Was macht ein AI Vehicle Training Engineer?
Fahrzeugfunktionen entstehen heute nicht mehr allein durch Code, sie werden trainiert. Hinter diesem Wandel stehen Ingenieure, die KI-Modelle mit Fahrzeugdaten füttern, validieren und aktivieren. Philipp Nolte arbeitet genau an dieser Schnittstelle.
Sein Job ist es, dass KI-Systeme im Fahrzeugumfeld nicht nur funktionieren, sondern verlässlich, nachvollziehbar und praxistauglich sind: Philipp Nolte von Ferchau.
Adobe Stock/pavel; Ferchau
Es
ist ein Beruf, für den es vor zehn Jahren noch keinen Namen gab – und im Grunde
auch keine Notwendigkeit: AI Vehicle Training Engineers. Doch was macht ein
solcher Trainer? Er arbeitet an der Schnittstelle zwischen Fahrzeugtechnik,
Datenwissenschaft und maschinellem Lernen. Sein Job ist es, dass KI-Systeme im
Fahrzeugumfeld nicht nur funktionieren, sondern verlässlich, nachvollziehbar
und praxistauglich sind. „Mein Fokus liegt auf der Entwicklung KI-basierter
Lösungen, die große Mengen an Fahrzeug-Telemetriedaten auswerten und daraus
verwertbare Informationen für Werkstätten, Flottenbetreiber und den technischen
Support ableiten“, präzisiert Philipp Nolte vom Engineering- und
IT-Dienstleister Ferchau.
Warum
braucht es KI-Trainer?
Die
Rolle in dieser Form gibt es erst seit wenigen Jahren. Sie ist entstanden mit
der zunehmenden Vernetzung von Fahrzeugen, der Verfügbarkeit großer Datenmengen
und dem Reifegrad moderner KI-Verfahren. In der Nutzfahrzeug- und
Automobilindustrie entwickelt sie sich aktuell dynamisch weiter und
differenziert sich zunehmend aus. Neben dem Training von
Fahrzeugfunktionsmodellen entstehen spezialisierte Rollen für Datenannotation,
Simulationsumgebungen und die Validierung von Szenarien für autonomes Fahren.
Oder eben die des Daten-Trainers für KI gestützte Funktionen.
Studieren
kann man das nicht. Nolte ist nach seinem Master of Science in Informatik an
der RWTH Aachen, den er mit Schwerpunkt auf künstliche Intelligenz abschloss, im
Jahr 2022 zum Team von Ferchau gestoßen. Seitdem hat er diverse KI-Projekte
begleitet: von intelligenten Werkstattassistenzen über automatische
Testfallerstellung bis hin zur Unterstützung bei der Prüfung technischer
Zeichnungen. Anfang 2026 wurde er zum Team Manager KI & Prozessoptimierung
ernannt, wo er unverändert operativ als AI Developer und Machine Learning
Engineer unterwegs ist – und als solcher KI trainiert.
Telemetriedaten
als Rohstoff
In
seinem aktuellen Projekt ist Nolte als AI Developer und Machine Learning
Engineer für einen Truck-Hersteller tätig. Dort entwickelt er mit seinem Team
KI-basierte Lösungen, die große Mengen an Fahrzeug-Telemetriedaten auswerten,
um sie für neue Anwendungen und Services nutzbar zu machen. Das klingt
abstrakt, ist aber hochgradig konkret: Moderne Nutzfahrzeuge senden
kontinuierlich Daten über Motorlastprofile, Bremsvorgänge, Temperaturen,
Sensorwerte. Kurzum: Es fließt ein dauerhafter Datenstrom, dessen Potenzial
ohne KI kaum nutzbar wäre.
„Zu
meinen Kernaufgaben gehört die Konzeption, Entwicklung und der Betrieb von KI-Modellen,
die auf realen Fahrzeugdaten basieren“, berichtet der Daten-Trainer. Nolte
analysiert Telemetriedaten, entwickelt Algorithmen zur Anomalieerkennung,
trainiert Vorhersagemodelle für Ausfallwahrscheinlichkeiten und arbeitet eng
mit Software-Architekten, Data Engineers und anderen Fachbereichen zusammen. „Außerdem
trage ich Verantwortung für Modellqualität, Nachvollziehbarkeit der Ergebnisse
und die Integration der Modelle in produktive IT-Systeme“, erklärt Nolte.
