ID. Buzz wird Testträger für ZYT-Technologie
Der chinesische Spezialist ZYT will seine Lösungen für intelligentes Fahren stärker in Europa verankern. Ein Proof of Concept mit Volkswagen soll zeigen, wie der Zulieferer seine Sensorik, KI-Architektur und Rechenplattform an europäische Verkehrsbedingungen anpassen will.
CEO Shen Shaojie stellte das gemeinsame Projekt bei der Eröffnung der Europazentrale in Braunschweig vor.
ZYT
Der chinesische ADAS-Spezialist ZYT will seine Technologien für intelligentes Fahren stärker auf europäische Verkehrsbedingungen ausrichten. Im Zentrum dieses Vorhabens steht ein lokalisierter Proof of Concept mit Volkswagen, bei dem ein ID. Buzz als Technologieträger für neue Fahrerassistenzfunktionen eingesetzt wird. Für ZYT soll das Projekt zeigen, wie sich Intelligent-Driving-Systeme aus China an europäische Anforderungen bei Sicherheit, Fahrverhalten, Datenverarbeitung und Systemintegration anpassen lassen.
CEO Shen Shaojie ordnet die Volkswagen-Kooperation bei der Eröffnung des europäischen ZYT-Headquarters in Braunschweig als Teil der europäischen Produktstrategie ein. Das System werde in Europa getestet und sei auf den Einsatz unter lokalen Bedingungen ausgelegt. Damit rückt der Zulieferer einen Aspekt in den Vordergrund, der für ADAS-Systeme zunehmend entscheidend wird. Funktionen müssen nicht nur verfügbar sein, sondern auch zu Verkehrsregeln, Fahrkultur, Infrastruktur und regulatorischen Anforderungen einzelner Märkte passen. Für ZYT steht der ID. Buzz demnach exemplarisch für die Frage, wie sich intelligente Fahrfunktionen über Märkte hinweg skalieren lassen.
Vom regelbasierten System zum Foundation Model
Dafür setzt der Zulieferer auf das Konzept einer sogenannten Mobility Physical AI. Technologischer Kern ist ein multimodales Foundation Model, kurz MFM. Shaojie bezeichnete das Modell als „Gehirn des Fahrzeugs“. Es verarbeite Kameras, Radar, Lidar, Karten, Navigationsbefehle, Audiosignale und weitere Fahrzeugdaten nicht getrennt, sondern führe sie in einer gemeinsamen Repräsentation zusammen. Das Modell soll Fahrumgebungen erkennen, ein einheitliches Raum-Zeit-Verständnis aufbauen und daraus sichere End-to-End-Trajektorien erzeugen.
ZYT ordnet die eigene Technologie in eine Entwicklung über drei Generationen ein. Die erste Generation intelligenter Fahrsysteme habe auf HD-Karten und regelbasierten Logiken beruht. Solche Systeme funktionierten, seien aber langsam und teuer auf neue Märkte übertragbar. Die zweite Generation habe stärker auf datengetriebene End-to-End-Ansätze gesetzt. Sie habe menschlicher wirkende Fahrleistungen ermöglicht, erfordere aber weiterhin umfangreiches Feintuning je Fahrzeugmodell und Markt.
Mit dem multimodalen Foundation Model will das chinesische Unternehmen nun eine dritte Stufe erreichen. Das Modell soll über Fahrzeugtypen und Märkte hinweg nutzbar sein. In der Unternehmenslogik ist genau das der Schlüssel für den europäischen Markteintritt. Je geringer der Anpassungsaufwand, desto schneller könnten Funktionen für unterschiedliche Plattformen, OEMs und Regionen verfügbar gemacht werden.
Volkswagen als Referenz für Seriennähe
Die Zusammenarbeit zwischen ZYT und Volkswagen reicht bis ins Jahr 2018 zurück. Damals begann der chinesische ADAS-Spezialist im Umfeld des Volkswagen-Konzerns erste gemeinsame Entwicklungsaktivitäten. In der Folge arbeitete ZYT über das chinesische Joint-Venture-Ökosystem von Volkswagen an Intelligent-Driving-Programmen.
