Valeo entwickelt aus Sicherheitsdaten die neue User Experience
Valeo will den Fahrzeuginnenraum stärker an individuelle Bedürfnisse, Nutzungskontexte und digitale Gewohnheiten anpassen. Im Fokus stehen dabei neue Cockpitkonzepte, In-Cabin-Sensing, KI-basierte Funktionen und zusätzliche Softwareangebote auf Basis bestehender Fahrzeughardware.
Vom Innenraum zur digitalen Schaltzentrale: Valeo will Fahrumfeld, Cockpit und AR-Anzeigen zu einer neuen In-Vehicle User Experience zusammenführen.Valeo
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Mit dem softwaredefinierten Fahrzeug verlagert sich die Differenzierung im Auto zunehmend in den Innenraum. Dort entscheidet sich, wie intuitiv, vernetzt und im Alltag anschlussfähig ein Fahrzeug erlebt wird. Der französische Zulieferer Valeo rückt die In-Vehicle User Experience deshalb deutlich stärker in den Mittelpunkt seiner strategischen Überlegungen. Aus Sicht des Unternehmens geht es dabei nicht nur um Bedienkomfort oder Entertainment, sondern um die Frage, wie sich Personalisierung, Sicherheit, Visualisierung und digitale Dienste in einer gemeinsamen Architektur zusammenführen lassen. CTO Gilles Mabire beschreibt diese Verschiebung des Blickwinkels mit einer räumlichen Metapher. „Wir sehen das Auto zunehmend auch als einen dritten Lebensraum. Den ersten Lebensraum kennt man natürlich, das Zuhause. Der zweite ist das Büro. Und wenn ich für mich selbst spreche, dann verbringe ich ebenso einen sehr großen Teil meiner Zeit im Auto.“ Der Fahrzeuginnenraum wird damit aus seiner Sicht nicht mehr nur als Bedienzone gedacht, sondern als anpassungsfähiger Aufenthaltsraum, in dem digitale Funktionen, Sicherheitslogik und Nutzerkontext zusammenlaufen.
360° UX Mobility Conference
Die 360°UX Mobility Conference ist die neue Plattform für ganzheitliche Mobilitätserlebnisse und vernetzt die entscheidenden Köpfe aus UX, Design, Software, IT und Automotive. Am 13. Mai 2026 trifft sich die Branche im Hochhaus Süddeutscher Verlag in München, um über die Zukunft der Customer Journey, softwaredefinierter Mobilität, intelligenter Ökosysteme und digitaler Services zu diskutieren. Im Mittelpunkt stehen die Fragen, wie Mobilität über alle Touchpoints hinweg neu gedacht werden kann und wie aus Technologie begeisternde Nutzererlebnisse entstehen. Mit Vorträgen, Panels, Networking-Formaten und einem Workshop zu Agentic AI in Automotive UX bietet die Konferenz eine Bühne für Ideen, Strategien und konkrete Lösungen. Wer die nächste Entwicklungsstufe von User Experience und digitaler Wertschöpfung in der Mobilität mitgestalten will, findet hier den passenden Treffpunkt. Weitere Informationen und Tickets gibt es auf der Website der Veranstaltung. 🎫 Jetzt Ticket sichern und dabei sei!
Drei Leitlinien für die nächste Cockpit-Generation
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Mabire leitet aus dieser Entwicklung drei strategische Schwerpunkte ab. An erster Stelle steht die Personalisierung. Nach Einschätzung des Konzerns wird es für Hersteller und Zulieferer immer wichtiger, im Fahrzeug eigenständige Nutzererlebnisse zu schaffen, die sich regionalen Erwartungen und individuellen Bedürfnissen anpassen. Mabire verweist dabei auf unterschiedliche Marktlogiken. In Japan stehe stärker die Unterstützung älterer Menschen durch automatisierte Fahrfunktionen im Fokus, in China Komfort und neue Erlebnisse im Auto, in Europa eher Funktionalität und CO2-Reduktion. Daraus ergebe sich die Grundfrage, wie sich ein Fahrzeug enger mit seinem Käufer verbinden lasse und wie daraus dauerhaft ein belastbarer Kundennutzen entstehen könne.
