Zwei Mitarbeiter von Audi sprechen in der Firmenzentrale in Ingolstadt

Im Zuge der Pandemie setzt der Ingolstädter OEM auf neue Arbeitsformen. Bilder: Audi

Dass es erst eine globale Pandemie braucht, um die Arbeitskultur in deutschen Unternehmen auf den Kopf zu stellen, haben wohl die Wenigsten erwartet. Doch jahrelang ging der neidvolle Blick etwa der hiesigen Automobilindustrie zu den Tech-Größen ins Silicon Valley oder in die Startup-Welt, wo flexible Arbeitszeitmodelle, bei denen Mitarbeiter auch am Strand oder im Straßencafé Meetings beiwohnen können, schon lange Alltag sind.

In deutschen Großraumbüros galt die starre Präsenzpflicht viele Jahre als letzte Bastion gegen die Frohlockungen der Freiheit im Homeoffice. Denn wer von zuhause aus arbeite, sei ineffektiv, leicht abzulenken und schwer zu kontrollieren, so die Befürchtungen aus einigen Chefetagen. Doch ein Großteil der Erfahrungen aus der Pandemie und zahl[1]reiche wissenschaftliche Studien legen nahe, dass diese Skepsis gegenüber der Heimarbeit fehl am Platz ist.

 

 

Neben mobilem Arbeiten für Mitarbeitende regelt seit dem 1. September 2021 auch eine neue Betriebsvereinbarung mobiles Lernen für Auszubildende. „Digitale Transformation denken wir ganzheitlich: von der Ausbildung bis zur Rente. Deshalb ist es ein logischer Schritt, auch Ausbildungsinhalte und Lernmethoden digital und mobil zu gestalten. Unsere Betriebsvereinbarung zum mobilen Lernen für Auszubildende bildet dafür eine wichtige Grundlage“, erklärt Maaßen.

Die Ausbildung findet dabei zwar weiterhin grundsätzlich vor Ort im Bildungszentrum oder den zuständigen Lernstationen im ganzen Werk statt. Je nach Ausbildungsberuf können jedoch bis zu zwanzig Prozent der betrieblichen Ausbildungszeit mobil gelernt werden. Der Mitarbeiter an der Fertigungslinie oder in sicherheitskritischen Bereichen wird auch künftig eher nicht aus dem Eigenheim arbeiten können, doch wo es möglich ist, setzt Audi auf volle Flexibilität bei seiner Belegschaft.

Dabei hat die Audi-IT T in den vergangenen Monaten und Jahren die Voraussetzungen geschaffen, dass ein Großteil der Mitarbeiter aus den unterschiedlichsten Geschäftsbereichen remote arbeiten kann: Neue VPN-Tunnel oder der Rollout von Office 365 und Microsoft Teams sind dabei nur einige Beispiele, wie bei der VW-Tochter der Gedanke von New Work gelebt wird.

Software Development Center hat Vorbildcharakter

Als Blaupause für flexible Arbeit kann Audis Software Development Center in Ingolstadt gesehen werden. Agilität, Desksharing und Pair Programming sind die Schlagworte, mit denen die Volkswagen-Marke hier das Thema Software angeht. Und trotz aller Erfolgsmeldungen hat die Coronapandemie auch im Konzern den digitalen Weiterbildungsbedarf offengelegt. Denn wer nun dauerhaft im Homeoffice sitzt, kann den Tischnachbarn nicht einfach mehr „auf dem kurzen Dienstweg“ um technische Unterstützung bitten.

Dieser Herausforderung begegnet der bayerische OEM mit den Audi-Guides. Rund 200 Personen im gesamten Konzern fungieren als Alltagshelfer, die hürden- und hierarchielos ihren Kolleginnen und Kollegen bei Fragen und Problemen unter die Arme greifen. Die Helfer kommen aus den unterschiedlichsten Unternehmensbereichen und werden für ihre Aufgaben regelmäßig geschult. Zweimal im Monat treffen sich die Guides auch zu Meetups, um sich über ihre Erfahrungen auszutauschen. „Mit den z20-Guides bei Audi haben wir eine sehr moderne Form der Zusammenarbeit geschaffen. Mit dem Netzwerk bauen wir Silos ab und fördern kollegiale Unterstützung. Der Fokus liegt nicht nur darauf, mit den vorhandenen IT-Tools besser umzugehen, sondern ein neues Miteinander im gesamten Unternehmen zu etablieren“, betont Anke Wendelken, die Gründerin des Netzwerks.

