicht beherrschbar. „Beim Anforderungsmanagement wollten wir von
der Analyse bis zur Ausführung kommen, ohne Copy und Paste. Millionen
Anforderungen lassen sich nicht einfach kopieren“, so Grüßenbeck. Umgesetzt
wurden automatische Datenübertragung, semantische Suche und Integration in die
Benutzeroberfläche, auf der Vorschläge und direkte Ausführung durch die KI
möglich sind. Zuvor habe eine Suche nach einem Eintrag 60 Ingenieure einen Tag
beschäftigt. „Wichtig für uns sind Use Cases. Unsere Vision ist, dass alle
Themen durch KI unterstützt werden. Was unmöglich klingt – höhere Qualität bei
geringeren Kosten – ist tatsächlich erreichbar“, konstatiert Grüßenbeck.
Standards
als Erfolgsfaktor bei Bosch
Laut Hans-Martin
Heinkel, Referent bei der Robert Bosch GmbH und Leiter des Projekts Smart
Systems Engineering (SmartSE) vom prostep ivip, ist aus den Projektergebnissen
bereits ein Standard für die ECU-Modellierung hervorgegangen, der weltweit
genutzt werde. Bei Simulation gehe es immer auch um die
Simulationsglaubwürdigkeit, um mit virtuellem Testen Entscheidungen ohne
Hardware treffen zu können. „Das ist weiterhin ein wichtiger Punkt. Dafür brauchen
wir Informationen, das heißt Harmonisierung von Metadaten, Semantik,
Schnittstellen und Datenformaten“, erklärte Heinkel.
An der Abstimmung
zwischen diesen vier Punkten führe kein Weg vorbei, „eine schmerzhafte Lektion,
die alle Unternehmen lernen müssten“: MBSE und Simulation seien gegenseitig
voneinander abhängig. Standards wie Modelica Association, FMI (Functional
Mock-up Interface) und SSP (System Structure and Parameterization), das eine
strukturierte Co-Simulation auf Systemebene zwischen Partnern ermöglicht,
schaffen mittlerweile eine belastbare technische Basis. Zusätzlich seien SSP
Traceability für Rückverfolgbarkeit und Nica als Metadatenstandard wichtig, um
eine klare Semantik nur mit den notwendigsten Metadatenfeldern zu definieren. Der
Einsatz von LLMs könne etwa bei der Umwandlung von SysML in SSP zu deutlichen
Zeiteinsparungen beitragen, ergänzte Josef Zehetner, Chief Engineer für
digitale Prozessinnovation bei AVL.
Datengestützte
Prozesse im Engineering beeinflussen auch ökologische Design-Themen. Stefan
Gatersleben zeigte auf, dass 80 Prozent der Entscheidungen, wie nachhaltig ein
Produkt ist, in frühen Designphasen getroffen werden. Jede Entscheidung zu
Design, Material oder Herstellungsprozess habe Auswirkungen auf den CO2-Fußabdruck.
„Je besser die Informationen am Anfang für die Entscheidung sind, desto
seltener muss man teure Korrekturen in der Produktionsphase machen“, so der
Product Owner Digitalization & Sustainability bei Schaeffler. Größter
Painpoint der Anwender sei früher der Aufwand beim direkten Vergleich von
Materialalternativen gewesen. Schaeffler setzt dafür auf eine Lösung von Transition
Technologies PSC, die vor kurzem live ging.
Sportliche Transformationsziele
Konsistenz
zwischen Software und den hunderten Steuergeräten E/E-Hardware sieht Experte
Thomas Kriegel, vormals VW, als entscheidend. Dabei könnten sich OEMs nicht
mehr auf die Zulieferer verlassen, weil jedes Teil Software enthält. Bisher
brauche es bei einem Hersteller wie Audi drei bis sechs Monate, um eine
konsistente Software-Schicht herzustellen. BYD oder Tesla seien in der Lage,
Software-Releases täglich zu testen, meint Kriegel. „Für SDV gibt es keine
Frage, dass die E/E-Architektur der Generation 5 das Ziel ist. Das ist ein
Muss. Sonst – davon bin ich persönlich überzeugt – ist in fünf Jahren jeder OEM
ohne diese neue E/E-Generation nicht mehr da“, meint Kriegel.
„Der Traum ist
eine treibende Kraft für unsere Honda-Ingenieure“, gab Assistant Chief Engineer
Takao Senko von Honda Motor einen Ausblick darauf, wie sich der japanische OEM
angesichts vielfältiger Herausforderungen wie verkürzte Arbeitszeiten und Druck
aus China auf die Zukunft einstellt. Dafür werde intensiv an der Transformation
zum Model-Based-Enterprise gearbeitet.