Als zweites Kernfeld nennt der Valeo-Manager die Emotionalisierung. Gemeint ist damit die Beziehung zwischen Mensch und Fahrzeug in einer Situation, in der das Auto immer mehr Aufgaben selbst übernimmt. „Ich möchte sicher sein, dass mein Auto mich versteht, dass es lernt, was ich mag und was ich nicht mag und wie ich mich fühle“, sagt Mabire. Gerade weil Bremsen, Beschleunigen oder Spurführung zunehmend automatisiert würden, gewinne die intuitive Nachvollziehbarkeit der Fahrzeugreaktionen an Bedeutung. Für die Industrie folgt daraus ein veränderter Blick auf Kundeninteraktion. Nicht allein die Funktion zählt, sondern auch, ob das Verhalten des Systems als stimmig, erwartbar und vertrauenswürdig wahrgenommen wird.
Die dritte Säule ist für den Zulieferer die Sicherheit. Mabire verknüpft sie eng mit der Driving Experience und mit dem Übergang in Richtung Level 2+ sowie perspektivisch weitergehender Automatisierung. Entscheidend sei, dass Nutzer nachvollziehen könnten, dass das Fahrzeug in jeder Situation so handle, wie es für ein sicheres Mobilitätserlebnis erforderlich sei. Der Anspruch reicht also über funktionale Sicherheit im klassischen Sinn hinaus. Es geht ebenso um die Vermittlung von Situationsbewusstsein und um Vertrauen in automatisierte Entscheidungen.
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Das Fahrzeug soll den Nutzerkontext verstehen
Auffällig ist, dass das Unternehmen Personalisierung nicht primär über Designvarianten oder reine Infotainment-Anpassungen definiert, sondern über kontextbezogene Systemreaktionen. Mabire spricht ausdrücklich von Hyperpersonalisierung und von nahtlosen Funktionen. Das Fahrzeug solle erkennen, in welcher Situation sich der Nutzer befindet, ob er auf dem Weg zur Arbeit ist, im Urlaub unterwegs ist, müde wirkt oder gerade andere Unterstützung benötigt. Darin steckt ein deutlicher Anspruch an die Systemarchitektur. Der Innenraum soll nicht mehr nur Eingaben entgegennehmen, sondern Zustände interpretieren und daraus Funktionen ableiten. Das reicht bei Valeo von Komfort- und Wohlfühlfunktionen bis hin zu produktiven Anwendungen. Mabire nennt als Beispiele, dass das Fahrzeug Termine aus der Agenda aufgreifen oder sogar Lernangebote während der Fahrt unterstützen könne. Gleichzeitig betont er, dass diese zusätzlichen Funktionen nicht über komplexe Menüstrukturen erschlossen werden dürften. „Es darf nicht dazu führen, dass ich erst lernen muss, wie ich das Auto bediene.“ Die Interaktion müsse intuitiv, schnell und möglichst natürlich sein, etwa über Sprache oder dialogorientierte Schnittstellen.
Der Automobilzulieferer zieht dabei bewusst eine Parallele zur Entwicklung im Mobile-Bereich. Vieles von dem, was heute unter User Experience im Fahrzeug verhandelt wird, erinnere an die Veränderungen, die Smartphones in den vergangenen zehn bis 15 Jahren ausgelöst hätten. Zugleich betont Mabire, dass die Anforderungen im Auto deutlich komplexer seien, weil dort User Experience und Safety untrennbar zusammenkämen. Genau in dieser Verbindung sieht das Unternehmen eines seiner strategischen Argumente. Hinzu kommt der Anspruch eines digitalen Kontinuums. Für Menschen, die mit Smartphones, Cloud-Diensten und App-Ökosystemen aufgewachsen sind und die jetzt zur nächsten Generation von Fahrzeugkäufern herangewachsen sind, wird eine bruchlose Verbindung zwischen mobilen und fahrzeugseitigen Diensten zunehmend selbstverständlich. Mabire formuliert das sehr direkt: „Es nervt natürlich, wenn sich das Smartphone nicht richtig mit dem Auto verbinden lässt oder wenn ich Inhalte meines Smartphones im Auto nicht sinnvoll nutzen kann.“ Das Fahrzeug müsse daher stärker in den digitalen Alltag eingebettet werden, statt als abgeschottetes System zu funktionieren.
