Vitesco_Thomas Buck
| von Claas Berlin

Herr Buck, welchen Herausforderungen muss sich die Unternehmens-IT durch das Spin-off hin zu Vitesco Technologies stellen?

Wir haben die Antriebssparte von Continental bereits erfolgreich zum 1. Januar 2019 organisatorisch neu aufgestellt – Stichwort: Carve-out. Dafür haben wir legale Geschäftseinheiten in den Systemen angelegt und Assets transferiert. Es gibt dieses Unternehmen also schon mal systemisch. Nichtsdestotrotz haben wir aktuell noch keine getrennte Infrastruktur. Zum in diesem Jahr anvisierten Spin-off-Tag müssen wir mindestens eine logische Trennung hinbekommen. Im Zentrum dieser logischen Trennung steht die Frage nach dem geistigen Eigentum. Wir müssen uns jeden einzelnen Datensatz anschauen und prüfen, ob er ausschließlich zu Continental gehört oder auch vom neuen Unternehmen genutzt werden darf. Operativ lässt sich manches vertraglich regeln, indem Vitesco Technologies etwa als IT-Dienstleister für Continental oder vice versa auftritt, zwangsläufig aber steigt die Komplexität der IT-Landschaft. Die vollständige physische Trennung der IT-Systeme werden wir dann in einem Übergangszeitraum nach dem Spin-off realisieren.

Können Sie uns ein, zwei Beispiele nennen, wie diese physische Trennung konkret aussehen wird?

Im Rahmen der physischen Trennung bekommt Vitesco Technologies eine komplett eigenständige Infrastruktur. In einem Worst-Case-Szenario würde das bedeuten, dass wir eigene Rechenzentren bauen müssten. Das wollen wir natürlich nicht. In erster Linie geht es darum, einen Microsoft-Tenant anzulegen und einen neuen Verzeichnisdienst aufzubauen, in dem alle aktiven Nutzer integriert werden. Letzen Endes müssen wir auch einen Großteil der Applikationen in die neue Infrastruktur, die wir hauptsächlich in der Cloud planen, überführen: Wir haben hunderte Anwendungen, die Continental heute nutzt und die wir hierfür betrachten müssen. Vieles ist historisch gewachsen, und weil in der Automobilindustrie lange Aufbewahrungsfristen gelten, kommen auch eine Menge Daten zusammen, die man sich ganz genau anschauen muss.

Viele Zulieferer fahren aktuell harte Sparkurse. Wird auch bei Ihnen der Rotstift angesetzt, trotz dieses IT-Mammutprojekts?

Ein derartiges Volumen können Sie mit einem normalen Projektbudget niemals stemmen. Dafür wurde sowohl der IT als auch anderen Unternehmensbereichen von Vitesco Technologies im Rahmen des Spin-off ein Sonderbudget eingeräumt. Viele haben hier ja noch einiges an Arbeit zu leisten. Das gilt auch für uns.

Welchen Beitrag steuert die IT bei, um die Effizienz im Unternehmen zu erhöhen?

Wir fokussieren uns auf vier Themen: Retire, Rethink, Copy und Contract. Als Erstes geht es schlicht und ergreifend darum, nicht alle Lösungen zu Vitesco Technologies mitzunehmen. Da das neue Unternehmen deutlich kleiner sein wird, können wir auf einige Anwendungen verzichten. Natürlich wollen wir in diesem Zuge die Standardisierung vorantreiben. Unter „Rethink“ verstehen wir alle Möglichkeiten, die wir im Zuge der Neuausrichtung nutzen können, um Prozesse und Programme anders als bisher zu organisieren. Wir können natürlich nicht alles umwerfen, bestimmt aber an gewissen Stellschrauben drehen. Beispielsweise planen wir, Vitesco Technologies mit unseren strategischen Technologiepartnern Amazon und Microsoft vollständig in der Cloud aufzusetzen. Das ist durchaus ambitioniert, aber gleichwohl sinnvoll und kann im Rahmen des Spin-off einfacher vollzogen werden als im laufenden Betrieb. Im Rahmen von „Copy“ werden wir bewährte Systeme überführen und in unserer neuen Infrastruktur weiter nutzen. Im Bereich „Contract“ wird es darum gehen, Verträge mit Outsourcing-Partnern zu schließen und Themen abzugeben, die wir bisher intern bearbeitet haben. Auch Vereinbarungen mit der Continental-IT sind denkbar, so dass wir weiterhin Services von dort einkaufen können.

