Forschungsprojekt iVITA zeigt neue Chancen durch Einsatz von KI
Das Forschungsprojekt iVITA von BMW und der TH Deggendorf setzt auf multimodale KI, um Fahrer-Fahrzeug-Interaktionen ganzheitlich abzusichern. Durch die Analyse akustischer, optischer und haptischer Daten erkennt das System Fehler frühzeitig und hebt die Qualitätssicherung auf ein neues Niveau.
Turgay MusTurgayMusTurgay MusQ-Specialist, BMW
4 min
Mit iVITA verfolgen BMW und die TH Deggendorf das Ziel, Fahrer-Fahrzeug-Interaktionen mithilfe multimodaler KI genauer zu erfassen und so die Qualitätssicherung moderner Bedien- und Infotainmentsysteme deutlich auszubauen.BMW
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Über diesen Artikel:
Turgay Mus ist Ingenieur und seit Juli 2018 bei BMW tätig. Im Juni
2019 wurde er mit dem BMW Think Award für die Entwicklung einer innovativen
Methode zur Bewertung von Schweißnähten mittels künstlicher Intelligenz ausgezeichnet.
Im Jahr 2020 meldete er gemeinsam mit vier Kollegen ein Patent an, das auf einer tiefgehenden Bottom-Up-Analyse basiert und ein neuartiges
Modell zur Optimierung der Fahrzeugkarosserie-Produktion vorstellt. Aktuell
arbeitet er als Qualitätsspezialist in der Absicherung und Integration von
Elektrik/Elektronik im Werk Regensburg.
Zudem leitet er das Forschungsprojekt
„iVITA“ ( innovative Validierungsmethoden
Interaktionskanäle Technologieträger Fahrerarbeitsplatz) in Kooperation mit der Technischen Hochschule Deggendorf. Im Zentrum der Forschungskooperation steht die
Entwicklung von modernen Verfahren zur Qualitätssicherung, mit deren Hilfe sich
möglichst effizient und effektiv akustische und optische Interaktionen rund um
den Fahrer überprüfen lassen. Ziel ist es, die Testtiefe und damit die Qualität
der Fahrer-Fahrzeug-Interaktionen durch automatisierte und KI-gestützte
Methoden zu verbessern und somit einen wesentlichen Beitrag zur Fahrsicherheit,
aber auch zum Fahrkomfort zu leisten.
Im folgenden Gastbeitrag gibt Turgay Mus weitere Einblicke in das Forschungsprojekt „iVITA“.
Die fortschreitende Digitalisierung und Vernetzung von
Fahrzeugen führen zu einer immer größeren Bedeutung von
Fahrer-Fahrzeug-Interaktionen als zentrale Schnittstellen im Automobil und
dessen Umgebung. Diese Systeme integrieren vielfältige Funktionen – von
Navigation über Kommunikation bis hin zu Fahrzeugdiagnose und Entertainment –
und sind somit entscheidend für die Kundenzufriedenheit und Fahrzeugsicherheit. Die Sicherstellung der Qualität dieser komplexen Systeme
stellt Hersteller und Zulieferer vor erhebliche Herausforderungen.
Traditionelle Test- und Absicherungsverfahren stoßen angesichts der
Systemkomplexität und Innovationsgeschwindigkeit an Grenzen.
Das
Forschungsprojekt „iVITA" (innovative Validierungsmethoden Interaktionskanäle
Technologieträger Fahrerarbeitsplatz) von BMW in Zusammenarbeit mit der
Technischen Hochschule Deggendorf setzt genau hier an. iVITA nutzt multimodale KI-gestützte Ansätze zur
ganzheitlichen Qualitätssicherung, indem akustische, optische und haptische
Daten sowie Fahrzeug- und Nutzungsdaten simultan erfasst und ausgewertet
werden. Dadurch ermöglicht iVITA eine kontextbewusste und adaptive
Fehlererkennung, die weit über die aktuell bekannten Möglichkeiten
herkömmlicher Verfahren hinausgeht.
