Deutsche OEMs scheitern nicht an KI, sondern an sich selbst
Autobauer aus Deutschland verlieren in Sachen Digitalisierung gegenüber jüngeren Wettbewerbern aus China oder den USA weiter an Boden. Entscheidend dabei sind längst nicht mehr Software oder KI allein, sondern Organisation und Unternehmenskultur.
Tesla zeigt der Konkurrenz in Sachen digitale Fähigkeiten weiterhin die Rücklichter.Tesla
Anzeige
Die weltweite Autoindustrie steht in wirtschaftlich herausfordernden Zeiten unter enormen Handlungsdruck, aus den Versprechen des Software-Defined Vehicles ein funktionierendes Geschäftsmodell zu machen – Studien zeigen, dass hier noch viel Luft nach oben besteht. Der Einzug von künstlicher Intelligenz in zentrale Fahrzeugfunktionen und an die Schnittstelle von Mensch und Maschine eröffnet zwar neue Möglichkeiten, legt aber zugleich noch stärker offen, wie digital Autobauer wirklich sind.
Von SDV zu AIDV: Wenn KI das Fahrzeug prägt – automotiveIT car.summit 2026
Der automotiveIT car.summit 2026 ist die Konferenz für Entscheider:innen aus Engineering und IT, die den nächsten Sprung der Automobilindustrie aktiv gestalten wollen: vom Software-Defined Vehicle (SDV) hin zum AI-Defined Vehicle (AIDV). Im Mittelpunkt steht die Frage, wie künstliche Intelligenz künftig nicht mehr nur unterstützend wirkt, sondern Fahrzeugverhalten, Nutzerinteraktion und Systementscheidungen kontinuierlich prägt.
Am 19. und 20. November 2026 in München bringt das Event führende OEMs, Zulieferer und Technologieunternehmen zusammen.
„Ein Automobilhersteller kann die beste KI, beste Software und die beste Technologie einkaufen. Wenn das Unternehmen jedoch nicht nach dem Prinzip ‚Tech First‘ denkt und handelt, wird daraus kein nachhaltiger Wettbewerbsvorteil entstehen“, sagt Gartner-Analyst Pedro Pacheco. Für Marktforscher von Gartner war das ein Grund, schon vor einigen Jahren einen Index aus der Taufe zu heben, der illustriert, wie gut die weltweite Automobilindustrie wirklich auf die digitale Transformation vorbereitet ist.
Die Ergebnisse des neuen Digital Automaker Index 2026 zeigen dabei vor allem eines: Die digitale Führungsrolle liegt weiterhin klar bei Herstellern aus den USA und China. Tesla verteidigt mit deutlichem Abstand Rang eins vor Nio und Xiaomi. Dahinter folgen Xpeng, Li Auto und die beiden US-Startups Rivian und Lucid. Die ersten sieben Plätze gehen damit ausschließlich an Unternehmen, die entweder als reine Elektroauto- und Softwareunternehmen gegründet wurden oder ihre Transformation frühzeitig konsequent vorangetrieben haben.
Anzeige
Für die deutschen Hersteller fällt das Bild deutlich ernüchternder aus. Mercedes-Benz erreicht Platz elf und bleibt damit bester deutscher sowie bester europäischer Hersteller. BMW folgt auf Rang 14, Volkswagen landet lediglich auf Platz 16. Damit liegen die drei größten deutschen OEMs deutlich hinter den digitalen Spitzenreitern aus den USA und China.
China Benchmark, Europa verliert
Auffällig ist die starke Präsenz chinesischer OEMs im oberen Bereich des Rankings. Neben Nio, Xiaomi, Xpeng und Li Auto konnte sich auch BYD auf Rang acht verbessern. Changan rückte auf Platz zwölf vor und gehört ebenso zu den Aufsteigern des Jahres. Regional betrachtet kommen chinesische Hersteller auf einen durchschnittlichen Indexwert von 72,2 Prozent und liegen damit nahezu auf Augenhöhe mit den US-Herstellern, die 73 Prozent erreichen. Die deutschen Hersteller kommen im Durchschnitt lediglich auf 46,3 Prozent. Japanische OEMs bilden mit 37,1 Prozent das Schlusslicht der großen Automobilregionen.
Anzeige
Für die europäischen Hersteller liefert die Studie ein differenziertes Bild. Mercedes bleibt sowohl im Gesamtindex als auch in mehreren Teilkategorien der führende Legacy-OEM. Besonders bei KI-bezogenen Kriterien schneidet der Stuttgarter Hersteller besser ab als die übrigen etablierten Wettbewerber. Dennoch zeigt die Platzierung auf Rang elf, wie groß der Abstand zu den digitalen Marktführern inzwischen geworden ist. Das noch schlechtere Abschneiden von BMW und der Volkswagen-Gruppe (inkl. Audi und Porsche) runden das negative Bild ab.
