Mehr digitale Souveränität
Volkswagen setzt auf Private Cloud von T-Systems
Volkswagen verlagert zentrale Anwendungen in eine neue konzernweite Private Cloud von T-Systems. Ziel sind mehr Kontrolle über Daten, höhere Resilienz und weniger Abhängigkeit von US-Hyperscalern. Doch der Umbau wirft Fragen zur künftigen Cloud-Strategie auf.
Volkswagen will T-Systems' Private Cloud in die bestehende IT-Landschaft integrieren, um mehr digitale Souveränität und Resilienz aufzubauen.
T-Systems
Volkswagen richtet seine IT-Infrastruktur neu aus und setzt
dabei verstärkt auf eine zentrale Private Cloud. Künftig soll die sogenannte „Group
Private Cloud 2.0“ als gemeinsame Plattform für Anwendungen im gesamten Konzern
dienen. Den Aufbau und weltweiten Betrieb übernimmt T‑Systems im Rahmen eines
umfassenden Großauftrags.
Neue Anwendungen werden nach Unternehmensangaben ab sofort
in dieser Umgebung entwickelt, während bestehende Systeme schrittweise migriert
werden sollen. Die neue Plattform ergänzt die bisherige IT im Eigenbetrieb und
ist auf einen langfristigen Transformationsprozess ausgelegt. Um welche Unternehmensbereiche es sich konkret handelt, wollte Volkswagen auf Nachfrage von automotiveIT noch nicht sagen.
Fokus auf Datensouveränität und Resilienz
Mit dem Schritt verfolgt der Konzern vor allem das Ziel, die
Kontrolle über Daten und IT-Prozesse zu erhöhen. Volkswagen betont in diesem
Zusammenhang die Bedeutung der Datenverarbeitung im europäischen Rechtsraum.
Sensible und geschäftskritische Anwendungen sollen verstärkt in einer Umgebung
betrieben werden, die regulatorische Anforderungen leichter erfüllt und
zugleich höhere Sicherheitsstandards ermöglicht. Die Cloud werde nach Unternehmensangaben auf den Rechenzentren in Wolfsburg und Ingolstadt laufen.
IT-Vorständin Hauke Stars beschreibt die Neuausrichtung als
Teil einer umfassenderen Strategie: „Wir stärken unsere digitale Resilienz mit
einer klugen Kombination aus Technologiepartnerschaften, europäischen
Initiativen und starker eigener Infrastruktur.“ Zugleich formuliert sie den
Anspruch, durch die Private Cloud künftig mehr Daten selbst zu verarbeiten und
damit wirtschaftlich unabhängiger zu werden.
Das ist insbesondere interessant vor dem Hintergrund, dass
Volkswagen in den kommenden Jahren intensiv in künstliche Intelligenz
investieren will. Auf der letztjährigen IAA in München kündigte IT-Vorständin Stars
an, bis 2030 bis zu einer Milliarde Euro für entsprechende Anwendungen in der
Entwicklung oder der IT-Infrastruktur bereitzustellen. Die neue Private Cloud
soll nun dazu beitragen, die unter anderem mit KI verarbeiteten, teils
hochsensiblen Daten ausschließlich in Europa zu nutzen.
Private Cloud mit klassischen Cloud-Versprechen
Technisch setzt Volkswagen mit der „T Cloud Private“ auf
eine dedizierte Infrastruktur, die sich von klassischen Public-Cloud-Angeboten
unterscheidet. Während große Hyperscaler ihre Dienste in geteilten, global
skalierbaren Umgebungen bereitstellen, verspricht die Private Cloud eine
stärkere Kontrolle über Datenstandorte, Sicherheitsmechanismen und
Betriebsprozesse. Gleichzeitig sollen typische Cloud-Eigenschaften wie
Skalierbarkeit, Automatisierung und effizientere Ressourcennutzung erhalten
bleiben.
Der Anspruch ist damit klar umrissen: Volkswagen will die
Vorteile moderner Cloud-Architekturen nutzen, ohne die Kontrolle über kritische
Daten abzugeben. Allerdings ist der Weg dorthin komplex. Die Transformation
erfolgt nicht als radikaler Schnitt, sondern schrittweise und parallel zum
laufenden Betrieb der bestehenden Systeme. Das deutet auf eine hybride
Zielarchitektur hin, in der klassische IT-Strukturen und neue Cloud-Umgebungen
über längere Zeit nebeneinander bestehen.
