Ein Fahrer testet den autonomen Drive Pilot in der neuen S-Klasse.

Mercedes-Benz bringt das autonome Fahren in seinen Flagship-Modellen auf die Straße. (Bild: Mercedes-Benz)

Noch in diesem Halbjahr soll es endlich so weit sein: Mercedes-Benz will die Vorreiterrolle beim autonomen Fahren beanspruchen und seinen Drive Pilot auf die Straße bringen. Kurz vor dem Jahreswechsel konnte der Premiumhersteller bereits Vollzug bei der Zertifizierung vermelden, nachdem Konzernchef Ola Källenius diese für 2021 angekündigt hatte. Mit der Genehmigung des Kraftfahrt-Bundesamts (KBA) – auf Basis der technischen Zulassungsvorschrift UN-R157 – soll das System zunächst in der neuen S-Klasse und anschließend im vollelektrischen EQS zum Einsatz kommen.

Nachdem die autonome Fahrfunktion bereits ausgiebig der Öffentlichkeit präsentiert wurde, gilt es nun, den selbst auferlegten Zeitplan einzuhalten. Der Marktstart in Deutschland markiert dabei einen wichtigen Meilenstein. Bis Ende des Jahres soll das System dann in Kalifornien und Nevada auf die Straße kommen. Für den Rest der USA, weitere europäische Länder sowie China ist eine schrittweise Einführung vorgesehen, sobald es einen nationalen Rechtsrahmen gibt, der insbesondere eine Abwendung von der Fahraufgabe erlaubt.

Drive Pilot läutet Paradigmenwechsel ein

Der Drive Pilot wird demnach zunächst auf deutschen Autobahnen die gesamte Fahrtätigkeit übernehmen, solange 60 km/h nicht überschritten werden. Freigegeben sind laut Hersteller insgesamt rund 13.200 Kilometer an Strecke. Der Fahrer kann sich Nebentätigkeiten widmen, muss aber übernahmebereit bleiben. In Tunneln und Baustellenabschnitten, bei herannahenden Rettungsfahrzeugen sowie bei stark regnerischem Wetter funktioniert das System allerdings nicht.

„Als erster Hersteller geht bei uns hochautomatisiertes Fahren in Deutschland in Serie“, freut sich Markus Schäfer, Vorstandsmitglied von Daimler und Mercedes-Benz sowie Chief Technology Officer. „Mit diesem Meilenstein beweisen wir einmal mehr unsere Pionierleistung beim automatisierten Fahren und leiten zudem einen radikalen Paradigmenwechsel ein. Denn erstmals in 136 Jahren Automobilgeschichte übernimmt das Fahrzeug unter bestimmten Voraussetzungen die dynamische Fahraufgabe.“

Neuer Lidar von Valeo wird zum Kernelement

Die technische Grundlage des Drive Pilot bildet eine Kombination aus Radar, Lidar, Kameras und Mikrofonen. Zur Orientierung dienen Informationen aus HD-Karten im Backend sowie ein Positionierungssystem, das Mercedes zufolge weit über gängige GPS-Systeme hinausreicht. Redundante Lenk- und Bremssysteme sowie ein redundantes Bordnetz sollen die Manövrierfähigkeit selbst bei einem Systemausfall gewährleisten.

Den Kern der Sensorik stellt dabei die zweite Lidar-Generation des Valeo Scala dar, die bei allen Lichtverhältnissen funktionieren, mögliche Verfälschungen - etwa durch Regentropfen – mittels Software eliminieren und eigenständig das Reinigungssystem auslösen soll, wenn das Sichtfeld durch Eis oder Staub blockiert ist. Laut dem Zulieferer feiert die Lidar-Generation in der neuen S-Klasse ihre Premiere.

Die Vision vom autonomen Parken

Doch nicht nur das Fahren, auch das Parken soll autonom werden. Analog zur Evolution von Intelligent Drive zu Drive Pilot erhält der Memory-Park-Assistent auf SAE-Level 2, der das Einlernen für einen spezifischen Stellplatz ermöglicht, ein visionäres Pendant. So sind S-Klasse und EQS mit dem Intelligent Park Pilot bereits für Automated Valet Parking (AVP) auf SAE-Level 4 gerüstet.

In Parkhäusern mit der notwendigen Infrastruktur kann damit über das Smartphone vollautomatisiert und fahrerlos ein- und ausgeparkt werden. Das Auto wird auf einer vordefinierten Abstellfläche verlassen, fährt eigenständig zu einem freien Parkplatz und kehrt auf Wunsch zur Pickup-Area zurück.

Mercedes-Benz überprüft Synergiepotenziale

Während das autonome Parken gemeinsam mit Bosch – unter anderem in Stuttgart und Peking – weiter erprobt wird, gehen die beiden Partner bei der Entwicklung von Robotaxis indes seit Sommer 2021 getrennte Wege. Somit gehört das US-Unternehmen Luminar neben Nvida zu den nennenswerten, verbleibenden Partnern. Es soll weiterentwickelte, bezahlbare Sensoren für die Serienproduktion liefern. Obwohl Markus Schäfer in diesem Sinne zwar die immense Bedeutung von Kooperationen betont, scheint es eher, als würde sich der Konzern auf eigene Kompetenzen besinnen. Dabei legt er – im Gegensatz zu Konkurrenten wie Volkswagen – nicht nur den klaren Fokus auf autonome Fahrfunktionen für Privatfahrzeuge, sondern stellt auch die Synergiepotenziale von Partnerschaften stetig auf den Prüfstand.

Das beste Beispiel hierfür ist die Entwicklungskooperation mit BMW, die im Sommer 2020 nach rund einem Jahr auf Eis gelegt wurde. Nach einer Elefantenhochzeit im Bereich des autonomen Fahrens, der laut Gerüchten auch Audi hätte beiwohnen können, kehrten die deutschen Autobauer zum Status Quo zurück – einem Konkurrenzverhältnis. Angesichts des „hohen Aufwands für eine gemeinsame technologische Basis“ und der „gesamtunternehmerischen und konjunkturellen Rahmenbedingungen“ könne die Kooperation nicht erfolgreich umgesetzt werden, hieß es damals. Sollte der Drive Pilot nun in naher Zukunft auf die Straße kommen, hätten die Stuttgarter im Wettlauf mit der Konkurrenz einen fliegenden Start hingelegt.

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