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Zwischen klassischer Prüfung und KI-gestützter Fehlerfrüherkennung
Grundsätzlich ist die Qualitätssicherung in der
Fahrzeugproduktion ein zentraler Bestandteil, um die Sicherheit,
Zuverlässigkeit und Kundenzufriedenheit moderner Fahrzeuge sicherzustellen.
Durch die zunehmende Komplexität und Digitalisierung der Fahrzeuge,
insbesondere im Bereich der Fahrerassistenz- und Interaktionssysteme, steigen
auch die Anforderungen an die Qualitätssicherung kontinuierlich. Im
Produktionsumfeld umfasst die Qualitätsabsicherung vielfältige Maßnahmen,
angefangen bei der Prüfung einzelner Bauteile bis hin zu umfangreichen
Systemtests im fertigen Fahrzeug.
Dabei spielen sowohl manuelle Tests als auch
automatisierte Verfahren eine wichtige Rolle. Intensive Testfahrten und
Anlauftauglichkeitsanalysen helfen, Fehler unter realen Bedingungen frühzeitig
zu erkennen und zu beheben, bevor das Fahrzeug in den Kundenkreis gelangt.
Moderne Qualitätssicherung nutzt zunehmend datengetriebene Ansätze und
Künstliche Intelligenz, um Fehler schneller und präziser zu
identifizieren. Der Einsatz von KI ermöglicht eine frühzeitige Erkennung
potenzieller Probleme und unterstützt somit proaktive Maßnahmen zur Vermeidung
von Ausfällen.
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Um genau diese Zuverlässigkeit im Automobilbereich zu
steigern, erfordert es nicht nur eine gründliche Testphase vor der
Serienfreigabe, sondern auch eine kontinuierliche Überwachung und Wartung
während der Fahrzeugproduktion und des Fahrzeuglebenszyklus. Methodiken wie
Predictive Maintenance (vorausschauende Wartung) und Fehlerfrüherkennung auf
Basis von Künstlicher Intelligenz (KI) spielen hierbei eine entscheidende
Rolle, um Ausfälle noch frühzeitiger zu erkennen und proaktiv zu beheben. Im
Folgenden werden wesentliche KI-Methoden erläutert, die für die
Qualitätsabsicherung relevant sein können.
Die Anomalie-Erkennung ist ein essenzieller Baustein zur
Identifikation unerwarteter Abweichungen im Systemverhalten, die auf
Qualitätsmängel oder Fehlfunktionen hinweisen. In der Praxis werden dafür
umfangreiche Datenströme aus Sensoren, Steuergeräten und Produktionsprozessen
analysiert. Hierbei kommen häufig Autoencoder-Modelle zum Einsatz, die das
reguläre Datenverhalten lernen und Abweichungen als Anomalien markieren. Ebenso
werden Isolation Forests genutzt, die Datenpunkte isolieren, die sich stark von
der Norm unterscheiden. One-Class Support Vector Machines (OC-SVM) sind weitere
Algorithmen, die im unüberwachten Lernen eingesetzt werden, um „normalen“
Betrieb von Anomalien zu trennen. Diese Methoden ermöglichen es, auch bislang
unbekannte Fehlerzustände frühzeitig zu erkennen und gezielt zu adressieren.
Klassifikation von Fehlerzuständen:
Zur detaillierten Diagnose und Kategorisierung von Fehlern
werden überwachte Klassifikationsmodelle verwendet. Random Forests und Gradient
Boosting-Modelle wie „XGBoost" analysieren gelabelte Datensätze, um Fehlerarten
wie Menüfehler, Sensorfehler oder Kommunikationsstörungen präzise zu
identifizieren. Tiefe neuronale Netzwerke (Deep Neural Networks, DNNs)
ermöglichen durch ihre Lernfähigkeit die Erfassung komplexer Zusammenhänge in
großen, heterogenen Datensätzen. Durch die automatische Fehlerklassifikation können
Fehlerquellen nicht nur schneller erkannt, sondern auch priorisiert und
effizient behoben werden.
