„Geschwindigkeit und Qualität kann man gleichzeitig erreichen“
Audis neuer Entwicklungschef Geoffrey Bouquot will „China Speed“ erreichen, ohne die eigene Marken-DNA zu verlieren. Im Interview spricht er über den KI-Umbruch in der Entwicklung und warum Vertrauen und Erklärbarkeit beim autonomen Fahren entscheidend sind.
Auf dem Mobility Circle erklärte Audis neuer Entwicklungsvorstand seine Vorstellungen von einer Audi-DNA der Zukunft.Bettina Theisinger
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Geoffrey Bouquot
steht bei Audi für einen tiefgreifenden technologischen und kulturellen Wandel. Seit Januar 2025 verantwortet der Franzose als im Audi-Vorstand das gesamte
Entwicklungsressort – zuvor hatte er bereits den Bereich Innovation und
Software-Defined Vehicle übernommen. Bouquot bringt dabei eine Perspektive mit,
die in dieser Form neu für Audi ist: geprägt von internationaler Forschung,
industriepolitischer Erfahrung und jahrzehntelanger Verantwortung für
Software-, KI- und Technologie-Transformationen.
Nach seinem
Studium an Hochschulen in Frankreich und den USA arbeitete Bouquot zunächst an
der Schnittstelle von Technologie, Staat und Industrie, unter anderem als
technischer Berater im Stab des französischen Verteidigungsministers.
Anschließend prägte er als Group CTO und Senior Vice President Strategy beim
Automobilzulieferer Valeo die strategische und technologische Neuausrichtung
eines globalen Entwicklungsnetzwerks mit 20.000 Ingenieuren.
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Seit gut einem Jahr verantwortet Geoffrey Bouquot das Entwicklungsressort bei Audi.Audi
Bei Audi will
Bouquot nun die Transformation hin zu KI-nativen Fahrzeugarchitekturen,
Software-Defined Vehicles und neuen Entwicklungslogiken vorantreiben – vor allem,
um auf dem extrem wichtigen Markt in China die junge, tech-affine Kundschaft anzusprechen.
Im Gespräch mit Stefan Bratzel, Leiter des Center of Automotive Management und Gastgeber des Mobility Circles 2025 in München, erklärt er, wie Audi den „China Speed“
nutzt, um Innovationen schneller in den Markt zu bringen, ohne die eigene
Marken-DNA zu verwässern. Er spricht über den Paradigmenwechsel von
regelbasierter Software hin zu lernenden KI-Systemen, über Vertrauen und
Erklärbarkeit als zentrale Währungen beim autonomen Fahren und darüber, warum
konsequente Standardisierung im Konzern die Voraussetzung für echte
Differenzierung im Premiumsegment ist.
Herr Bouquot,
Sie sind im Sommer 2024 von Valeo zu Audi gewechselt, zunächst als Vorstand für
Innovation und Software. Im Januar 2025 haben Sie dann das gesamte
Entwicklungsressort übernommen. Was sind Ihre Erfahrungen aus den ersten
Monaten bei Audi und wo liegen die größten Herausforderungen aus Ihrer Sicht?
Ich bin vor rund
eineinhalb Jahren von der Zuliefererseite zu Audi gekommen. Es war für mich
eine große Ehre, Teil der deutschen Automobilindustrie zu werden. Gleichzeitig
bringe ich durch meine Erfahrungen im Bereich Software eine besondere
Perspektive mit, gerade wenn man in ein Unternehmen mit so viel Tradition und
so starkem Markenkern eintritt. Die Frage lautete dann sofort: Wie kann ich den
Wandel am besten unterstützen? Vom Start weg haben wir losgelegt – und schon
viel erreicht. Ich bin am selben Tag gestartet wie unser neuer Chef-Designer
Massimo Frascella. Und bereits im September hat Audi die Designphilosphie
vorgestellt – die neue gestalterische und technologische Ausrichtung von Audi.