Ein wichtiger Schritt war das System IQ Pilot. Es sollte Highway-Fahrfunktionen nicht nur für Elektrofahrzeuge, sondern auch für Modelle mit Verbrennungsmotor verfügbar machen. ZYT beschreibt diesen Ansatz als „Equal Intelligence for ICEs and EVs“. Während frühere Projekte im Umfeld chinesischer Joint Ventures verankert waren, zielt der lokale Proof of Concept nun auf europäische Straßen und Entwicklungsanforderungen.
Der ID. Buzz dient in dieser Perspektive als lokaler Validierungsträger. Im Projekt sind unter anderem Funktionen für Urban und Highway NOA, automatisiertes Parken sowie mehrstöckiges Memory Parking vorgesehen. NOA steht in der Branche üblicherweise für „Navigation on Autopilot“ und beschreibt Systeme, bei denen das Fahrzeug in definierten Szenarien einer geplanten Route folgt, Spurwechsel vorbereitet, Abbiegevorgänge unterstützt und den Verkehr auf Stadt- oder Schnellstraßen interpretiert. Die Park- und Manövrierfunktionen erweitern diesen Ansatz um Anwendungen, bei denen das System besonders präzise wahrnehmen und lokalisieren muss.
Breiter Anspruch über Pkw hinaus
Der ID. Buzz ist zwar der sichtbarste europäische Anwendungsfall, doch ZYT positioniert seine Technologie breiter. Shaojie verwies auf mehr als 50 Serienmodelle im Pkw-Bereich, betonte aber auch, dass das Partnernetzwerk außerdem schwere Nutzfahrzeuge, Busse, Last-Mile-Delivery-Anwendungen sowie Robotik und Embodied AI umfasse. ZYT will das multimodale Foundation Model perspektivisch über verschiedene Mobilitätssegmente hinweg einsetzen.
Das Unternehmen spricht von einem einheitlichen physischen KI-Kern für unterschiedliche Fahrzeugklassen und Anwendungsszenarien. Für Europa ergibt sich daraus ein zweifacher Anspruch. Zum einen soll der ID. Buzz zeigen, dass ZYT seine ADAS-Technologie in einem europäischen Fahrzeugkontext integrieren kann. Zum anderen will der chinesische Anbieter die Architektur perspektivisch auf weitere Plattformen und Segmente übertragen. Dazu passt auch die angekündigte Zusammenarbeit im Nutzfahrzeugbereich, bei der ZYT ein europäisches Programm von Sinotruk unterstützt.
Braunschweig als Entwicklungsbasis
Das neue europäische Headquarter des chinesischen Zulieferers in Braunschweig ist in diesem Zusammenhang vor allem als Entwicklungs- und Validierungsbasis zu verstehen. ZYT will dort Vertrieb, Business Development sowie Forschung und Entwicklung aufbauen. Zudem arbeite das Unternehmen mit der TU Braunschweig zusammen und nutze deren Engineering-Kompetenz. Der Standort am Forschungsflughafen verschafft ZYT Zugang zu einem Umfeld aus Mobilitätsforschung, Luftfahrt, Testinfrastruktur und industriellen Partnern.
Für einen ADAS-Anbieter könnte sich eine solche Nähe als wertvoll erweisen, um Entwicklung und Validierung stärker lokal abzuwickeln. CEO Shaojie betont, dass sich der europäische Markt nicht allein aus chinesischen Entwicklungszentren bedienen lasse, wenn Funktionen im realen Verkehr robust und regulatorisch belastbar sein sollen. ZYT formuliert diesen Anspruch als „In Europe, for Europe“. Entscheidend sei hierfür die Fähigkeit, Entwicklungsdaten, Systemvalidierung und Partnerstrukturen in Europa aufzubauen. Der ID.-Buzz-Proof-of-Concept ist dafür der erste konkrete technologische Anwendungsfall.