Rechenzentrum

Der sichere Betrieb von Rechenzentren bildet in allen Unternehmen der Automobilbranche das Herz der IT-Infrastuktur.

| von Ralf Bretting

Es ist etwas mehr als eine Handvoll Jahre her, da standen die Signale in der Automobilindustrie eindeutig auf Insourcing. Beim US-Hersteller General Motors riss 2013 der damalige CIO Randall Mott das Steuer um 180 Grad herum und kündigte an, ausgelagerte IT-Umfänge zurück ins Unternehmen zu holen. 10.000 IT-Spezialisten wollte er dafür einstellen – eine Größenordnung, die das GM-Management wie Branchenanalysten gleichermaßen überraschte. In Deutschland sprang Daimler auf den Insourcing-Zug auf. Bis Ende 2016 sollte ein Großteil der extern vergebenen IT-Services wieder in Eigenverantwortung betrieben werden. Mit dem Effizienz- und Wachstumsprogramm „Save 4 Growth“ wollten die Stuttgarter ihre laufenden Kosten drücken und Mittel in Höhe von rund 150 Millionen Euro für Investitionen freisetzen.

Während GM unverändert am eingeschlagenen Kurs festhält und aktuell auf der Suche nach 3.000 zusätzlichen Mitarbeitern für seine Information Technology Group ist, kann sich Daimler viele Tausend Beschäftigte in der Konzern-IT nicht länger leisten. Der Kostendruck, der sich in den beiden letzten Jahren aufgebaut hat, ist immens. Die Vielzahl der Gewinnwarnungen unter Vorstandschef Ola Källenius dürften in der deutschen Industriegeschichte einmalig sein. Das Portfolio ist zerfasert und jeder weiß, dass sich Daimler gleichermaßen von Modellen wie Mitarbeitern trennen muss, auch in der Konzern-IT.

In Deutschland können 900 Arbeitsplätze wegfallen

Im Juni 2020 sickerten erstmals Zahlen durch: Aus einem Brief des Daimler-Gesamtbetriebsrates ging hervor, dass bis zu 2.000 Jobs – 900 davon in Deutschland – abgebaut werden sollen. Eine Maßnahme, deren Nutzen der Betriebsrat als „fragwürdig“ bezeichnete. Dennoch wird es so kommen: Anfang Januar kündigte Daimler eine strategische Partnerschaft mit dem indischen Dienstleister Infosys an, der den Betrieb der IT-Infrastruktur zu großen Teilen übernehmen soll: Service Desk, Arbeitsplatz-Support, Rechenzentren, Netzwerke und SAP – Daimler wirft Ballast ab, wo immer es geht.

CIO Jan Brecht will das Vorhaben, dem die Kartellbehörden noch zustimmen müssen, vom Grundsatz her nicht als klassische Outsourcingmaßnahme verstanden wissen. Gegenüber automotiveIT spricht er von einer „strategischen Weiterentwicklung“. Nicht der Kostenaspekt stünde im Vordergrund, sondern ein abgestimmter Dreiklang aus Software-Engineering, technologischen Innovationen und einer qualitativen Transformation. Klingt gut, in der Belegschaft aber kommt eine völlig andere Botschaft an. Die sprachlichen Nebelkerzen, die bei Verkündung der strategischen Partnerschaft gezündet wurden, werden als Ausschmückung der eigentlichen Nachricht verstanden: Der Autohersteller entledigt sich auf einen Schlag zahlreicher Mitarbeiter, um Kosten zu sparen. „Man hat es jahrelang verpasst, einen Rahmen zu schaffen, um die Herausforderungen stemmen zu können. Der Schritt ist mehr Resignation als Innovation“, schreibt sich ein Angestellter im Blog Mercedes-Benz Passion den Frust von der Seele.