Das entsprechende Fahrzeug, Concept C, ist kein reines Showcar, sondern gibt
einen Ausblick auf ein reales Produkt, das mit China Speed schon 2027 auf den
Markt kommen wird. Mit diesem Konzept wollten wir zeigen, wohin Audi sich
entwickelt. Unsere Leitlinie ist, aus den stärksten Wurzeln der Marke zu
lernen: Audi hat eine große Tradition, eine sehr starke DNA – und genau das gibt
Orientierung. Darauf bauen wir auf. Die neue Designphilosophie steht für
Klarheit, technische Intelligenz und Emotion. Wir
verfolgen das Prinzip: keine Technologie um der Technologie willen. Alles
muss auf das besondere Erlebnis unserer Kunden einzahlen – auf die Freude am
Interagieren mit einem sportlichen, zugleich komfortablen Premiumfahrzeug. Es
geht darum, das typische Audi-Erlebnis zu schaffen.
Sie haben den
berühmten „China Speed“ angesprochen, den auch Audi erreichen will. Dann lassen
Sie uns über den Markt dort sprechen. Audi hat in China zusammen mit SAIC eine
eigene Marke gegründet, um gegen die hochdynamische Konkurrenz im
Premiumsegment mit einem auf die chinesische Kundschaft abgestimmten
Modellportfolio ankommen zu können. Wie wollen Sie in China die alten Werte neu
beleben?
Wenn man über
China spricht, muss man zunächst anerkennen, dass wir dort seit 37 Jahren
präsent sind. Wir waren als erste deutsche Premiummarke überhaupt im
chinesischen Markt. Und die Realität ist schlicht: Wer im automobilen Premiumsegment ernsthaft
mitspielen will, muss in China erfolgreich sein. Dort
befindet sich der innovativste und zugleich größte Automobilmarkt der Welt. Das
ist kein Gefühl oder Meinung, das ist eine Tatsache. Wenn man also weiter
Erfolg haben will, muss man in China nicht nur präsent sein, sondern sich dem
Wettbewerb stellen. Und wir begrüßen diesen Wettbewerb ausdrücklich. Unsere
Antwort darauf wurde in den vergangenen Jahren sehr intensiv vorbereitet: Wir
wollten unser Portfolio erweitern und neue Zielgruppen gezielt ansprechen.
Deshalb haben wir gemeinsam mit SAIC eine neue Marke unter dem Audi-Dach
geschaffen. Was bringt das? Im Grunde das Beste aus zwei Welten. Die Marke ist
exklusiv auf den chinesischen Markt zugeschnitten und sehr
technologiegetrieben. Innovationen werden extrem schnell und unmittelbar zum
Kunden gebracht. Das erste Fahrzeug haben wir im November vergangenen Jahres
als Konzept vorgestellt. Die Weltpremiere des Serienmodells war im Frühjahr in
Shanghai und seit dem Sommer wird es bereits an Kunden ausgeliefert. Der E5
Sportback ist genau auf die Wünsche der chinesischen Kunden zugeschnitten – und
das liefert er mit höchster Audi-Qualität.
Können Sie das
ein wenig konkretisieren?
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Ich meine zum
Beispiel umfangreiche Widget-Strukturen im Interface, Avatare, vielfältige
Interaktionsmöglichkeiten über den Sprachassistenten sowie sehr weit
entwickelte ADAS-Funktionen. Gerade im Bereich automatisierter Fahrfunktionen
arbeiten wir eng mit Partnern wie Momenta zusammen. Aber – und das ist
entscheidend – dieses Fahrzeug fährt wie ein Audi. Es hat eine hervorragende
Fahrdynamik, die gleiche Sportlichkeit, die gleichen Charakterzüge, die man mit
unserer Marke verbindet. Diese Kombination – modernste Technologie, lokale
Geschwindigkeit und der unverwechselbare Audi-Fahrcharakter – war unser Ziel.
Die Realität ist schlicht: Wer im automobilen Premiumsegment ernsthaft mitspielen will, muss in China erfolgreich sein.
Geoffrey Bouquot, Audi
Früher hieß es
– manchmal auch etwas abfällig – die Chinesen würden sich viel von den
deutschen OEMs abschauen. Heute scheint sich die Sache umgekehrt zu haben.
Inwiefern lernen Sie vor allem mit Blick auf Prozessgeschwindigkeit von ihren
chinesischen Partnern?