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Sicherheit und UX wachsen technisch zusammen
Besonders deutlich wird die strategische Neuausrichtung dort, wo sich bisher getrennte Domänen annähern. Mabire beschreibt, dass Außenwahrnehmung und Innenraumdarstellung in der Vergangenheit oft nebeneinanderstanden. Sensoren, Radar und Kameras seien vor allem dem ADAS-Umfeld zugeordnet gewesen, während sich die Systeme im Cockpit auf UX-Fragen konzentrierten. Nun aber würden genau diese beiden Welten zusammengeführt. Aus Sicht des Konzerns übernehmen Cockpitkonzepte wie Panovision dabei eine vermittelnde Rolle. Informationen aus der Umfeldsensorik sollen so in den Sichtbereich des Fahrers eingeblendet werden, dass dieser nicht nur die Anzeige sieht, sondern auch nachvollziehen kann, was das Fahrzeug erkannt hat. Mabire beschreibt den Anspruch so, dass das Auto dem Nutzer anzeigen müsse, „dass es die Umgebung erkannt hat“, dass andere Fahrzeuge, Zweiräder oder potenzielle Gefahren registriert wurden und dass etwa AR-Navigation im richtigen Kontext auf die Straße gelegt wird. Ziel ist nicht einfach eine visuell aufwendigere Anzeige, sondern eine Form von Transparenz über die Maschinenwahrnehmung.
Dabei setzt der Konzern auf Head-up-Displays, Projektionen auf die Windschutzscheibe und Augmented-Reality-Elemente, die nicht mehr nur statische Informationen einblenden, sondern diese räumlich und situativ mit dem Verkehrsgeschehen verknüpfen. Mabire verweist etwa auf Szenarien, in denen ein Tier auf die Fahrbahn läuft und die Projektion dem Fahrer noch vor dem eigentlichen Bremsvorgang signalisiert, was gerade geschieht. Einige dieser Elemente seien bereits entwickelt, andere sollten in den kommenden zwei bis drei Jahren in Serienfahrzeugen auftauchen.
Valeo Panovision legt Fahrdaten und Warnhinweise über die gesamte Breite der Windschutzscheibe in die direkte Blicklinie des Fahrers. In Verbindung mit Frontkameras, Radar und Innenraumkamera soll das System Risiken wie gefährdete Verkehrsteilnehmer früh erkennen und prüfen, ob der Fahrer die Gefahr bereits wahrgenommen hat.Valeo
Eine zentrale Rolle in diesem Konzept spielen Innenraumsensorik und KI-gestützte Auswertung. Der Zulieferer kombiniert Fahrerüberwachung, Insassenerkennung und Innenraumradar mit Algorithmen, die Aufmerksamkeit, Müdigkeit, Ablenkung oder Aktivitäten im Fahrzeug klassifizieren sollen. Mit einer Kamera allein lasse sich inzwischen der gesamte Körper, dazu Kopfhaltung, Blickrichtung und Handposition erfassen. Diese Erkennung reicht zudem über den Fahrer hinaus. Nach Darstellung des Unternehmens soll das System auch erkennen, wie viele Personen sich im Fahrzeug befinden, ob Kinder an Bord sind oder ob weitere Insassen in die Interaktion einbezogen werden müssen. Ergänzt wird das durch Interior Radar, das etwa bei zurückgelassenen Kindern Warnungen auslösen könnte. Die Technikbasis umfasst laut Mabire Driver Monitoring Cameras, Occupant Monitoring, Hands-on-Detection, Ultra-Wideband-Systeme sowie Telematik. Gerade die Telematik verweist auf eine weitere Verschiebung im Selbstverständnis des Unternehmens. Das Auto wird nicht mehr nur als abgeschlossenes Produkt betrachtet, sondern als dauerhaft mit dem Backend verbundene Plattform.
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Vom Komponentenlieferanten zur softwarefähigen Plattformlogik
Alexander Mühlbauer, Research & Innovation Business Development Director in der Valeo Brain Division, ergänzt diese Perspektive um die Geschäftsmodellseite. Für ihn liegt der nächste Schritt darin, vorhandene Hardware im Feld per Update und zusätzlicher Software neu nutzbar zu machen. „SDV bedeutet ja, dass ich ein Produkt im Markt habe, das ich regelmäßig aktualisieren kann, so wie wir es von einem Smartphone kennen“, sagt er. Daraus leite sich die Möglichkeit ab, auf Basis bereits installierter Sensorik zusätzliche Funktionen bereitzustellen, ohne neue Hardware investieren zu müssen.
