Rückenwind für Digitalisierung

EU-Indien-Deal vereinfacht den IT-Austausch in der Autobranche

Das neue Freihandelsabkommen zwischen der EU und Indien soll nicht nur Zölle auf Autos, sondern auch die digitalen Schranken senken. Für OEMs und Zulieferer könnte das weniger Bürokratie, schnellerer IT-Austasuch und besseren Zugang zu indischen Talenten bedeuten.

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Teilnehmer arbeiten im Team an einem Tisch beim Daimler Hack.Bangalore Hackathon in Indien.
Beim Open Hackathon „Hack.Bangalore“ brachte Mercedes bereits vor Jahren Entwickler in Indien zusammen. Das neue EU-Indien-Abkommen könnte solche Schnittstellen zwischen europäischen und indischen IT-Experten künftig schneller und effizienter machen.

Die EU und Indien haben sich auf den Aufbau einer neuen Freihandelszone verständigt. Bei einem Gipfeltreffen in Neu-Delhi verkündeten beide Seiten den politischen Durchbruch nach jahrelangen Verhandlungen. Ziel ist es, Handelsbarrieren und Zölle schrittweise abzubauen und den Austausch von Waren und Dienstleistungen deutlich zu steigern. Die Vereinbarung soll Wachstum fördern, Arbeitsplätze schaffen und zugleich strategische Abhängigkeiten von anderen Staaten reduzieren. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen sprach von einem historischen Schritt und einer vertieften Partnerschaft zwischen den „größten Demokratien der Welt“. Der Deal umfasse einen Markt mit rund zwei Milliarden Menschen. Auch Indiens Premierminister Narendra Modi hob die Tragweite hervor und nannte das Abkommen die „Mutter aller Handelsdeals“.

Der Abschluss ist auch geopolitisch relevant. Er fällt in eine Phase zunehmender Unsicherheit im Welthandel, die durch die aggressive Zollpolitik von US-Präsident Donald Trump und das wachsende Machtstreben Chinas geprägt ist. Für die EU ist das Abkommen ein Signal, dass regelbasierte Kooperation weiterhin möglich ist. Von der Leyen formulierte zuletzt, Europa entscheide sich für fairen Handel statt Zölle und für Partnerschaft statt Isolation. Noch ist das Abkommen nicht unterzeichnet. Der Vertragstext muss juristisch geprüft und in alle EU-Amtssprachen übersetzt werden. Danach folgen die Ratifizierung durch die Mitgliedstaaten und die Zustimmung des Europäischen Parlaments. Wirtschaftsvertreter drängen dennoch auf Tempo, da sie starke Impulse für europäische Schlüsselindustrien erwarten. 

Die EU erwartet insgesamt, dass das Abkommen bis 2032 zu einer Verdoppelung der EU-Exporte nach Indien führen kann. Möglich werden soll das durch Zollsenkungen oder Abschaffungen auf 96,6 Prozent des Wertes der EU-Warenexporte nach Indien. Einsparungen bei Abgaben beziffert die EU auf rund vier Milliarden Euro pro Jahr. Schon heute sind mehr als 6.000 europäische Unternehmen in Indien aktiv. Gleichzeitig bleibt Indien für Europa bislang ein vergleichsweise kleiner Handelspartner. Der Warenhandel mit Indien macht laut EU nur rund 2,5 Prozent des gesamten EU-Warenhandels aus, während China auf knapp 15 Prozent kommt.

Indische IT-Services rücken näher an Europas Autobranche

Für die Automobilindustrie ist der Deal besonders interessant, weil Indien bislang zu den härtesten Importmärkten für europäische Hersteller zählt. Nach EU-Angaben erhebt Indien auf Fahrzeuge aus Europa Zölle von bis zu 110 Prozent. Diese sollen künftig zumindest für ein Kontingent von 250.000 Fahrzeugen pro Jahr schrittweise auf 10 Prozent sinken. Für Autoteile ist eine vollständige Abschaffung der Zölle nach fünf bis zehn Jahren vorgesehen. Damit würde sich für europäische Hersteller nicht nur der Absatzmarkt verbessern. Auch die Logik der Lieferketten könnte sich verändern. Wenn Teilezölle mittelfristig wegfallen, wird Indien für europäische Autobauer und Zulieferer als Produktions- und Beschaffungsstandort attraktiver, gerade für Komponenten, bei denen heute Zollkosten und Bürokratie den Ausschlag geben.