Die chinesischen
Konsumenten sind sehr jung, sehr technologieaffin und sehr darauf ausgerichtet,
immer Produkte auf dem neusten Stand der Technik zu bekommen. Das prägt den
gesamten Markt. Die Frage für uns lautet also: Wie können wir als OEM die
besten Technologien so schnell wie möglich verfügbar machen? Der Schlüssel
liegt darin, mit starken und zuverlässigen Partnern lokal Technologien zu
entwickeln, die den höchsten Qualitätsstandards entsprechen. Und genau das
machen wir mit Partnern, die technologisch extrem leistungsfähig sind und die
wir in unsere Systeme integrieren. Damit hat sich auch das Zusammenspiel
verändert. Die Frage ist heute nicht mehr, ob wir technologisch auf demselben
Level sind, sondern wie wir voneinander lernen. Und das tun wir, vor allem in
Bezug auf Methoden, Tempo und Pragmatismus. Ich sehe großes Potenzial in der
Kombination aus hoher Geschwindigkeit und konsequenter Einhaltung aller Qualitäts- und
Sicherheitsstandards. Diese Verbindung zeigt: Man kann beides gleichzeitig
erreichen.
Mobility + AI 2026 – Trust, Tech & Regulations
Die Mobility + AI 2026 – Trust, Tech & Regulations findet am 14.–15. April 2026 in München/Ottobrunn auf dem Innovationscampus Mobilität der TU München und der IABG statt. Die Konferenz bringt internationale Fachleute aus OEMs, Behörden, Prüfdiensten, Versicherern und Tech-Unternehmen zusammen. Im Fokus stehen End-to-End-Validierung und Regulierung softwaredefinierter Fahrzeuge – von szenariobasierten Tests über mehrsäulige Nachweise bis hin zu Homologation und OTA-Updates. Zu den Highlights zählen Panels zu Vertrauen, Technologie und Regulierung, Live-Demos autonomer Fahrzeuge auf einem zertifizierten Testgelände, interaktive Workshops, praxisnahe Sessions sowie exklusive Executive-Meetings. Bestätigte Sprecher sind unter anderem Richard Damm (KBA), Dr. Xavier Valero González (DEKRA), Thomas Quernheim (TÜV Rheinland), Ernst Stoeckl-Pukall und Marco Schuldt (BMWK), Dr. Frederik Zohm (MAN), Dr. Christian Sahr (AZT), Intakhab Khan (AAI) sowie Experten von Audi, BMW, Mercedes-Benz und weiteren OEMs und Tier-1s.
Chinesische
OEMs werden vor allem im Bereich ADAS und autonomes Fahren in den letzten
Jahren immer stärker. Was hat Audi hier zu bieten?
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Audi hat – ganz
im Sinne unseres Markenclaims „Vorsprung durch Technik“ – sehr früh auf
assistierte und automatisiere Fahrfunktionen gesetzt. Es gab in den vergangenen
Jahren sicherlich einige Rückschläge, aber das heißt nicht, dass wir unsere
Hausaufgaben nicht gemacht hätten. Im Gegenteil: Wir sind derzeit mit
Level-3-Piloten in Deutschland unterwegs und arbeiten mit voller
Geschwindigkeit daran, dieses Angebot auch für unsere Kunden verfügbar zu
machen. Die Motivation ist extrem hoch. Wenn wir über diese Technologien
sprechen, müssen wir zunächst etwas Grundsätzliches anerkennen: die massive
Transformation durch
künstliche Intelligenz. Die gesamte Entwicklungslogik verändert sich damit. Wir kommen von einem regelbasierten
ADAS-Ansatz nach dem Motto: „Wenn etwas aussieht wie ein Pfosten, dann halte
an“ – und bauen darauf Statistiken und Sicherheitslogiken auf. Heute aber läuft
es völlig anders: Ein KI-System verarbeitet zunächst die Wahrnehmung, erst
danach folgen Planung und Handlung. Die Frage lautet dann: Wie viel KI setze
ich ein, um den Pfosten überhaupt zu erkennen, ohne ihn explizit als Pfosten zu
definieren? Und wie lerne ich daraus, wie ein menschlicher Fahrer reagieren
würde – ausweichen, bremsen, verlangsamen? Und schließlich: Wie steuere ich das
Fahrzeug in diesen Situationen? Diese Entwicklung ist ein großer
Paradigmenwechsel und hat die Leistungsfähigkeit der neuen und der kommenden ADAS-Generationen
massiv erhöht.
