Interieur des Nio ET7

Der Innenraum des Nio ET7 gleicht dem eines Teslas und zeigt, wie Mensch-Maschine-Interaktion im digitalen Zeitalter aussehen kann. Bild: Nio

Selten zuvor machte ein chinesischer Autohersteller so viel Furore wie der Elektroauto-OEM Nio Anfang dieses Jahres. In Chengdu präsentierte das junge Unternehmen die neue Limousine ET7, welche dank möglicher Feststoffbatterie neue Maßstäbe beim Thema elektrische Reichweite setzen soll. Doch Nios neues Kraftpaket, das 2022 unter anderem zu den Händlern auf dem europäischen Markt rollen soll, will auch mit einer leistungsstarken Rechnerarchitektur punkten, die hochautomatisierte Fahrfunktionen oder KI-basierte UI/UX-Features ermöglichen soll. Nicht zuletzt wegen dieser Technologie-Ausrufezeichen hat Nio schon längst das Prädikat oder die Bürde „Tesla Chinas“ verliehen bekommen.

Das Unternehmen von Gründer Li Bin steht dabei nur exemplarisch für viele Autobauer aus dem Reich der Mitte, die nicht nur bei der Elektromobilität vorangehen, sondern auch digitale Technologien und Geschäftsmodelle bei der Fahrzeugentwicklung von Anfang an mitdenken. „Viele OEMs in China konnten auf dem Greenfield beginnen, ohne den Rucksack alter Technologien oder Plattformen mit sich rumtragen zu müssen“, sagt Stefan Bratzel, Automobilexperte und Leiter des Center of Automotive Management (CAM). „Aber auch die etablierteren OEMs im Reich der Mitte wie Great Wall, SAIC oder Geely denken das Vernetzungsthema von Anfang an mit und gehen Kooperationen mit den Tech- und Datenriesen ein.“ Zu letzteren gehören unter anderem Baidu, Tencent oder Alibaba, die ähnlich der Silicon-Valley-Größen einen enormen Einfluss auf das Auto der Zukunft haben.

Chinesische OEMs stark im Innovationsranking

Die wachsende Stärke der chinesischen Hersteller in den Technologiefeldern Vernetzung, autonomes Fahren und Infotainment beziehungsweise Bedienung zeigt sich auch im neuen Connected-Car-Innovation-Index, der in diesem Jahr zum siebten Mal vom CAM und der Fachzeitschrift automotiveIT herausgegeben wird. In der Studie, die die Innovationskraft von 30 globalen Automobilherstellern im Bereich Connected Car (CC) erfasst, schaffen es mit Great Wall, SAIC, Geely, BAIC und BYD gleich fünf chinesische OEM in die Top-20 des Rankings der CC-Innovationsstärke.

Great Wall (plus 28,7 Indexpunkte) kann sich sogar im Bereich der High Performer direkt hinter den drei Top-Platzierten positionieren. Der Hersteller aus Baoding hat im Erhebungszeitraum 2020 für seine Marken Ora und Wey einige weltneue Innovationen auf den Markt gebracht, darunter teilautonome Fahrfunktionen, Live-Streaming- und In-Car-E-Commerce-Anwendungen oder einen Laser-Fernlicht-Assistenten. Interessanterweise spielt Nio dieses Mal noch nicht im Konzert der großen CC-Innovatoren mit – das dürfte sich mit der aktuellen Modelloffensive für den nächsten CCI-Index ändern.

Volkswagen bleibt beim Connected Car Spitzenreiter

Obwohl die Chinesen im diesjährigen CCI-Index ein deutliches Zeichen an die Wettbewerber gesetzt haben, bleibt die Dominanz der deutschen Autohersteller auch 2021 ungebrochen. Im Vorjahresvergleich der CCI-Rankings bleibt es dabei, dass der Volkswagen-Konzern trotz deutlicher Verluste (minus 16,5 Indexpunkte) erneut den Titel des Innovationsweltmeisters bei Connected-Car-Technologien einheimsen kann. Auf Platz zwei rangiert erneut Daimler (minus 0,4 Punkte), dahinter folgt BMW (minus 5 Punkte) und hinter Great Wall auf Platz vier findet sich Hyundai wieder (plus 11 Punkte).

CCI Ranking 2021
Der chinesische OEM Great Wall kann sich erstmals in die Top 5 im CCI-Ranking schieben. Volkswagen bleibt Spitzenreiter.

Volkswagen profitiert bei den Innovationen seit jeher von der Aufstellung als Multimarken-Konzern, der viele seiner Neuheiten aus den Bereichen Fahrerassistenz, Konnektivität oder Interface schnell in die Segmente bringen kann. War es jahrelang die Premiumtochter Audi, die den Innovationsmotor im Konzernverbund darstellte, trägt im diesjährigen CCI-Index vor allem die Kernmarke VW den Löwenanteil der Innovationsstärke. Highlights beim Wolfsburger Konzern sind beispielsweise die Functions on Demand im Golf VIII oder das Head-up-Display mit Augmented Reality im Skoda Enyaq.

