Jörn Messner und Frank Loydl sitzen auf einem Sofa

Jörn Messner, Managing Director bei Lufthansa Industry Solutions, (l.) und Audi-CIO Frank Loydl wollen bei der digitalen und kulturellen Transformation künftig noch stärker zusammenarbeiten. (Bild: Audi)

Herr Loydl, das neue Joint Venture mit Lufthansa Industry Solutions soll „die digitale Transformation bei Audi und der ganzen Mobilitätsbranche“ beschleunigen. Was soll Amplimind künftig konkret bewegen?

Frank Loydl: Hintergrund ist unsere IT-Strategie, die darauf abzielt, die Eigenleistung zu stärken. Da wir selbst jedoch nicht so schnell wachsen und die Transformation allein schultern können, lag es nahe, sich starke Partner relativ nah an die Enterprise-IT zu holen. Das erste Joint Venture war XL2 (zusammen mit Capgemini, Anm. d. Red.) mit dem Schwerpunkt auf Produktion, SAP und Cloud-Plattformen. Da hatten wir schon das Schwerpunktthema Engineering und den Aufbau einer Engineering-Plattform im Hinterkopf, das ganz andere Anforderungen in Sachen Softwareentwicklung stellt. Für das nächste Joint Venture brauchten wir daher einen Partner, mit dem wir bereits gute Erfahrungen in unserem Software Development Center gesammelt haben. Und das war die Lufthansa Industry Solutions. Übrigens war der Ausgangspunkt dieser Kooperation ein Gespräch auf dem automotiveIT-Kongress (lacht)!

Das Gemeinschaftsunternehmen steht unter dem Dach Ihrer Next-IT-Strategie. Folgt der Schritt der Erkenntnis, dass ein Autobauer noch stärker auf die Kompetenzen eines externen Technologiepartners setzen muss, um wirklich etwas zu verändern?

Loydl: Ja, absolut. Aus der Erfahrung nach zwei Jahren mit unserem Joint Venture XL2 haben wir gelernt, dass wir mit einem Partner, der zu uns passt, zusätzlichen Wert gewinnen. Ob das nun das schnelle Atmen bei Technologie- oder Backoffice-Themen oder die kulturellen Veränderungen betrifft, all das können wir mit einem Partner viel besser und schneller umsetzen als allein. Die Herausforderung besteht darin, einen Partner zu finden, der im jeweiligen Kontext passt und an den man sich langfristig binden kann.

 

Herr Messner, das sehen Sie sicher ähnlich?

Jörn Messner: Hilfreich sind Kooperationen in jedem Fall. Und in einer Konstellation mit Audi beziehungsweise dem gesamten VW-Konzern, mit dem wir schon über viele Jahre gut zusammenarbeiten, stellt sich irgendwann die Frage: Geht man den nächsten Schritt? Unser Joint Venture stärkt in jedem Fall unsere Partnerschaft und wir können noch besser von den jeweiligen Kompetenzen des anderen profitieren. Wir begreifen uns auch als Partner, der Technologien, die in anderen Industrien vielleicht viel intensiver genutzt werden, in das Gemeinschaftsunternehmen mit einbringt.

Vor allem beim Thema agile Softwareentwicklung hat die Autobranche noch einiges zu lernen…

Messner: Jedes Unternehmen kann und sollte immer dazulernen. Aber Audi und im größeren Kontext auch Volkswagen nenne ich gerade in diesem Bereich gerne als Vorbilder. Hier wird teilweise schon viel stärker in agilen Teams gearbeitet als in anderen Branchen, die wir auch bedienen. Viele Autobauer sind für mich da tatsächlich auf den vorderen Plätzen und sie entwickeln sich in enormem Tempo weiter. Die Nachfrage in Sachen agiler Softwareentwicklung wächst rasant.

Die Kernthemen des Joint Ventures sind Cloud und IT-Security auf Enterprise-IT-Ebene. Sind das die drängendsten Themen gerade für Ihr Team, Herr Loydl?

Loydl: Historisch betrachtet waren viele unserer Systeme zum Beispiel in den Bereichen Verwaltung, Beschaffung oder Produktion relativ autark unterwegs, hier finden wir teilweise eine sehr alte Legacy-Welt vor. Unsere Herausforderung besteht jetzt darin, diese Systeme abzulösen und in Architekturen zu übersetzen, die die Daten von den Anwendungen entkoppeln und auf eine neue Abstraktionsebene bringen. Natürlich spielt die Cloud hierbei immer eine relevante Rolle.  Aber ich will mich thematisch gar nicht so festlegen. Für mich steht die Architekturprinzip-Frage im Mittelpunkt: Wie konstruiere ich die nächste Generation einer kosteneffizienten und flexiblen Enterprise-IT-Bebauung?

Bei IT-Security wollten Sie auf eine Kerneigenleistung von 100 Prozent kommen. Bleibt es bei der Ambition?

