SDV-Studie von AlixPartners und Berylls
Warum westliche OEMs beim SDV Kontrolle verlieren
Im Wettlauf um das softwaredefinierte Auto rückt eine andere Frage nach vorn: Wer kontrolliert Architektur, Software-Stack und Schnittstellen? Eine Studie zeigt, warum genau das für westliche OEMs riskant wird.
China ist beim softwaredefinierten Fahrzeug vielerorts schon einen Schritt weiter: Hersteller wie Xpeng verbinden Architektur, Software und KI deutlich konsequenter als viele westliche OEMs.
Xpeng
Die Debatte über das softwaredefinierte Fahrzeug dreht sich oft um neue Funktionen, schöne Benutzeroberflächen und die Aussicht auf digitale Erlöse. Wie schwierig sich SDV derzeit wirtschaftlich fassen lässt, zeigt das Thema Monetarisierung. Die im Webinar der Automotive Press Association
Webinar der Automotive Press Association vorgestellte Studie von AlixPartners und Berylls by AlixPartners nimmt noch einen weiteren Aspekt in den Fokus. Aus Sicht der Studie entscheidet sich der SDV-Wettbewerb längst an den Kontrollpunkten im System: an Architektur, Integrationshoheit, Middleware, Datenpfaden und der Frage, wer die Blaupause des Fahrzeugs tatsächlich in der Hand hält. Himanshu Khandelwal, Partner und Managing Director in der Automotive & Industrial Practice bei AlixPartners, formuliert das im Webinar sehr klar: „Das ist kein Technologierennen mehr. Es ist ein Rennen um Kontrolle.“ Genau diese Verschiebung macht die Ergebnisse brisant. Denn sobald Hersteller zentrale Steuerungspunkte auslagern, geraten Tempo, Wiederverwendung, OTA-Reife und Differenzierungsfähigkeit unter Druck. Khandelwal bringt es im Webinar auf die griffige Formel: „Sie können Komponenten auslagern, aber nicht Ihre Zukunft.“ Der Satz zielt auf ein Problem, das viele westliche OEMs gerade einholt: Partnerschaften gehören im SDV-Zeitalter dazu, doch an einigen Stellen wandert weit mehr als reine Entwicklungsleistung nach außen.
SDV wird für OEMs zur Kontrollfrage
An Punkt des Auslagerns setzt die Studie an. Sie unterscheidet auf Basis der Antworten im Kern zwischen OEMs, die große Teile des Stacks selbst beherrschen, solchen mit klar definierter Architekturhoheit und gezielten Partnern sowie jenen Herstellern, die bei zentralen SDV-Bausteinen stark von Dritten abhängen. Die Referenten machen keinen Hehl daraus, welches Modell sie für tragfähig halten. So muss ein OEM nicht jedes Steuergerät, jedes Betriebssystemmodul und jede Zeile Code selbst schreiben. Er sollte aber das Grunddesign, die Schlüsselinterfaces und die Integrationslogik unter eigener Führung halten. Sobald diese Punkte nach außen wandern, folgen laut Webinar die bekannten Nebenwirkungen fast automatisch: langsamere Entwicklungszyklen, geringerer Reuse, schwerfälligere Updates und am Ende weniger Kontrolle über das eigene Fahrzeugprodukt.
Die Zahlen der Studie geben dieser Einschätzung Gewicht. Chinesische OEMs entwickeln zu 41 Prozent primär in-house. In den USA liegt dieser Wert dagegen bei 25 Prozent, in Europa bei vergleichbaren 27 Prozent. Westliche Hersteller arbeiten also deutlich häufiger mit Mischmodellen aus Eigenentwicklung und Zukauf. Für sich genommen ist das noch kein Beweis für Schwäche. Kritisch wird der Befund an der Stelle, an der die Studie den Blick von der Sourcing-Quote auf die Kontrolle über den Stack verschiebt. Genau dort sehen die Referenten die Gefahr, dass westliche OEMs an entscheidenden Punkten zu abhängig werden.
Warum wird Outsourcing zum Risiko?