Natural
Language Processing (NLP):
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Im Bereich
der Textanalyse wird Natural Language Processing genutzt, um
Benutzeroberflächen-Texte, Systemmeldungen oder Bedienanleitungen automatisiert
zu prüfen. Moderne Modelle wie „BERT", „RoBERTa" oder GPT-Varianten analysieren
OCRextrahierte Textdaten auf Rechtschreibfehler, Inkonsistenzen oder
unangemessene Übersetzungen. Zudem können NLP-Modelle semantische Analysen
durchführen, um die Bedeutung von Meldungen zu interpretieren und damit die
Fehlerdiagnose zu verbessern. Dies trägt wesentlich zur Optimierung der
Nutzererfahrung und der Verständlichkeit von Fahrzeugsystemen bei.
Bild- und
Videoanalyse mit Deep Learning:
Die visuelle
Qualitätskontrolle wird durch Convolutional Neural Networks (CNNs) realisiert,
die Bild- und Videodaten der Fahrzeug-Benutzeroberflächen analysieren. Modelle
wie „ResNet", „EfficientNet" oder „YOLO" (You Only Look Once) erkennen zuverlässig
Fehlerbilder, darunter abgeschnittene Texte, falsch platzierte Icons oder
inkonsistente Menüs. Diese automatisierten Analysen ermöglichen eine schnelle
und präzise Erfassung visueller Fehler, die die Bedienbarkeit und
Nutzerzufriedenheit maßgeblich beeinflussen.
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Zeitreihenanalyse:
Für die
Analyse sequenzieller Daten, zum Beispiel von Fahrzeug- und Steuergeräte-Logs, kommen
spezialisierte Modelle wie Long Short-Term Memory (LSTM) und Gated Recurrent
Units (GRU) zum Einsatz. Diese rekurrenten neuronalen Netze erfassen zeitliche
Abhängigkeiten und Muster, um beispielsweise Verzögerungen bei Benutzereingaben
oder wiederkehrende Systemaussetzer zu identifizieren. Weiterhin werden
zunehmend Transformer-Architekturen für Zeitreihen verwendet, die durch
Self-Attention-Mechanismen komplexe Zusammenhänge effizient modellieren. Die
Zeitreihenanalyse unterstützt somit die Erkennung von Performance-Problemen und
trägt zur Stabilität der Systeme bei.
Reinforcement
Learning für Testautomatisierung:
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Reinforcement
Learning (RL) wird eingesetzt, um KI-Agenten zu trainieren, die autonom
Bedienabläufe im Fahrzeug testen. Diese Agenten interagieren über
Schnittstellen wie OBD mit dem System und erlernen durch trial-and-error
effiziente Teststrategien. Algorithmen wie „Deep Q-Networks" (DQN) und „Proximal
Policy Optimization" (PPO) ermöglichen es den Agenten, komplexe Menüstrukturen
systematisch zu durchlaufen und versteckte Fehler wie UI-Freezes oder
inkonsistente Navigationssprünge zu entdecken. Diese adaptive
Testautomatisierung erhöht die Testabdeckung und Effizienz deutlich.
Feature-Engineering
und Sensorfusion:
Eine robuste
Fehlerdiagnose erfordert die Kombination heterogener Datenquellen, darunter
OBD-Diagnosedaten sowie Umgebungs- und Sensordaten (z. B. Temperatur,
Vibration). Mittels Feature-Engineering werden relevante Merkmale extrahiert,
transformiert und optimiert. Techniken wie „Principal Component Analysis" (PCA)
und „t-SNE" werden zur Dimensionsreduktion verwendet, um die Daten für KI-Modelle
handhabbar zu machen. Sensorfusion-Methoden integrieren verschiedene
Datenmodalitäten, sodass komplexe Zusammenhänge besser erfasst werden können.
Ensemble-Learning-Strategien und hybride Modelle steigern die Genauigkeit und
Robustheit der Vorhersagen signifikant.
