SDV-Trends: Umsetzung statt Visionen

Warum 2026 ein Wendepunkt für SDV werden kann

2026 wird für Software-defined Vehicles zum Realitätstest. Martin Schleicher sieht die Branche an einem Wendepunkt: Entscheidend sei nicht mehr die Vision, sondern wer konkrete Software liefern kann. Doch woran lässt sich das wirklich messen?

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Die Autoindustrie wandelt sich zur softwaregetriebenen Mobilität: zentrale Architekturen, OTA-Updates, KI und neue Ökosysteme bestimmen die Zukunft.
Software-defined Vehicles werden 2026 vor allem daran gemessen, ob OEMs neue Funktionen und Updates zuverlässig in kurzen Zyklen in die Flotte bringen. Martin Schleicher sieht dafür weniger Perfektion als vielmehr Flexibilität, schnelle Reaktion und eine neue digitale „Spielkultur“ als entscheidend.

Software-defined Vehicles (SDV) gelten längst als strategischer Wendepunkt der Automobilindustrie. Doch 2026 könnte sich entscheiden, welche Hersteller aus ambitionierten Konzepten tatsächlich belastbare Systeme machen und wer an organisatorischen Altlasten scheitert. Im LinkedIn-Beitrag „Top SDV trends for 2026: Insights from Eclipse SDV Ambassadors“ zeichnen Filipe Prezado, Eclipse SDV Ambassador, und Martin Schleicher, Eclipse SDV Ambassador, ein Bild der kommenden SDV-Phase: weniger Vision, mehr Umsetzung. automotiveIT hat dazu bei Martin Schleicher nachgefragt.

Hybride Architekturen statt radikaler Neustart

Ein zentraler Trend für 2026 ist laut dem Post der Übergang zu zonalen Architekturen; allerdings nicht als abrupter Systembruch. Vielmehr werden sich hybride zonal-zentrale Modelle durchsetzen, also Mischformen aus zentralem Compute und schrittweise eingeführten Zonenkonzepten. Für Schleicher liegt der Grund dafür vor allem in der Realität der OEM-Kalkulation: „Die OEMs schauen verstärkt auf Kosten, sowohl Entwicklungs- als auch Stückkosten“, betont er. Vollständig neue Architekturen seien deshalb nur dann realistisch, wenn klare wirtschaftliche Vorteile erkennbar seien. In der Praxis sei eher von einer evolutionären Migration bestehender E/E-Strukturen auszugehen, optimiert, angepasst und zonal ergänzt, aber nicht komplett neu gebaut.

Damit bestätigt sich ein Muster, das viele SDV-Programme 2025 bereits eingeholt hat: Die Transformation muss mit Plattformzyklen, Variantenlogik und industrieller Skalierung kompatibel bleiben. Architektur wird nicht nur technologisch entschieden, sondern auch betriebswirtschaftlich.

KI entfaltet den größten Hebel nicht im Fahrzeug, sondern im Engineering

Auch Künstliche Intelligenz gilt als SDV-Schlüsseltrend. Doch Schleicher sieht den kurzfristig größten Nutzen nicht in neuen KI-Features im Auto, sondern deutlich früher in der Entwicklungsorganisation. „Aus meiner Sicht in der Softwareentwicklung und -Validierung“, erklärt er. Effizienzsteigerungen durch KI – etwa bei Testautomatisierung, Codeanalyse oder Fehlerbehebung – seien innerhalb von Wochen oder Monaten sichtbar. KI-basierte Fahrzeugfunktionen hingegen zeigten ihre Wirkung erst nach Serienanlauf, also drei Jahre später oder mehr.

Die klassischen Tugenden der Ingenieurskunst wie der Fokus auf Perfektion sind bei SDV nicht mehr ausreichend. Flexibilität ist wichtiger als feste Prozesse, schnelle Reaktion wichtiger als Perfektion.“

Martin Schleicher, Eclipse SDV Ambassador

Damit wird KI weniger zum Feature-Baukasten als zum Produktivitätsmotor der SDV-Fabrik. Wer 2026 Geschwindigkeit gewinnen will, muss KI zuerst in Toolchains und Entwicklungsprozessen industrialisieren.