IT-Infrastruktur soll kräftig skalieren

Jan Brecht weiß um die Emotionalität, die in dem Thema steckt: „Der Outsourcing-Teil wird kritisch betrachtet, da will ich ganz ehrlich sein. Wir mussten schwierige Diskussionen führen, vor allem in der Zeit, als Infosys als Partner noch nicht ausgewählt war“, gibt der CIO im Interview zu und wirft einen weiteren Rettungsanker: „Jetzt steht fest, dass wir mit einer Wachstumsfirma zusammenarbeiten wollen, in der IT-Infrastruktur zum Kerngeschäft gehört. Das eröffnet Chancen – und wir konnten beobachten, wie sich die Stimmung in der Belegschaft aufgehellt hat.“ Angeblich sollen Mitarbeiter der Daimler-IT, die zu Infosys wechseln, gute Chancen haben, sich beruflich weiterzuentwickeln. Wie viele von ihnen davon tatsächlich Gebrauch machen werden, bleibt abzuwarten.

Liegen alle Genehmigungen vor, will Daimler die IT-Infrastruktur mit Infosys über die Größe des Konzerns hinaus skalieren und modernisieren. Beispielsweise geht es darum, die Netzwerkarchitektur und die Betriebsmodelle in den Rechenzentren zu ändern. „Wir sind ein Unternehmen mit weltweit mehr als hundert Rechenzentren. Große Betreiber wie Amazon, IBM, Microsoft oder Alibaba versorgen einhundert und mehr Firmen in einem einzigen Datacenter. Wir haben also Luft nach oben. Das Stichwort lautet Defragmentierung“, gibt Jan Brecht die Richtung vor. Aktuell ist geplant, die Betriebsverantwortung im dritten Quartal 2021 an Infosys zu übergeben.

Die Transformation mit Modernisierung, Konsolidierung und Skalierung soll sich direkt daran anschließen. Die Verantwortung für wichtige Applikationen verbleibt im Unternehmen. Brecht will dafür Sorge tragen, dass Daimler künftig massiv in die interne Softwareentwicklung investieren kann. Eine Entscheidung, mit der er in der Branche nicht alleine steht. Volkswagen zum Beispiel hat mit Gründung der Car.Software Org bereits eine eigene Geschäftseinheit samt Konzernvorstand für Software etabliert. Zugleich kündigten die Wolfsburger an, in den nächsten fünf Jahren konzernweit eine einheitliche Softwareplattform mit Basisfunktionalitäten für alle Fahrzeuge aller Marken aufzubauen – ein VW.OS, angedockt an die Automotive Cloud, die derzeit in Kooperation mit Microsoft entsteht.

Daimler-CIO Jan Brecht im Interview mit der Fachzeitschrift automotiveIT
Daimler-CIO Jan Brecht weiß: Die Belegschaft sieht das Outsourcing kritisch. Bild: Claus Dick

Eigenes Betriebssystem für Automotive-Apps

Daimler-Entwicklungschef Markus Schäfer hat am Rande der letztjährigen Technologiemesse CES in Las Vegas ebenfalls ein eigenes Betriebssystem für Automotive-Anwendungen der Marke Mercedes-Benz angekündigt. Zeithorizont für die Realisierung: drei bis vier Jahre. Das „MB.OS“ soll den Autobauer unabhängiger und schneller machen. Zur Unterstützung hat sich Daimler im Sommer 2020 die Mitarbeit des US-Technologieunternehmens Nvidia gesichert.

In Stuttgart wird zwar immer darauf hingewiesen, dass sich die Kooperation allein auf Entwicklungsaufgaben rund ums autonome Fahren beziehe. Trotzdem wird der Softwarestack von Nvidia wohl ein zentraler Teil des MB.OS sein. Ab 2024 sollen alle Mercedes-Benz-Baureihen neue automatisierte Fahrfunktionen via Over-the-Air-Updates bekommen. Zusätzliche Sicherheits- und Komfortanwendungen können Kunden aus der Cloud abrufen und wie Apps auf ihrem Smartphone installieren. Spätestens dann wird sich zeigen, wie gut die Aufgabenverteilung zwischen der Daimler-IT und Dienstleister Infosys funktioniert.

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