„Wir schaffen Tempo über Struktur, nicht über Kompromisse“
Seit Herbst 2024 lenkt Michael Lohscheller die Geschicke des schwedischen E-Autobauers Polestar. Im Interview erklärt der CEO, welchen Nutzen man sich von Konzernplattformen erhofft, wie Polestar das Software-defined Vehicle versteht und wie man Abhängigkeiten entgegentritt.
Pascal NagelPascalNagelPascal NagelEditor in Chief
6 min
„Die Plattform ist für uns die technische Basis, nicht die Identität“, sagt Polestar-CEO Michael Lohscheller über die Nutzung von Konzernbaukästen.Polestar
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Herr Lohscheller, Sie haben vor rund anderthalb Jahren
die Führung von Polestar übernommen. Vor allem die Themen operative Exzellenz,
Produktstrategie und globale Marktpräsenz sollten Sie stärken. Wie fällt ihr
Zwischenfazit aus?
Sehr positiv, auch wenn wir weiterhin in einer
Transformationsphase sind. Auf der Vertriebsseite etwa haben wir eine
grundlegende Weichenstellung vorgenommen. Polestar hat in der Vergangenheit
ausschließlich online verkauft, Direct-to-Consumer. Das hat für den Start funktioniert,
aber es hat nicht die Wachstumsraten ermöglicht, die wir für die nächste Stufe
brauchen. Deshalb haben wir konsequent auf Händlervertrieb umgestellt. Wir
haben Händler ausgewählt – fast alle sind auch Volvo-Partner – und verkaufen
Polestar in gemeinsamen Showrooms. Das schafft physische Präsenz, eine andere
Reichweite und am Ende auch Vertrauen. Und ich bin ein Mann der Zahlen: Im
letzten Jahr hatten wir 34 Prozent Wachstum, über 60.000 Fahrzeuge – das beste
Jahr der Polestar-Geschichte. In Europa lagen wir bei rund 50 Prozent Wachstum.
Ohne diese Umstellung wäre das so nicht möglich gewesen. Parallel haben wir die
Servicebasis ausgebaut und das ist bei einer jungen Marke mindestens so
wichtig. Wir haben heute dank Volvo rund 1.200 Servicestützpunkte weltweit und
210 Händler. Damit steht eine Grundlage, die Kunden spüren: Wartung, Reparatur,
Ersatzteilversorgung, Ansprechbarkeit – und damit auch Kundenzufriedenheit. Und
bei der operativen Exzellenz, also Effizienz, lautet das Fazit: Kosten gehen
runter, Effizienz steigt. Wir arbeiten mit einer Plattformstrategie und
straffen Prozesse.
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Und produktseitig haben Sie gerade erst die größte
Offensive in der Polestar-Geschichte angekündigt …
Wir haben das Portfolio sichtbar weiterentwickelt, mit
signifikanten Updates, aber auch neuen Fahrzeugen. Beim Polestar 3 reden wir
über ein substanzielles Upgrade: 800-Volt-Technologie, neuer Chip, neue
Rechenplattform. Das ist kein kosmetischer Schritt, sondern eine technische
Weiterentwicklung, die sich in Ladeleistung, Effizienz und Performance
bemerkbar macht. Der Polestar 4 ist ein gutes Beispiel dafür, dass wir bewusst
nicht „für jedermann“ bauen: Das Heckkonzept ohne Heckscheibe polarisiert,
darüber wird viel gesprochen, aber es wird auch gekauft. Und mit über 40.000
Fahrzeugen in den vergangenen zwei Jahren ist er aktuell unser Bestseller. Jetzt
starten wir die größte Offensive in unserer Geschichte, vier Autos in nur drei
Jahren: Dieses Jahr kommt unser Aushängeschild, der Performance-GT Polestar 5,
gefolgt von einer weiteren Polestar 4-Variante. Nächstes Jahr bringen wir einen
neuen Polestar 2, im Jahr darauf einen premium compact SUV Polestar 7. Den Polestar
6 als Roadster haben wir zeitlich nach hinten gelegt. Wir haben das stärkste
Elektro-Portfolio in der Autoindustrie. Heute decken wir in Europa 25 Prozent
des EV-Marktes ab, in Zukunft sind es über 55 Prozent. Wir reden also nicht nur
über Produkte, wir liefern in kurzer Zeit konkrete Schritte. Unterm Strich:
Vertrieb aufgebaut, Portfolio geschärft, Effizienz verbessert. Ein gutes
Zwischenfazit, wie ich finde.