Woran sich SDV-Reife 2026 wirklich messen lässt

Die zentrale Frage bleibt: Woran erkennt man, ob ein SDV-Ansatz funktioniert jenseits von Roadmaps und Marketing? Für den SDV-Experten ist die Antwort klar operational: SDV funktioniert dann, „wenn ein OEM regelmäßig in kurzen Zyklen – monatlich oder quartalsweise – neue oder fehlerbeseitigte Software in einer großen Flotte an Fahrzeugen bereitstellt.“

Entscheidend seien schnelle Feature-Rollouts, ebenso wie die Fähigkeit, Fehler und Security-Probleme zügig zu beheben. Ein weiteres Reifezeichen sieht er in der regionalen Flexibilität: OEMs müssten in der Lage sein, „regional unterschiedliche Softwareangebote auf Basis der gleichen Fahrzeugarchitektur zu machen“, weil Kundenerwartungen in den USA, Europa oder Asien stark variieren. SDV wird damit messbar: nicht durch Architekturfolien, sondern durch Release-Zyklen, Flottenwirkung und Reaktionsgeschwindigkeit.

Geschäftsmodelle mit dem Software-Defined Vehicle: Zurückhaltung statt Abo-Euphorie

SDV ist für OEMs kein Selbstzweck. Die Frage nach Monetarisierung und neuen Erlösmodellen begleitet die Debatte seit Jahren; oft mit Fokus auf Feature-on-Demand oder Abo-Logiken. Martin Schleicher bewertet diese Erwartungen deutlich nüchterner. Er sieht zunächst drei grundlegende Vorteile, die SDV wirtschaftlich attraktiv machen:

  1. Skaleneffekte: „Die gleiche Software kann in einer größeren Anzahl an Fahrzeugen mit unterschiedlichen Plattformen und auch bereits im Feld befindlicher Fahrzeuge ausgerollt werden“, etwa für neue Funktionen, Bugfixes oder Security-Updates.
  2. Geschwindigkeit: Updates schnell verfügbar zu machen sei essenziell, insbesondere bei Cybersecurity.
  3. SDV ermöglicht neue Funktionen, die bei der Fahrzeugentwicklung noch gar nicht vorgesehen waren – SDV wird damit ein Mittel zur Kundenbindung.

SDV ist ein Mittel zur Kundenbindung. Bei softwarebasierten Geschäftsmodellen, bei denen Endkunden während der Nutzungszeit in großem Maße zusätzliche Software kaufen, bin ich allerdings sehr zurückhaltend.“

Martin Schleicher, Eclipse SDV Ambassador

Bei Endkunden-Geschäftsmodellen bleibt Schleicher jedoch vorsichtig: „Hinsichtlich software-basierter Geschäftsmodelle, bei denen Endkunden in stärkerem Maße Software während der Fahrzeugnutzungszeit kaufen, bin ich sehr zurückhaltend.“ Zunächst brauche es funktionierende SDV-Architekturen und belastbare Umsetzung, bevor sich echte Nachfrage nach solchen Modellen seriös abschätzen lasse. Der wirtschaftliche Nutzen von SDV liegt 2026 damit weniger im direkten Zusatzverkauf, sondern stärker in Plattformeffizienz, Updatefähigkeit und langfristiger Kundenbindung.

Fußball als Metapher: Deutschland Anfang der 2000er

Besonders plastisch wird Schleicher dort, wo es um die Frage geht, wie sich die Kräfteverhältnisse im globalen SDV-Rennen langfristig entwickeln werden. Bereits im Originalbeitrag hatte er selbst eine Fußballmetapher genutzt: Mit dem Satz „Die Wahrheit liegt auf dem Platz“ macht Schleicher deutlich, dass sich SDV nicht in Strategiepapieren oder Architekturdebatten entscheidet, sondern ausschließlich in der praktischen Umsetzung. Also darin, ob OEMs tatsächlich funktionierende Plattformen, schnelle Softwarezyklen und robuste Updatefähigkeit auf die Straße bringen.