Das Forschungsprojekt iVITA („innovative
Validierungsmethoden Interaktionskanäle Technologieträger Fahrerarbeitsplatz“) von BMW in Zusammenarbeit mit der Technischen Hochschule Deggendorf ist
ein Beispiel für die praktische Erforschung unter anderem dieser oben genannten Methoden
und multimodaler Ansätze. Im Rahmen dieses Projekts werden innovative
Validierungsmethoden für Interaktionskanäle erforscht. Im Zentrum von iVITA
steht die simultane Erfassung und Auswertung heterogener Datenquellen –
darunter akustische Signale, optische Daten und haptische Rückmeldungen sowie
Fahrzeug- und Nutzungsdaten aus Steuergeräten. Durch die Kombination dieser
multimodalen Daten ermöglicht iVITA eine kontextbewusste Fehlererkennung, die
weit über die Möglichkeiten herkömmlicher, isolierter Prüfverfahren hinausgeht.
Technologisch erforscht iVITA unter anderem fortschrittliche
KI-Modelle, darunter Deep Learning Architekturen für die Bild- und
Videoanalyse, Natural Language Processing (NLP) zur Auswertung sprachlicher
Interaktionen, sowie zeitliche Modelle wie LSTM und Transformer zur Analyse
sequenzieller Datenströme. Zusätzlich kommen Methoden der Sensorfusion und des
Feature-Engineerings zum Einsatz, um die verschiedenen Datenmodalitäten
effizient zu kombinieren und ein ganzheitliches Bild der
Fahrer-Fahrzeug-Kommunikation zu erzeugen.Darüber hinaus nutzt iVITA umfangreiche Fahrzeug- und
Umgebungsdaten, um die Wechselwirkungen zwischen Nutzerverhalten,
Fahrzeugzustand und Systemperformance besser zu verstehen. Durch diese
ganzheitliche Betrachtung können nicht nur bestehende Fehlerquellen
identifiziert, sondern auch bisher unbekannte Muster aufgedeckt werden, die auf
zukünftige Probleme hinweisen. Dies erhöht die Testtiefe und trägt entscheidend
zur Verbesserung der Fahrsicherheit und des Fahrkomforts bei.
Insgesamt stellt iVITA einen Meilenstein in der Entwicklung
intelligenter Qualitätssicherungssysteme dar, der die Verbindung von
multimodaler Datenerfassung, modernster KI-Technologie und praxisnaher
Umsetzung in der Fahrzeugproduktion beispielhaft demonstriert. Durch diesen
ganzheitlichen Ansatz trägt iVITA maßgeblich dazu bei, die Herausforderungen
der zunehmenden Systemkomplexität und Vernetzung in modernen Fahrzeugen zu
meistern und die Qualitätssicherung der Automobilindustrie nachhaltig zu
sichern.
Turgay Mus, Leiter des Forschungsprojekts (rechts) und Thomas Limbrunner (links) von der TH Deggendorf demonstrieren Staatssekretär Tobias Gotthardt (Mitte) wie KI-basierte Testmethoden die Qualitätssicherung von Fahrer-Fahrzeug-Interaktionen präziser und effizienter machen sollen.BMW / Armin Weigel
KI hebt die Qualitätsabsicherung auf ein neues Niveau
Traditionelle
Testmethoden erreichen zunehmend ihre Grenzen, weshalb der Einsatz von
Künstlicher Intelligenz (KI) neue, innovative Chancen bietet, die Effizienz und
Genauigkeit der Qualitätsabsicherung in de Produktionswelt deutlich zu
verbessern. Insbesondere die Integration multimodaler Datenquellen sowie
fortschrittliche KI-Methoden wie Anomalie Erkennung, Klassifikation, Natural
Language Processing und Reinforcement Learning ermöglichen eine präzisere und
ganzheitlichere Fehlererkennung. Forschungsprojekte wie iVITA verdeutlichen, wie durch die
Kombination von theoretischer Forschung und praktischer Umsetzung multimodale
Daten genutzt werden können, um die Qualität der Mensch-Fahrzeug-Interaktion zu
erhöhen und die Fahrsicherheit sowie den Fahrkomfort maßgeblich zu verbessern.
Sie erhöhen die Produktionsqualität, reduzieren Ausfallzeiten und Nacharbeiten
und verbessern die Nutzererfahrung. Damit sind sie ein wesentlicher Faktor für
die Wettbewerbsfähigkeit und Innovationsfähigkeit der Automobilbranche in einer
zunehmend digitalisierten Zukunft.