Wie balancieren Sie Investitionen in Produkte und globale
Expansion auf der einen und Kostendisziplin auf dem Weg in die Gewinnzone auf
der anderen Seite?
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Der zentrale Hebel ist die Plattformstrategie. Wir gehen auf
Konzernplattformen, weil das Investitionen in Grundarchitekturen,
Basistechnologie und Industrialisierung deutlich reduziert. Dadurch sinkt nicht
nur der CapEx, sondern wir gewinnen auch Tempo, weil wir nicht alles von Grund
auf entwickeln müssen. Wichtig ist, dass wir unsere Polestar Performance dann
in der Entwicklung reinbringen. Unsere Differenzierung liegt in der
Ausgestaltung. Das sind Chassis-Tuning, Fahrwerksabstimmung,
Lenkungscharakteristik, Driving dynamics und natürlich Design und
Softwareintegration. Wir nutzen also die Skaleneffekte in der Basis und
investieren gezielt dort, wo Polestar spürbar anders sein muss. Natürlich
kostet Wachstum Geld. Deshalb war die Eigenkapitalunterstützung unserer
Shareholder wichtig. Und Wachstum bleibt zentral – nicht nur für Volumen,
sondern auch für Markenbekanntheit. Gerade in Deutschland muss Polestar
sichtbarer werden: mehr Autos auf der Straße, mehr Kontaktpunkte, mehr
Vertrauen.
Wie stellen Sie sicher, dass die Polestar-DNA
insbesondere bei E/E-Architektur und Software erhalten bleibt?
„Die Plattform ist für uns die technische Basis, nicht die
Identität“. Und die Entscheidung, eine Konzernplattform zu nutzen, treffen wir
bewusst und sie liegt einzig bei uns. Danach beginnt die eigentliche Arbeit:
Wir müssen daraus einen Polestar machen. Polestar-DNA heißt in der Praxis:
Fahrverhalten und Design. Beim Fahrverhalten sind das sehr konkrete Themen –
Fahrwerksabstimmung, Lenkung, Rekuperations-Charakteristik,
Gesamtfahrzeugbalance. Das ist Kalibrierung, Entwicklungsarbeit und am Ende das
Gefühl, das der Kunde im Alltag und auch bei sportlicher Fahrt erlebt. Und
softwareseitig gilt das genauso. Wir behalten die Integrationshoheit: User
Interface, Bedienlogik, Update-Strategie, Systemintegration. Die frühe
Entscheidung für Google Built-in ist ein Beispiel. Das wurde anfangs kontrovers
diskutiert, heute ist die Akzeptanz extrem hoch und viele Wettbewerber beneiden
uns darum.
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Welche E/E-Architekturstrategie verfolgen Sie konkret?
Mit dem Polestar 3 haben wir das erste Software-Defined
Vehicle aus Europa auf den Markt gebracht. Wir haben das im Markt, während
viele noch darüber reden. Technisch heißt das: eine leistungsfähige, stärker
zentralisierte Rechenarchitektur mit klarer Software-Schichtung, die es
ermöglicht, Funktionen übergreifend zu orchestrieren. Aus Kundensicht ist der
Vorteil eindeutig: Over-the-Air-Updates. Und damit meine ich nicht nur Fehlerbehebung,
das Auto entwickelt sich laufend weiter. Wir können Funktionen nachschärfen,
Performanceparameter optimieren, Assistenzsysteme verbessern, das
Energiemanagement weiterentwickeln oder die Infotainment-Performance
verbessern. Das ist ein anderes Produktverständnis: nicht einmal ausliefern und
dann „stehen lassen“, sondern über den Lebenszyklus weiterentwickeln. Dazu
kommt ein zweiter Effekt: Diese Updatefähigkeit bringt uns näher an die Kunden.
Wir haben Communities, die sehr konkret Feedback geben. Und wir können darauf
reagieren. Architektur ist dabei kein Einmalprojekt, sondern ein
kontinuierlicher Prozess. Aber der Polestar 3 zeigt klar, wohin wir gehen: softwaredefiniert
mit zentraler Rechenleistung und kontinuierlicher Weiterentwicklung.
