Robotersteuerung via AR

Der Durchbruch von AR und VR - vor allem in der Produktion - lässt die Autoindustrie immer näher ans Metaverse heranrücken. Bild: Hyundai

Konstruktion und Produktion in der digitalen Parallelwelt. Avatare als Autoverkäufer. Welche Rolle wird das Metaverse für die Automobilindustrie spielen? Alles nur ein Hype? Sicher nicht. Da sind sich Hersteller, Zulieferer und Experten einig. Die digitale dreidimensionale Welt wird künftig auf die Branche disruptiv wirken.

Was naheliegend ist, denn das Auto ist das beste Beispiel dafür, was es bedeutet, in und mit dem Metaverse zu leben. „Die digitale und physische Welt verschmelzen schon heute in Fahrzeugen“, erklärt Valentin Heun, Vice President of Innovation Engineering beim US-Technologieunternehmen PTC, „Allein schon, wenn wir lenken.“ Was eben nicht mehr mechanisch, sondern digital per Kabel (Steer-by-Wire) geschieht. Zwischen dem eigentlichen Impulsgeber für die Richtungsänderung, dem Lenkrad, und den Rädern besteht keinerlei mechanische Verbindung mehr. Lenkbefehle werden elektrisch über ein Steuergerät an einen Motor übermittelt, der die Bewegungen ausführt und an die Räder weiterleitet.

Für Heun ein Sinnbild dafür, was kommt: „Reales und Digitales verschmelzen - so entsteht eine Welt, die wir bedienen können und in der wir leben.“ Ein Metaversum, in dem unter anderem weltweit verstreute Entwickler gemeinsam Autos konstruieren, als würden sie gemeinsam vor Ort im Team arbeiten. „Mit einem Desktop Computer Interface geht das nicht“, verdeutlicht der Experte. Ebenso wenig, wie ein Wartungstechniker aus der Ferne eine defekte Produktionsstraße per Desktop wieder in Schwung bringen oder eine ganze Fabrik für ein neues Automodell geplant werden könnte. Dazu braucht es schon das Eintauchen in eine realistische 3D-Welt.

Produktionsplanung in der digitalen Parallelwelt

Chiphersteller Nvidia und BMW loten derweil das Machbare aus, indem sie ganze Fabriken mit Maschinen und Menschen fotorealistisch in eine virtuelle Welt übersetzen, um hier Prozesse in der Autoproduktion durchzuspielen, sodass später der Hochlauf einer echten Produktionsstraße möglichst fehlerfrei erfolgt. Es geht nicht mehr um schnöde Simulationen am Rechner, sondern um das Eintauchen der Fertigungstechniker in einen digitalen Raum, der bei BMW durch das „Omniverse“ geschaffen wird.

Das Werkzeug führt Daten aus diversen Design- und Planungstools unterschiedlicher Hersteller zusammen und formt daraus realistische Echtzeitsimulationen in einer einzigen kollaborativen Umgebung. „Mit Omniverse erhöhen wir die Präzision, die Geschwindigkeit und somit die Effizienz unserer Planungsprozesse“, so Produktionsvorstand Milan Nedeljković über das Tool zur virtuellen, digitalen Fabrikplanung.

Auch Audi erprobt virtuelle Montageabläufe und Logistikprozesse, bevor diese in die Tat umgesetzt werden. Während bisher etliche Stunden mit Simulationen am Computer und mit Kartonschiebereien in der Fabrikhalle verbracht worden sind, setzen die Planer nun VR-Brillen auf und tauchen in das ein, was erst in Zukunft sein wird – und dann dank der Vorarbeit ergonomisch optimiert und logistisch reibungslos funktioniert.

Bei Ford war es die Pandemie, die beschleunigt hat, dass Designer und Entwickler sogar vom heimischen Wohnzimmer aus als Avatare mit Kollegen überall in der Welt an der Form und Konstruktion neuer Modelle arbeiten lässt. Ursprünglich sollten sich die Teams über ein Virtual Design Studio punktuell auf kürzestem Wege abstimmen und nicht immer ins Flugzeug steigen. Doch das System wurde immer ausgefeilter, sodass es mittlerweile auch für weitreichende Entwicklungstätigkeiten im Homeoffice genutzt werden kann. Dabei lässt sich am Design fast so gut feilen wie physisch am Tonmodell, sodass wichtige formale Entscheidungen auch remote getroffen werden – was bis vor kurzem undenkbar erschien.