Im Vortrag wird der Punkt der Abhängigkeit mehrfach zugespitzt. Khandelwal warnt davor, dass zu weit gehendes Outsourcing die „control points“ verlagert – also jene Stellen, an denen sich später Geschwindigkeit, Wiederverwendung, Upgrade-Fähigkeit und wirtschaftlicher Hebel bündeln. „Wenn man diese Kontrollpunkte abgibt“, sagt er sinngemäß, „zeigen sich die Folgen später bei Geschwindigkeit, Reuse und der Qualität der OTA-Pipelines.“ Dies ist für OEMs heikel, weil das softwaredefinierte Fahrzeug viel stärker als frühere Fahrzeuggenerationen davon lebt, dass Funktionen über Jahre weiterentwickelt, aktualisiert, abgesichert und über Modellreihen hinweg wiederverwendet werden können. Wer hier auf einem Flickenteppich externer Zuständigkeiten landet, hat zwar eingekaufte Kompetenz aber keine durchgängige Steuerung.
Besonders sichtbar wird das beim Thema China-Stack. Laut Studie arbeiten 59 Prozent der chinesischen OEMs mit einem vollständig entkoppelten, dedizierten China-Stack. In den USA sind es 33 Prozent, in Europa 29 Prozent. Umgekehrt setzen viele westliche OEMs eher auf einen globalen Stack, der für China angepasst oder „gepatcht“ wird. Die Referenten halten genau das für riskant. Denn die Anforderungen in China reichen von lokaler Datenhaltung über Cloud- und Softwarepartner bis zu regulatorischen Besonderheiten. Wer diesen Markt nur aus einem globalen System heraus anpasst, handelt sich dauerhaft Komplexität ein. Khandelwal sagt dazu, China brauche am Ende zwei Stacks, eben einen für China und einen für den Rest der Welt. Die Unternehmen, die das früh akzeptieren, schaffen sich einen saubereren technischen Unterbau.
Hinzu kommt die E/E-Architektur. Auch hier wirkt der Westen laut Studie in einer langen Übergangsphase gefangen. 39 Prozent der chinesischen OEMs arbeiten bereits mit zentralen oder zonalen Architekturen. In den USA liegt dieser Wert bei 31 Prozent, in Europa bei 23 Prozent. Gleichzeitig beschreiben sich 60 Prozent der US-Hersteller und 67 Prozent der europäischen Hersteller als „hybrid“ oder „in transition“. In China sind es 41 Prozent. Für Khandelwal ist genau das der Knackpunkt: Wer den Architekturwechsel nicht aktiv steuert, verliert auch den Zugriff auf das volle SDV-Potenzial. Oder in seinen Worten: „Wer den Architekturübergang nicht selbst steuert, gibt auch die eigene SDV-Zukunft aus der Hand. “
China liefert den Gegenentwurf
China taucht in der Studie deshalb weniger als reine Konkurrenzkulisse auf. Vielmehr dient der Markt als Gegenentwurf zu den oft vorsichtigeren westlichen Transformationspfaden. Die Referenten beschreiben chinesische OEMs als Unternehmen, die mit weniger Legacy-Ballast, klareren Technologieentscheidungen und höherer Investitionsschärfe agieren. Das heißt keinesfalls, dass dort jedes SDV-Problem gelöst wäre. Die Richtung ist aber konsistenter. Sebastian Boeswald, Partner bei Berylls by AlixPartners, sagt dazu im Webinar: „Die Lücke stabilisiert sich keineswegs – sie wird weiterhin größer.“ Dieser Satz ist deshalb bemerkenswert, weil er die Studie wegführt von einer Momentaufnahme und hin zu einer Dynamik, die sich selbst verstärkt. Dabei fällt das Schlagwort „China-Speed“ nicht explizit, beschreibt aber genau dieses Muster: chinesische OEMs wirken beim SDV-Aufbau schneller, konsistenter und investitionsfreudiger als viele westliche Hersteller.
Diese Dynamik zeigt sich vor allem bei Investitionen und der Wiederverwendung. 36 Prozent der chinesischen OEMs stecken laut Studie bereits heute mehr als die Hälfte ihres F&E-Budgets in SDV. In den USA sind es 21 Prozent, in Europa 19 Prozent. Für die kommenden fünf Jahre erwarten 98 Prozent der chinesischen OEMs eine weitere Erhöhung dieser SDV-Budgets. In den USA sagen das 79 Prozent, in Europa 76 Prozent. Boeswald erklärt im Webinar, warum das so relevant ist: Software-Reife baue auf sich selbst auf. Mehr Investitionen führten zu besseren Tools, besserer Architektur, mehr Wiederverwendung, schnelleren Deployments und sinkenden Kosten über die Zeit. Wer heute zurückliegt, zahlt morgen doppelt. Und zwar erst in der Entwicklung, dann im Aufholen.