Loydl: Das Ziel steht auf unserer Agenda nach wie vor. Wir haben gerade erst ein neues IT-Security-Programm aufgesetzt, mit dem wir an unsere bisherige Arbeit bei dem Thema anknüpfen und uns weiterentwickeln wollen. Natürlich hat das Joint Venture wie jedes andere Team auch eigene Produktthemen, bei denen eigene Security-Komponenten mit inbegriffen sind. Das betrifft aber das jeweilige Projekt und nicht unsere generelle IT-Sicherheitsstrategie. Hier bleibt das Zielbild von einhundert Prozent Eigenleistung bestehen.

Die Angriffe auf Unternehmen aus der Automobilindustrie haben zuletzt stark zugenommen. Muss Cybersecurity noch viel ernster genommen werden?

Messner: Das ist ein extrem relevantes Thema nicht nur für die Automobilbranche. Wir sehen in unserem täglichen Geschäft über Branchengrenzen hinaus eine immer stärkere Nachfrage im Bereich IT-Security, denn Unternehmen stellen sich immer digitaler auf. So automatisieren sie ihre internen Leistungsprozesse und vernetzen sich mehr und mehr mit Kunden, Lieferanten und Partnern. Dabei nutzen sie verschiedenste Technologien in ihren Systemen und Anwendungen. Das könnte Angreifenden wiederum Einfallsmöglichkeiten bieten. Wie Frank schon ausgeführt hat, dreht sich beispielsweise momentan so gut wie jedes Projekt um die Cloud und dabei steht das Thema Security natürlich prominent im Vordergrund. Je komplexer eine Technologie ist, desto schwieriger ist es, diese umfassend zu beherrschen. Gleichzeitig gibt es immer mehr und zunehmend ausgefeiltere Angriffe auf Technologien aller Arten. Als CISO (Chief Information Security Officer, Anm. d. Red.) hat man momentan im wahrsten Sinne einen sicheren Job (lacht).

Das Gemeinschaftsunternehmen steht auch unter den Prämissen der Green-IT und des Green Coding: Was bedeutet das ganz konkret für die alltäglichen Arbeitsprozesse?

Messner: Nachhaltigkeit ist ein zentrales Thema, bei dem wir alle derzeit noch sehr viel lernen können. Im Kern geht es bei Green Coding darum, so ressourcenschonend wie möglich zu programmieren und trotzdem die funktionalen Anforderungen nicht zu vernachlässigen. Was heißt das im Alltag? Neben der Verwendung einer möglichst ressourcenschonenden Programmiersprache wie etwa GO, muss ich als Entwickler zusätzlich auf Standards achten, die dafür sorgen, möglichst wenig Rechenleistung für neu erstellte Software zu verschwenden. Außerdem sind Aspekte wie eine effiziente Architektur, das Anwendungsdesign und die Wahl der Infrastruktur wichtig. Das macht die eine oder andere Aufgabe natürlich deutlich herausfordernder. Gleichzeitig lassen sich durch umfassende Green-IT-Standards Prozesse vereinfachen und sogar Kosten sparen. Nachhaltigkeit ist für die Automobilindustrie wie auch für die Luftfahrtbranche ein überlebenswichtiges Thema. Daran richten wir nicht nur die Arbeit des Joint Ventures aus, sondern ist als Herausforderung längst Teil unserer Unternehmens-DNA.

Jörn Messner erklärt
"Bei Nachhaltigkeit können wir alle noch sehr viel lernen", betont Lufthansa-Industry-Solutions-Chef Messner. (Bild: Audi)

Loydl: Ich möchte das gern noch inhaltlich erweitern. Ich kann mich noch an unsere ersten Meetings mit Lufthansa Industry Solutions vor über acht Jahren erinnern, in denen wir uns zur agilen Softwareentwicklung methodisch ausgetauscht haben. Damals ging es um ein gemeinsames Wertesystem, auf dem wir unsere methodischen Grundlagen aufbauen wollten. Das hat sich auch in der Gestaltung des Joint Ventures niedergeschlagen, was man zum Beispiel am Namen ablesen kann: „Ampli“ steht für „Verstärken“ und meint die Leistungskomponente. „Mind“ auf der anderen Seite steht für das Mindset, das allem zugrunde liegt. Warum betone ich das? Am Anfang haben die Teams eine Charta aufgeschrieben, in der das Wertesystem, auf dem das Joint Venture fußt, definiert wird. Der erste Satz dieser Charta lautet: Der Mensch steht im Mittelpunkt. Daraus folgt beispielsweise, dass sich Mitarbeitende ihre vorgesetzte Person aussuchen können oder dass wir im großen Maßstab Remote Work realisieren wollen. In diesem Wertekanon taucht auch das Thema Responsibility auf. Die Prämisse Green-IT ist demnach Teil eines grundlegenden Mindsets, das man in einem viel breiteren gesellschaftlichen Kontext betrachten muss.

Werden für das Gemeinschaftsunternehmen eigentlich viele neue Fachkräfte gesucht oder ziehen Sie bestehende Teams zusammen?