Der Durchbruch des Metaversums

Auch wenn es das Metaverse als solches noch nicht gibt, die technischen Voraussetzungen dafür sind jetzt geschaffen worden, betont PTC-Experte Heun: Binnen Minuten lassen sich ganze Gebäude räumlich mit dem Smartphone als 3D-Scan – bekannt als Volumetric Video – erfassen. Über die hochleistungsfähige Cloud kann man via Augmented (AR) und Virtual Reality (VR) vernetzt mit vorhandenen Tools zusammenarbeiten und in Arbeitsabläufe eintauchen. „All diese Entwicklungen bilden den technologischen Durchbruch für das Metaverse“, unterstreicht er, „in dem es künftig durchaus denkbar sein wird, dass ganze Fabriken remote bedient werden.“

Auch die Analysten von GlobalData sehen riesige Chancen für die Autoindustrie im Metaversum, vor allem wenn es darum geht, virtuell zugängliche digitale 3D-Zwillinge ihrer Fabriken zu erstellen. „Auf diese Weise können die Mitarbeiter Änderungen und Anpassungen an Produktionslinien in den frühen Planungsphasen gemeinsam bewerten“, sagt Emilio Campa, Thematic Analyst bei GlobalData.

Aber auch das Infotainment könnte vor einer Disruption stehen, wenn Fahrzeuge vollautonom unterwegs sein werden: „AR wird dann zukünftige Unterhaltungserlebnisse verbessern, indem es Inhalte und Videospiele über die Außenwelt legt oder Autofenster umfunktioniert, um eine völlig andere Welt anzuzeigen“, so Campa, „Es ist sehr gut möglich, dass diese Welten Teil des Metaversums werden und es Avataren von Familienmitgliedern und Freunden ermöglichen, ihnen auf langen – und langweiligen – Fahrten Gesellschaft zu leisten.“

Testfahrten in virtuellen Realitäten

Wohin die Reise geht, verdeutlicht Chang Song, President und Head of Transportation-as-a-Service bei Hyundai: „Die Idee hinter der Metamobilität ist, dass Raum, Zeit und Entfernung irrelevant werden. Indem wir Roboter mit dem Metaverse verbinden, können wir uns frei zwischen der realen und der virtuellen Welt bewegen.“ Der koreanische Konzern gilt als Vorreiter auf diesem Feld, überzeugt davon, dass das Metaverse bisherige Prozesse und Arbeitsweisen grundlegend umkrempeln wird: „Und wenn wir einen Schritt über die immersive Vor-Ort-Erfahrung per Stellvertreter hinausgehen, die das Metaverse ermöglicht“, so Song, „dann werden Roboter eine Erweiterung unserer Sinne sein.“

Unterdessen zeigte Autozulieferer Hyundai Mobis auf der diesjährigen CES wie sich Testfahrten für Autokäufer künftig ins Metaverse verlagern könnten. Besucher schlüpften entweder auf dem Messestand oder von zuhause aus als Avatar in eines der beiden Konzeptfahrzeuge und fuhren durch eine bonbonfarbene virtuelle Welt, bei der sie unter anderem erfahren konnten, wie wendig die Wagen durch die 90-Grad-Drehung aller vier Räder werden.

Die Koreaner verfolgten damit auch ein pädagogisches Ziel: Es gelte, so ein Sprecher, das Metaverse und seine Möglichkeiten auf „interaktive, praktische und unterhaltsame Weise“ den Menschen näherzubringen. Denn für viele sei es immer noch schwer zu verstehen. Da ist was dran. Aber nicht mehr lange, denn die Autoindustrie hat gute Chancen, schon sehr bald Aufklärungsarbeit in Sachen Metaverse zu leisten. Der Anfang ist gemacht.

Sie möchten gerne weiterlesen?

Registrieren Sie sich jetzt kostenlos:

Bleiben Sie stets zu allen wichtigen Themen und Trends informiert.
Das Passwort muss mindestens acht Zeichen lang sein.
*

Ich habe die AGB, die Hinweise zum Widerrufsrecht und zum Datenschutz gelesen und akzeptiere diese.

Mit der Registrierung akzeptiere ich die Nutzungsbedingungen der Portale im Industrie-Medien-Netzwerks. Die Datenschutzerklärung habe ich zur Kenntnis genommen.

Sie sind bereits registriert?