Sven Lorenz leitet das Geschäftsprozessmanagement im Volkswagen-Konzern

Sven Lorenz, hier im Gespräch mit Pascal Nagel, leitet das Geschäftsprozessmanagement im Volkswagen-Konzern.

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Herr Lorenz, für Ihre neue Datenbank für alle Partner haben Sie einen industrieweiten Standard im Stammdatenmanagement etabliert. Was bedeutet das konkret? Wie erfolgt die Pflege der Daten? Macht das alles Cofinity-X für Sie?

Wir kommen aus einer Historie, in der jedes Unternehmen die öffentlich verfügbaren Stammdaten seiner Geschäftspartner selbst verwaltet hat. Der Volkswagen Konzern hat das früher auch noch so gemacht, und zwar mehrfach, nämlich in jeder großen Einzelmarke. In einer ersten Stufe wurde das konzernweite Geschäftspartner-Stammdatenmanagement vor einigen Jahren für den Volkswagen Konzern zusammengefasst.

So viel zur Historie. Kommen wir zur Gegenwart.

Die Idee, das Verwalten immer gleicher Daten noch eine Stufe weiter zu konsolidieren - nämlich für die gesamte Automobilindustrie- hat zu dem Business Partner Data Management Service von Catena-X geführt. Diesen Service hat Cofinity-X als Bertreibergesellschaft von Catena-X inzwischen in die kommerzielle Anwendung gebracht. Anders als bei den Datenketten für andere Catena-X Anwendungen handelt es sich hier um eine zentrale Datenbank, die durch Cofinity-X gepflegt wird. Wir geben zusammen mit anderen Catena-X Partnern unsere Stammdaten in diese Datenbank, sie werden verglichen, Duplikate entfernt und Attribute abgeglichen. Dadurch entsteht ein Golden Record, der dann wieder zurückgespielt wird. Wir erhalten unsere eigenen Daten verbessert zurück.

Wie würden Sie die Vorteile in einem Satz zusammenfassen?

Der Services des Business Partner Data Managements macht die Pflege von Geschäftspartner-Stammdaten effizienter und qualitativ hochwertiger. Er sorgt für eine vertrauensvolle Partnerschaft in weitergehenden Catena-X-Diensten.

Das ist die Basis, richtig?

Ja, es ist die Basis für die Nutzung weiterer Catena-X Services. Durch den BPDM Service liegen Grunddaten für zahlreiche Partner in der automobilen Lieferkette bereits vor. Er nur ein kleiner Schritt, sich als Unternehmen für die Nutzung von Catena-X zu registrieren. Mit der Registrierung erhält das Unternehmen seine Business-Partner-ID, ähnlich einem Personalausweis. Teilnehmende Unternehmen werden dadurch eindeutig identifiziert und können mit der sogenannten Wallet ihren Geschäftspartnern zusätzliche Informationen, wie z.B. notwendige Zertifizierungen, bereitstellen.

Welche weiteren Vorteile ergeben sich daraus?

Über die Zeit verändern sich die Daten von Geschäftspartnern: Adressen ändern sich, neue Geschäftspartner kommen hinzu. Früher musste sich jedes Unternehmen selbst um darum kümmern und die Daten ständig aktuell halten. Das bindet Ressourcen. Wenn das die Industrie nun gemeinschaftlich übernimmt, ist es sehr wahrscheinlich, dass neue Geschäftspartner mit ihren Stammdaten bereits im System vermerkt sind. So erhält man schnell die Daten des neuen Geschäftspartners, wenn man den Service nutzt. Das vermeidet redundante Aufwände in allen teilnehmenden Firmen. Ein wichtiger Aspekt ist auch die Datenqualität. Schlechte Stammdaten führen zu Problemen und Mehraufwänden bei internen Prozessen. Durch den gemeinsamen Ansatz wird die Datenqualität deutlich erhöht. Ein weiterer Vorteil ist, dass wir mit diesem Service auch eine sogenannte Zertifikate-Wallet einführen. Damit können Unternehmen nachweisen, dass sie bestimmte Prozessstandards oder IT-Sicherheitsrichtlinien einhalten. Diese Zertifikate sind dann zentral für alle Geschäftspartner des Unternehmens verfügbar. Das ist ein Anreiz besonders für kleinere Firmen.

Bleiben wir bei den kleinen und mittleren Unternehmen. Warum sollten diese bei Catena-X mitmachen?

Wenn große Unternehmen ihre Daten verfügbar machen und diesen Service nutzen, entsteht der Vorteil über das gemeinsame Administrieren und die Qualitätsverbesserung. Aber der Service ist auch für kleinere und mittlere Firmen interessant, die eine kleinere Zahl von Geschäftspartnern verwalten. Sie müssen nicht mehr individuell ihre Daten in verschiedenen Lieferantenportalen pflegen. Stattdessen können sie sich bei Cofinity-X anmelden, ihre Daten einmal eingeben und wissen, dass ihre Kunden diese Daten aus einer Quelle erhalten. Das ist effizienter für sie.

Auch im Qualitätsmanagement soll 2024 ein erster Use-Case starten. Ein großer Tier-1-Zulieferer ist bereits an Bord. Können Sie den aktuellen Stand erläutern?

Das steht kurz bevor, aber wir möchten noch nicht alle Karten aufdecken.

Wie genau soll die schnellere Verfügbarkeit von Frühwarnindikatoren den Qualitätsmanagementprozess bei VW verbessern?

