Digitale Infrastruktur

Deutsche Firmen hadern zunehmend mit Cloud-Abhängigkeit

Deutsche Unternehmen sehen ihre Abhängigkeit von US-Clouds zunehmend kritisch. Eine Bitkom-Umfrage zeigt den Wunsch nach europäischen Alternativen. Volkswagen liefert mit seiner neuen Private Cloud ein Beispiel für den strategischen Kurswechsel.

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Techniker steht mit einem mobilen Gerät zwischen Serverracks in einem Rechenzentrum von 1&1 in Baden. Die Aufnahme zeigt Reihen von Servern mit roten und blauen Statusleuchten und verweist auf den Ausbau deutscher Cloud-Infrastruktur.
Deutsche Anbieter wie Ionos investieren in zusätzliche Rechenzentrumskapazitäten, können die marktprägende Rolle der US-Hyperscaler bislang aber nur begrenzt aufbrechen.

Der Ruf nach mehr Unabhängigkeit bei Cloud-Technologien wird in der deutschen Wirtschaft lauter. Laut einer repräsentativen Umfrage des Digitalverbands Bitkom halten 85 Prozent der befragten Unternehmensverantwortlichen Deutschland in diesem Bereich für zu abhängig von Anbietern aus den USA. Im vergangenen Jahr lag der Wert noch bei 78 Prozent. Die Zahlen stammen aus dem aktuellen „Cloud Report 2026“. Für die Studie wurden im April und Mai 603 Unternehmen ab 20 Beschäftigten befragt. Die Ergebnisse zeigen, dass Cloud-Infrastrukturen für viele Firmen zunehmend zu einer strategischen Frage werden. Dabei geht es um Leistungsfähigkeit und Kosten, aber auch um Kontrolle über Daten, regulatorische Anforderungen und geopolitische Risiken.

Wie tief die Abhängigkeit inzwischen verankert ist, zeigt ein Blick auf die tatsächliche Nutzung. 71 Prozent der deutschen Unternehmen beziehen Cloud-Angebote aus den USA. Bevorzugen würden amerikanische Anbieter jedoch nur acht Prozent der Befragten. Das Wunschbild fällt deutlich anders aus. 91 Prozent der Unternehmen würden laut Bitkom Cloud-Provider aus Deutschland vorziehen. Aktuell haben aber nur 53 Prozent einen solchen Anbieter im Einsatz. Zwei Drittel der Firmen fühlen sich zudem allein durch die Politik der US-Regierung gezwungen, ihre Cloud-Strategie zu überdenken.

„Die Cloud ist eine zentrale Infrastruktur für die deutsche Wirtschaft. Angesichts der großen geopolitischen Veränderungen rücken jetzt Fragen der Souveränität und des Abbaus einseitiger Abhängigkeiten in den Fokus“, ordnet Bitkom-Präsident Ralf Wintergerst die Entwicklung ein. „Deutschland muss sich bei der Cloud mit Blick auf die zunehmende Bedeutung von KI und Daten aus einseitigen Abhängigkeiten lösen.“ 

Balkendiagramm des Bitkom Cloud Report 2026 zur Herkunft von Cloud-Providern. 91 Prozent der befragten Unternehmen würden Anbieter aus Deutschland bevorzugen, tatsächlich nutzen 53 Prozent deutsche Cloud-Provider. US-Anbieter werden nur von acht Prozent bevorzugt, sind aber bei 71 Prozent im Einsatz. Zudem geben 98 Prozent der Unternehmen an, dass das Herkunftsland bei der Auswahl des Cloud-Anbieters eine Rolle spielt.
91 Prozent der Unternehmen würden Cloud-Anbieter aus Deutschland bevorzugen, tatsächlich setzen aber 71 Prozent auf Provider aus den USA.

Europäische Anbieter gelten oft noch nicht als gleichwertig

Der Wunsch nach deutschen oder europäischen Cloud-Lösungen trifft jedoch auf eine strukturelle Hürde. 43 Prozent der befragten Firmen geben an, dass es für ihre technologischen Anforderungen derzeit keine gleichwertigen europäischen Alternativen zu den großen US-Anbietern gebe. Zugleich fordern 80 Prozent den Aufbau deutscher oder europäischer Hyperscaler, die mit den globalen Marktführern konkurrieren können.

Damit wird der Zielkonflikt deutlich. Unternehmen wollen ihre digitale Souveränität erhöhen, bleiben aber auf skalierbare und leistungsfähige Cloud-Umgebungen angewiesen. Gerade datenintensive Anwendungen, KI-Systeme und Softwareplattformen erhöhen den Bedarf an Rechenleistung. Europäische Anbieter müssen deshalb nicht allein regulatorische Sicherheit bieten. Sie müssen auch bei Verfügbarkeit, Funktionsumfang und Wirtschaftlichkeit überzeugen.

Souveränität hat klare Kostengrenzen

Die Bereitschaft zu Kompromissen wächst, bleibt aber begrenzt. 37 Prozent der Unternehmen wären laut Bitkom bereit, Nachteile in Kauf zu nehmen, wenn ein Cloud-Dienst ihre Daten strikt in Deutschland verarbeiten und vor ausländischem Zugriff schützen würde. 25 Prozent würden längere Wartezeiten bei neuen Funktionen akzeptieren.

Beim Preis fällt die Zustimmung deutlich geringer aus. Nur zwölf Prozent der befragten Firmen wären bereit, für mehr Souveränität einen um zehn bis 20 Prozent höheren Preis zu zahlen. Das zeigt, dass digitale Unabhängigkeit in den Unternehmen zwar an Bedeutung gewinnt, sich aber wirtschaftlich rechtfertigen muss.

Volkswagen zeigt den industriellen Zielkonflikt

Wie sich diese Abwägung in der Automobilindustrie niederschlägt, zeigt Volkswagen. Der Wolfsburger Konzern setzt bei besonders sensiblen und geschäftskritischen Anwendungen zukünftig stärker auf eine Private-Cloud-Umgebung mit europäischem Rechtsrahmen. Damit reagiert der Automobilhersteller auf Anforderungen an Datensouveränität, Compliance und Resilienz, ohne seine bestehende Multi-Cloud-Strategie grundsätzlich infrage zu stellen.

Der Schritt verdeutlicht, dass digitale Souveränität in großen Industriekonzernen meist nicht als vollständige Abkehr von internationalen Cloud-Anbietern verstanden wird. Stattdessen entsteht ein differenziertes Modell. Kritische Anwendungen werden stärker kontrollierten Umgebungen zugeordnet, während Public-Cloud-Angebote für Skalierung, globale Dienste und datenintensive Projekte relevant bleiben.

Cloud-Strategie wird zur Standortfrage

Die Bitkom-Zahlen zeigen, dass der Wunsch nach deutschen und europäischen Cloud-Angeboten deutlich gewachsen ist. Gleichzeitig bleibt die Lücke zwischen Anspruch und Umsetzung groß. Viele Unternehmen sehen europäische Alternativen noch nicht als ausreichend leistungsfähig an. Hinzu kommt, dass höhere Kosten nur begrenzt akzeptiert werden. Für die deutsche Wirtschaft wird die Cloud-Frage damit zu einem Standortthema. Wer mehr Souveränität erreichen will, braucht Anbieter, die regulatorische Sicherheit mit technischer Leistungsfähigkeit verbinden. Entscheidend dürfte sein, ob europäische Cloud-Lösungen künftig nicht nur politisch gewünscht, sondern auch im industriellen Alltag wettbewerbsfähig sind.