Das Problem liegt nicht in der Technologie selbst
Dabei sieht Experte Pacheco die Diskussion über Software-Defined Vehicles oder AI-Defined Vehicles zunehmend als Nebenschauplatz. „Entscheidend ist nicht, ob ein Fahrzeug als Software-Defined Vehicle oder AI-Defined Vehicle bezeichnet wird. Entscheidend ist, welchen geschäftlichen Nutzen ein Automobilhersteller tatsächlich aus der Technologie im Fahrzeug zieht.“ Der Gartner-Index bewertet deshalb nicht nur aktuelle Fahrzeugfunktionen, sondern untersucht auch, wie konsequent Hersteller digitale Kompetenzen organisatorisch verankern, Talent entwickeln, Software monetarisieren und KI in ihre Geschäftsmodelle integrieren.
Anzeige
Besonders bemerkenswert dabei ist der von Gartner identifizierte starke Zusammenhang zwischen organisatorischer Reife und technologischem Fortschritt. „Die Hersteller mit der höchsten organisatorischen Reife verfügen heute bereits über die fortschrittlichste Fahrzeugtechnologie. Unsere Daten zeigen das seit Jahren sehr klar“, betont Pacheco.
Das Auto ist heute das technologisch komplexeste Konsumprodukt der Welt. Trotzdem werden die meisten Automobilhersteller noch immer nicht wie Technologieunternehmen geführt.
Pedro Pacheco, Gartner
KI erhöht den Transformationsdruck
Zu den wichtigsten Neuerungen im Gartner-Index zählt der Fokus auf KI. Bewertet wurden unter anderem die Verankerung von KI auf Managementebene, die Nutzung von Foundation Models im Fahrerassistenzbereich sowie die Einführung generativer Sprachassistenten in den wichtigsten Märkten. Dabei zeigt sich ein Muster: Die KI-Spitzenreiter sind fast identisch mit den Spitzenreitern des Gesamtindex.
Anzeige
Der Digital Automaker Index 2026 im DetailGartner
Aus Sicht von Pacheco verweist das auf ein tieferliegendes Problem vieler etablierter Hersteller. „Was wir heute sehen, sind Kostensenkungsprogramme, Werksschließungen und Entlassungen. Was wir nicht sehen, ist der kulturelle Wandel, den viele traditionelle Automobilhersteller dringend benötigen. Die mangelnde organisatorische Bereitschaft bleibt die eigentliche Ursache des Problems. Sie führt weiterhin dazu, dass viele Legacy-OEMs in Bezug auf die Gesamtleistung weiter hinter den neuen Playern zurückbleiben.“
Die Analysten beobachten unter anderem, dass bei vielen traditionellen OEMs der Anteil von Führungskräften mit ausgeprägtem Technologiehintergrund weiterhin niedrig ist und digitale Kompetenzen organisatorisch oftmals nicht zentral gebündelt werden. Eine strategisch eminent wichtige Position ist für Pacheco der Chief AI Officer, den bislang nur wenige Traditions-OEMs eingerichtet haben. „Das Auto ist heute das technologisch komplexeste Konsumprodukt der Welt. Trotzdem werden die meisten Automobilhersteller noch immer nicht wie Technologieunternehmen geführt.“
Zeitdruck wird zum existenziellen Risiko
Anzeige
Die von Gartner zutage geförderten Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Branche an einem Wendepunkt angekommen ist. Während die führenden Hersteller zunehmend von ihrer Software-, Plattform- und KI-Kompetenz profitieren, kämpfen viele etablierte OEMs gleichzeitig mit hohen Investitionskosten, schwächeren Margen und umfangreichen Sparprogrammen. Pacheco: „Es besteht durchaus das Risiko, dass einige etablierte Automobilhersteller die notwendige Transformation nicht rechtzeitig abschließen. Das Problem ist, dass ihnen gleichzeitig Zeit und Geld ausgehen.“
Der Gartner-Analyst will sich selbst nicht als apokalyptischer Reiter verstanden wissen, sondern sieht in den Studienergebnissen vielmehr einen neuerlichen Weckruf für die alte Autowelt. Es liege noch viel Arbeit vor vielen Herstellern, um aus Software und KI tatsächlich ein profitables Geschäftsmodell entwickeln zu können, so Pacheco. „Sie müssen endlich die eigentliche Ursache ihrer Probleme angehen. Solange die Organisation nicht technologieorientierter wird, wird die Lücke zu den neuen Marktteilnehmern weiter wachsen.“
Über die Studie:
Für den Digital Automaker Index 2026 hat Gartner 24 internationale Automobilhersteller anhand von mehr als 15.000 Datenpunkten untersucht. Bewertet wird nicht die aktuelle Unternehmensperformance, sondern wie gut ein OEM aufgestellt ist, um künftig mit Software, Daten und KI Geld zu verdienen.
Die Analyse umfasst acht Kategorien: Unternehmenskultur und Führung, Talent, E/E-Architektur, vernetzte Fahrzeuge, autonomes Fahren, Elektromobilität, Nutzererlebnis sowie digitale Vertriebs- und Online-Kanäle. Untersucht werden unter anderem Softwarekompetenz im Management, zentrale Fahrzeugarchitekturen, OTA-Updates, 5G-Konnektivität, Fahrerassistenzsysteme, digitale Sprachassistenten und Online-Vertriebsmodelle.
Neu im Jahr 2026 ist eine eigenständige KI-Bewertung. Dabei analysiert Gartner unter anderem die organisatorische Verankerung von KI, den Einsatz generativer KI im Fahrzeug sowie die Nutzung von Foundation Models in Fahrerassistenzsystemen.