Vijay Ratnaparkhe, der CIO der Robert Bosch GmbH, lächelt in die Kamera

Vijay Ratnaparkhe hat die Position des CIO bei Bosch im Herbst 2019 übernommen. Bild: Bosch

| von Ralf Bretting

Herr Ratnaparkhe, welche Berührungspunkte und Überschneidungen gibt es zwischen Ihrer Rolle als CIO und Ihrer vorherigen Position bei der Tochtergesellschaft Robert Bosch Engineering & Business Solutions in Indien?
Alles, was in Deutschland in Sachen Software passiert, geschieht auch in Indien. Ich habe immer gesagt: Wer wirklich wissen möchte, was bei Bosch läuft, muss entweder im Büro des CIO in Stuttgart vorbeischauen oder in meinem damaligen Büro in Bengaluru. Dank der Softwareexpertise von RBEI spiegelt sich jeder Aspekt von Bosch, der mit Software zu tun hat, in unserer Organisation in Indien wider. Bei der Lieferung von Software an interne Kunden aus Indien, an Bosch-Abteilungen in Japan, Deutschland oder in den USA stand ich immer in engem Austausch mit der Corporate-IT des Unternehmens und den Automotive-Softwarebereichen.

Hat die Bosch-IT in Indien und Asien andere Ansätze und Services verfolgt, um den digitalen Anforderungen gerecht zu werden, die unternehmensintern oder von Kunden in dieser Region gestellt wurden?
Als Corporate-IT sind wir seit nunmehr über 25 Jahren Partner unserer internen Kunden weltweit. Unsere IT-Experten unterstützen den Betrieb überall dort, wo unsere Kunden sind. Interessant ist der Blick auf die Endverbraucher. Dort erleben wir eine spannende Wendung: Während wir unsere internen Tätigkeiten über große Plattformen abwickeln können, nutzen wir hyperlokale Lösungen, um uns mit Kunden zu vernetzen. Als Corporate-IT helfen wir dabei, die IT-Infrastruktur und Softwarekapazitäten aufzubauen, damit unsere internen Kunden und Geschäftseinheiten Lösungen entwickeln können.

Wo wollen Sie mit dem Zentralbereich Information Systems & Services mittelfristig hin? Welche Ziele und Ansprüche hat Ihr Vorstand formuliert?
Bosch möchte ein führendes AIoT-Unternehmen werden, dabei spielt die Corporate-IT eine entscheidende Rolle. Mit einem breiten Fachwissen und umfassender Expertise in Elek­tronik und Software hat Bosch eine einzigartige Position. Die Corporate-IT verknüpft beide Welten, um so die Basis für neue AIoT-Lösungen zu schaffen. Wir helfen den operativen Einheiten, das Internet der Dinge zuhause, in der Industrie und mobil zum Leben zu erwecken und so die Digitalisierung voranzutreiben.

Ein Bosch-Mitarbeiter nutzt ein Tablet, um in einer Fabrik Datenbeziehungen zu visualisieren
Durch das Zusammenspiel von Künstlicher Intelligenz und dem Internet der Dinge will Bosch die Weichen zu einem Milliardenmarkt stellen. Bild: Bosch

Welche konkreten Aufgaben leiten sich daraus für die Corporate-IT ab?
Hier kommt eine duale Strategie ins Spiel. Wir betreiben die Infrastruktur, Plattformen und Tools, die unseren Geschäftseinheiten helfen, Lösungen zu entwickeln. Für diese Lösungen bringen wir Cloud-, Software- und Vernetzungskompetenz ein. Die Software in das jeweilige Produkt zu integrieren, bleibt in der Hoheit der Geschäftseinheit. Aber die Software, die unsere Produkte mit der Cloud verbindet, ist die Kernkompetenz der Corporate-IT. Gerade bei dieser Verbindungssoftware spielt unser Team eine entscheidende Rolle. Unsere Produkte bieten mehr Dienstleistungen, wenn sie vernetzt sind. Des Weiteren engagieren wir uns in der Innovationsförderung, indem wir Entwickler-Communitys einbeziehen und Verbindungen zu Startups herstellen. Zum Beispiel nutzen wir Hackathons, um Produkte zu hinterfragen und Inspirationen zu erhalten.

