Ansgar Lindwedel, Eclipse Foundation              

„Mit dem OEM-Commitment ist echtes Momentum entstanden“

Eclipse S-CORE soll als Open-Source-Stack zur gemeinsamen Basis für softwaredefinierte Fahrzeuge werden. Ansgar Lindwedel von der Eclipse Foundation erklärt, warum „Code first“ ein Booster für die Entwicklung ist und warum die europäische SDV-Bewegung jetzt Fahrt aufnimmt.

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Ansgar Lindwedel, Direktor SDV Ecosystem Development Eclipse Foundation, beschreibt, wie sich Eclipse S-CORE von früheren Standardisierungsinitiativen unterscheidet und welche Rolle Governance und OEM-Commitment für den Erfolg des Open-Source-Stacks spielen.

Mit Eclipse S-CORE wollen Eclipse Foundation und VDA eine gemeinsame Open-Source-Basis für das softwaredefinierte Fahrzeug etablieren. Der Stack bündelt Betriebssystem-, Middleware- und Basisfunktionen, auf denen OEMs und Zulieferer künftig ihre eigenen, differenzierenden Anwendungen aufsetzen sollen. Hintergrund ist der rapide wachsende Softwareanteil im Fahrzeug, der Entwicklung, Integration und vor allem Wartung immer teurer macht. 

Die Initiative wächst dabei deutlich: Inzwischen beteiligen sich mehr als 50 Unternehmen entlang der gesamten Wertschöpfungskette – von OEMs über Zulieferer bis hin zu Cloud- und Halbleiteranbietern. Release 0.5 ist bereits öffentlich verfügbar, die serienreife Version 1.0 soll Ende 2026 folgen. Im Interview ordnet Ansgar Lindwedel ein, warum S-CORE als „gemeinsames Fundament“ gedacht ist, welche Rolle Governance spielt und was OEMs überzeugt, Open Source in Serienprogramme zu bringen.

Eclipse S-CORE wird als „gemeinsames Fundament“ für softwaredefinierte Fahrzeuge beschrieben. Wo genau liegt der Unterschied zu früheren Plattform- oder Standardisierungsansätzen in der Automobilindustrie?

Der Unterschied liegt vor allem darin, dass eine Open-Source-Community nicht ausschließlich konsensgetrieben ist, sondern nach dem meritokratischen Prinzip arbeitet. Das bedeutet, dass eine kritische Masse an Firmen, die begeistert an einem Projekt arbeitet, genügt, um durch die Code-first-Arbeit an konkreter Implementierung schnell zu Ergebnissen zu kommen. Das Projekt Eclipse S-CORE zeigt dies anschaulich. Vom Start mit nur fünf Firmen bis zu einem ersten 0.5-Release hat die Community nicht einmal ein Jahr gebraucht. Mit mittlerweile mehr als zehn involvierten Firmen und weiteren interessierten Parteien bis Ende 2026 ist ein 1.0 Release geplant. Das wären zwei Jahre. So lange dauerte in der Vergangenheit teilweise die Vertragsverhandlung zu einem Joint Venture oder einem neuen Konsortium, bevor überhaupt mit konkreter Arbeit begonnen werden konnte.

Die Zahl der beteiligten Unternehmen ist seit dem Start der SDV Working Group stark gewachsen. Was treibt diese Dynamik und wo sehen Sie aktuell noch die größten Vorbehalte oder Hürden bei OEMs und Zulieferern?

Wir freuen uns natürlich sehr über diesen Erfolg. Als jemand, der seit Stunde Null involviert war, würde ich die Dynamik seit Gründung in folgende Abschnitte einteilen: Am Anfang stand die Idee, nicht differenzierende Software gemeinsam zu entwickeln, anstatt mehrfach und aneinander vorbei. Elf initiale Mitglieder der Initiative Eclipse Software Defined Vehicle standen fest hinter der Idee, aber es fehlten die OEMs, die natürlich am Ende die Software einsetzen sollten. Im ersten Jahr gelang es der Community nach dem Motto „Code first“, schnell zu verschiedenen Projekten zu kommen und somit erste technologische Bausteine für ein Software Defined Vehicle zu erarbeiten. Mit VW, Mercedes und BMW kamen die ersten OEMs an Bord. Zu zu Beginn des Jahres 2026 konnten wir mit Traton als neuem strategischem Mitglied die OEM-Seite auch um Commercial-Vehicle-OEMs erweitern und wir stehen mit weiteren internationalen Herstellern in Kontakt. Was unsere Mitglieder Ende 2024 beschäftigte war der Fakt, dass wir inzwischen zwar verschiedene technologische Bausteine hatten, eine sinnvolle Plattform aber noch fehlte. Das war die Geburtsstunde von Eclipse S-CORE. Dieses erste Integrationsprojekt löst genau dieses Problem. Mit dem Commitment von OEMs, Tiers und weiteren Firmen, gemeinsam an diesem Stack zu arbeiten, aber insbesondere auch mit dem Commitment der OEMs, diesen Stack dann in Zukunft auch zu nutzen, ist echtes Momentum entstanden. Was zu Beginn eine sehr europäisch geprägte Initiative war, ist spätestens seit der Ankündigung auf der CES in diesem Jahr – wo sich die Anzahl der unterstützenden Firmen fast verdreifacht und deutlich internationalisiert hat – eine globale Bewegung geworden. Wir sehen darüber hinaus noch deutlich mehr Wachstum in Zukunft.