Alle diese Herausforderungen werden sich doch, so lässt sich vermuten, in Ihrem künftigen IT-Budget niederschlagen, oder?

Im Unternehmen ist ein absolutes Bewusstsein vorhanden, dass die IT den Geschäftsbereichen hilft, weitere Optimierungen zu erreichen. Eine Systemlandschaft, die aufgrund von Sparzwängen nicht mehr zuverlässig funktioniert, würde erheblichen Schaden anrichten. Natürlich haben wir im Zuge des Spin-off auch über das Budget meiner Abteilung gesprochen. Zwangsläufig kann es durch die Trennung von Continental auch in der IT zu Dissynergien kommen. Unser klares Ziel ist es aber, im Rahmen der Neuausrichtung für mehr Effizienz in allen Abläufen zu sorgen, um möglichst wenig Skaleneffekte zu verlieren. Insbesondere im Bereich Lizenzen zählen wir uns als Vitesco Technologies zu den großen Playern im Markt und sind überzeugt, mit unseren Lieferanten gute Ergebnisse erzielen zu können. Dafür müssen wir unsere Applikationslandschaft optimieren, standardisieren und auf neue Technologien setzen, die uns effizienter machen.

Lassen Sie uns über konkrete Technologien sprechen. Wie setzen Sie bei Vitesco Technologies beispielsweise künstliche Intelligenz ein?

KI ist für uns ein großes Thema und wir haben auch schon einige Prototypen aufgesetzt, zum Beispiel in der Fertigung und im R&D-Umfeld. Außerdem glaube ich, dass künstliche Intelligenz auch im administrativen Bereich künftig viel stärker Einzug halten wird. Aktuell beschäftigen wir uns mit der Technologie, um unsere internen IT-Serviceleistungen zu verbessern. Es gibt hier eine gemessene Qualität, die Sie anhand von Tickets zu bestimmten Systemen analysieren können. Heutzutage sind viele Nutzer jedoch so IT-affin, dass sie sich im Zweifelsfall selber helfen und mit der Lösung ihres Problems über das Ticket nicht vollends zufrieden sind. Hier sprechen wir von der empfundenen Qualität. In diesem Umfeld möchten wir KI einsetzen und Nutzern die Möglichkeit an die Hand geben, ohne Ticket auf IT-Ausfälle aufmerksam zu machen und anschließend ihre persönliche Zufriedenheit mit der Lösung der Probleme kundzutun. Dank KI lassen sich solche Daten im Anschluss analysieren und Reports mit den am besten bewerteten Verfahren aufbauen.

Unabhängig von KI lässt sich der Arbeitsalltag aber bereits mit einem liberalen Mobile-Device-Management erleichtern, wenn Mitarbeiter ihre privaten Smartphones im Job nutzen können. Wie stehen Sie diesem Konzept gegenüber?

Ja, das ist in unserem Sprint Zero zum Thema Digital Workplace im Rahmen einer agilen Entwicklung vorgesehen. Dort untersuchen wir unter anderem den Wechsel zu einem neuen MDM-System. In Kombination mit unserem neu entworfenen Information-Security-Ansatz können wir künftig in der Lage sein, Mitarbeitern flexibler und einfacher den Zugriff auf verschiedene Systeme von überall aus zu ermöglichen. Neben Smartphone, Tablet und Laptop geht es zum Beispiel vermehrt auch darum, Fahrzeuge in die Unternehmenswelt einzubinden, um auch dort Zugriff auf Office-Funktionalitäten zu haben und zum Beispiel leichter an Meetings teilnehmen zu können.

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Würden Sie sagen, dass sich die Abteilung aus der Rolle des IT-Versorgers herauslöst und durch den Spin-off mehr und mehr zum Treiber der Digitalisierung wird?