Damit steigen auch Anforderungen an Integration, Governance
und Betrieb. Unklar bleibt bislang, nach welchen Kriterien Volkswagen die
Migration priorisiert und wie schnell sich die angestrebten Effizienzgewinne
tatsächlich realisieren lassen. Gerade in großen Konzernstrukturen gelten
parallele IT-Landschaften als potenzielle Treiber zusätzlicher Komplexität und
Kosten.
T‑Systems als zentraler Betreiber
Eine zentrale Rolle übernimmt dabei T‑Systems. Der
Telekom-Dienstleister wird nicht nur die Infrastruktur bereitstellen, sondern
die Cloud auch direkt an Volkswagen-Standorten betreiben. Damit verlagert der
Automobilkonzern Teile der operativen Verantwortung an einen externen Partner,
behält aber formal die Kontrolle über die Infrastrukturarchitektur.
T-Systems-CEO Ferri Abolhassan betont in diesem Zusammenhang
den Kostenvorteil der deutschen Private Cloud: „Souveränität muss nicht teuer
sein.“ Die T-Systems-Cloud verbinde geringere Kosten mit mehr Unabhängigkeit und
Sicherheit. „Damit können wir sogar viele Public-Cloud-Angebote der Hyperscaler
preislich unterbieten“, so Abolhassan.
Auch Volkswagen betont die finanzielle Dimension: „Die Group Private Cloud gibt uns einen wirtschaftlichen Hebel in Preisverhandlungen mit Dritten“, so ein Sprecher des Unternehmens. Die gleiche wirtschaftliche Logik gelte zum Beispiel auch im Kontext der Batterietochter PowerCo.
Multi-Cloud bleibt gesetzt
Der Schritt hin zur Private Cloud bedeutet indes keine
Abkehr von bestehenden Cloud-Partnerschaften. Volkswagen sehe in der neuen Public Cloud „kein
Instrument der Abschottung“, heißt es gegenüber automotiveIT. Man bleibe eng mit internationalen Tech-Partnern verbunden und arbeite auch weiter mit ihnen zusammen. Die Wolfsburger verfolgen seit Jahren
eine Multi-Cloud-Strategie und setzen insbesondere im industriellen Umfeld auf Public-Cloud-Angebote.
Ein zentrales Beispiel ist die Digitale Produktionsplattform
(DPP), die gemeinsam mit Amazon Web Services entwickelt wurde. Diese
„Fabrik-Cloud“ vernetzt zentrale Prozesse von Auftragseingang über Logistik bis
zur Fertigung und dient als Grundlage für den Einsatz von Künstlicher
Intelligenz in der Produktion. Bereits zahlreiche Werke sind an die Plattform
angebunden, die kontinuierlich weiter ausgebaut wird.
Die DPP zeigt, wie stark Volkswagen auf skalierbare
Cloud-Infrastrukturen angewiesen ist, wenn es um datenintensive Anwendungen und
KI-Modelle geht. Parallel arbeitet der Konzern an weiteren Cloud-Initiativen,
etwa für digitale Dienste im Fahrzeug.
Zwischen Souveränität und Skalierung
Vor diesem Hintergrund wird die neue konzernweite Private Cloud vor
allem zur Ergänzung der bestehenden Strategie. Sie adressiert Anwendungen mit
hohen Anforderungen an Datenschutz, Kontrolle und Compliance, während Public
Clouds weiterhin für Skalierung und Innovation genutzt werden.
Volkswagen bleibt damit auf dem Weg eines differenzierten
Cloud-Modells, das je nach Anwendungsfall unterschiedliche Plattformen
vorsieht. Die Herausforderung wird sein, diese Welten konsistent zu
orchestrieren. Ob der Spagat zwischen Souveränität, Effizienz und
Innovationsfähigkeit gelingt, dürfte entscheidend für den Erfolg der neuen
Cloud-Strategie sein.