Genau darin zeigt sich ein verändertes Rollenverständnis. Die Systeme, die der Zulieferer bislang vor allem aus dem Safety-Kontext heraus entwickelt hat, sollen nun stärker als Grundlage für neue Anwendungen dienen. Mühlbauer beschreibt das ausdrücklich so, dass das Unternehmen den zusätzlichen Nutzen „auf Basis der Sensoren anbieten“ wolle, „die wir bereits für Safety-Bereiche liefern“. Genannt werden unter anderem Crowdsourced Parking Maps, Remote Operations, Vehicle-to-X-bezogenes Data Sharing und Predictive Maintenance. Die gemeinsame Klammer ist, dass vorhandene Sensorik und Konnektivität nicht nur Fahrfunktionen absichern, sondern neue Dienste und Erlösquellen ermöglichen sollen. Damit verschiebt sich auch der Fokus in der Außendarstellung der Branche. Mühlbauer beobachtet, dass Hersteller inzwischen weniger stark nur über Design oder klassische Leistungsdaten sprechen, sondern zunehmend über das Erleben im Cockpit. Nutzererlebnisse im Fahrzeug seien „nicht einfach nur ein Gimmick, sondern tatsächlich ein Business und eine Antwort auf eine veränderte Erwartungshaltung der Kunden“.
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Gaming als Testfeld für eine neue App-Logik im Fahrzeug
Besonders greifbar wird dieser Ansatz beim Extended-Reality-Gaming, das der Konzern als ersten konkreten Softwarebaustein im Fahrzeug positioniert. Das System nutzt Bewegungsdaten, GPS-Informationen und kamerabasierte Umfelddaten, um Spiele mit der tatsächlichen Fahrzeugbewegung zu synchronisieren. Laut Mühlbauer ist die Lösung mit Renault Korea bereits in Serie gegangen. Vom ersten Konzept bis zur Serie seien nur zwei Jahre vergangen. Für den Manager ist Gaming dabei weniger Selbstzweck als Erprobungsfeld. Die entscheidende Frage laute: „Warum das Auto und nicht einfach das Smartphone?“ Durchsetzen würden sich aus seiner Sicht nur solche Anwendungen, die einen genuinen fahrzeugspezifischen Mehrwert bieten. Genau das soll die bewegungssynchrone Logik leisten. Das erhöhe den Reisekomfort und verstärke die Immersion.
Technisch ist der Ansatz bemerkenswert, weil er auf sicherheitsrelevante Datenpfade zurückgreift und diese für neue Anwendungsschichten öffnet. Die Sensordaten, die ohnehin durch Algorithmen für Fahr- und Sicherheitsfunktionen verarbeitet werden, stellt das Unternehmen in diesem Fall Application-Entwicklern als zusätzliche Eingabebasis zur Verfügung. Damit wird sichtbar, wohin sich das Selbstverständnis des Konzerns verschiebt. Die Technik des Hauses soll nicht allein Komponentenfunktion erfüllen, sondern als Plattform für weitere digitale Angebote dienen.
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Ein anderer Blick auf den Fahrzeuginnenraum
In der Summe beschreiben Mabire und Mühlbauer mehr als nur eine neue Cockpit-Generation. Sie skizzieren einen Innenraum, in dem Sensorik, Visualisierung, KI, Konnektivität und Softwareupdates enger zusammenwachsen. Der Fahrzeuginnenraum erscheint dabei nicht mehr als nachgelagerter HMI-Bereich, sondern als ein strategisches Integrationsfeld. Dort sollen sich Sicherheitslogik, Nutzerverständnis und digitale Dienste überlagern. Für Valeo bedeutet das eine spürbare Erweiterung des eigenen Anspruchs. Das Unternehmen argumentiert zwar weiterhin stark aus seiner Safety-Kompetenz heraus, leitet daraus inzwischen aber auch neue Rollen im Bereich UX, Software und digitaler Services ab. Der Wandel des Innenraums verändert damit auch das Selbstverständnis des Zulieferers. Aus Komponenten für Wahrnehmung, Anzeige und Absicherung soll schrittweise eine technologische Grundlage für personalisierte und kontinuierlich erweiterbare Fahrzeugerlebnisse werden.