Lohscheller: „Architektur ist kein Einmalprojekt, sondern ein kontinuierlicher Prozess.“Polestar
Was bedeutet das SDV für Polestar technisch im Kern?
Der Kern ist ein Core-Compute-Ansatz. Also nicht viele
isolierte Steuergeräte mit jeweils eigener Logik, sondern gebündelte
Rechenleistung und eine klare Softwarearchitektur, die zentral orchestriert. Das
macht zwei Dinge einfacher: erstens Integration, weil man nicht permanent
Schnittstellenprobleme zwischen vielen Einzellösungen managen muss. Und
zweitens Updates, weil man schneller und kontrollierter Funktionen ausrollen
kann. Over-the-Air ist für den Kunden der sichtbare Teil, aber die Grundlage
ist die Architektur: zentrale Rechenleistung, saubere Software-Schichten,
definierte Schnittstellen und die Fähigkeit, das Fahrzeug funktional
weiterzuentwickeln.
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Wo ziehen Sie in diesem Kontext die Grenze zwischen
Eigenentwicklung und Partnerschaften?
Wir sind ein kleines Unternehmen mit weniger als 2.000
Mitarbeitenden. Wir können und wollen nicht alles alleine machen. Deshalb ist
unser Ansatz grundsätzlich partnerorientiert; und auch bewusst anders als bei
Herstellern, die versuchen, alles vertikal zu integrieren. Wir gehen in Stufen
vor: Zuerst schauen wir, was wir mit Volvo und Geely gemeinsam machen können –
Plattformen, E-Antrieb, Basisarchitekturen, das gesamte Ökosystem. Dann
definieren wir die Elemente, die markenkritisch sind und bei uns bleiben
müssen: Design, Chassis-Tuning, Driving Performance, also der Charakter des
Autos. Darüber hinaus sind wir offen für Partnerschaften, wenn sie
technologische Kompetenz und Geschwindigkeit bringen. Google ist ein Beispiel
für das Infotainment- und Ökosystem-Thema. Und beim autonomen Fahren arbeiten
wir beim Polestar 4 mit Mobileye zusammen. Unsere Größe ist dabei sogar ein
Vorteil: kurze Wege, schnelle Entscheidungen, zügige Integration. Das macht Polestar
auch für Partner attraktiv.
Wie entsteht in diesem Zusammenhang dann Differenzierung?
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Sie entsteht nicht allein durch einzelne Komponenten,
sondern durch Integration und Ausgestaltung. Ich würde das wieder entlang von
drei Punkten erklären: Design, Performance und Nachhaltigkeit. Design ist ein
zentrales Kaufkriterium, und das machen wir selbst. Es ist klar, reduziert,
skandinavisch. Performance heißt bei uns nicht nur Beschleunigung, sondern
Fahrdynamik: Lenkgefühl, Dämpferabstimmung, Balance, Fahreigenschaften. Das ist
Entwicklungsarbeit, und die bleibt bei uns. Und Nachhaltigkeit ist ein realer
Faktor, gerade für unsere Kundschaft. Unser Durchschnittskunde liegt bei etwa
45 Jahren, in Europa ist der Marktdurchschnitt eher 55. Diese Zielgruppe hat
andere Kaufkriterien. Recycelte Materialien, Reduktion von CO2-Emissionen,
Transparenz in der Lieferkette – das ist für viele relevant, und wir bekommen
dazu sehr klares Feedback. Insofern: Ja, Technologien können ähnlich sein, aber
wie sie zusammenspielen und wofür die Marke steht, entscheidet über
Differenzierung.
Sie haben die frühe Entscheidung für Android Automotive bereits
angesprochen. War das strategisch der richtige Weg?
Aus heutiger Sicht: eindeutig ja. Aus Kundensicht ist der
Nutzen unmittelbar. Google Maps ist hochpräzise, Ladeplanung und Echtzeitdaten
funktionieren, die Bedienlogik ist vertraut. Kunden kennen das vom Smartphone
und erwarten im Auto mindestens dieses Niveau. Wenn es schlechter ist, entsteht
Frust. Wir sehen im Markt, dass Eigenlösungen anderer Hersteller oft mit
Integrations- und Stabilitätsthemen kämpfen. Natürlich gibt es eine
Abhängigkeit von externen Roadmaps und Entwicklungszyklen. Das ist der Trade-off.