Auch mit Blick auf die Schnittstelle zwischen IT- und Automobilindustrie ist das Abkommen relevant. Denn es geht nicht nur um Warenströme, sondern um Dienstleistungen, Talentmobilität und regulatorische Vereinfachung. Gerade hier dürfte der Deal spürbar wirken, weil ein großer Teil der Digitalisierung der europäischen Autoindustrie längst eng mit indischen IT-Dienstleistern und Engineering-Kapazitäten verbunden ist.  Das Handelsabkommen könnte in der Praxis dazu beitragen, internationale Projektstrukturen in der Fahrzeugentwicklung, in Cloud-Plattformen oder im Datenmanagement zu vereinfachen. Das betrifft nicht nur klassische Offshoring-Modelle, sondern zunehmend auch strategische IT-Partnerschaften in Bereichen wie Software-Defined Vehicle, KI-gestützte Qualitätsprozesse oder digitale Lieferkettensteuerung.  „Es wird einige kleine Verbesserungen geben, was die Einfachheit des Datenaustauschs zwischen beiden Märkten angeht, ebenso weniger Bürokratie für Unternehmen, die bei IT-Services zusammenarbeiten", erklärt Gartner-Analyst Pedro Pacheco gegenüber automotiveIT.  

Bürokratieabbau als Effizienzhebel

Das kann beispielsweise bedeuten, dass Kooperationen mit indischen Partnern schneller aufgesetzt werden können und weniger Reibung durch administrative Hürden entsteht. Das betrifft etwa die Integration von Dienstleistern in bestehende ERP- und PLM-Landschaften, die Abstimmung in Compliance-Fragen sowie die Interoperabilität von Plattformen, wenn Entwicklungs- und Betriebsmodelle über Kontinente hinweg zusammengeführt werden. Für europäische Hersteller und Zulieferer könnte sich das als Vorteil erweisen, gerade in Zeiten knapper IT-Fachkräfte und hoher Transformationslast. 

Pacheco bewertet den Effekt grundsätzlich positiv, setzt aber eine klare Bedingung. „Das kann für Automotive-IT-Operationen in Europa vorteilhaft werden“, sagt er. Gleichzeitig warnt er vor einer zu simplen Schlussfolgerung. „Ein leichterer Zugang zu IT-Anbietern führt nicht immer automatisch zum besten Ergebnis.“ Damit verweist der Gartner-Experte auf eine Managementaufgabe, die viele Hersteller aktuell beschäftigt. Es reicht nicht, neue Kapazitäten zu öffnen. Entscheidend ist, wie sie genutzt werden, wie Lieferanten gesteuert werden und wie Kompetenzen in der eigenen Organisation bleiben. „Europäische Automobilunternehmen müssen lernen, das Freihandelsabkommen bestmöglich zu nutzen, um die besten IT-Anbieter und IT-Talente aus Indien zu sourcen“, sagt Pacheco.

Für die europäische Autoindustrie kommt das Abkommen in einer Phase, in der Exportmärkte politisch unsicherer werden und sich die Wertschöpfung neu ordnet. Indien bietet nicht nur ein enormes Absatzpotenzial, sondern auch ein strategisches Gegengewicht zu China und ein Gegensignal zur protektionistischen Entwicklung in den USA. Für IT-Verantwortliche ist die Einigung zugleich ein Signal, dass Europa bei Talent, Services und digitaler Kooperation neue Spielräume schaffen will. Nicht als Ersatz für eigene Kompetenzen, sondern als Hebel, um Transformation schneller, effizienter und skalierbarer umzusetzen.

Mit Material der dpa.