Wie wirkt sich Ihre Arbeit mit Startups konkret auf die IT-Strategie aus?
Wir bieten ein attraktives Arbeitsumfeld für IT- und Softwareexperten. Innovative Formate wie Hackathons und Innovationszentren fördern die Kreativität und unterstützen agile Methoden. Unsere „Connectories“ sind ein Beispiel dafür. Als Co-Creation Space bieten sie eine Drehscheibe für die internationale IoT-Community. Hier treffen Technologietalente von Universitäten, Startups und Unternehmen regelmäßig mit Bosch-Mitarbeitern zusammen. Wir nutzen diese Connectories, um Bosch-Produkte zu testen und bereitzustellen, wollen aber auch Ideen von außen in die Bosch-Welt hineintragen. In den letzten vier Jahren haben wir Co-Creation-Bereiche in wichtigen Innovationszentren eingerichtet, das erste 2017 in Chicago. Wenn Sie einmal einen Blick hinter die Kulissen der angewandten Transformation werfen möchten, kommen Sie gerne zu Bosch.

Viele Ihrer CIO-Kollegen in der Automobilbranche berichten an Finanzvorstände. Ihr Boss ist der Chief Technical Officer. Kommen Sie dadurch leichter an Mittel, die Sie für die Digitalisierung von Bosch benötigen?
Absolut. Meiner Meinung nach muss eine moderne Geschäftsstrategie auf einer IT-Strategie basieren. Einige Unternehmen glauben, dass eine Technologie- und IT-Strategie eine führende Rolle einnehmen sollte. An den CTO zu berichten stellt sicher, dass unsere IT-Strategie auf die Technologiestrategie abgestimmt ist.

Ein Techniker steht vor einem großem Bildschirm, auf dem Messwerte die aktuelle Fertigungsgüte zu sehen sind.
Die IoT-Suite von Bosch verbindet Geräte, Sensoren und Gateways, während eine Cloud-Infrastruktur Daten prozessiert. Bild: Bosch

Lassen Sie uns über AIoT sprechen. Welche Änderungen haben Sie zuletzt an zentralen IT-Komponenten wie der IoT-Cloud und der darauf laufenden IoT-Suite vorgenommen?
Alles, was wir an dieser Stelle tun, ist eine Art Revolution innerhalb von Bosch – es ist wirklich spannend zu sehen, was hinter den Kulissen passiert. Wir haben diesen Weg bereits vor drei Jahren eingeschlagen und sind heute länger unterwegs als mancher Mitbewerber. Wir sind überzeugt, dass die Kombination von Elektronikhardware und Software für die Entwicklung von AIoT von entscheidender Bedeutung ist. Was die Cloud betrifft, verfolgt Bosch einen dualen Ansatz: Die Kombination der Leistung großer Public-Cloud-Anbieter wie Microsoft Azure und Amazon Web Services mit unseren proprietären Lösungen bildet die Grundlage für unseren Hybrid-Cloud-Ansatz. Die von uns entwickelten Anwendungen verbinden die Vorteile einer proprietären Cloud mit den Funktionen der genannten Public-Cloud-Anbieter. Dadurch bieten wir eine erstklassige technologische Grundlage, auf der skalierbare, anspruchsvolle Lösungen aufgebaut werden können. Die Bosch IoT-Suite ist die Kerntechnologie, um Daten von Fremd- und Bosch-Geräten zu vernetzen, verwalten, aktualisieren, fernzusteuern und zu sammeln. Dies sind mittlerweile mehr als 15 Millionen Geräte – von vernetzten Fahrzeugen bis zum Smarthome.

Eine leistungsstarke interne IT-Infrastruktur einerseits, ein Fokus auf digitale Geschäftsmodelle andererseits – was davon beansprucht mehr Zeit?
(Lacht) Das ist keine einfache Frage! Einerseits muss ich als CIO sicherstellen, dass wir das Tagesgeschäft mit unserer Kern-IT auf Benchmark-Ebene unterstützen. Andererseits sollen moderne technologische Innovationen entwickelt werden, die unsere IT von anderen abhebt und neue Geschäftsmöglichkeiten für Bosch schafft. Selbst wenn ich persönlich in eine dieser Richtung tendieren würde, erfordert es meine Rolle, ein Gleichgewicht zwischen beiden Seiten herzustellen.

In der Autobranche sehen wir Tendenzen, künftig verstärkt auf Outsourcing zu setzen, beispielsweise wenn es um Betriebsaufgaben im Bereich IT-Infrastruktur geht. Make or buy – welche Strategie verfolgt Bosch?
Ich habe 16 Jahre in der IT-Welt gearbeitet, bevor ich zu Bosch kam. Ich bevorzuge es, die Kernkompetenzen im Haus zu halten. Das heißt, wir brauchen Sachverstand und fachliche Expertise in allen Bereichen, um die richtigen Knotenpunkte zu verbinden. Darum geht es bei Bosch. Selbstverständlich arbeiten wir in allen Bereichen auch mit starken externen Partnern eng zusammen.

