Reaktion auf wachsende Nachfrage
Bosch treibt autonomes Fahren in China auf Level 3 voran
Bosch treibt Level 3 in China voran und positioniert sich mit neuen ADAS-, By-Wire- und E-Mobility-Lösungen in einem rasant wachsenden Markt. Das wirkt umso bemerkenswerter, weil anderswo zuletzt zurückgerudert wurde.
Während deutsche OEMs ihre Level-3-Ambitionen derzeit zurückfahren, treibt Bosch in China die Entwicklung und Erprobung hochautomatisierter Fahrfunktionen gezielt voran. Der chinesische Markt entwickelt sich damit zunehmend zum Taktgeber für autonomes Fahren und softwaredefinierte Fahrzeugarchitekturen.
Bosch
Erst am Morgen stand in der Redaktionskonferenz die Frage im Raum, ob das autonome Fahren derzeit an Strahlkraft verliert. Der Eindruck drängt sich durchaus auf, weil einige OEMs ihre Ambitionen zuletzt sichtbar zurückgeschraubt haben. Kaum war diese Einschätzung formuliert, folgte mit dem Neue-Klasse-Update für den BMW 7er auch schon die passende Meldung, in der der OEM verlautet, dass er den bisherigen Level-3-Assistenten aus dem Programm nimmt und stattdessen auf erweiterte, KI-gestützte Funktionen auf Level 2+ setzt.
Damit ist BMW nicht allein: Auch andere OEMs fahren ihre Level-3-Ambitionen derzeit zurück. Bei Mercedes-Benz spielt das hochautomatisierte Fahren im Zuge des jüngsten Software-Updates der S-Klasse keine Rolle mehr und der Fokus liegt auf weiterentwickelten Assistenzsystemen. Stellantis wiederum hat den Marktstart seines Level-3-Systems vorerst gestoppt und verweist auf eine zu geringe Nachfrage.
Umso spannender wirkte wenig später die Nachricht von Bosch: Während in Deutschland beim Thema Level 3 eher Zurückhaltung zu spüren ist, setzt das Unternehmen in China klar auf Ausbau. Das zeigt, dass beim autonomen Fahren der Markt ganz erheblich darüber entscheidet, wie schnell und in welche Richtung sich Technologien tatsächlich bewegen.
Bosch testet Level 3 in China unter realen Bedingungen
Bosch arbeitet in China an der Weiterentwicklung hochautomatisierter Fahrfunktionen und richtet den Blick dabei auf den Übergang von Level 2 zu Level 3. Hintergrund ist ein Markt, in dem Fahrerassistenzsysteme bereits weit verbreitet sind: Nach Unternehmensangaben waren 2025 rund zwei Drittel der neu verkauften Pkw in China mit Level-2-Funktionen ausgestattet. Entsprechend wächst aus Sicht des Unternehmens auch das Interesse an höheren Automatisierungsstufen.
Seit März 2026 verfügt Bosch über eine Lizenz, um Fahrzeuge mit Level-3-Funktionen im chinesischen Wuxi im Realbetrieb zu testen. Solche Tests sollen dazu dienen, die Systeme unter Alltagsbedingungen weiter zu erproben und abzusichern.
Welche Funktionen stellt Bosch für Level 3 in Aussicht?
Das entwickelte System soll hochautomatisiertes Fahren in definierten Einsatzbereichen ermöglichen und den Fahrer stärker entlasten als heutige Level-2-Lösungen. Im Unterschied zu diesen würde das Fahrzeug in bestimmten Situationen die Fahraufgabe übernehmen. Technisch basiert die Lösung auf einer weiterentwickelten ADAS-Plattform, die Bremsen, Lenken und Beschleunigen integriert steuert. Vorgesehen ist das System für Geschwindigkeiten von bis zu 120 km/h und für Wetter- beziehungsweise Sichtbedingungen von bis zu 300 Metern Sichtweite. Auch automatische Spurwechsel sollen möglich sein. Eine wichtige Rolle spielt dabei nach Darstellung des Unternehmens künstliche Intelligenz, die klassische regelbasierte Ansätze ergänzen oder teilweise ablösen soll.
Warum sind By-Wire-Systeme für Bosch in China wichtig?
Neben dem automatisierten Fahren hebt Bosch auch By-Wire-Technologien als wichtigen Baustein softwaredefinierter Fahrzeuge hervor. Gemeint sind Systeme, bei denen Brems- und Lenkbefehle nicht mehr rein mechanisch, sondern elektronisch übertragen werden. Beim Brake-by-Wire-System setzt Bosch auf eine Lösung aus neuem Bremsaktuator und einem redundanten ESP-System. Das soll die funktionale Sicherheit erhöhen und die Integration in verschiedene Fahrzeugplattformen erleichtern. Mit mehreren Herstellern bestehen bereits Lieferverträge, der Serienstart ist für Mitte 2026 vorgesehen.
Auch beim Steer-by-Wire-System sieht das Unternehmen Einsatzchancen im chinesischen Markt. Die Technologie soll variable Lenkübersetzungen ermöglichen und dadurch sowohl Komfort- als auch Fahrdynamikaspekte beeinflussen. Noch in diesem Jahr sollen entsprechende Systeme bei mehreren chinesischen Herstellern in Serie gehen.
Elektromobilität und Bordnetz bleiben zentrale Themen für Bosch
Parallel zum automatisierten Fahren baut Bosch auch sein Geschäft mit elektrifizierten Antrieben weiter aus. Das Unternehmen hat inzwischen mehr als 25 Millionen Komponenten für elektrifiziertes Fahren produziert und will 2026 weltweit mehr als sieben Millionen Komponenten und Systeme für Elektro- und Hybridfahrzeuge bereitstellen. Bei den E-Motoren arbeitet Bosch unter anderem an Effizienzsteigerungen, an einer höheren Leistungsdichte und an Gewichts- sowie Kostenvorteilen durch neue Materialien. Genannt werden etwa Aluminiumwicklungen für kleinere Fahrzeuge sowie konstruktive Optimierungen bei Kühlung und Wicklung.
Daneben setzt Bosch auf stärker integrierte Systeme wie die 6-in-1-eAchse, in der mehrere Funktionen in einem Gehäuse zusammengefasst werden. Das soll Platz, Gewicht und Kosten reduzieren. Ergänzend verweist das Unternehmen auf ein 48-Volt-Bordnetz, das auf den steigenden Energiebedarf moderner Fahrzeuge ausgelegt ist und gemeinsam mit Chery weiterentwickelt werden soll.
Wer die Bordnetz- und E/E-Themen von Bosch vertiefen möchte, hat dazu am 5. und 6. Mai 2026 beim Bordnetzkongress in Ludwigsburg Gelegenheit. Dort steht unter anderem Martin Hager von Bosch mit dem Vortrag „HF-integrated Multi-hybrid Connector Systems for Future E/E-Architecture“ auf dem Programm.