Was machen chinesische OEMs anders?
Ein besonders greifbarer Indikator in der Studie ist die Software-Wiederverwendung. 48 Prozent der chinesischen OEMs erreichen laut Präsentation plattformübergreifenden Software-Reuse. In den USA liegt der Wert dagegen bei nur 31 Prozent, in Europa bei 33 Prozent. Genau darin sehen die Referenten einen der stillen, aber entscheidenden Produktivitätshebel im SDV-Zeitalter. Boeswald beschreibt Software als eine Art Asset-Basis, die über Fahrzeuggenerationen hinweg wieder eingesetzt werden sollte. Sein impliziter Vorwurf an viele etablierte Hersteller: Zu viele Programme werden immer wieder mit neuen Sonderlocken ergänzt, bis aus gemeinsamer Plattformarbeit doch wieder halbe Einzelanfertigung wird. Das kostet Zeit, Validierungsaufwand und (viel) Geld.
Aus dieser Perspektive erklärt sich auch, warum China beim Thema Drittanbieter-Ökosysteme im Fahrzeug oft weiter wirkt. Apps, Services und Plattformumsätze entstehen leichter dort, wo Architektur, Stack, Datenflüsse und Rollout-Strukturen konsistenter angelegt sind. Die Studie zeigt genau diesen Zusammenhang. China erscheint damit an mehreren Stellen als das Umfeld, in dem SDV von Anfang an stärker als integriertes System gedacht wird. Westliche OEMs tragen dagegen häufig gleichzeitig Verbrennergeschäft, EV-Transformation, mehrere Plattformgenerationen und komplexe Altarchitekturen mit sich herum. Genau diese Legacy-Last verlangsamt Entscheidungen, bindet Kapital und erschwert klare Prioritäten.
Tech-Partner rücken an die Schaltstellen
Zum Gesamtbild der Studie gehört außerdem eine sichtbare Verschiebung im Partnerökosystem. Auf die Frage nach den wichtigsten SDV-Partnern nennen OEMs laut Präsentation auffallend häufig Hyperscaler, KI-Anbieter sowie Middleware- und Embedded-Software-Spezialisten. In Europa sehen 76 Prozent der befragten OEMs Middleware- und Embedded-Software-Anbieter als kritische Partner, 71 Prozent nennen Hyperscaler und KI-Anbieter. In den USA liegen die Werte mit 69 beziehungsweise 72 Prozent auf ähnlichem Niveau. Selbst in China, wo OEMs viele Kompetenzen stärker im eigenen Haus halten, spielen diese Akteure mit 51 Prozent beziehungsweise 82 Prozent eine zentrale Rolle. Die Wertschöpfung verschiebt sich damit spürbar in jene Ebenen des Fahrzeugs, in denen Daten, Compute, Orchestrierung und Schnittstellen zusammenlaufen.
Für traditionelle Tier-1-Zulieferer ist das eine heikle Entwicklung. Ihre klassische Rolle als Systemintegrator bleibt wichtig, sie verliert im SDV-Zeitalter aber an Selbstverständlichkeit. Das zeigt auch ein weiterer Befund der Studie: Nur 19 Prozent der Tier-1-Zulieferer erreichen plattformübergreifenden Software-Reuse. Bei OEMs liegt dieser Wert bei 43 Prozent, bei Technologieunternehmen 39 Prozent. Sebastian Boeswald, Partner bei Berylls by AlixPartners, beschreibt genau darin ein ernstes Problem. Wenn Software nicht in größerem Maßstab wiederverwendet werden kann, werde jedes neue Kundenprojekt erneut teuer, langsam und komplex. Für Zulieferer heißt das: Sie müssen sehr viel klarer definieren, wo ihr eigenes „Right to play“ liegt – etwa bei sicherheitskritischer Software, tiefem Domänenwissen oder robusten, skalierbaren Komponenten. Für OEMs ergibt sich daraus die spiegelbildliche Aufgabe, Partnerschaften viel präziser zu steuern. Entscheidend ist, an welchen Punkten externe Kompetenz echten Mehrwert bringt und an welchen Stellen Architektur, Integrationslogik und Datenhoheit eng in der eigenen Hand bleiben müssen.