Die Coronakrise wird oft als ein Beschleuniger für die Digitalisierung gesehen. Welche Erfahrungen hat die Bosch-IT gemacht?
Durch Covid haben wir erkannt, wozu IT fähig ist. Das ist sicher ein Vorteil in der gegenwärtigen Situation, sowohl kulturell als auch in Bezug auf die technische Umsetzung. Zum Beispiel unterstützen wir derzeit eine noch stärkere und flexiblere Nutzung des mobilen Arbeitens. Der Übergang zur Arbeit im Homeoffice verlief reibungslos. 2020 arbeiteten zeitweise rund 130.000 Mitarbeiter weltweit von zuhause – das haben wir innerhalb einer Woche ermöglicht. Wir konnten unsere Infrastruktur auch um modernere Services erweitern, um so die virtuelle Zusammenarbeit produktiver zu gestalten. Tatsächlich hat eine interne Umfrage die höhere Effizienz des mobilen Arbeitens bestätigt. Aber auch die vernetzte Logistik und die Produktion haben profitiert.

Gutes Stichwort: Durchgängig verknüpfte Daten sind immer wichtiger, um mit digitalen Zwillingen oder Remote-Maintenance-Konzepten arbeiten zu können. Wie passt Bosch seine IT an, um solche Innovationen zu unterstützen?
Als Corporate-IT ist es unsere Kernaufgabe, alle Bosch-Geschäftseinheiten zu unterstützen und ihnen die Infrastruktur bereitzustellen, die sie benötigen. Wir stellen beispielsweise die Plattform zur Verfügung, mit der Bosch.IO die IoT-Suite betreibt. Wir haben sowohl ein großes Interesse daran, Daten aus dem Feld zu erhalten, um unsere Produkte benutzerfreundlicher zu machen, als auch industrielle KI und die Daten zu nutzen, die wir für die Erstellung von Produkten gewinnen. In Sachen vernetzter Fertigung ist Bosch seit 2012 ein Industrie-4.0-Pionier. Bosch Connected Industry hat bereits mehr als die Hälfte unserer eigenen Werke digitalisiert und vernetzt. Die Nexeed-Softwarelösungen und diverse Dienstleistungen unterstützen rund 100 Drittkunden bei ihren Digitalisierungsprojekten. Als Corporate-IT bedienen und unterstützen wir unsere fast 240 angeschlossenen Werke. Das zeigt: Bosch schafft Lösungen, die auf unseren IT-Services basieren. Dazu gehören Microservices sowie digitale Zwillinge von Produktionslinien, die für Services wie vorausschauende Wartung und Fernüberwachung verwendet werden können. So kommt KI beispielsweise in hochkomplexen Chipfabriken wie bei Bosch in Reutlingen in der Feinplanung der Produktion zum Einsatz, um die Wafer zeit- und kostensparend durch mehr als 1.000 Bearbeitungsschritte zu steuern. Allein das steigert den Wafer-Durchsatz um fünf Prozent und die Investition rechnet sich schon nach drei Monaten.

Ist es eine Herausforderung, bestehende Produktionsanlagen nachzurüsten?
Anfangs ja, insbesondere bei Maschinen mit älteren seriellen Standards wie RS-232-Ports, die nicht mit den heutigen Standards kompatibel sind. Deshalb konstruierten wir eine Device Bridge, die es einer älteren Maschine erlaubt, eine Verbindung zu Netzwerken herzustellen, Software zu verwenden und so Teil eines Industrie-4.0-Setups zu werden. Einen zusätzlichen Vorteil liefert dabei unsere Tochtergesellschaft Bosch Rexroth, die sich auf industrielle Automatisierung und Systeme für vernetzte Maschinen spezialisiert hat.

Zur Person

Vijay Ratnaparkhe ist seit September 2019 Chief Information Officer der Robert Bosch GmbH und Vorsitzender der Geschäftsleitung des Servicebereichs Global Information Systems and Services. Seit April 2020 ist er zudem für die kaufmännischen Aufgaben seines Bereichs zuständig. In dieser Doppelfunktion verantwortet er unter anderem die Bereiche Qualitätsmanagement, Finance & Controlling, Kommunikation sowie Personal- & Talent Management. Vijay Ratnaparkhe wurde am 22. Februar 1965 im indischen Maharashtra geboren. Er absolvierte ein Studium zum Master of Technology am Indian Institute of Technology (IIT) in Mumbai. Zuvor erwarb er an der Universität Bombay den Abschluss als Bachelor in Chemical Engineering. Er ist verheiratet und hat eine Tochter.

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