Mit dem Commitment von OEMs, Tiers und weiteren Firmen, gemeinsam an diesem Stack zu arbeiten, aber insbesondere auch mit dem Commitment der OEMs, diesen Stack dann in Zukunft auch zu nutzen, ist echtes Momentum entstanden. Was zu Beginn eine sehr europäisch geprägte Initiative war, ist spätestens seit der Ankündigung auf der CES in diesem Jahr eine globale Bewegung geworden.

Ansgar Lindwedel, Eclipse Foundation

Eclipse S-CORE adressiert bewusst nur nicht-differenzierende Software-Schichten. Wie klar ist diese Trennlinie in der Praxis und wie verhindern Sie, dass Hersteller ihre strategisch relevanten IP-Grenzen überschritten sehen?

Was die Mitglieder der Eclipse Foundation in die Community beitragen und somit als Open Source zur Verfügung stellen, liegt in der Verantwortung eines jeden Mitglieds. Die Tatsache, dass Open-Source-Code zur freien Verfügung steht, ist hier die normative Kraft. Niemand möchte das, was er für seinen eigenen Wettbewerbsvorteil hält, frei verfügbar machen. Somit legt jedes Mitglied für sich fest, was es beitragen möchte und was nicht.

 Mit Release 0.5 ist S-CORE bereits öffentlich verfügbar, Version 1.0 soll Ende 2026 folgen. Welche technischen und organisatorischen Meilensteine sind bis dahin entscheidend, damit Autohersteller S-CORE tatsächlich in Fahrzeugprogrammen einsetzen können?

Aus meiner Sicht ist das zum einen, dass die Features, die von den Mitgliedern für 1.0 geplant sind, auch fertig sind. Zum Anderen aber auch, dass der Reifegrad der Software den Standards der Automobilbranche genügt, also etwa die funktionale Sicherheit gewährleistet ist. Beide Themen sind seit dem Start des Projektes mitgedacht, geplant und nachverfolgt worden. Die finale Entscheidung über die Anwendung liegt natürlich bei den Autobauern.

Die Projektpartner sprechen von bis zu 40 Prozent weniger Entwicklungs- und Wartungsaufwand. Auf welchen konkreten Annahmen beruhen diese Zahlen und in welchen Bereichen lassen sich die größten Effekte realistisch erzielen?

Die Zahlen kommen tatsächlich von den Mitgliedsunternehmen und dem VDA, insofern kann ich höchstens eine Meinung dazu abgeben. Vorteile entstehen vor allem dadurch, dass existierende Code-Grundlagen aus den verschiedenen Firmen genutzt und nicht alles komplett neu entwickelt wird. Zusätzlich arbeiten unterschiedliche Firmen daran, dass die Software fertig miteinander integriert ist, bevor sie in ein konkretes Fahrzeugprogramm beim OEM eingeführt wird. Hier entstanden in der Vergangenheit enorme Integrationsaufwände auf Seiten der OEMs, die zu einem großen Teil vermieden werden können. Einer der größten Hebel entsteht aber bei der Wartung dieser Software-Platform. Wo in früherer Zeit jeder OEM und Zulieferer an seiner eigenen Implementierung gearbeitet hat und diese dann auch pflegen musste, gibt es in einer idealen Zukunft nur eine Plattform, die man gemeinsam pflegt. Diese Plattform wird es Herstellern ermöglichen, die gleiche Basis über verschiedene Fahrzeugprojekte weiterzuentwickeln und zu pflegen und somit nicht für jedes neue Fahrzeugprojekt von null anzufangen.

Welche Rolle spielen Tech-Unternehmen wie Cloud-, Halbleiter- oder Softwareanbieter im Eclipse-S-CORE-Ökosystem und wie stellen Sie sicher, dass die Initiative nicht von einzelnen Akteuren dominiert wird?