Das kann ich bestätigen. Vieles hängt dabei natürlich vom Organisationsgrad des Unternehmens ab. Mir ist es wichtig, unserem IT-Team bei Vitesco Technologies aufzuzeigen, wo der künftige Weg hingeht. Neben Qualität und Effizienz stehen vor allem Innovationen und die Zukunft der Mitarbeiter im Fokus. Mit unserem Plan erheben wir keinesfalls den Anspruch, innovative Themen vorherzusagen. Grundsätzlich sehen wir Innovationen einfach als Chance, um Mitarbeiter zu digitalen Unternehmern weiterzuentwickeln. Es geht darum, dass sie den aktuellen Status quo infrage stellen und ihre Themen eigenständig voranbringen. Daher brauchen wir schlussendlich keine Vorhersagen, die im Zweifelsfall eh nicht eintreffen, sondern eine Organisation, die auf alles reagieren kann. So können wir zu einem Treiber der Digitalisierung werden.

Das hören wir in der Branche natürlich allenthalben. Wie schlägt sich dieser Wandel im Berufsalltag nieder?

Wir haben flache Hierarchien geschaffen, binden die Mitarbeiter in Diskussionen ein und definieren klar ihre Entscheidungsspielräume. Auf Managementebene geben wir die strategische Richtung vor, die Umsetzungsmöglichkeiten kommen dann von unseren Mitarbeitern. Nehmen Sie als Beispiel unsere angedachten Änderungen hin zu einem Zero-Trust-Modell als IT-Sicherheitsansatz. Diesen Vorschlag haben zwei unserer Abteilungsmitarbeiter auf den Weg gebracht und treiben ihn nun voran. Wir haben mit den Strukturen die Voraussetzungen geschaffen, sich in so ein Projekt mit Eigenverantwortung einzubringen. Reine Erfüllungsgehilfen, die Dienst nach Vorschrift machen, sucht man bei Vitesco Technologies vergebens. Das hat viel mit unserem Kulturwandel und neuem Denken im Management zu tun.

Ist dieser Ansatz wichtig, um als Unternehmen für IT-Experten attraktiv zu sein?

Tatsächlich kommen junge Leute mit dem Anspruch zu uns, nicht nur darüber mitzuentscheiden, was sie tun. Sie wollen auch dabei mitreden, wie sie es tun. Wir verfolgen beispielsweise einen DevOps-Ansatz, den die Mitarbeiter klar unterstützen. Es gibt fast niemanden mehr, der in alten Strukturen arbeiten möchte und nur einen Teil des Weges mitgeht. Heutzutage möchten IT-Experten für einen kompletten Produktzyklus verantwortlich sein – von der Planung über die Entwicklung und den Rollout bis hin zur kontinuierlichen Weiterentwicklung „ihrer“ Produkte. Zudem kommt es für Young Professionals zunehmend darauf an, welche digitalen Tools ein Unternehmen einsetzt.

In diesem Zusammenhang fällt auch immer wieder das Schlagwort Agilität. Welchen Ansatz verfolgen Sie: 100 Prozent agil oder individueller Einsatz je nach Geschäftsfeld?

Ich habe erst einmal ein gespaltenes Verhältnis zum Wort agil. Viele verbinden damit sofort bestimmte Methoden, die aber nicht automatisch zum Erfolg führen. Denn nicht jedes Verfahren passt auf jedes Geschäftsmodell. Natürlich möchte ich eine Organisation haben, die zu 100 Prozent agil ist. Das bedeutet jedoch nicht, dass ich dieser Organisation einfach eine agile Methode überstülpe. Agile Ansätze spielen bei uns insbesondere in der Lösungsentwicklung und bei Projekten eine wichtige Rolle. Je näher man jedoch an den operativen Betrieb herangeht, desto genauer muss man schauen, inwieweit welche Methoden dort überhaupt zielführend sind.

Zum Schluss möchten wir gerne wissen, welche Technologie Sie in letzter Zeit am meisten beeindruckt hat?

Ganz klar: künstliche Intelligenz. Die Technologie ist für uns nicht mehr nur im Umfeld von Industrie 4.0 interessant, sondern wird insbesondere im Office-Bereich in Zukunft eine immer größere Rolle spielen. In der Interaktion zwischen Mensch und Maschine kann KI gut vermitteln. Das gilt sowohl im Geschäfts- als auch im Privatleben. Hier sehe ich noch großes Entwicklungspotenzial.

Bilder: Frank Röthel

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