Warum manche Hersteller dominieren und andere nicht

Bei Daimler ist es vor allem die neue Generation der Mercedes-Benz S-Klasse, die den Stuttgartern im CCI-Ranking eine Top-Platzierung sichert. Die im Herbst 2020 präsentierte Oberklassenlimousine verfügt über eine Reihe an absoluten Weltneuheiten im CC-Bereich, darunter beispielsweise die Blicksteuerung der Außenspiegel, ein Bedienassistent im Interieur sowie die Funktion Digital Light, die Warnhinweise auf die Straße projiziert. Der Drittplatzierte, BMW, trumpft beispielsweise mit einem vom CAM als sehr innovationsstark bewerteten aktiven Ampelassistenten im 3er auf.

Die ununterbrochene Dominanz der drei deutschen Autobauer lasse sich unter anderem auf die Fähigkeit zurückführen, Innovation in kürzester Zeit zu „demokratisieren“, erklärt CAM-Direktor Stefan Bratzel. „Die deutschen Autobauer waren in der Breite der Connected-Car-Innovationen immer schon stark. Sie haben es in den letzten Jahren geschafft, Weltneuheiten schnell in möglichst viele Segmente diffundieren zu lassen und sich so eine hohe Innovationsstärke zu sichern.“

Das Gegenteil ist bei vielen anderen großen Automobilkonzernen der Fall. Etablierte Volumenhersteller wie Renault, Toyota, Honda, Nissan oder Stellantis (im Ranking noch aufgeschlüsselt in Fiat Chrysler und PSA) zeigen bei Connected-Car-Innovationen schon seit Jahren eine nur mäßige bis schlechte Performance. „Besonders kritisch sehe ich die Entwicklung bei Toyota – als zweitgrößter Hersteller der Welt müssten eigentlich ausreichend finanzielle Mittel zur Verfügung stehen, die Fahrzeugvernetzung ernsthaft voranzutreiben“, wundert sich Bratzel. Er habe den Eindruck, Toyota aber auch andere Konzerne wie Renault-Nissan oder Stellantis sind viel zu schwerfällig und brauchen zu lange, um Innovationsthemen in ihren Fahrzeugen umzusetzen. „Das könnte sich in naher Zukunft zu einem gewaltigen Wettbewerbsnachteil entwickeln.“

Wieso Chinas Aufstieg kein Selbstläufer wird

Derweil können Chinas Hersteller positiv in die Zukunft blicken. Im Ländervergleich wächst der Anteil der CC-Innovationen der OEMs aus dem Reich der Mitte weiter an: Von 19 Prozent im Jahr 2019 auf 24 Prozent im Jahr 2020. Damit liegt China deutlich vor den USA (16 Prozent) und nicht mehr allzu weit entfernt von Deutschland mit 35 Prozent (2019: 38 Prozent). Dahinter folgen Südkorea und Japan mit jeweils sieben Prozent, Italien mit fünf, Frankreich mit vier und Indien mit zwei Prozent.

Dennoch wird sich erst noch zeigen, ob die chinesischen Hersteller auch außerhalb des geschützten Heimatmarktes die in den eigenen Modellen integrierten Innovationen als Differenzierungsmerkmal positionieren können – gerade angesichts der Dominanz deutscher Hersteller. „Die Eroberung des europäischen Marktes wird für die chinesischen Player grundsätzlich nicht einfach“, erklärt Bratzel. „Die Chinesen müssen bestimmte USPs entwickeln, um wettzumachen, dass ihnen das latent vorhandene negative Image des chinesischen Autoherstellers anhaftet. Vielleicht könnte dies über das Thema digitale Innovationen im Fahrzeug funktionieren.“

Alle weiteren Rankings, Fakten und Hintergründe sowie das Gesamtergebnis der Connected-Car-Innovation-Studie powered by Cisco lesen Sie im exklusiven Summary oder der Langfassung, die hier zum kostenlosen Download zur Verfügung stehen. Die jährlich durchgeführte Branchenstudie erhebt und vergleicht die Leistungs- und Innovationsstärke von 30 globalen Automobilherstellern in den Bereichen vernetztes Fahrzeug und vernetzte Dienstleistungen sowie deren Marktstärke anhand verschiedener Indikatoren. Basis der Studie ist die Innovationsdatenbank des Center of Automotive Management (CAM). Die Ergebnisse und Hintergründe zur CCI-Studie werden auf dem neuen Connected Car Innovation Summit diskutiert. Hier geht es zur Anmeldung für den Live-Stream: www.cci-summit.de 

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