Neue Player
können gleich in dieser KI-nativen Welt starten…
Bouquot: „Die gesamte Entwicklungslogik verändert sich mit KI“Bettina Theisinger
Ja, sie beginnen
sofort mit vollintegrierten, KI-basierten End-to-End-Systemen und mit enormer
Rechenleistung. Das unterscheidet sie von Herstellern, die aus früheren
ADAS-Generationen kommen. In China hat man diese Chance genutzt und ist direkt
auf diesen modernen Ansatz aufgesprungen. Das bedeutet nicht, dass dort keine
Herausforderungen existieren, im Gegenteil. Themen wie Sicherheit, Validierung
und funktionale Integrität gelten für alle. Manche chinesischen OEMs waren in
den letzten Jahren sehr mutig und haben ihre ambitionierten KI-Funktionen sehr
früh auf den Markt gebracht. Seit einiger Zeit sieht man, wie sich das System
sozusagen „autoreguliert“: Denn der Verbraucher wird langfristig keine
Technologie akzeptieren, die nicht höchste Sicherheitsstandards erfüllt. Für
Audi heißt das: die beste Sicherheitslogik mit maximaler KI-Performance zu verbinden.
Unsere Aufgabe ist es, die Standards für Level 2, 2+ und 3 – und später Level 4
– mit der vollen Leistungsfähigkeit von KI zusammenzubringen.
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Wie helfen
Ihnen die Themen KI und Data Analytics beim Thema User Experience weiter? Das
ist ja nicht nur in China ein äußerst wichtiges Innovationsfeld.
Das ist
tatsächlich schwer zu erklären – und viel besser zu erleben. Ich lade Sie
herzlich zu einer Testfahrt ein. Sobald Sie eines unserer neuen Fahrzeuge
nutzen, werden Sie direkt erfahren, was wir meinen. Zunächst spielt Sprache
eine sehr große Rolle bei der Bedienung. Gleichzeitig bieten wir physische
Bedienelemente. Der berühmte „Audi-Klick“ ist etwas, das ich als Kunde und
jetzt als Entwickler sehr schätze. Wir wollen diese multisensorische Erfahrung
bewahren, ohne dass sie zur Belastung wird. Informationen sollen nur dann
sichtbar sein, wenn Sie sie brauchen. Die gesamte HMI wird kontextbewusst.
Dieses Grundprinzip ist übrigens nicht nur eine Herausforderung für die
Automobilindustrie. In der Luftfahrt, in der Robotik – überall geht es genau um
diese Frage: Wie schafft man eine nahtlose, natürliche Interaktion zwischen
Mensch und hochkomplexer Maschine? Das gelingt nur, wenn das System intelligent
genug ist. Diese Art von kognitiver Interaktion ist total anspruchsvoll – und
lässt sich nicht von einem Tag auf den anderen lösen.
Und hier kommt
KI ins Spiel?
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Korrekt, denn die
früheren regelbasierten Systeme konnten diese Form des Dialogs schlicht nicht
leisten. Mit KI haben wir jetzt erstmals eine Chance, diese komplexe
Interaktion technisch abzubilden. Das ist eine zentrale Voraussetzung für
echte, empathische User Experience. Der zweite Punkt betrifft das Vertrauen –
insbesondere bei Level-2-Plus- und Level-3-Funktionen. Am Ende stellt sich die
Frage: Vertraue ich dem, was die Maschine tut? Dazu gehört auch der Umgang mit
Phänomenen wie statistischen Unsicherheiten oder Halluzinationen. Ein System muss
erklärbar, konsistent und sicher sein. Erst
dann entsteht echtes Vertrauen – und ohne Vertrauen wird niemand mit dem System
interagieren wollen. Das Knowhow eines OEM besteht dabei nicht nur darin, Codes
zu entwickeln. Gerade im Zeitalter KI-generierten Codes sind Größe und Umfang
der Entwicklerteams gar nicht mehr die entscheidenden KPIs. Viel wichtiger ist:
Wie sichern wir Qualität, Geschwindigkeit und Zuverlässigkeit über den gesamten
Entwicklungsprozess hinweg? Verstehen wir an jedem Punkt, ob das System
statistisch das tut, was es soll? Das ist der Paradigmenwechsel, in dem wir uns
bewegen.
In welchem
Umfang wird der Nutzer mit natürlicher Sprache das Auto bedienen können und wie
viel Hardcoding wird am Ende noch vonnöten sein?