Vor diesem Hintergrund griff die Redaktion den Gedanken auf und stellte eine Nachfrage ebenfalls mit einem Fußballbezug. Ausgehend vom bekannten Gary-Lineker-Zitat „Fußball ist ein einfaches Spiel: 22 Männer jagen 90 Minuten lang einem Ball nach, und am Ende gewinnen immer die Deutschen“, resultierte die Frage: Wird man in zehn oder zwanzig Jahren rückblickend sagen, chinesische OEMs und neue Player hätten lange dominiert, am Ende werden deutsche Hersteller aber doch gewinnen? Oder wird SDV dauerhaft nach neuen Regeln gespielt, aber mit anderen Siegern auf dem Platz?

Schleicher greift diesen Gedanken auf und verweist auf eine historische Parallele. Die aktuelle Lage der deutschen Autoindustrie erinnere ihn „an den deutschen Fußball Anfang der 2000er“. Klassische Tugenden wie Kondition und Zweikampfstärke hätten damals nicht mehr gereicht. Technik, Tempo und Taktik seien nicht auf der Höhe der Zeit gewesen – zu statisch, zu langsam.

Ähnlich sei es bei SDV. „Die klassischen Tugenden der Ingenieurskunst wie Fokus auf Perfektion sind nicht mehr ausreichend“, sagt Schleicher. Flexibilität sei wichtiger als starre Prozesse, schnelle Reaktion wichtiger als Perfektion. Entscheidend sei die Einbindung des gesamten Teams statt siloartiger Abläufe.

Dabei habe Deutschland weiterhin alle Voraussetzungen, um wieder Weltspitze zu werden – doch nicht durch Personalwechsel, sondern nur durch eine neue digitale Spielkultur. „Das ganze System muss transformiert werden“, und Mitarbeitende müssten langfristig in modernen digitalen Entwicklungsmethoden ausgebildet werden. Gerade in Unternehmensstrukturen und Prozessen sieht er noch erheblichen Nachholbedarf; trotz gut ausgebildeter junger Generationen.

Daher verweist Schleicher auf eine weitere Botschaft: An deutschen Hochschulen würden Studierende zwar sehr gut in modernen Entwicklungsmethoden und Strategien ausgebildet, gleichzeitig stelle die Automobilindustrie in Deutschland aber kaum Entwickler ein. Andere Märkte oder auch die Gründung eines eigenen Start-ups seien für Hochschulabsolventinnen und -absolventen deutlich attraktiver. In seiner Sportanalogie bedeutet das: Die jungen Leute suchten sich zunehmend andere Sportarten.

SDV wird 2026 zum Realitätstest

Die Trends für 2026 zeigen klar: SDV tritt in die Phase der Umsetzung ein. Hybride Architekturen dominieren aus Kostengründen, KI entfaltet ihren schnellsten Nutzen im Engineering, SDV-Reife wird an Releasefähigkeit und Flottenwirkung messbar. Geschäftsmodelle entstehen eher durch Skalierung und Kundenbindung als durch kurzfristige Abo-Erlöse. Und der internationale Wettbewerb? Schleicher sieht ihn als dynamisches Spiel, das schneller geworden ist und das eine neue digitale Kultur erfordert, nicht nur neue Technik. 2026 wird damit weniger das Jahr der schönsten SDV-Strategien sondern das Jahr, in dem sich zeigt, wer Software wirklich liefern kann.

Über Martin Schleicher

Martin Schleicher

Martin Schleicher ist unabhängiger Berater mit Schwerpunkt auf Softwarestrategie, Geschäftsmodellen und Ökosystementwicklung im Automotive-Bereich. Er verfügt über mehr als 25 Jahre Erfahrung in der Automobilindustrie und begleitet OEMs, Zulieferer und Technologieanbieter auf dem Weg zum Software-defined Vehicle.

Von 2021 bis 2025 war Schleicher als Head of Software Strategy bei Continental Automotive tätig. Zuvor hatte er verschiedene Managementrollen bei Elektrobit inne, unter anderem mit Verantwortung für Unternehmensstrategie, Produkt- und Portfoliomanagement sowie Partnerschaften.

Schleicher engagiert sich seit vielen Jahren in Automotive-Initiativen und Standardisierungsgremien wie AUTOSAR, Eclipse SDV und SOAFEE. Zudem ist er regelmäßiger Redner auf internationalen Konferenzen und wirkt in mehreren Programm- und Fachbeiräten mit, unter anderm Automobil-Elektronik Kongress (AEK), Automotive Computing Conference (EU/US) und automotiveIT car.summit.