 

Messner: Beides ist der Fall. Wir starten mit einer kleineren Gruppe aus Mitarbeitenden, die bereits in bestehenden Teams bei uns arbeiten. Gleichzeitig sind wir auch auf der Suche nach sehr vielen neuen Fachkräften, wir wollen stark wachsen. Dabei setzen wir sowohl auf erfahrene Experten als auch auf junge Talente. Und wie Frank es so schön beschrieben hat, bieten wir sicherlich ein sehr attraktives Arbeitsumfeld. Dazu gehört die Maxime „Work from Anywhere“, was wir als Teil des Mindsets verstehen. Deswegen suchen wir nicht nur an den Standorten in München und Norderstedt, sondern auch weit darüber hinaus nach Mitarbeitenden, die uns in dem Projekt unterstützen wollen.

Wie viele neue Jobs wollen Sie schaffen?

Loydl: Wir wollen pro Jahr 30 bis 45 neue Stellen besetzen, das Zielbild bis zum Jahr 2027 liegt ungefähr bei 250 Mitarbeitenden. Dafür müssen wir beim Arbeitsumfeld raus aus bestehenden Strukturen und in Sachen Flexibilität einen Benchmark setzen.

Sie selber haben bei uns im Interview gesagt, dass für kreative Prozesse auch der persönliche Austausch vor Ort wichtig ist. Kann man das im New Normal überhaupt noch gewährleisten?

Loydl: Wir befinden uns da alle noch in einem Lernprozess. Nicht nur in der Autoindustrie. All diejenigen, die am Anfang der Pandemie gesagt haben, dass jetzt die Remote-Work-Revolution ins Haus steht und niemand je wieder in physischen Kontakt mit anderen Mitarbeitenden kommen muss, denken jetzt vielleicht schon anders. Wir haben bei Audi festgestellt, dass der persönliche Austausch nicht in erster Linie für die Arbeit selbst, sondern für die soziale Interaktion wichtig ist. Ein gewisser Anteil an Kreativität entsteht nur dann, wenn Menschen an einem Ort zusammen sind. Spontane Gespräche lassen sich beispielsweise remote schwer erzeugen.

Wie lässt sich diese für den Kreativprozess konkret aufrechterhalten?

Loydl: Grundsätzlich stellen wir es den Teams in der Audi-IT frei, wie sie sich organisieren. Es kann dabei weiterhin Präsenztage geben, an denen Themen besprochen werden, die vor Ort besser zu regeln sind und es gibt Remote-Tage. Wir in der IT sind da sehr flexibel aufgestellt – auf jeden Fall flexibler als Funktionen, die nur vor Ort funktionieren, zum Beispiel die Werksfeuerwehr (lacht)!

Flexibles und mobiles Arbeiten sind gerade bei der Ansprache junger Talente doch mittlerweile unvermeidbar.

Messner: Das ist absolut richtig und wichtig. Hier passen die Unternehmenskulturen von Audi und Lufthansa Industry Solutions sehr gut zusammen. Wir wollen nach Fertigstellung des Lab Campus am Münchener Flughafen dorthin umziehen und ein modernes, inspirierendes Office aufbauen, das ganz im Zeichen der flexiblen Kollaboration steht. Ich bin ein Fan des Spruchs: Trust your staff. Ein Credo, was gerade im Blick auf Remote Work natürlich sehr entscheidend ist. Wir haben absolut fähige und motivierte Mitarbeitende, denen wir den Freiraum lassen und die uns am Ende mit höherer Produktivität belohnen. Ähnlich wie Audi geben wir da keine Regeln vor – bis auf eine: Wir möchten, dass sich die Teams abstimmen, wann man sich untereinander trifft. Dann entstehen daraus wieder soziale Events, beispielsweise ein gemeinsamer Grillabend. Komponenten, die für viele sehr wichtig sind, gleichzeitig von Führungskräften und Mitarbeitenden viel Selbstorganisation und Initiative erfordern.

Loydl: Ich bin übrigens gerade in Wolfsburg bei dem Team der Konzern-IT zu Besuch und dienstags gibt es hier immer Currywurst in der Kantine – das kann man remote nicht ersetzen (lacht).

Zu den Personen:

Jörn Messner und Frank Loydl

Seit Februar 2018 ist Frank Loydl CIO bei Audi. Der 55-jährige begann seine berufliche Karriere 1990 beim amerikanischen IT-Dienstleister Electronic Data Systems (EDS). Dort sammelte er Erfahrungen in der Fertigungsindustrie, insbesondere im Automobilsektor bei General Motors. Nach Stationen bei der britischen IT-Beratung Logica CMG, der EMC Corporation sowie bei T-Systems leitete Loydl ab 2013 das Delivery Management für den Volkswagen-Konzern. Ab 2016 verantwortete er die Softwareentwicklung des Autobauers.

Jörn Messner ist seit Sommer 2021 Managing Director bei Lufthansa Industry Solutions. Der Diplom-Betriebswirt hat im Laufe seiner Karriere verschiedene Leitungspositionen in den Bereichen Flight Operations, IT- und Prozessmanagement übernommen. Seit dem Jahr 2002 ist Messner für die Lufthansa Group tätig, zuletzt als Head of Flight Ops Support. In der Coronakrise übernahm Messner die Rolle des Emergency Director der Lufthansa-Tochter Eurowings, bei der er zuletzt als Vice President Flight Ops Support arbeitete.

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