Der Schlüssel
liegt in dem, was wir heute als Multi-Agenten-System bezeichnen. Es entstehen
derzeit völlig neue Architekturen, etwa mit dem sogenannten MCP (Anm. d. Red.: Multi
Context Protocol). Dahinter steckt die Idee, dass
verschiedene KI-Agenten über APIs miteinander kommunizieren. So löst man
aktuell global viele Probleme im Bereich natürlicher Interaktion. Die Frage
ist: Wie übertragen wir dieses Prinzip auf das Automobil? Das ist genau der
Prozess, an dem wir gerade arbeiten. Natürlich gibt es Agenten, die Anfragen
interpretieren, andere, die sie ausführen, und wiederum andere, die dafür
sorgen, dass alles im Zusammenspiel mit der Fahrzeugarchitektur funktioniert. Die
eigentliche Herausforderung besteht darin, die Gesamtarchitektur so zu
gestalten, dass all diese Komponenten miteinander arbeiten können, inklusive
aller Aktuatoren und Rechenressourcen. Genau deshalb ist die Architektur des
Software-Defined Vehicle so entscheidend: Sie erlaubt uns erstmals, auf alle
Bereiche des Fahrzeugs zuzugreifen, um echte, kontextuelle Interaktion zu
ermöglichen. Aber dann stellen sich zwei weitere Fragen. Erstens: Welche
Erfahrung wollen wir eigentlich schaffen? Man könnte sagen: Der Kunde kann
alles fragen, und die Maschine antwortet. Das wäre eine Philosophie. Oder wir
gestalten bewusst eine Audi-spezifische Experience. Eine Erfahrung, die mit der
DNA unserer Marke verknüpft ist – nicht beliebig, sondern unverwechselbar. Das
ist ein entscheidender Differenzierungsfaktor im Premiumsegment. Zweitens:
Warum muss der Nutzer überhaupt gewisse Dinge sagen? Nehmen wir ein Beispiel:
Warum sollte der Nutzer den Befehl geben müssen, die Heckklappe zu öffnen?
Vielleicht sollte das Fahrzeug irgendwann selbst wissen, wann es das tun muss.
Die eigentliche Herausforderung besteht darin, die Gesamtarchitektur so zu gestalten, dass all diese Komponenten miteinander arbeiten können, inklusive aller Aktuatoren und Rechenressourcen.
Geoffrey Bouquot, Audi
Wie meinen Sie
das?
Kontextbewusstsein
ist hier das Stichwort. Genau wie beim autonomen Fahren geht es um Vertrauen:
Der Nutzer will verstehen, warum ein System handelt. Und wenn dieses Vertrauen
entsteht, wird die Interaktion natürlicher, fließender – und teilweise sogar überflüssig.
Meine Wette ist: In einigen Jahren wird dieses Vertrauen selbstverständlich
sein. Dann erwarten wir von einer intelligenten Maschine, dass sie Dinge
automatisch tut, ohne dass wir sie explizit darum bitten. In der Übergangsphase
müssen wir Vertrauen erst aufbauen. Und wir Menschen tun uns schwer, diese
exponentielle Entwicklung wirklich zu begreifen. Wir kommen aus einer Welt, in
der Maschinen „dumm“ waren und man sie streng kontrollieren musste. Die neue
Generation hingegen wächst mit intelligenten Systemen auf – für sie ist vieles
selbstverständlich, was wir erst lernen müssen. Unsere Aufgabe ist es, diesen
Weg verantwortungsvoll zu gestalten.
Wie erreichen
Sie mit den heutigen Möglichkeiten nutzerspezifische Personalisierung?
Geoffrey Bouquot im Gespräch mit Stefan Bratzel auf dem Mobility Circle 2025 in München.Bettina Theisinger
Personalisierung
ist aus meiner Sicht nicht nur eine technologische, sondern auch eine
marktspezifische Frage. Dabei geht es darum, wie viel die Maschine über den
Kunden weiß und wie viel persönliche Gewohnheiten der Kunde preisgeben will.
Und gleichzeitig ist es eine Frage der Compliance: Die gesetzlichen
Rahmenbedingungen unterscheiden sich stark von Markt zu Markt, und das hat
direkten Einfluss darauf, was wir anbieten können. Technologisch betrachtet
wäre heute nahezu alles möglich. Die Systeme sind extrem leistungsfähig, die
Personalisierung könnte sehr weit gehen. Aber der entscheidende Punkt ist: Wie
weit dürfen wir gehen – und wie weit sollen wir gehen? Das wird von den
regulatorischen Vorgaben bestimmt, und diese unterscheiden sich deutlich
zwischen Europa, China oder den USA.
