| von Wolfgang Gomoll

Alle guten Dinge sind drei! Das gilt auch für die MEB-Crossover. Nach dem VW ID.4 und dem Skoda Enyaq komplettiert der Audi Q4 e-tron im Juni das hochbeinige Elektroterzett. Die Rollenverteilung ist dabei klar: Der VW gibt jedermanns Liebling, der Skoda den cleveren Tschechen mit einem guten Preis-Leistungs-Verhältnis und der Audi den feinen Premium-Herren.

Das merkt man schnell beim Einsteigen. Der Innenraum kann sich sehen und fühlen lassen, auch wenn das oben und unten abgeflachte Lenkrad auf den ersten Blick etwas unförmig aussieht, liegt es gut und sicher in der Hand. Schon nach ein paar Metern stellt sich das bekannte MEB-Elektroplattform-Gefühl ein: solides, entspanntes Dahingleiten. Wir sitzen in der großen Version des Elektro-Baukastens. Die genauen Leistungsdaten wollen die Ingolstädter noch nicht preisgeben. Wir gehen von einer 75 kW / 102 PS starken Asynchronmaschine (ASM) vorne und hinten einer etwa 150 kW / 204 PS starken permanenterregten Synchronmaschine aus. Zusammen ergibt das 225 kW / 306 PS. Um möglichst wenig Strom aus der 82-Kilowattstunden-Batterie (77 kWh netto) zu saugen, springt die Vorderachse der Hinterachse nur bei Bedarf blitzschnell zur Seite. Aus diesem Grund ist der vordere Elektromotor in der asynchronen Bauweise ausgelegt, da dieser auch mitlaufen kann, wenn kein Strom anliegt.

Das Zusammenspiel der beidem Antriebseinheiten funktioniert reibungslos. Wir fühlen uns in diesem Audi von der ersten Sekunde an wohl. Die 150 kW der Hinterachse reichen völlig aus, um im Verkehr flott mitzuschwimmen. Bei einer flott durcheilten Kurve verrichtet der Quattroantrieb zuverlässig seine Arbeit und stellt den Fahrer vor keine allzu großen Probleme, und wenn es einmal eng wird, melden sich die Vorderräder freundlich zu Wort. Die Mischbereifung mit 235er Pneus vorne und 255er Reifen hinten trägt ebenfalls zum gutmütigen Fahrverhalten bei. Wer einen spitz ausgelegten Kurvenräuber sucht, sitzt im falschen Audi. "Mit dem Q4 e-tron wollen wir Kunden zur Elektromobilität bringen", erklärt Pirmin Reimeir, Projektleiter für den Q4 Sportback e-tron. Dass es die Quattro-Version im Gegensatz zur Variante mit reinem Heckantrieb, die maximal 160 km/h schnell ist, auf 180 km/h bringt, ist ein Extra, das sich auf Autobahnen bemerkbar macht. Die zusätzlichen 75 kW zahlen sich bei Zwischenspurts schon eher aus. Das führt uns zum Verbrauch: Wir kamen mit wenigen engagierten Spurts auf 23,9 kWh/100 km.

Kein Cockpit-Kokon

Der Audi Q4 e-tron ist betont komfortabel ausgelegt und die adaptiven Dämpfer lassen sich auch durch einen ausgeprägten Löchertanz beim Durchfahren einer schlecht asphaltierten Baustelle nicht aus der Ruhe bringen. Wer es etwas straffer mag, greift zum Sportfahrwerk, mit dem die Karosserie des Q4 e-tron um 15 Millimeter tiefer über den Asphalt fliegt. Da der Audi Q4 e-tron über keine Luftfederung verfügt, bleibt das Tieferlegungsniveau auch bei Effizienz-Fahrmodus unverändert. Allerdings ist dann schon bei 130 km/h Schluss. Die Spreizung der einzelnen Fahrmodi ist zwar spürbar, aber nicht so ausgeprägt wie zum Beispiel beim Audi e-tron GT. Wer extrem sparsam unterwegs sein will, muss etwas im Effizienz-Menü suchen und findet da das Range-Fahrprogramm, das den Vortrieb schon bei 90 km/h unterbindet. Die Rekuperation ist dagegen ausgeprägter als beim e-tron GT.

Das Cockpit ist mehr Kokon denn luftige Wohnlandschaft. Ungemütlich eng wird es dennoch nicht, außerdem kommt jeder Audi-Kenner mit der Bedienung schnell zurecht. Auch hier soll der Einstieg in die Elektromobilität einfach sein, zudem spielt Audi auch im Innenraum die sportliche Karte. Der Touchscreen ist 11,6 Zoll groß und damit der größte, den Audi aktuell zu bieten hat. Apropos Größe: Ein echtes Highlight ist das Head-up-Display, mit dem eine gehörige Portion Luxusklasse in das Elektro-SUV kommt. Der riesige rechteckige Krater lässt schon vermuten, was sich da für eine virtuelle Leinwand vor den Augen des Fahrers auftut: Die Hinweise werden über eine Breite von 70 Zoll zehn Meter vor dem Fahrer projiziert, das ist das Niveau der Anzeige der Mercedes S-Klasse. Damit die Anzeigen und die Markierungen bei den Autos vor dem Audi nicht ruckeln, sind aufwendige Berechnungen nötig, die die Anzeigen mit 60 Einzelbildern pro Sekunde 250 Millisekunden in die Zukunft projizieren. Das alles funktioniert geschmeidig und fehlerfrei. Bei der Darstellung der Richtungspfeile beschreitet Audi einen anderen Weg als Mercedes. Während die Schwaben mehrere "fliegende" Pfeile die Richtung weisen lassen, ist es bei Audi einer. Uns gefällt die schwäbische Variante besser, da der Kontrast der Grafik bei Audi bei hellem Gegenlicht besser sein könnte.

Das Platzangebot überzeugt: Das sogenannte Innenraummaß von Pedal bis zur Rücksitzlehne beträgt 1,83 Meter. Damit kommt im Fond des 4,59 Meter langen E-SUVs echtes Oberklassen-Feeling auf, denn die Beinfreiheit ist ähnlich groß wie beim Audi Q7. Wir konnten es uns richtig bequem machen. Aber auch für das Gepäck und anderen Krimskrams ist genug Platz: Der Kofferraum fasst 520 Liter und wächst beim Umlegen der Rücksitzlehnen auf 1.490 Liter. Genauso wichtig sind die Ablagen, die es insgesamt auf 24,8 Liter Volumen bringen. Witziges Detail sind die quer liegenden Einschübe oben an den Türinnenseiten, in die Ein-Liter-Flaschen passen. Damit gehört das Tasten nach den Getränken, die sich im großen Fach unten in der Tür befinden, der Vergangenheit an. So viel Ingenieursschmalz hat natürlich seinen Preis, wir rechnen damit, dass der Audi Q4 e-tron die 40.000-Euro-Marke knacken wird.

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