Wir haben aber bewusst den Kundennutzen priorisiert: Ein System, das stabil
funktioniert, das Nutzer kennen und das in der Praxis Mehrwert liefert. Das war
technologisch und strategisch richtig.
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Ein derzeit vieldiskutiertes Thema ist der „China Speed“,
also ein deutliches Anziehen der Entwicklungsgeschwindigkeit. Wo steht Polestar
derzeit?
Fakt ist: Zyklen werden kürzer, und „China Speed“ ist real.
Wir schaffen Tempo über Struktur, nicht über Kompromisse. Konkret heißt das:
Wir entwickeln nicht alles selbst, wir nutzen Plattformen, und wir
konzentrieren uns auf Differenzierung. Dadurch reduzieren wir Komplexität und
gewinnen Zeit. Beim Nachfolger des Polestar 2 ist das gut sichtbar. Wir haben
rund 190.000 Polestar 2 auf der Straße. Das Auto kommt ans Ende seines
Lebenszyklus – und es ist das Herz der Marke. Deshalb brauchen wir einen
Nachfolger, und zwar schnell. Wir bringen ihn Anfang 2027. Zwischen
strategischer Entscheidung und Markteinführung sprechen wir über rund 30
Monate. Das ist sehr schnell. Wichtig dabei: Wir machen keine Abstriche bei
Qualität oder Reifegrad. Geschwindigkeit entsteht durch klare Prioritäten,
kurze Entscheidungswege und eine Plattformbasis, die uns ermöglicht,
Entwicklung und Industrialisierung zu beschleunigen.
Zum Abschluss: Viele Analysten erwarten für 2026 den lang
ersehnten Kipppunkt der Elektromobilität. Was ist Ihre Erwartung für das
laufende Jahr?
Die Elektromobilität wird weiter wachsen. Nicht mit
den Raten, die viele vor einigen Jahren erwartet haben – aber die großen Märkte
entwickeln sich weiter. Ich glaube an einen weiteren Durchbruch, der stark über
Total Cost of Ownership kommt. Wenn Menschen und vor allem Flottenkunden es
durchrechnen, sehen sie: Unterhaltskosten eines E-Autos sind deutlich besser
als beim Verbrenner. Und wenn es ums Geld geht, werden Entscheidungen sehr
rational. Dazu kommt: Mit jedem Jahr steigen Fahrzeugqualität, Ladeleistung und
Effizienz. Gleichzeitig wächst die Infrastruktur und die Nutzererfahrung im
Markt wird besser. Das senkt Eintrittshürden. Wenn diese Faktoren
zusammenkommen, kann das wie ein „Kipppunkt“ wirken, selbst wenn es statistisch
eher ein beschleunigtes Wachstum ist. Entscheidend ist dann, ob man attraktive
Produkte hat. Wir sind da stark positioniert. Wir sind Europas einziges
E-Auto-Startup, klar positioniert: während viele Wettbewerber Slalom fahren und
zweifeln, setzten wir voll auf elektrisch und die Zukunft. Unser Anspruch ist,
dass wir uns nun aus dem wachsenden Markt einen noch größeren Anteil sichern.
Zur Person:
Michael Lohscheller
wurde im Oktober 2024 zum Chief Executive Officer von Polestar ernannt. Er
verfügt über mehr als zwei Jahrzehnte Erfahrung in leitenden Positionen
innerhalb der internationalen Automobilindustrie. Vor seinem Wechsel zu Polestar war Lohscheller
unter anderem CEO der Nikola Motor Company sowie von VinFast. Zudem leitete er
als CEO den deutschen Automobilhersteller Opel. Zuvor war er als Chief
Financial Officer bei Opel sowie bei Volkswagen und Mitsubishi tätig. Sein Studium absolvierte Lohscheller mit einem
Bachelor-Abschluss in Betriebswirtschaftslehre an der Fachhochschule Osnabrück.
Anschließend erwarb er einen Master-Abschluss in European Marketing an der
Brunel University of London.