Blicken wir
mal auf Audi im Konzernverbund: Welche Möglichkeiten bieten sich Ihnen im
Kontext des SDV zur Differenzierung gegenüber den anderen Volkswagen-Marken?
Alles, was nicht differenziert, sollte
skaliert werden. Die
Größe des Volkswagen-Konzerns ist hier ein klarer Vorteil. Die Möglichkeit,
Technologien zu standardisieren, ist enorm wertvoll. Genau das tun wir: Wir
harmonisieren aktiv jene Bereiche, die keine Markendifferenzierung erzeugen –
gemeinsam mit Partnern in China oder – für westliche Anwendungen – mit unserem
Joint-Venture RV Tech. Es geht darum, die Toolchains, die Middleware und all
jene Bausteine zu vereinheitlichen, die das Fundament bilden. Gleichzeitig
können wir uns dadurch auf die wirklich wichtigen Stellschrauben konzentrieren,
also jene Bereiche, in denen sich die Marken unterscheiden und wo wir uns
profilieren können. Für Audi bedeutet das: Wir können unsere spezifische DNA
schärfen, ohne Dinge doppelt zu entwickeln, die nicht zur Differenzierung
beitragen. Wir wissen, wie wichtig diese Balance ist. Jetzt geht es darum, es
auch konsequent umzusetzen – mit starken Partnern auf beiden Seiten der Welt.
Sie haben die
Zusammenarbeit mit Rivian erwähnt. Das Joint Venture ist jetzt mehr als ein
Jahr alt, die ersten Ergebnisse sind da. Wie sehen die konkreten nächsten
Schritte aus?
RV Tech – Rivian
and Volkswagen Group Technologies – ist ein wichtiger Baustein für uns. Aber es
ist keine Audi-spezifische Entwicklung, sondern eine markenübergreifende
Plattform, die wir im gesamten Volkswagen-Konzern nutzen wollen. Ziel ist es,
eine gemeinsame SDV-Plattform für die westlichen Märkte zu entwickeln. Die
ersten Lab-Cars sind bereits im Betrieb und wir beginnen jetzt mit den ersten
dynamischen Wintertests. Die Entwicklung läuft also nach Plan. Für Audi gilt
das Gleiche: Wir sind mitten in der Entwicklung der ersten Fahrzeuge, die auf
dieser Grundlage entstehen. Zuviel möchte ich da noch nicht verraten. Was ich
zum aktuellen Zeitpunkt sagen kann: Die Arbeit läuft, wir sind stark auf Umsetzung
fokussiert und folgen einem sehr ambitionierten Entwicklungszyklus. Das Ziel ist, schnell neue
Möglichkeiten und Funktionen auf Grundlage dieser SDV-Plattform anbieten zu
können.
Welchen
praktischen Rat würden Sie der Branche geben, die ein Ökosystem kreieren will,
in dem OEMs weiterhin genügend Entfaltungsspielraum haben, sich aber
gleichzeitig nicht genötigt sehen, beispielsweise beim SDV oder KI alles selber
machen zu müssen?
Das ist eine sehr
schwierige Frage – und zugleich eine enorm wichtige. Aus einer KI-Perspektive
würde ich sagen: Der Schlüssel liegt in der Methodologie, die von allen
verstanden und mitgetragen wird. Wir müssen Standards definieren. Und die
deutsche Industrie war traditionell immer sehr stark darin, genau solche
Standards zu setzen. Wir benötigen gewissermaßen ein V-Modell für KI-Entwicklung im
Automobil – also klare Leitlinien dafür, wie man Systeme in diesem neuen Umfeld
entwickelt, testet und absichert. Das ist etwas, das die gesamte Branche
betrifft. Parallel dazu haben die Regulierungen längst begonnen. In Europa
existieren bereits der AI Act und der Data Act. Es gibt also schon einen
rechtlichen Rahmen. Die Frage lautet nun: Wie positionieren wir uns als Branche
und wie lösen wir gemeinsam die praktischen Herausforderungen? Ich denke, ein
paar Standards und ein Vorgehensmodell würden allen helfen.