Wir haben mittlerweile ein recht ausgewogenes Ökosystem zwischen den verschiedenartigen beteiligten Firmen. Alle Beteiligten wissen, dass ein kollaboratives Ökosystem nur funktioniert, wenn nicht eine Partie zu dominant ist. Auf der anderen Seite braucht es aber auch eine „Koalition von Willigen“, die mutig voranschreitet. Diese Balance stetig zu halten und unsere Mitglieder ständig zu beraten, verstehen wir als Eclipse Foundation als Teil unseres Dienstes an der Community. Da jedes Mitglied ein Interesse daran hat, dass Eclipse SDV erfolgreich wird, sehen wir große Anstrengungen bei allen Mitgliedern, diese Balance zu bewerkstelligen.

Es braucht eine Koaltion der Willigen, die mutig voranschreitet

Ansgar Lindwedel, Eclipse Foundation

Das Thema Governance ist im Automotive-Umfeld besonders sensibel. Wie funktioniert die Entscheidungsfindung innerhalb der Eclipse SDV Working Group konkret und wo liegen die kartellrechtlichen Leitplanken?

Das ist eine wichtige Frage und Teil des Werteversprechens der Eclipse Foundation. Basierend auf über 20 Jahren Erfahrung damit, wie unterschiedliche Firmen an gemeinsamen Themen zusammenarbeiten, regeln all unsere Policy-Dokumente die Abläufe. Vom Working Group Process, der regelt, wie Working Groups funktionieren, über unser Projekthandbuch, welches Projekte und Abstimmungsprozesse beschreibt, bis hin zu unserer Antitrust Policy, die eben dieses sensible Thema regelt. Alle unsere Mitglieder akzeptieren gleichermaßen dieses komplette Regelwerk – übrigens ein weiterer Grund, warum die Mitglieder schneller zu Ergebnissen kommen: Es gibt kein Abweichen von diesen Dokumenten.

Save the date: 30. Automobil-Elektronik Kongress

Am 16. und 17. Juni 2026 findet zum 30. Mal der Internationale Automobil-Elektronik Kongress (AEK) statt. Dieser Netzwerkkongress ist bereits seit vielen Jahren der Treffpunkt für die Top-Entscheider der Elektro-/Elektronik-Branche und bringt nun zusätzlich die Automotive-Verantwortlichen und die relevanten High-Level-Manager der Tech-Industrie zusammen, um gemeinsam das ganzheitliche Kundenerlebnis zu ermöglichen, das für die Fahrzeuge der Zukunft benötigt wird. Trotz dieser stark zunehmenden Internationalisierung wird der Automobil-Elektronik Kongress von den Teilnehmern immer noch als eine Art "automobiles Familientreffen" bezeichnet.

Sichern Sie sich Ihr(e) Konferenzticket(s) für den 30. Automobil-Elektronik Kongress (AEK) im Jahr 2026! Folgen Sie außerdem dem LinkedIn-Kanal des AEK und #AEK_live.

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Mit Blick auf das Jahr 2030: Woran würden Sie persönlich messen, ob Eclipse S-CORE ein Erfolg war und was müsste dann anders laufen als in früheren industrieübergreifenden Software-Initiativen?

Es gibt OEMs, die Eclipse S-CORE in Serienprojekten auf der Straße nutzen; hier sehen wir bereits erste Schritte. Damit einhergehend gibt es Zulieferer, die Produkte auf Basis von Eclipse S-CORE anbieten. Auch hier sehen wir Firmen, die sich entsprechend positionieren: Auf der CES waren schon mehr als eine Handvoll Demonstratoren zu sehen, die auf Basis Eclipse S-CORE erstellt wurden. Mit Blick auf das Jahr 2030 sehen wir, dass mehr und mehr Firmen auf der ganzen Welt bereit sind, offen miteinander zu arbeiten. Genau das sehen wir eindrucksvoll am Beispiel der Eclipse-SDV-Initiative.

Zur Person:

Ansgar Lindwedel ist Director SDV Ecosystem Development bei der Eclipse Foundation. Dort treibt er den Aufbau von Partnerschaften und Communitys rund um Open-Source-Software für softwaredefinierte Fahrzeuge voran. Zuvor war er unter anderem als Director IoT Sales & Partner Management bei Bosch.IO tätig und verantwortete dort Partner- und Kundenmanagement sowie strategische Kooperationen. Weitere Stationen führten ihn in leitende Rollen im Global IoT Partner Management sowie in den Automotive-Bereich, etwa als Key Account Manager und Senior Project Manager bei Bosch mit Schwerpunkt Advanced Driver Assistance Systems. Seine berufliche Laufbahn begann in der Embedded-Software-Entwicklung, unter anderem als Software Engineer und Engineer Software Powertrain ECU.