Wenn wir frühzeitig über technische Fehler informiert sind und Maßnahmen ergreifen können, um Fehler zu beheben, reduzieren wir die Auswirkungen auf den Kunden und die entstehenden Kosten. Es geht also darum, diesen Fehlerabstellprozess maximal zu verkürzen, indem wir frühestmögliches Wissen nutzen.

Können Sie dafür ein Beispiel nennen?

Mit Frühwarnindikatoren aus der Lieferkette kann schneller und effizienter auf Qualitätsprobleme reagiert werden. Wenn zum Beispiel eine Charge von Bauteilen fehlerhaft ist und der Lieferant eines unserer Tier-1-Partner dieses meldet, kann diese Information durch das Catena-X-Netzwerk sofort weitergeleitet werden. So wissen wir, ob die fehlerhaften Teile kurz vor dem Einbau in unsere Fahrzeuge stehen oder bereits verbaut wurden. Im letzteren Fall können wir gezielte Maßnahmen ergreifen, um das Problem zu beheben, bevor es den Kunden betrifft.

Ein weiterer Punkt ist die Auflösung von Engpasssituationen beim Bedarfskapazitätsmanagement. Können Sie dazu ein Beispiel geben, wie Cofinity-X helfen kann?

Wir kennen alle die überraschenden, meist durch höhere Gewalt verursachten Probleme in der Lieferkette, wie etwa der blockierte Suezkanal oder schwere Unwetter, die zu Produktionsausfällen bei Zulieferern geführt haben. Solche Ereignisse sind schwer vorhersehbar, und die Auswirkungen sind oft nicht unmittelbar ersichtlich. Das Catena X-Netzwerk kann in solchen Fällen schnell konkrete Kapazitätseinschränkungen und Lieferprobleme melden, die dann bis zu uns als OEM durchgestellt werden. Bedarfs- und Kapazitätsdaten sind zwar vertrauliche Informationen, aber in Situationen höherer Gewalt besteht kartellrechtlich die Möglichkeit, solche Warnungen abzusetzen. Dadurch können wir schneller auf Engpässe reagieren und alternative Beschaffungswege suchen, bevor das Problem durch fehlendes Material in der Produktion sichtbar wird.

OEMs müssen sich dennoch auf solche Situationen vorbereiten und sich mehrschichtig aufstellen, um nicht von einem einzigen Zulieferer abhängig zu sein, oder?

Das stimmt, aber es gibt Komponenten, bei denen mehrere Tier-1-Zulieferer möglicherweise auf denselben Sublieferanten zugreifen. Solche Situationen sind oft nicht direkt ersichtlich. Eine schnelle Transparenz bei Engpässen würde der gesamten Lieferkette helfen. Transparenz ist im Bedarfs- und Kapazitätsmanagement entscheidend, um Risiken zu minimieren und effizient zu arbeiten.

Wir führten kürzlich ein Interview mit Oliver Ganser, der sagte, viele Unternehmen wissen nicht, wo sie Catena X thematisch einordnen sollen. Wie ist das bei Volkswagen geregelt und wie nehmen Sie das wahr, wenn Sie mit anderen Unternehmen darüber sprechen?

Das Thema betrifft viele Bereiche im Unternehmen. Die Anwendungen, die von einer Datentransparenz in der Lieferkette profitieren, liegen zum Beispiel in der Beschaffung, der Produktion, der Entwicklung oder in Querschnittsbereichen wie dem Nachhaltigkeitsmanagement. Ein Bereich, der immer involviert ist, ist die IT. Wir bei Volkswagen haben diese Verantwortung in der Produktion und Logistik verankert.

Es ist also entscheidend, dass dem Unternehmen die Relevanz bewusst ist und kontinuierlich daran gearbeitet wird?

Richtig, und genau das tun wir auch.

Dann lassen Sie uns noch kurz auf das Thema Nachhaltigkeit eingehen. Sie prüfen aktuell verschiedene Use Cases. Können Sie einen Einblick geben, was Sie sich dabei anschauen und wie die Bewertung abläuft?

Ein Thema ist zum Beispiel der Battery Pass, der ab 2027 verpflichtend wird.  Ein weiteres Beispiel sind die Lieferkettengesetze, die soziale Standards in der Lieferkette absichern. Beides sind regulatorische Themen. Sie erfordern, dass Daten über die gesamte Lieferkette vom Rohstofflieferanten bis zum OEM dokumentiert und zusammengeführt werden. Bei den vielen Regulierungen und der Menge an Datenpunkten ist es für Unternehmen eine enorme Herausforderung, diese Daten selbst zentral zu ordnen. Catena-X dreht das um und etabliert ein Ökosystem, in dem die Daten entlang der Lieferkette gesammelt weitergeleitet und zusammengeführt werden. Das reduziert den Aufwand für alle Beteiligten erheblich.

Sind Sie also bereits in diesem Projekt involviert, oder prüfen Sie noch, welchen Nutzen es für Sie hat?

Es ist zu früh, darüber zu sprechen, in welchen Konstellationen und mit welchen Partnern wir in Gesprächen sind. Aber Catena-X ist definitiv Teil der Lösung. Es löst den Teil der Datensammlung entlang der Lieferkette. Für den Battery Pass haben wir beispielsweise ein internes Projekt, bei dem wir Catena X als Teil der Lösung berücksichtigen. In welcher Konstellation und mit welchen Partnern wir das machen, das geben wir zu einem geeigneten Zeitpunkt bekannt. Es ist viel Bewegung drin, und das spornt uns an.

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