KI verändert IT-Berufe und verschärft den Kompetenzdruck
Bitkom zufolge hat sich der IT-Fachkräftemangel in Deutschland deutlich abgeschwächt. Dennoch bleiben 79.000 Stellen unbesetzt. Gleichzeitig verändert der zunehmende KI-Einsatz Aufgabenprofile und Qualifikationsanforderungen in IT-Teams.
Bei Automobilherstellern wie Audi gehören digitale Technologien längst zum Arbeitsalltag. Gleichzeitig bleiben qualifizierte IT-Fachkräfte gefragt, während KI und neue Technologien die Anforderungen an Beschäftigte zunehmend verändern
Audi
In Deutschland fehlen derzeit laut einer aktuellen Erhebung des Digitalverbands Bitkom rund 79.000 IT-Fachkräfte. Damit ist die Zahl der unbesetzten Stellen gegenüber 2023 deutlich gesunken. Damals hatte der Bitkom noch 149.000 offene IT-Stellen ermittelt. Im vergangenen Jahr waren es 109.000. Trotz dieser positiven Entwicklung bleibt die Personalsituation für viele Unternehmen angespannt. Grundlage der aktuellen Ergebnisse sind zwei repräsentative Befragungen von 853 beziehungsweise 602 Unternehmen mit mindestens drei Beschäftigten in Deutschland. Nach Angaben des Verbands sehen 78 Prozent der im Rahmen der Erhebung befragten Unternehmen derzeit einen Mangel an IT-Fachkräften. Nur 14 Prozent halten das verfügbare Angebot für ausreichend. Für die kommenden Jahre erwarten 76 Prozent eine erneute Verschärfung der Situation. Lediglich acht Prozent rechnen mit einer Entspannung.
Besetzung offener Stellen bleibt schwierig
Der Rückgang der offenen Positionen bedeutet damit bislang keine grundlegende Entspannung bei der Personalgewinnung. 97 Prozent der Unternehmen mit IT-Stellen berichten von Schwierigkeiten bei deren Besetzung. Besonders häufig passen nach Einschätzung der Firmen die Gehaltsvorstellungen nicht zu Qualifikation oder bestehendem Gehaltsgefüge. Hinzu kommen Defizite bei Sprachkenntnissen sowie fachlichen Kompetenzen. Knapp ein Drittel der Unternehmen erhält nach eigenen Angaben praktisch keine Bewerbungen auf offene IT-Positionen.
Auch technologische Anforderungen spielen eine Rolle. 33 Prozent der Unternehmen geben an, dass Kandidatinnen und Kandidaten die Erwartungen an Kenntnisse aktueller Technologien nicht erfüllen. Nach Auffassung von Bitkom-Präsident Ralf Wintergerst veränderten sich die gefragten Kompetenzen in der IT besonders schnell. Unternehmen müssten deshalb Weiterbildung ermöglichen und Beschäftigte ihr Wissen kontinuierlich aktualisieren.
Besonders gesucht werden derzeit Fachkräfte für IT-Administration und Systembetrieb. 26 Prozent der Unternehmen mit offenen Stellen nennen diesen Bereich. Dahinter folgen Softwareentwicklung und Softwarearchitektur mit 17 Prozent sowie Cloud und Infrastruktur mit 14 Prozent. Auf KI entfallen zwölf Prozent der Nennungen.
KI hält zunehmend Einzug in IT-Abteilungen
Parallel verändert der Einsatz künstlicher Intelligenz die Arbeit in IT-Teams. 42 Prozent der Unternehmen mit entsprechenden Stellen nutzen KI bereits in ihrer IT-Abteilung oder bei der Arbeit ihrer IT-Fachkräfte. Weitere 36 Prozent planen den Einsatz. In den meisten Fällen wird die Technologie bislang nur punktuell oder in einzelnen Bereichen verwendet. Ein flächendeckender Einsatz wurde in der Befragung nicht festgestellt.
Zu den wichtigsten Anwendungsfeldern zählt das Wissensmanagement einschließlich der internen Informationssuche. 21 Prozent der befragten Unternehmen setzen dort bereits KI ein. Weitere 37 Prozent der Unternehmen ohne bisherigen KI-Einsatz prüfen entsprechende Anwendungen. Auch bei der Automatisierung von Datenanalysen, bei Softwaretests und in der IT-Sicherheit besteht Interesse.
Der Einsatz von KI führt nach den bisherigen Ergebnissen nur selten direkt zum Abbau von IT-Stellen. Unter den Unternehmen, die KI bereits in der IT nutzen, haben zehn Prozent vereinzelt Stellen gestrichen. Einen stärkeren Stellenabbau meldete keines der befragten Unternehmen. Für die Zukunft erwarten 32 Prozent einen Abbau von IT-Positionen infolge von KI. Eine Mehrheit von 65 Prozent rechnet dagegen nicht damit.
Kompetenzprofile verschieben sich
Deutlicher als bei der Zahl der Stellen dürfte sich KI zunächst auf Tätigkeiten und Qualifikationsanforderungen auswirken. 74 Prozent der Unternehmen gehen davon aus, dass die strategische Steuerung und Kontrolle von KI für IT-Fachkräfte wichtiger wird. 63 Prozent erwarten, dass Kenntnisse im Umgang mit KI-Werkzeugen künftig in allen IT-Berufen benötigt werden. 61 Prozent rechnen mit einem steigenden Weiterbildungsdruck.
Gleichzeitig könnten sich bestehende Aufgabenprofile verändern. 61 Prozent erwarten, dass Routineaufgaben zunehmend wegfallen. Bei klassischen Einstiegsaufgaben gehen 55 Prozent davon aus. 38 Prozent rechnen damit, dass einzelne IT-Berufe oder Berufsbilder weitgehend durch KI ersetzt werden könnten. Dem stehen Erwartungen an Produktivitäts- und Qualitätsgewinne gegenüber.
Die Nachfrage nach spezialisierten KI-Kenntnissen entwickelt sich dabei noch uneinheitlich. 49 Prozent der Unternehmen mit IT-Stellen erwarten durch den KI-Einsatz einen zusätzlichen Bedarf an Fachkräften mit entsprechendem Wissen. 48 Prozent gehen derzeit nicht von einer verstärkten Nachfrage aus.
Unternehmen setzen auf Weiterbildung und Nachwuchs
Um ihren Personalbedarf zu decken, kombinieren Unternehmen verschiedene Maßnahmen. Jeweils 34 Prozent nutzen Weiterbildungsprogramme oder arbeiten mit der Bundesagentur für Arbeit zusammen. 31 Prozent kooperieren mit Hochschulen. 28 Prozent investieren in die Nachwuchsförderung im IT-Bereich. Rund jedes fünfte Unternehmen setzt verstärkt KI ein, um fehlende personelle Kapazitäten auszugleichen.
Auch von der Politik erwarten die Unternehmen Unterstützung. Besonders häufig genannt werden flexiblere Regelungen bei der Arbeitszeit und eine stärkere Förderung der Fachkräfteeinwanderung. Im Bildungsbereich sprechen sich viele Befragte für eine stärkere Rolle der Hochschulen in der beruflichen Weiterbildung, ein bundesweites Pflichtfach Informatik sowie eine intensivere Berufsorientierung an Schulen aus.