Was
den Job besonders macht, ist für Nolte die Verbindung von Software, KI und
realen Fahrzeugen. „Man arbeitet nicht an abstrakten Modellen, sondern an Lösungen,
die konkrete Auswirkungen auf Tausende Fahrzeuge im täglichen Einsatz haben“,
betont er. Was ihn dabei immer wieder überrascht: wie früh sich technische
Probleme bereits in den Daten andeuten – lange bevor ein Mensch sie bemerken
würde. Diese Frühwarnfähigkeit ist kein Nebeneffekt, sondern das eigentliche
Ziel.
In
konkreten Projekten hat Nolte KI-gestützte Werkstatt-Support-Tools
mitentwickelt, die Telemetriedaten nahezu in Echtzeit analysieren und Hinweise
auf drohende Defekte liefern. Ein weiterer Schwerpunkt war der Aufbau von
Anomalieerkennungsmodellen, mit denen sich auffällige Fahr- oder Systemzustände
frühzeitig erkennen lassen. Etwa als Grundlage zur Prognose von
Ersatzteilbedarfen oder Reparaturmaßnahmen für ganze Fahrzeugflotten. „Wenn
solche Modelle echten Mehrwert im operativen Betrieb liefern, etwa indem
Ausfälle frühzeitig erkannt oder Reparaturen zielgerichteter geplant werden, dann
ist das ein großer Erfolg“, sagt er, „Durch datenbasierte Vorhersagen konnte in
Projekten die Reaktionszeit im Service verbessert und die Planbarkeit von
Wartungen deutlich erhöht werden.“
Einstieg
über Umwege, Karriere durch Praxis
Doch
wie sieht der Berufsalltag aus? „Sehr abwechslungsreich. Er reicht von
Datenanalyse und Modelltraining über Reviews von Modellergebnissen bis hin zu
Abstimmungen mit Fachabteilungen wie Service, After Sales oder IT“, berichtet
Nolte, „Ein wesentlicher Teil der Arbeit besteht auch darin, komplexe
KI-Ergebnisse so aufzubereiten, dass sie für Werkstätten oder
Support-Mitarbeitende verständlich und praktisch nutzbar sind.“ Das sei eine
kommunikative Aufgabe, die gern unterschätzt werde. Wer KI entwickelt, muss sie
auch erklären können.
Welche
Qualifikationen sollte man mitbringen? „Wichtig sind ein technischer
Background, etwa in Informatik, Mathematik oder Ingenieurwissenschaften, sowie
fundierte Kenntnisse in Machine Learning, Data Science und Softwareentwicklung“,
erklärt der Experte, „In den Job wächst man oft über Rollen wie
Softwareentwickler oder Data Analyst hinein und entwickelt sich durch
Projektpraxis, Domänenwissen und kontinuierliches Lernen in Richtung KI
Spezialisierung weiter.“ Sein eigener Weg illustriert das: vom Studium über
erste KI-Projekte zur Projektleitung und schließlich zur Teamleitung – in
weniger als vier Jahren.
Wer
diesen Weg einschlägt, sollte allerdings nicht nur technisch versiert sein. Die
Arbeit mit realen Fahrzeugdaten erfordert Domänenverständnis, also ein
Grundgefühl dafür, was die Daten über den Zustand eines Fahrzeugs aussagen. Das
Lesen von Anomaliemustern in Telemetriedaten oder das Einschätzen von
Ausfallszenarien ist keine reine Mathematik, sondern verbindet Statistik mit
Ingenieurdenken. Genau diese Kombination ist am Markt knapp und entsprechend
gesucht.
Schlüsselrolle
für die Mobilität von morgen
Von
daher ist der Ausblick, den Nolte für diesen New Job zeichnet, blendend: „Definitiv
ein Beruf mit Zukunft. Die Bedeutung von KI im Fahrzeugumfeld wird weiter stark
zunehmen – insbesondere bei Predictive Maintenance, automatisierten Support-Systemen
und datengetriebenen Services.“ KI-Entwickler würden eine Schlüsselrolle dabei
spielen, Mobilität effizienter, nachhaltiger und zuverlässiger zu gestalten. Ganz
klar: „Es ist ein Berufsfeld mit sehr hoher Zukunftsrelevanz.“