Dirk Hahn, Vorstandsvorsitzender von Hays

Dirk Hahn, Vorstandsvorsitzender von Hays: "Viele Unternehmen sondieren strikt, welche Sparten sie beibehalten und welche nicht." Bild: Hays

| von Werner Beutnagel

Welche Fachkräfte sind innerhalb der Autobranche momentan besonders gefragt? Welche Bereiche nehmen in der Priorität tendenziell eher ab?

Insbesondere Fachspezialisten mit Softwarekenntnissen stehen hoch im Kurs. Das sind beispielsweise UX/UI-Spezialisten, Web-App-Entwickler aber auch Cyber Security Experten oder Softwareentwickler von Onboard-Systemen (MBOS). Was die Elektromobilität anbelangt, gibt es ebenfalls eine sehr hohe Nachfrage nach ausgewiesenen Experten - und zwar wenn es beispielsweise um das Batteriemanagement oder die Elektro-Antriebe geht. Hier werden KI-Spezialisten ebenso gesucht wie Cloud-Spezialisten oder Elektrotechniker. Im Bereich der Antriebs- und Fahrwerk-Expertise oder auch bei den klassischen Konstrukteuren gibt es eher Überkapazitäten, daher ist die Nachfrage nach diesen Experten eher rückläufig.

Was hat die Corona-Pandemie in den Personalbedarfen und -strategien der Autohersteller verändert?

Anfangs, also mit Beginn der Pandemie ging es darum, die bestehenden Beschäftigten in Sicherheit zu bringen – das heißt, die Mitarbeiter ins Homeoffice zu schicken oder aber Kurzarbeit anzumelden. Mit Ausnahme von beispielsweise den IT-Sicherheitsexperten, sind die Personalbedarfe nahezu auf null heruntergefahren worden. Insgesamt wurden im Zuge der Pandemie die Abbaustrategien konsequenter umgesetzt als davor. Komplette Bewerber-Zyklen wurden auf Eis gelegt oder erst einmal verschoben. Es fand eine akute Neubewertung von externen Ressourcen und internen Projektanträgen statt. Neubeauftragungen wurden teilweise gestoppt, Bestellzeiten verkürzt und es gab ad-hoc Neusteuerung bei Projektlaufzeiten und Arbeitsvolumen. Man kann also sagen, alle Projekte wurden erst einmal auf den Prüfstand gestellt, dabei stand vor allem der „Lean“-Gedanke wieder im Vordergrund.

Seit dem Spätsommer 2020 steigt der Personalbedarf allerdings wieder an. Zwar ist man noch weit entfernt vom Vorjahresniveau und fährt weiter auf Sicht, aber es macht sich doch eine gewisse Zuversicht breit. Automobilhersteller und Zulieferer bündeln ihre Ressourcen nun mehr als vorher und wollen ihre Kernkompetenzen ausbauen. Viele Unternehmen sondieren nun auch strikt, welche Sparten sie beibehalten und welche nicht. Das wirkt sich natürlich auch auf die Kandidatenanforderungen aus. Diese werden immer spezifischer. Auch wird stärker auf die zwischenmenschliche Kompetenz jedes Kandidaten geschaut. Preissensibilität nimmt zu und es wird auf digitale Vorstellungsgespräche gesetzt, um den Einstellungsprozess zu beschleunigen.

Wie bewerten Sie den derzeitigen Reifegrad der Branche in Sachen mobiles Arbeiten und Homeoffice? Wo besteht noch Nachholbedarf? Und wäre die Branche einer möglichen Pflicht zum Homeoffice durch die Regierung gewachsen?

Viele Automobilfirmen haben von 0 auf 100 Prozent remote umgestellt. Für alle, die nicht am Fahrzeug arbeiten müssen, funktioniert mobiles Arbeiten. Daher wurde es nach anfänglichen Stolpersteinen mittlerweile flächendeckend eingeführt. Sogar in der Prüfstands-Programmierung wird vermehrt mit Bibliotheken-Anbindung gearbeitet, um auch hier die Mitarbeiter im Homeoffice produktiv zu halten.

Natürlich gibt es immer noch Bereiche, in denen Homeoffice nicht möglich ist, wie beispielsweise beim Testing von Systemen. Diese Bereiche würden durch die Homeoffice-Pflicht der Regierung komplett zum Erliegen kommen. Diese Pflicht wäre zwar teilweise umsetzbar, wäre aber mit erhöhtem Aufwand sowie Kosten verbunden. Die Ausstattung kostet viel Geld, manche IT-Systeme sind noch nicht so flexibel, wie sie sein müssten, vorhandene Büroflächen müssten umorganisiert werden, Arbeitsschutz und -zeitmodelle müssten neu geregelt werden. Personalführung sowie Gesprächskulturen müssten entsprechend angepasst werden. Zusammenfassend lässt sich sagen: im Bereich Entwicklung wäre die Branche einer Pflicht zum Homeoffice gewachsen, in ihren alten Produktionsstrukturen allerdings nicht.

Zur Person

Dirk Hahn begann seine berufliche Karriere im Jahr 1997 bei der Personalberatung Hays. Der Diplom-Kaufmann war hier zunächst im Vertrieb tätig, wo er vom Abteilungs- zum Bereichsleiter und schließlich zum Director aufstieg. Im Januar 2008 wurde Dirk Hahn als COO in den Vorstand von Hays berufen. Bevor er im Januar 2020 zum Vorstandsvorsitzenden der Hays AG ernannt wurde, verantwortete er den Vertrieb in den Specialisms Engineering, Construction & Property, Life Science und Healthcare.

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