Digitalkonferenz zeigt Zusammenhalt der Audi-Belegschaft

Auf welch positive Resonanz das Prinzip der Audi-Alltagshelfer stößt, konnte bei der „z20DigiKon“ beobachtet werden – einer digitalen Konferenz im Sommer, die von den Guides in nur vier Wochen entwickelt wurde. Das Format ist beim OEM dabei völlig neu: Eine Woche lang starteten von morgens acht bis abends 18 Uhr zu jeder vollen Stunde eine, zwei oder teilweise sogar drei Sessions.

In insgesamt knapp 100 digitalen Kleinevents, die in den Arbeitsalltag integriert und ohne Anmeldung besucht werden konnten, lernten Interessierte neue Methoden und digitale Werkzeuge für die Zusammenarbeit der Zukunft kennen – und das alles von ihren Kolleginnen und Kollegen bei Audi. Die Ziele: das Wissen und das Potenzial des Netzwerks allen zugänglich zu machen, den Arbeitsalltag zu erleichtern sowie die Kommunikation zu verbessern. Das Programm deckte den Dreiklang aus Mindset, Tools und Methoden ab und bot Themen für jedes Level, vom Einsteiger bis zum Experten.

Über 12.700 Teilnehmer nahmen das Angebot war – darunter auch viele Vorstände. „Führungskräfte müssen Vorbilder im Konzern sein. Sie müssen den Wandel der Arbeitswelt vorleben und digitale Zusammenarbeit unterstützen. In allen Fachbereichen spüren wir eine große Offenheit, neue Tools und Methoden moderner Zusammenarbeit kennenzulernen. Wichtig ist, dass man sich bei Fragen ganz unkompliziert an einen wissenden Kollegen oder z20-Guide wenden kann“, führt Wendelken aus.

Produktionsmitarbeiter arbeiten an einem Audi-Modell
Mitarbeiter aus der Produktion können künftig bei Interesse auch in der IT Fuß fassen.

Horizonte erweitern und neue Kompetenzen erlangen sind jedoch nicht nur für die Audi-Guides wichtige Triebfedern. So hat die IT beim Ingolstädter Autobauer ein neues Projekt geschaffen, um Interessierte im Konzern etwa aus dem Bereich Fertigung zu Softwareentwicklern „umzuschulen“. Das Programm dauert sechs bis 18 Monate und führt Mitarbeitende aus anderen Fachbereichen in die Welt von Coding, Algorithmen, Applikationen und Co. ein. „Es kommt dabei wahrlich nicht nur auf die Qualifikation auf dem Papier an. Hier zählt in erster Linie die Lust auf neue Themen und der Mut, in eine andere Welt fachlich einzutauchen“, betont Heiner Eibel aus der IT-Qualifizierung bei Audi.

Das Prinzip könne auf lange Sicht auf viele Geschäftsbereiche im Konzern übertragen werden, ist der IT-Talentmanager überzeugt. Denn der Fachkräftemangel schlägt sich mittlerweile nicht mehr nur in den IT-Berufen nieder, sondern zieht sich quer durch die Automobilindustrie. Und an der Stelle, wo Mitarbeiter an der Fertigungslinie arbeiten, nicht mehr wie die Jahrzehnte davor an Verbrennungsmotoren, packe den einen oder die andere möglicherweise die Lust, in Zukunftsfelder wie die IT oder Software einzutauchen, ist man bei Audi überzeugt. Das oft propagierte lebenslange Lernen ist beim Ingolstädter OEM keine platte Attitüde, sondern wird gelebt. „Das Coden ist im Fachbereich nur das Werkzeug. Überfachliche Kompetenzen wie Offenheit, Kommunikation und Teamfähigkeit sowie Arbeiten nach agilen Prinzipien sind das Gerüst für die Herausforderungen bei Audi in der Zukunft“, fasst Eibel zusammen.

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